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XV

Das Geborgene Land, Dsön Bharä (einst das Elbenreich Lesintei'l), Dsön, 6491 ./6492. Sonnenzyklus, Spätwinter.

»Wer hätte gedacht, dass wir uns ausgerechnet in Dsön Bharä wieder sehen?« Tirigon betrachtete Tungdil voller Freude. Das zeigte Ingrimmsch, dass es sich um mehr als um eine bloße Bekanntschaft geha hatte, was ihn nicht eben glücklicher machte. Sein Gelehrter und einer der schlimmsten Albae der vergangenen zweihundert Zyklen, der Sage nach der Vernichter der letzten Elben des Geborgenen Landes. Das kann ja was werden. Wie gern hätte er sich in die Unterhaltung eingemischt, doch er durfte nicht. Jetzt schon gar nicht mehr. Tungdil lachte dunkel. »Du weißt, dass Zwerge Wasser hassen wie ihr die Elben. Ich wäre niemals mit euch durch den Mondteich geschwommen. Elrias Fluch hätte mich ersticken lassen.«

»Du musstest dafür lange warten, um zurückzukehren.« Der Alb sah zur Ehrengarde, und Ingrimmsch fand den Blick aus den blauen Augen, der auch auf ihm ruhte, sehr unangenehm. »Aber ich sehe auch, dass du uns die Begehrer abspenstig gemacht hast.« »Sie folgen mir, weil ich Großkönig bin.« Er lächelte. »Du musst mich nicht fürchten, Tirigon. Ich bin hier, um dir und den Dsön Aklän ein Angebot zu unterbreiten.« »Das vernehme ich mit Freude. Zu bedauerlich, dass meine Geschwister nicht hier sind. Sie sind in Gauragar unterwegs und jagen die Frau, die mir das«, er zeigte auf sein Gesicht, »angetan hat.«

»Du lässt dir deine Rache nehmen?«

»Ich rang mit dem Tod, Balo... Tungdil. Es war Mallenia von den Ido, die mir feigerweise einen Bolzen durch den Hals schoss, nachdem unser kleiner Zweikampf längst beendet war.« Ingrimmsch merkte sehr wohl, dass der Alb verschwiegen hatte, wer den Zweikampf gewonnen hatte. Du wohl nicht, Narbengesicht.

Tirigon gab den Albae ein Signal, und man brachte Sessel, einen Tisch mit Getränken und Essen darauf. Sie nahmen vor dem Thron Platz. »Außerdem musste einer von uns nach Dsön Bharä sehen. Wie gefällt dir die Stadt?«

»Sie sieht anders als das wahre Dsön aus.« Tungdil zog die Brauen zusammen. »Man sagte uns, dass mein Name voller Hass hier ausgesprochen wird.«

»Nur von denen, welche dich nicht von der anderen Seite kennen. Sei unbesorgt.« Tirigon winkte, und eine Menschensklavin eilte herbei, um ihnen einzuschenken. Sie begann bei dem Alb und kam schließlich auch zu Ingrimmsch.

Ingrimmsch vermutete, dass sie nach menschlichen Maßstäben makellos und bezaubernd war, er selbst bevorzugte handfestere Frauen wie seine Goda. Die hier sah mehr wie ein Alb denn wie ein Mensch aus: dünn, schlankes Gesicht und anmutige Tanzbewegungen, was immer sie auch tat.

»Da ich dich vor mir sitzen sehe, gehe ich davon aus, dass du uns weiterhin gewogen bist.« Tirigon klang neugierig. »Wir haben damals Hand in Hand gearbeitet, und das sehr erfolgreich.«

»So soll es auch bleiben.« Tungdil trank von dem Wein. »Die Zwerge haben mich zu ihrem Großkönig erwählt, und der Stamm der Dritten wird mich daher als ihren obersten Herrscher anerkennen. Es hat sich einiges gewandelt, was mein Ansehen bei den Dritten angeht, wie mir Hargorin berichtete.«

»Eine schlagkräftige, beachtliche Hausmacht.« Der Alb hatte die versteckte Botschaft verstanden. »Damit verhandeln wir mit dir, wenn wir auf die Unterstützung der Dritten bei der Überwachung der drei Königreiche zählen möchten. Das ist gut.« Tirigon prostete ihm zu. »Auf die alten Zeiten!«

»Auf die ganz alten Zeiten!« Tungdil stieß mit dem Alb an. »Ich bin selbstverständlich auf deiner Seite. Und ich hörte von den Unstimmigkeiten mit Angehörigen deines Volkes, die aus dem Süden kommen.«

Ingrimmsch hatte den Trinkspruch seines Freundes als Nachricht an ihn verstanden: die ganz alten Zeiten. Die guten Zeiten.

