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Die Zhadär hatten ihre Anweisungen erhalten: Sie würden unterwegs den Schlitten mit der Kordrionbrut unauffällig in einem Versteck mitten in der Stadt zurücklassen, vielleicht sogar im Palast der Dsön Aklän.

Ob die Herrscher der Albae den Knochenturm wieder errichtet haben?, fragte sich Ingrimmsch. Der alte Turm in Dsön Baisur hatte aus den Gebeinen der getöteten Feinde bestanden, doch hatten die zweihundert Zyklen ausgereicht, eine entsprechende Menge zu horten? Er reckte sich im Sattel, aber er konnte kein Bauwerk erkennen, dass über den Rand des Kraters hinauswuchs.

Als er ein auffälliges Kunstwerk erblickte, musste er an sich halten, um nicht den Krähenschnabel gegen Ütsintas und seine Begleiter zu schwingen; auch unter Slins Helm vernahm er ein entsetztes Stöhnen. An eigens dafür hochgezogenen Mauern waren Wandreliefs abgebildet. Zu sehen waren stets Albae, die gegen ihre Feinde kämpften und sie niederwarfen. Doch während die Albae durch Tionium und Silber lebensgroß modelliert waren, hatten die Schöpfer für die Gegner echte Tote verwendet. So stierte Ingrimmsch auf verrottende Zwergenleichen.

»Es müssen einhundert sein«, rief Balyndar, der sichtlich mit seiner Beherrschung rang. »Dieses Ende ist eines Kindes des Schmieds nicht würdig!«, fuhr er leiser fort. »Zur Ergötzung der Schwarzaugen verschimmeln wie wertlose Orks - das können wir nicht hinnehmen. Sie brauchen eine Bestattung...«

»Still«, befahl Tungdil kaum hörbar. »Bleibt ruhig, oder ihr verderbt ein viel größeres Vorhaben wegen nichtsnutziger Rache.«

Ütsintas wandte sich um. »Einhundert?«, wiederholte er amüsiert; offenbar hatte er den Rest des geflüsterten Wortwechsels nicht mitbekommen. »Der Künstler benötigt jeden viertel Zyklus neue Leiber, um sie gegen die alten auszutauschen. Im Winter bereitet es weniger Schwierigkeiten, weil der Frost das Fleisch haltbar macht. Und auch die Menschen sind nicht das Problem, von denen gibt es mehr als genug. Aber an die Zwergenstämme ist schwierig heranzukommen. Wir ernten in erster Linie bei den Vierten. Sie sind einfacher zu bekommen.«

»Ernten?«, brach es aus Ingrimmsch heraus.

Ütsintas grinste, dieses Mal hatte er den Ruf vernommen. »Es wundert mich, dass ein Begehrer tut, als sei er zart besaitet. Schließlich liefert ihr uns immer wieder Material.« »Er ist mit dem falschen Fuß aufgestanden«, sagte Tungdil. »Ich habe den ganzen Umlauf schon mit seiner Laune zu kämpfen.«

»Wenn du ihn loswerden möchtest...« Der Alb deutete auf das Wandrelief, das sie passierten.

»Ho, ich kann dich zurechtstutzen, dass du hineinpassen würdest, Schwarzauge!«, gab Ingrimmsch zurück. Er hatte nicht übel Lust, dem Alb die Hochgestochenheit auszutreiben.

»Genug!«, herrschte ihn Tungdil an. »Sonst mache ich von Ütsintas Angebot Gebrauch.«

Ingrimmsch bemerkte verwirrt, dass es sehr echt und keinesfalls gespielt geklungen hatte.

Nicht lange darauf erreichten sie die Serpentinen, die hinab in den Krater führten. Boindil stieß einen Laut des Erstaunens aus, als er sah, was sich unter ihm ausbreitete. Er hatte auf den ersten Blick bemerkt, dass die Wände des Lochs steil nach unten abgegraben worden waren und sich ein Durchmesser von geschätzten zwölf Meilen ergab; nach unten ging es sicherlich drei Meilen tief, wenn nicht sogar mehr. Auf dem Boden des Kraterkessels herrschte Schwärze. Die Albae hatten ihn mit etwas bedeckt, das den Anschein erweckte, es ginge noch tiefer hinab. Etwa zweihundert Häuser in den unmöglichsten Formen erhoben sich in exakten Mustern rund um den Berg in der Mitte. Sie hatten schwarzes und weißes Holz verwendet, um die Gebäude zu errichten, und mit den starken Gegensätzen der Farben gespielt. Mal liefen die Dächer spitz zusammen, dann wieder wiesen sie nur eine große Schräge auf, in die Balkone eingelassen waren; andere Häuser erinnerten an sechseckige Türme, und manche wiederum besaßen scheinbar unendlich viele Kanten.

