Mallenia wälzte sich herum und sah Coira, die mit ausgestreckten Armen und klaren Augen im Zimmer stand. »Den Göttern sei Dank«, ächzte sie.
»Wofür? Für den Tod meiner Mutter?«, gab die Maga bitter zurück und eilte hinaus, von wo der Kampflärm drang.
Die Ido war zu schwach, um aufzustehen. Anhand der Geräusche, des Geschreis, des Waffenklirrens und des immer wieder flackernden Leuchtens, gefolgt von Zischen und Fauchen wie bei einem großen Feuer, nahm sie an, dass das Gefecht gegen den letzten Drilling voll entbrannt war. Gleichzeitig spürte sie, dass ihr Lebensfunke erlosch. Der Blutverlust war zu stark.
Ihre Lider flatterten, sie schienen schwerer als ein Amboss zu wiegen, Schmerzen spürte sie keine mehr. Mallenia stemmte sich gegen die Mattheit, doch sie wollte nur mehr die Augen schließen und schlafen, schlafen, schlafen...
Das Geborgene Land, Dsön Bharä, 12 Meilen nördlich von Dsön, 6491./6492. Sonnenzyklus, Spätwinter.
Der Winter hatte bereits deutlich an Kraft verloren, und der Schnee taute von den Hügeln und Wiesen. Es plätscherte und rauschte überall, kleine Bäche schwollen zu reißenden Strömen an, und das letzte Eis verschwand Tropfen um Tropfen. Die Gruppe um Tungdil mit den Zhadär und den Begehrern ritt durch tiefen Morast, Regenschauer durchweichten die Kleider und setzten den Rüstungen zu. Doch sie näherten sich dem ersten Ziel ihrer Reise unaufhalt sam: Dsön, der zweiten Stadt mit diesem Namen und dem Zuhause der Nord-Albae. »Der Kordrion taucht nicht mehr auf«, stellte Ingrimmsch fest. »Ob er die Lust an der Verfolgung verloren hat?«
»Solange die Brut lebt, wird das Scheusal sie suchen«, beruhigte Tungdil ihn. Ingrimmsch seufzte und fand, dass es den Umständen entsprechend eine schnelle Reise gewesen war. Sie verdankten es Hargorin Todbringer, dass sie sich der Hauptstadt des Albae-Reichs bis auf Sichtweite nähern konnten, ohne von einer Patrouille angehalten zu werden; jeder kannte die Schwarze Schwadron und ihren Anführer. Ingrimmsch bemerkte eine Reitergruppe: Albae, die auf Feuerstieren angeritten kamen und lange Lanzen hielten. Da habe ich mich zu früh gefreut. Er grinste. Mal sehen, ob ich etwas zu tun bekomme.
Tungdil sah zu Hargorin. »Lass mich sprechen. Sie werden ohnehin nach der Bedeutung der Standarte fragen.«
Die Albae zugehen die Stiere, ihr Anführer gab einen kurzen Befehl, und sie senkten ihre Spieße. Er selbst ließ sein Reittier drei weitere Schritte nach vorn machen, der Stier schnaubte tief. »Wir dachten, dass du allein reist, Hargorin Todbringer. Aber uns wurde gesagt, dass sich ein Zwerg unter deinen Leuten befindet, der ein ungewöhnliches Wappen führt.« Er sah dabei auf Tungdil. Die hellen Augen erfassten jede Kleinigkeit, jede Rune auf der Rüstung.
Ingrimmsch beobachtete den Alb, dessen langes blondes Haar unter dem Tioniumhelm hervorschaute; es glich einem Kragen um Schultern und Hals. Das Gesicht sah aus wie alle anderen: schön, grausam und mit schwarzen Augenhöhlen. Ich würde ja mal zu gerne einen fetten Alb sehen. Einen fetten, tollpatschigen Alb, der hässlicher als ein Schweineschnauzenweibchen ist und schiefe Zähne hat. Und lispelt. Der Zwerg feixte hinter seinem geschlossenen Visier und ging in der Masse der Schwadron ebenso unter wie Slin, Balyndar und die dreiundzwanzig Zhadär. Die Tarnung musste unbedingt aufrecht gehalten werden. Davon hing der Erfolg ihres Unterfangens ab. »Ich grüße dich, Ütsintas«, sprach Tungdil mit unglaublich tiefer und Respekt einflößender Stimme, wie es Ingrimmsch von seinem Freund noch nie vernommen hatte. Hargorin hatte ihmzuvor den Namen genannt. »Ich bin Tungdil Goldhand, Großkönig der Zwergenstämme des Geborgenen Landes und Angehöriger des Stammes der Dritten.« Ütsintas öffnete den Mund. »So einfach...«
Tungdil redete ganz selbstverständlich weiter. »Bring mich zu den Dsön Aklän. Ich habe mit ihnen zu verhandeln. Jetzt.«
Ütsintas schloss den Mund wieder, was Boindil unter seinem Helm ein weiteres breites Grinsen ins Gesicht zauberte. So ist mit dem Schwarzauge selten umgesprungen worden.
