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Ingrimmsch fand es rührend, wie sie sich um das Wohlergehen von ihr völlig unbekannten Zwergen kümmerte. »Gutes Weib, keine Sorge wegen uns...« Balyndar drückte sich an ihm vorbei ins Haus. »Vraccas segne euch! Danke für Eure Warnung.« Er zwinkerte Ingrimmsch versteckt zu. Offenbar hatte er vor, so zu tun, als sei er fremd und habe nichts mit dem Dritten zu schaffen. Geschwind nannte er ihre Namen. »Wir hielten es für eine Zwergenfestung, die den Albae trotzt, aber als wir die Runen erblickten, wussten wir, dass wir uns getäuscht hatten. Aber wir sind zu müde, um reisen zu können.«

Slin hatte verstanden und tat so, als fürchte er sich. »Verfluchte Zwergenhasser.« Ingrimmsch verharrte noch immer vor dem Eingang; ihm war nicht wohl dabei, die Menschen im falschen Glauben zu lassen. Andererseits erfuhren sie auf diese Weise Dinge über Todbringer, die er ihnen als seine Gäste gewiss nicht offenbaren würde. »Nochmals meinen Dank«, sagte er und trat ein. »Vraccas soll das Herdfeuer für deine Großmut und deine Tapferkeit niemals erlöschen lassen.«

Ingrimmsch, Slin und Balyndar wurden von der Frau in die große Küche geführt, wo der Rest der Familie saß. Ingrimmsch zählte elf Köpfe, vom Greis bis zum Säugling, die sich um den Topf mit dem Essen versammelt hatten; es roch nach gekochtem Getreide und deftigem Speck.

»Grolf und Lirf! Rasch, hinaus und zerrt die Schlitten in die Scheune, danach fegt ihr über die Spuren«, ordnete sie an. Zwei junge Kerle sprangen auf. »Wir haben Gäste«, stellte sie die Zwerge vor. »Wahre Kinder des Schmieds und keine Dritten.« »Bei Palandiell, da habt ihr euch den beschissensten Ort in ganz Gauragar für eine Rast ausgesucht«, rief der alte Mann, in dessen Mund nur noch zwei Zähne standen, dann lachte er scheppernd wie eine Büchse.

»Sie werden die Nacht hier verbringen. Bis dahin können wirüberlegen, wie wir sie morgen bei Anbruch des Umlaufs ungesehen von hier wegbringen. Der Herr wird sie nicht am Leben lassen, wenn er sie findet.« Die junge Frau legte eine Hand an die Stirn. »Ihr Götter! Ich habe vergessen, mich vorzustellen. Ich bin Rüde, die Großbäuerin.« Danach ging sie jeden Einzelnen am Tisch durch. »Boindil Zweiklinge?« Eine ältere Frau, die Rüde als Mila vorgestellt hatte, sah ihn an. »Der Boindil, der etliche Schlachten für das Geborgene Land geschlagen hat?« Ingrimmsch hatte das Gefühl, vor Stolz mehrere Handbreit zu wachsen. »Dann ist er gekommen, um Hargorin zu töten«, jubelte das Mädchen namens Xara. »Sei still!«, fuhr sie Lombrecht an, der zahnlose Greis und Altbauer des Hofes. »Hargorin ist ein guter Herr. Wer weiß, was nach ihm kommt.«

Ingrimmsch sah, dass Lombrecht einen Anhänger mit Sitalias Zeichen um den Hals trug. »Ein Mensch, der die Elbengöttin verehrt«, sagte er zu ihm, während eine Bank vom Ofen an den Tisch gerückt wurde und sie Platz nahmen. »Das ist selten.« »Und sehr mutig.« Slin nickte auf das Fenster, um zu zeigen, dass die Dritten die Elben noch weniger mochten als die anderen Stämme.

»Jemand muss ihr Andenken wahren«, antwortete der Altbauer, während Rüde ihnen hölzerne Schüsseln füllte. »Sie waren ein Teil des Geborgenen Landes und dürfen nicht in Vergessenheit geraten.«

Die drei Zwerge sahen sich erstaunt an.

»Meines Wissens sind die Elben doch an einen geheimen Ort geflüchtet«, meinte Ingrimmsch und aß den ersten Löffel. Es schmeckte nicht schlecht, wenn auch kein Vergleich zu Godas Gugulhack. »Sie sitzen irgendwo in einem Hain und warten darauf, dass wir Kinder des Schmieds mal wieder die Diamanten aus der Esse holen, ehe sie verbrennen. Oder?«

Rüde setzte sich neben sie, Xara brachte drei Becher und einen Krug mit hellem Bier. »Schön, wenn es so wäre«, seufzte sie. »Aber die Legenden meines Volkes berichten etwas anderes.«