Tirigons gute Laune verschwand, er leerte seinen Pokal und verlangte mehr. »Es ist nicht erwiesen, dass sie mit uns verwandtsind«, sprach er barsch. »Aber es ist wahr: Wir mögen sie nicht und sie uns auch nicht.« Tungdil leckte einen Weintropfen vom Rand seines Pokals. »Aber sie sind in der Überzahl.«

Wieder eine versteckte Nachricht. »Wir nehmen deine Hilfe gern an. Meine Geschwister werden sich freuen.« Tirigon hob andeutungsweise den Pokal. »Da ich jedoch weiß, dass du nichts ohne einen Sinn oder einen Hintergedanken tust, würde ich gern erfahren, was du im Austausch dafür haben möchtest.«

»Alle Zwergenreiche«, kam es wie von der Armbrust geschossen.

Tirigon senkte den Kopf. »Tungdil, das kann ich dir gern zusichern, doch es liegt nicht in meiner Macht, sie dir zu überlassen.«

»Wenn wir mit unserem gemeinsamen Feldzug fertig sind, schon.«

Ingrimmsch sah das wachsende Erstaunen beim Alb, aber keinen Zweifel in den Augen. Er muss Tungdil einiges zutrauen. »Ich habe einen Plan...«

Tirigon lachte auf. »Der kluge Zwergenkopf! Du hattest schon auf der anderen Seite stets einen Plan. Sie liefen alle zu gut, als dass ich dir ausgerechnet jetzt misstrauen würde.« Er lehnte sich entspannt in seinem Sessel zurück. »Erzähle mir davon.« Grob umriss Tungdil das Vorhaben, den Drachen gegen Lot-Ionan auszuspielen; den Kordrion und den Stamm der Fünften wollte er in einem Aufwasch durch eine Streitmacht der Dritten vernichten. »Die Marschwege sind bereits gesichert. Du und deine Albae halten sich bereit, um gegen die Albae aus dem Süden...«

Tirigon hob die Hand. »Nein. Sie werden unter Kaiser Aiphatön, diesem Narren, gegen Lot-Ionan kämpfen. Mit Sack und Pack stürmen sie ins Blaue Gebirge.« »Umso besser für uns!« Tungdil tat so, als wüsste er nichts von dem Angriff. »Dann kann sich der Drache auf denjenigen stürzen, der als Sieger aus dem Krieg hervorgegangen ist. Ihr marschiert heimlich hinterher, wir stoßen zu euch, sobald wir die Fünften und den Kordrion ausgelöscht haben. Danach gehört das Geborgene Land euch.« Er neigte sich nach vorn. »Wenn ihr mir dafür die Zwergenreiche überlasst.« »Ich bin soeben im Begriff, mich gegen meinen Kaiser, denletzten Nachfahren der Unauslöschlichen, mit einem Zwerg zu verbünden«, sagte Tirigon nachdenklich und blickte in seinen Pokal. »Das ist so widersinnig, dass es gelingt. Ich vertraue dir und deinem hellen Verstand, Balodil.« Er verzog verärgert das Gesicht. »Tungdil, wollte ich sagen.«

Bei Vraccas! Er hat sich bei den Scheusalen nach seinem Sohn benannt! Ingrimmschs angeschlagene Überzeugung, dass es sich um seinen echten Freund und keinen Doppelgänger handelte, festigte sich aufs Neue. Woher hätte er den Namen sonst wissen können? Und er fand, dass es Tungdil sehr geschickt anging, wobei ihnen die Vorsehung dabei sehr entgegengekommen war.

»Deine Geschwister werden dir folgen, oder muss ich auch noch gegen dich und sie ins Gefecht ziehen, wenn ich im Norden und Süden mit dem Erobern fertig bin?« Tungdils Frage hatte einen heiteren Unterton, doch sie barg Wahrheit.

Tirigon nahm sich von den Speisen, schnitt sich kleine Bissen, die er langsam in den Mund schob. »Sie werden unseren Pakt gutheißen.« Genießerisch schloss er die Augen. »Das war mir schon lange nicht mehr vergönnt. Die Wunde in der Wange hat mich behindert.« Er forderte seinen Gast auf zuzulangen. »Wir werden dich wissen lassen, wann Aiphatön mit seinen falschen Anhängern gen Lot-Ionan zieht. Wohin sollen wir den Boten senden?«

»Zu Hargorins Gehöft im Norden. Da werde ich am ehesten anzutreffen sein, solange die Vorbereitungen für den Feldzug laufen. Und wenn nicht, weiß dort jemand, wo man mich finden kann.« Tungdil kostete von dem Fleisch.