Tungdil lehnte sich auf seinem Pony etwas nach vorne. »Hast du mich verstanden, Ütsintas? Oder ist dir mein Name nicht geläufig? Bist du noch derart jung, dass man dir nichts von dem Zwerg berichtet hat, der das alte Dsön in Schutt und Asche legte?« »Sicher kenne ich diesen Namen...« Der Alb war verunsichert und blickte zur Standarte. »Was hat das zu bedeuten? Weder albisch noch zwergisch, und doch eine Mischung aus beidem...«
»Es bedeutet, dass ich Feldherr und Herrscher gleichzeitig bin. In dem Land jenseits der Schwarzen Schlucht.« Tungdil ließ sein Pony nach vorne marschieren, bis es dem Feuerstier gegenüberstand. Mit ihm auf den Rücken wirkte das kleine Pferd sogar gegen den mächtigen Bullen überlegen, es zeigte keine Furcht vor dem massigen Leib und den Hörnern.
»Du willst wirklich Tungdil Goldhand und von dort zurückgekehrt sein? Wie sollte es dir möglich gewesen sein?« Ütsintas gewann nach und nach seine Fassung zurück. »Die Barriere fiel für wenige Momente, und somit gelang mir die Rückkehr.« Tungdils Gesicht verfinsterte sich. »Jetzt muss ich mit den Dsön Aklän sprechen. Möchtest du, dass ich an dir vorbeireite, oder begleitest du mich und Hargorin Todbringer?« Ingrimmsch hätte am liebsten laut gelacht. Mein Gelehrter macht ihn zu einem Laufburschen.
»Es ist nicht gestattet, dass andere Kreaturen ihren Fuß in den heiligen Krater setzen.« Tungdil lachte gemein. »Ich bin lange vor dir im echten Dsön gewesen, Ütsintas.« Die Schwarze Schwadron fiel in die Heiterkeit ein und beschämte den Alb noch mehr. »Sei derjenige, der den Pakt zwischen den Dritten und deinem Volk mit einer Krone versehen wird.« Er legte wie zufällig seine Hand auf Blutdürsters Griff. »Ich komme nach Dsön. Mit oder ohne deine Begleitung.« Ütsintas starrte in Tungdils Auge, wie Ingrimmsch deutlich sah - und er nickte. »Ich führe dich.« Er sah zu Hargorin. »Er und seine Leute werden auf dich warten.« »Nein. Mir steht eine Garde zu«, widersprach Tungdil. »Dreißig Männer sind das Geringste. Und wage es nicht, mir weiterhin zu widersprechen!«
Der Alb musste wieder lange nachdenken. »Dreißig. Mehr nicht.«
Tungdil bedeutete den Zhadär, Ingrimmsch, Slin und Balyndar, aus dem Tross auszuscheren. »Das sind die Besten, die Hargorin hat. Sie schworen mir auf der Stelle Treue, und sie sollen die Ehre haben, Dsön zu sehen.«
Ütsintas bedachte sie mit warnendem Blick. »Ihr werdet mir folgen und keinen anderen Weg nehmen. Derjenige, der abweicht, wird mit dem Tod bestraft. Das gilt auch für dich, Tungdil Goldhand.« Er wendete den Feuerstier und ritt langsam voran. Tungdil lächelte bösartig. »Du würdest mich nicht töten können.«
Die ausgesuchten Zwerge folgten ihm; Hargorin fiel hinter ihnen zurück und würde an der gleichen Stelle auf sie warten.
Ingrimmsch musste sich sehr beherrschen, um sich nicht mit Slin zu unterhalten. Er fand, dass Tungdil großartig schauspielerte.
Schweigend ging es die letzten Meilen durch eine Ebene zum Krater mit dem zweiten Dsön darin.
Um sie herum erhoben sich grausige Skulpturen und Denkmäler, die gleichermaßen schön wie furchtbar waren. Geformt aus Knochen, verbunden mit Drähten aus Gold, Tionium und anderen Edelmetallen; abgestorbene Bäume waren mit Schädeln behangen worden, und woanders drehte sich etwas im Wind, das Ingrimmsch an Windmühlenflügel erinnerte, aber in sich viel verschobener und wesentlich größer war. Er ahnte, dass es sich bei der Bespannung um Haut handelte. Welche Art von Haut, wollte er nicht wissen.
Je näher sie an das tiefe Loch ritten, desto mehr dieser Kunstwerke reihten sich aneinander, bis es kaum mehr Platz zwischen ihnen gab und sie wie Gewächse aus einem Albtraum aus der Erde ragten. Die Albae hatten großen Spaß daran, die Vergänglichkeit der Natur nachzubilden und sie im Sterben noch düsterer zu machen. Es schlug aufs Gemüt. Ingrimmsch fiel es immer schwerer, nichts zu sagen. Das Grauen um ihn herum lockerte seine Zunge. Er wollte darüber sprechen, sich mit dem Gelehrten unterhalten und hören, was Balyndar und Slin dazu sagten. Doch sie hatten vereinbart, dass eisernes Schweigen gewahrt wurde.