Wieder war es Slin, der seine Worte mitbekam. Der Vierte besaß ein ausgezeichnetes Gehör. Leider. »Du hast Angst davor, einer von ihnen zu werden? Boindil, es ist nichts weiter als schwarzes Eisen, in das wir steigen.« Er pochte zuerst gegen die Brust, dann den Kopf. »Herz und Verstand, die gehören immer noch uns. Sieh es als eine harmlos Verkleidung.« Er warf dem Reiter ein Seil zu, das andere Ende hatte er an seinem Schlitten festgeknotet. »Wenn du möchtest, pass ich auf dich auf, armer kleiner Zwerg.« Ingrimmsch lachte. »Du hast recht: Verspotte mich nur wegen meiner kindischen Gedanken.« Er machte sein Gefährt ebenfalls bereit.
Gleich darauf wurden sie von den Ponys in schneller Fahrt über den Schnee gezogen. Den Nachteil dieser Reisemethode erfuhren sie sehr rasch: Die Hufe schleuderten den Schnee hoch und wirbelten Wolken auf, durch welche die Schlitten sausten. Schon bald ähnelten sie bärtigen, griesgrämigen kleinen Schneemännern. Ingrimmsch sah den mehr als zwanzig Schritt hohen Bergfried der Festung durch den flirrenden Schnee vor sich; und ebenso gut sah er die Schmähungen daran, die jedes rechtschaffene Zwergenherz vor Empörung schneller schlagen ließen. Nichts anderes als in Runen gefasster Hass auf Vraccas stand dort zu lesen. Die Schriftzeichen schworen allen Stämmen die Vernichtung bis in die Kinderwiege hinein, und auf den Wänden aus dicken, grob behauenen Steinquadern gingen die Schmähungen und Beleidigungen weiter: Vraccas der Krüppel, Vraccas der machtlose Gott, Vraccas der Gemächtlose...
Ingrimmsch war mit seinen Erkenntnissen nicht alleine.
»Ich werde keinen Fuß hineinsetzen«, rief Slin ihm zu, und Balyndar nickte unterstützend. »Das da ist nicht rechtens. Vraccas wäre zornig auf uns, wenn wir die Gastfreundschaft von Hargorin Todbringer annehmen würden. Und ich werde den Verdacht nicht los, dass wir den Großmut unseres Schöpfers in den kommenden Umläufen dringend benötigen.«
Ingrimmsch stimmte zu. »Wir werden uns in einem der Häuser um die Festung eine Unterkunft suchen.«
Der Tross ritt durch die Siedlung, genau auf das Tor von Vraccastrotz zu. Weil die Schwadron trotz der Rufe der drei Zwerge nicht stehen blieb, zerschnitten sie kurzerhand die Taue und stiegen ab. Erst jetzt wandten sich Hargorin und Barskalin um; Tungdil befahl das Anhalten.
»Was soll das, Ingrimmsch?« Der Einäugige sah ihn erstaunt an. »Wieso möchtest du nicht hinter die sicheren Mauern?«
»Dir mag es nichts ausmachen, Gelehrter.« Er zeigte auf die Inschriften. »Aber mir! Ich bete Vraccas an, und daher kann ich diese Festung nicht betreten, die seinen Namen verunglimpft und seine Worte in den Schmutz zieht.« Er stand von seinem Schlitten auf und wischte die Schneeschicht von seinem Mantel und dem Gesicht. »Wir schlafen bei einem der Dorfbewohner.«
»Du weißt, dass der Kordrion auftauchen kann und dich durch den Geruch der Brut als den vermeintlichen Mörder erkennt?«, mahnte Tungdil. »In einer zierlichen Hütte wirst du nicht einmal vor deinem Tod wach, wenn er sie mit weißem Feuer überschüttet.« Boindil deutete auf die Unsichtbaren. »Die Zhadär sind auch in dem Blut und den Innereien der Brut umhergelaufen.«
Barskalin schaute beinahe verlegen drein, als er sagte: »Unsere Rüstungen sind aus Tionium.« »Verdammter Orkdreck! Das passiert wieder nur mir!« Er hob die Augenbrauen. »Es ist mir einerlei. Vraccas wird mich beschützen, weil ich da«, er deutete auf das Tor, »nicht hineingehen werde. Unter keinen Umständen.« Slin und Balyndar stellten sich rechts und links neben ihn.
Boindil wurde bewusst, dass sich zwei Fronten gebildet hatten. Auf der einen Seite die Schwarze Schwadron und die Zhadär mit Barskalin und Hargorin Todbringer samt Großkönig Tungdil, auf der anderen Seite er und zwei Zwerge, die er nicht besonders gut kannte und von denen er wenigstens einen mäßig leiden mochte.
Und wieder schien es ihm, als passte Tungdil auf die Seite der finsteren Zwerge und nicht auf seine.