»Ich glaube, ich muss öfter unter die Langen«, raunte Slin Balyndar zu, während er voller Hunger sein Essen in sich hineinstopfte. »Hier erfährt man die wahren Neuigkeiten.« Ingrimmsch sah Rüde an. »Lass hören, was ihr wisst. Wo sind die letzten Elben abgeblieben?«

»Dann erzähle ich euch die Geschichte, wie die Albae wieder zurück ins Geborgene Land kamen und wie sie die letzten Elben vernichteten.« Lombrecht räusperte sich. »Es war vor etwa zweihundert Zyklen, als sich ein elbisches Liebespaar an einem Teich traf, dem Mondteich, der dort lag, wo es einst das Elbenreich Lesinteil war. Sie hörten auf die Namen Fanaril und Alysante...«

Die Kinder hörten mit großen Augen zu; und auch die Zwerge lauschten auf die Worte des Alten, die sie alsbald so sehr in den Bann gezogen hatten, dass sie vergaßen, wo sie sich befanden, und die Geschichte vor ihrem inneren Auge geschehen sahen. »Mein Leben wird dein Leben sein. Von nun an und ohne Ende«, wisperte die Elbin und neigte den Kopf nach unten, um ihren Liebsten zu küssen. Wasser rann aus ihren nassen, hellen Haaren und troff auf seine entblößte Brust, lief den Bauch entlang und rollte ins weiche Gras.

Fanaril lachte und erwiderte ihre Zärtlichkeit. »Man könnte meinen, du seiest eine Nixe und keine Elbin«, neckte er sie und richtete sich auf.

Alysante hockte nackt vor ihm, das letzte Sonnenlicht fiel gedämpft durch die Blätter der Bäume und zauberte einen Glanz in ihr Gesicht, der ihre Schönheit noch steigerte. Der Elb nahm ihre Hand und küsste sie behutsam, zuerst außen, dann die Innenfläche. »Mein Leben für dein Leben«, sprach er ernst. »Ohne dich werde ich nicht mehr sein.« Alysante umarmte ihn zärtlich. Sie spürten die Wärme ihrer jungen Körper, und Leidenschaft erwachte; am Ufer des verträumten Teichs liebten sie sich. Danach liefen sie Hand in Hand zu dem eiskalten Gewässer, um sich zu erfrischen. Kopfüber und übermütig warfen sie sich hinein.

Ihr ausgelassenes Planschen ließ Wellen entstehen, die blauen und weißen Seerosen schaukelten auf der aufgebrachten Wasseroberfläche; der Teich schwappte das flache Ufer hinauf bis zum grünen, satten Gras.

»Sieh, Fanaril, wie sie tanzen!«, lachte sie und schwamm zu ihrem Liebsten, umfing ihn und küsste ihn. »Für uns.«

»Aber sie blühen nur für dich«, antwortete er und streichelte ihr Gesicht, um sich sanft von ihr zu lösen. »Ich hole dir einen Strauß.« Fanaril schwamm los.

»Nein!«, versuchte Alysante ihn zurückzuhalten. »Dort ist ein Sog! Gib acht, sonst zieht es dich hinab.«

Die Elbin ließ sich auf der Stelle treiben, um ihren Gefährten nicht aus den Augen zu lassen, aber die Sonne schien ungünstig auf die Wellen; das rote Glitzern blendete sie, und sie musste wegschauen. Sie hörte das leise Klatschen, wenn seine Arme in das Wasser eintauchten, das Platschen, das seine Füße verursachten...

Plötzlich waren die regelmäßig erklingenden Laute verstummt.

»Fanaril!?«, rief sie voller Sorge, und ihre Stimme hallte über den Teich, ohne eine Antwort zu erhalten.

Schnell schwamm Alysante zurück an Land und erklomm einen Steinbrocken, um einen besseren Überblick zu erhalten.

Drei Seerosen fehlten, doch den Elb sah sie nicht.

Die Sorge um Fanaril wuchs.

Das klare Wasser des Mondteichs, den die übrigen Elben ihrer kleinen Siedlung mieden, war unvermittelt düster wie Tinte. Die Schönheit des Ortes verging mit der sinkenden Sonne, die Schatten verliehen der traumhaften Umgebung schwermütige Düsternis. Aus den Fluten, in denen sie eben noch sorglos gebadet hatten, könnte sich ebenso ein Ungeheuer erheben. Alysante war von ihrem Vater stets gewarnt worden, dass der Teich nach Einbruch der Nacht böse wurde. Nun sollten sie den Preis für ihre Unachtsamkeit und Einfältigkeit zahlen.

Ihre hellen Nackenhärchen stellten sich auf. Die Elbin wagte sich nicht mehr nahe ans Ufer, sondern lief eilig an die Stelle, an der ihre Kleider lagen, und zog sich an. Sie schaute noch einmal über die Oberfläche und wölke sich umdrehen, um in der Siedlung Hilfe zu holen - als ein Körper drei Schritte vor ihr das Wasser durchbrach und sich brüllend gegen sie warf.