Da würde ich zu gern einen Blick hineinwerfen, dachte Ingrimmsch. Wie sie wohl Stühle, Tische und Schränke zugeschnitten haben? Die Schwarzaugen, die darin wohnen, tragen sicherlich die ganze Zeit über Helme, weil sie sich an den scharfen Ecken stoßen.

Dort, wo sich keine Häuser befanden, hatten die Albae weitere Skulpturen aufgestellt. Ingrimmsch schätzte den Berg auf eine Meile Höhe und zwei in der Breite. Darauf ruhte ein rechteckiger, länglicher Bau aus dunkelgrauem Marmor, über dessen Mitte sich eine Kuppel aus schwarzem Glas wölbte, in der es unablässig glitzerte und schimmerte. Am hinteren Rand des Berges erhob sich ein massiver Turm, sicherlich zwanzig auf zwanzig Schritt von den Ausmaßen und einhundert Schritt in die Höhe ragend. Von seiner Spitze liefen unzählige Drähte weg und spannten sich über die Stadt bis in die Ränder des Kraters.

Was machen sie denn damit?, fragte sich Ingrimmsch. Um Einzelheiten zu erkennen, müsste er näher herankommen.

»Es sieht nicht aus wie das Dsön, das ich kenne. Ihr habt es gewaltig verändert«, sagte Tungdil zu Ütsintas. »Die Häuser scheinen einsam und verloren in dem Krater.« »Es ist ein Anfang«, meinte der Alb. »Es werden wieder mehr von uns sein, wenn die Fünften endlich besiegt sind.«

»Dann säße immer noch der Kordrion im Grauen Gebirge. Er frisst, was er findet«, warf Tungdil ein.

»Mit ihm werden wir rasch fertig. Er soll uns zuerst einmal die lästigen Felsenwühler vom Hals schaffen. Da spart unsere Kräfte.« Ütsintas deutete auf das Gebäude. »Da herrschen die Dsön Aklän.«

»Der Berg war in der alten Stadt höher, und auch der Krater hat sich verändert. Weswegen?«

»Das wirst du den Dsön Aklän fragen müssen. Er entscheidet, ob es dich etwas angeht oder nicht.« Der Alb lenkte den Feuerstier auf den breiten Weg, und ihr Abstieg begann.

Ingrimmsch bemerkte, dass es mit jeder Biegung in den Serpentinen dunkler wurde. Diese Düsternis, welche die Stadt verströmte, drang tief in seine Seele. Die Schwärze des Bodens rührte von vielen kleinen Steinchen her, die als Belag dienten. Er vermutete, dass sie die Abtragungen des Berges in der Mitte dafür zermahlen hatten. Das ersparte ihnen den mühseligen Abtransport über die Serpentinen. Ihr Weg führte sie über eine sehr breite Straße geradewegs auf den Berg und den Palast auf seiner Spitze zu.

Ingrimmsch hätte seinen Freund zu gerne gefragt, wie die Zhadar es bewerkstelligen konnten, die Brut abzulegen. Sie wurden von den Albae gut bewacht. Die finstere Stimmung drohte ihm seinen Mut und seine Zuversicht zu nehmen.

Er hob den Kopf und sah zum Himmel, der ihm unendlich weit entfernt schien. Vraccas, du weißt, dass mir der Aufenthalt unter der Erde nichts ausmacht, aber das hier bereitet mir so viel Unbehagen, dass ich mich am liebsten in die Sonne stellen würde, betete er leise.

Sie ritten an den Kunstwerken vorbei, die zu Ehren Tions und der Unauslöschlichen sowie der alten Bewohner errichtet worden waren, bevor der Stern der Prüfung sie vernichtet hatte.

Wie auf einen lautlosen Befehl hin, neigten Ütsintas und seine Leute vor ihnen die Köpfe. »Zeigt Respekt«, verlangte der Alb von Tungdil und den Zwergen. »Beugt das Haupt.«

»Vor toten Albae?« Dass Tungdil nicht lachte, war alles.

»Vor den Geistern«, entgegnete Ütsintas leise. »Sie sind geblieben, um den Mondteich vor den Elben zu bewachen. Als die Dsön Aklän zurückkehrten, zeigten sich die Geister und verlangten das, was ihr seht, als Gegenleistung für ihre Wacht.«