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Ein Fanfarenstoß erklang und lenkte die Aufmerksamkeit auf die Senke. Beide Frauen nahmen ihre Fernrohre zur Hand.

Ameisengleich rannten die unterschiedlichsten Kreaturen umher, schleppten Steine zu den Stellen, wo sich die Wimpel erhoben, und schufen Brocken für Brocken kleine Schutzwälle. Dabei beeilten sie sich so sehr, als müssten sie ihr Werk mit Untergang der Sonne beendet haben.

An anderer Stelle tauchten große, feiste Wesen auf, die mit ihren langen Klauen und breiten Pranken Löcher in den Boden gruben. Sobald eine gewisse Tiefe erreicht war, hetzten andere mit Bottichen voll flüssigem Metall herbei und füllten die Vertiefungen damit aus, um gleich darauf überlange Eisenstangen in einem bestimmten Winkel hineinzustellen.

»Das sieht verdächtig nach Verankerungen aus. Belagerungsmaschinen?« Kiras schwenkte das Fernrohr umher.

»Eher Katapulte. Vermutlich wie dasjenige, welches in der Schlucht stand und von mir vernichtet wurde.« Goda rief einen der Ubariu zu sich und fragte ihn nach seiner Meinung; er bestätigte ihre Einschätzung.

Noch während sie redeten, rannten weitere Bestien hervor. Zu mehreren Dutzend schleppten sie gewaltige, zurechtgehauene Holzbalken an. Eines der feisten Scheusale übernahm es, das Zusammensetzen in geordnete Bahnen zu lenken; Stück für Stück erwuchs aus dem Holzwirrwarr eine Art Belagerungsturm.

»Du hattest recht«, sagte die Maga zu Kiras. »Da drüben montieren sie eine fahrbare Halterung für einen Rammbock.« Sie ließ ihre beiden Kinder zu sich rufen, Sanda und Bandaäl, die eine magische Ausbildung bei ihr durchliefen. »Wir können nicht länger warten. Der magische Schild muss auf Abstand gebracht werden, ehe die Maschinen an die Mauern gelangen.« Kiras starrte nach unten. »Was tun sie denn jetzt?« Goda sah in die angegebene Richtung.

Die Scheusale hatten die ersten vier Belagerungstürme zur Hälfte errichtet, als sie dazu übergingen, neue Steinquader heranzuschleppen und sie auf die Plattform der Konstruktionen zu legen; andere brachten lange Seilrollen, deren eines Ende bis in die Schwarze Schlucht reichte.

»Gegengewichte«, meinte die Untergründige. »Wofür, weiß ich noch nicht, aber es sieht aus wie Gegengewichte.«

»Sie werden ein noch größeres Katapult in der Schlucht aufbauen«, mutmaßte der Ubari und kniff die rosafarbenen Augen zusammen. »Da unten kommt eine der Bestien und hält eine weiße Fahne in der Hand. Er geht auf unser Tor zu.«

Für Goda sah es nach einem Unterhändler aus. Ohne die Barriere und den feindlichen Magus hätte sie das hässliche Wesen mit Pfeilen in den Boden nageln und unter einem Felsbrocken von der Größe eines Hauses begraben lassen, damit die Tionsbrut wusste, was die Zwerge mit ihr anstellen würden. Aber das wäre in der jetzigen Lage alles andere als klug.

Verhandlungen, auch wenn Goda niemals vorhatte, die möglichen Resultate umzusetzen, brachten Zeit. Und von der benötigten sie schatzkistenweise, bis Ingrimmsch mit genug Verbündeten gegen den feindlichen Magus zurückkehrte. Dass es kein leichtes Unterfangen war, was sich ihr Gemahl und der einäugige Zwerg, der sich als Tungdil ausgab, vorgenommen hatten, wussten alle. Goda teilte im Gegensatz zur Besatzung von Übeldamm die Zuversicht kaum, Lot-Ionan in die Knie zwingen zu können.

Der Gang der Kreatur wurde langsamer, je weiter sie sich dem Tor näherte, bis sie drei Schritte davor stehen blieb und etwas mit zittriger Stimme rief. Die Wachen gaben weiter, was sie gesagt hatte.