Hargorin wies seine Schwadron an, mit Tungdils Erlaubnis in die Festung zu reiten, und die Zhadär folgten ihnen hinein. Todbringer selbst ging langsam auf das Trio der Verweigerer zu. »Ich verstehe dich zu gut, Boindil. Aber vertraue mir, wenn ich dir sage, dass der Schein meines Zuhauses trügt.« Er zog einen Anhänger unter dem Kettenhemd hervor: ein Hammer aus Vraccasium mit dem Zeichen des Schmieds darauf. »Ich bin sein«, flüsterte er. »Die ganze Schwadron ist sein. Doch wir mussten uns verstellen wie die Zhadär, um vor dem Misstrauen der Albae sicher zu sein. Das brachte uns den Vorteil, überall frei in dem Land unterwegs zu sein, in dem die Schwarzaugen herrschten. Wir wissen vieles über Idoslän und den Widerstand, den es gegen die Besatzer gibt. Auch wenn die Menschen uns für schreckliche Kreaturen halten, sind wir doch auf ihrer Seite. Eines Umlaufs werden wir das Wissen benötigen, um die Herrschaft des Bösen zu brechen.« Hargorin lächelte. »Glaube es mir ruhig, Boindil. Für jeden Stein, auf dem ich Vraccas verhöhnte, habe ich den Schöpfer um Verzeihung gebeten, und ich weiß, dass ich mit Nachsicht zu rechnen habe, wenn ich in die Ewige Schmiede einfahre. Die Täuschung musste sein. Es waren keine Zeiten des offenen Kampfes.« Er sah über die Schulter zu Tungdil. »Aber mit seinem Erscheinen hat er begonnen.«
Ingrimmsch sah zu Balyndar, dann zu Slin. Sie scheinen sich nicht überreden lassen zu wollen. »Ich bleibe im Freien«, wiederholte er, wenn auch nicht mehr ganz so angriffslustig. »Eine Schmähung bleibt eine Schmähung. Kannst du uns eine Unterkunft empfehlen?«
»Vielleicht eine nicht ganz so teure. Unsere Kriegskasse ist eher dürftig zu nennen«, fügte Slin an. »Sagt, dass ich euch schicke, und es wird euch nichts berechnet werden.« Hargorin gab es auf. »Für die Besprechung unserer weiteren Reise treffen wir uns in dem Haus, in dem ihr schlafen werdet. Lasst mich wissen, welche Wahl ihr getroffen habt.« Er wandte sich ab und wechselte einige Sätze mit Tungdil und Barskalin. Der Einäugige hob die Hand zum Gruß. »Wir sind da, wenn der Kordrion nach deinem Leben trachtet«, rief er. »Schlaft gut.« Dann verschwand er mit den beiden in der Festung; dumpf rumpelnd schloss sich das Tor und raubte den dreien die Sicht auf den Großkönig.
»Drei gegen drei«, merkte Slin an. »Was?« Balyndar blinzelte.
Der Vierte zeigte auf den Spalt, durch den sie einen letzten Blick auf die Tioniumrüstung werfen konnten. »Wir drei gegen die drei. Ich nehme Hargorin. Er ist ein gutes Ziel für meine Armbrust. Ingrimmsch wird wohl gegen Tungdil in den Kampf ziehen, und Balyndar schnappt sich diesen Barskalin.«
»Ich würde Tungdil als Gegner wählen«, sagte der Fünfte.
»Was redet ihr denn wieder für einen Schwachsinn, dass sich mir die Barthaare spalten?«, wetterte Ingrimmsch los. »Niemand von uns wird gegen einen anderen von uns kämpfen müssen!«
»Es war nur ein Gedanke, der mir durch den Kopf schoss. Verzeih mir das Geschwätz.« Slin sah auf seine Stiefelspitzen, und es war ihm wirklich peinlich. »Es wird nicht mehr vorkommen, Boindil.«
Ingrimmsch hatte an Balyndars Tonfall zu erkennen geglaubt, dass er sich durchaus solcherlei Gedanken gemacht hatte. Ernsthafte Gedanken. »Suchen wir uns eine Herberge. Irgendwelche Vorlieben?«
Slin drehte sich auf der Stelle und betrachtete die kleinen Fachwerk- und Steinhäuser rund um die mächtigen Mauern von Vraccastrotz. »Sie sehen alle gleich aus. Ich kann mich nicht entscheiden.«
»Dann nehmen wir das, welches am weitesten von den Beleidigungen unseres Gottes entfernt ist.« Balyndar ging los und zerrte seinen Schlitten hinter sich her, geradewegs auf dem Weg zurück, den sie gekommen waren.
Sie erreichten ein Bauernhaus mit einer großen Scheune und klopften an die Tür. Es dauerte nicht lange, bis ihnen geöffnet wurde. Eine junge Frau stand auf der Schwelle und betrachtete sie von Kopf bis Fuß. »Ihr seid keine von Todbringers Leuten?« wunderte sie sich. Sie beugte sich nach vorn und warf einen Blick zur Festung. »Rasch, kommt herein, ehe man euch sieht! Sie werden euch erschlagen, wenn sie euch bemerken!«