»Das Biest will eine Liste mit Forderungen überreichen?« Goda sah zwischen dem Ubari und Kiras hin und her. »Jetzt bin ich gespannt.«

Sie eilten hinab. Es ging durch Korridore, vorbei an Wehrgängen und Katapulten zum Fahrstuhl. Als die offene Kabine nach kurzer Fahrt hielt und sie das Tor erreichten, kam ihnen ein Soldat entgegen, der eine Pergamentrolle in den Händen hielt. »Es hat sie durch die Barriere ins Guckloch geworfen, Maga«, erklärte er. »Leg sie hin«, befahl Goda. »Vorsichtig.«

Der Wächter sah überrascht aus. »Es ist nur ein Pergament.«

»Tu es!«, schnauzte Kiras. »Wer weiß, welchen Zauber sie darauf gesprochen haben. Es kann eine List sein.«

Der Mann tat, wie ihm befohlen wurde.

Goda näherte sich der Rolle und wob einen Enthüllungszauber darüber, um zu erkennen, ob der gegnerische Magus das Pergament mit einem Spruch versehen hatte, der beim Öffnen von selbst losbrach. Sie entspannte sich, als sich das grüne Flirren nicht verfärbte - ein sicheres Zeichen, dass alles in Ordnung war.

Sie hob es auf, rollte es auseinander und las:

Verteidiger, ich, Träger vieler Namen diesseits und jenseits der Schlucht, verlange von euch die sofortige Aufgabe der Festung. Zieht euch zurück und öffnet zuvor die Tore! Des Weiteren verlange ich die sofortige Unterwerfung des Umlandes unter meine Herrschaft. Ich bin milde gestimmt, wenn dies rasch geschieht. Ansonsten werde ich keine Gnade gegenüber Soldaten und Bürgern gewähren und meinen Streitern befehlen, alles zu vernichten, was sie vorfinden.

Ich, Träger vieler Namen, verfüge über eine Kraft, der euer Magus nicht gewachsen ist. Er soll sich mir freiwillig überstellen. Werde ich jedoch gezwungen sein, ihn erst mit meinen Mächten davonzufegen, werde ich meine Truppen noch mehr im Umland wüten lassen.

Die Antwort auf dieses Schreiben muss innerhalb von sieben Sonnenbahnen erfolgen und nicht eine weniger.

Tut sie das nicht, sehe ich meine Forderungen als abgelehnt und weiß, wie ich vorgehen muss, um meine berechtigten Ansprüche durchzusetzen.

Nichts und niemand wird euch vor meinem Zorn retten, wenn ihr mich herausfordert. Goda reichte das Schreiben an Kiras weiter. »Frech ist zu harmlos für das Geschmiere dieses Größenwahnsinnigen!«

»Anmaßend«, meinte die Untergründige, nachdem sie es überflogen hatte. »Anmaßend und dummstolz. Da hat jemand sehr große Hosen an.« Die Maga ging zum Tor und ließ sich das Guckloch öffnen. Genau vor ihr flimmerte das Rot des Energieschirms, den die Gegenseite geschaffen hatte, um unter ihrem Schutz Vorbereitungen zum Sturm auf die Festung zu treffen. Wer so etwas beschwor, besaß Macht, daran gab es nichts zu rütteln. »Mag sein, dass er die wirklich anhat.« Sie umfasste einen Diamantensplitter und hob zu einem Zauber an, um ihn gegen den Schild zu schleudern.

Ein kleiner Blitzstrahl verließ ihren Mittelfinger, jagte durch die Öffnung und prallte gegen die Barriere.

Es summte tief wie ein friedlicher Bienenstock, und die getroffene Stelle verfärbte sich dunkler. Dann wurde sie heller und heller, das Summen lauter und greller. Das Rot wandelte sich in ein Orange und allmählich zu einem gleißenden Gelb. »Schließt das Loch!«, befahl Goda und ging weg vom Tor.

Zwar sahen sie, Kiras und die Wächter nicht mehr, was auf der anderen Seite vor sich ging, aber sie hörten deutlich, dass es eine krachende Entladung gab.

Das mit Eisenplatten, Bolzen und Riegeln verstärkte Tor erbebte unter dem Einschlag, die Angeln in den Mauern ächzten und warfen Rost als rotbraune Wölkchen ab. Die Kraft war so gewaltig, dass der Eingang einen Spalt geöffnet wurde; einzelne metallene Bügel und Halterungen am Tor zerprangen und flogen den Verteidigern in Splittern um die Ohren. Der Ubari neben Goda ging mit einem Ächzen zu Boden, die Untergründige schrie auf und hielt sich den Kopf. Ein Schrapnell hatte sie am Ohr getroffen und es zur Hälfte eingerissen.

Goda beschloss, während sie sich mit versteinerter Miene um die Verwundeten kümmerte, derartige Experimente nicht noch einmal zu wagen. Nicht auszudenken, wenn ich einen mächtigen Zauber gegen den Schild geworfen hätte!