»Was ist das?«, fragte Slin.
»Eine Stadt«, erwiderte Balyndar. »Ein künstlicher Berg mit einer künstlichen Stadt.« »Das ist Phöseon«, sagte Ütsintas laut, der neben Tungdil ander Spitze des Trosses ritt. »Hier leben etwa zehntausend von ihnen. Die Albae aus dem Süden mögen diese Art von Gemeinschaft.«
Tungdil betrachtete den Klotz. »Wie sieht es im Innern aus?«
»Es ist schwierig zu beschreiben. Ich kenne es nur aus Erzählungen, denn sie haben mich damals nicht hineingelassen.« Der Alb klang nicht enttäuscht. »Es muss senkrechte Durchbrüche mit tiefen und sehr langen Schächten geben, aber auch hängende Gärten, in die man über Brücken gelangt. Sie schwingen angeblich im Wind, der durch die künstlich angelegten Schluchten bläst.«
»Klingt ein bisschen nach einem Zwergenreich«, raunte Slin Ingrimmsch zu. »Hast du deine eigene Armbrustsehne beim Spannen an den Kopf bekommen?«, gab der zurück. »Daran ist nichts Zwergisches!«
»Habt ihr denn hängende Gärten?«, wunderte sich der Krieger. »Unser Gemüse kommt aus der Erde, und das soll es auch weiterhin schön tun.«
Sie waren eine Meile vom Eingang entfernt, als das riesige Tor aufschwang und eine Reiterei ausspie.
Der Bote wechselte ein paar rasche Worte mit Ütsintas und ritt den Albae entgegen. Auf halber Strecke trafen sie zusammen, sie unterhielten sich; dann winkte der Bote. Ütsintas wandte sich an Tungdil. »Ab sofort reitet ihr allein weiter. Meine Mission endet hier.« Er gab seinen Begleitern einen Befehl und wendete den Feuerstier, gleich darauf donnerten die Albae zurück nach Dsön Bharä.
Tungdil musterte die Fassade. »Das wird ein sehr aufschlussreicher Besuch, den wir dem Kaiser abstatten«, sagte er zu Ingrimmsch. »Wir reiten geschlossen ein. Niemand greift zur Waffe, weder die Zhadär noch die Begehrer«, befahl er laut. »Wir sind Gäste von Kaiser Aiphatön, und entsprechend werden wir uns benehmen.« Er trabte an, und der Zug folgte ihm.
Ingrimmsch versuchte, Besonderheiten an der Gruppe der Albae auszumachen, die auf ihren Nachtmahren aus Phöseon herausgeritten kam. Härte ich mir denken können. Sie sehen für mich aus wie alle anderen.
Sie trugen sogar die schwarzen Tioniumrüstungen, auch wenn ihm die Runen darauf ein wenig anders vorkamen. Da er jedochkein Gelehrter war, nahm er an, dass er sich durchaus täuschen konnte. Der Bote redete mit Tungdil. »Wir dürfen hinein. Der Kaiser erwartet uns, wurde mir gesagt«, übersetzte der Gelehrte für die Zwerge. »Denkt an das, was ich euch befohlen habe.« Dann ließ er sein Pony hinter den Albae hertraben.
Ingrimmsch konnte nicht verleugnen, dass er das Gebäude, die Stadt, die Festung oder wie immer man den Klotz bezeichnen wollte, spannend fand. Nicht, dass er darin hätte leben wollen, doch er war neugierig. Sein Stammesblut verlangte nach weiteren Eindrücken. Da er von den Zweiten stammte, deren Kunstfertigkeit vor allem in der Steinmetzerei lag, fand er seinen Wissensdurst durchaus verständlich. Die Wände waren verputzt worden, sodass er nicht erkannte, welches Material sich darunter verbarg. Er fragte sich, wie sie den Untergrund derart hart bekommen hatten, um ihn mit einem solchen Gewicht zu belasten, ohne dass sich das Gebäude absenkte und zerbrach.
Der Bogen, unter dem sie durchritten, maß nicht mehr als sieben Schritt in der Höhe und fünf in der Breite. Ingrimmsch erkannte drei Gatter, die über ihnen schwebten und jederzeit zur Verteidigung herabgelassen werden konnten; die Unterseiten waren geschliffen scharf.
»Sie legen weitaus weniger Wert auf Pomp und Tand«, flüsterte Slin. »Es ist... nüchtern und schmucklos. Bis auf die eingearbeiteten Ornamente in den Wänden.« »In den Putz geritzt«, sagte er. »Aber sie sind unglaublich vielfältig und abwechslungsreich. Dazu benötigt man schon eine ruhige Hand.«
Sie gelangten in einen großen Innenhof; die Wände liefen senkrecht nach oben, und wieder blickten sie auf offene, hohe Gänge, Fenster sowie Mauerwerk. Neugierige Albae sahen zu ihnen hinab, unterhielten sich oder aßen etwas; hier und da verliefen Außentreppen, woanders surrten Aufzüge, um die verschiedenen Stockwerke miteinander zu verbinden. Über ihnen zogen die Wolken wie an einem Fenster vorüber.
»Bei allem, was recht ist: Ich muss sagen, ich bin schwer beeindruckt von den Schwarzäuglein.« Ingrimmsch streichelte sein Pony und sah hinter sich, wo die Gatter eines nach dem anderen herabgelassen wurden und sich das Tor schloss. »Etwas Vergleichbares habe ich noch niemals gesehen.« »Sie mögen die Natur nicht sonderlich - es sei denn, sie können sie kontrollieren, wie in ihren Gärten«, mutmaßte Slin. »Ist es euch aufgefallen? Sie haben aus dem Elbenreich fast eine Wüste gemacht. Nichts als flaches Land.«
»Man sieht Feinde besser kommen, man gibt ihnen kein Material, um Belagerungsgeräte zu bauen, und bietet ihnen keinerlei Schutz vor Pfeilen und Speeren«, sagte Balyndar. »Es macht durchaus Sinn, da es sich in dieser... Stadt anscheinend sehr gut leben lässt.«
»Der Kaiser erwartet Tungdil Goldhand in seinen Audienzgemächern«, sagte der Bote zu ihnen. »Nicht mehr als fünf Gardisten, der Rest wartet im Hof und wird sich nicht von der Stelle bewegen.«
Tungdil nahm Slin, Ingrimmsch, Balyndar und zwei Zhadär mit. »Was immer geschieht: Ihr tötet keinen einzigen Alb«, schärfte er Hargorin und Barskalin ein. Ein anderer Alb übernahm die Führung, während der Bote bei den Zwergen zurückblieb. Sie marschierten zu einem der Aufzüge und schössen in die Höhe; bedient wurde er über einen Hebel, den man in zwei Richtungen schieben konnte. Kordrionmist! Doch ähnlich unseren Konstrukten, dachte Ingrimmsch. Es ging weit hinauf, bis sie anhielten und ausstiegen. Sie standen in einer Säulenhalle, deren Höhe Ingrimmsch auf mindestens zehn Schritt schätzte. Die Wände waren in gedecktem Weiß gehalten und wurden von schwarzen Umrisszeichnungen geschmückt, die an Scherenschnitte erinnerten: Szenen aus Kämpfen, von Stadtgründungen, von der Liebe.
So sehr sich Ingrimmsch umsah, während sie auf den Thron zuschritten, die morbide Kunst, welche die Albae des Nordens zelebrierten, entdeckte er nicht.
Auf dem Thron saß Aiphatön.
Er ist nicht gealtert! Ingrimmsch erkannte das Kind der Unauslöschlichen sofort wieder, denn seine Einmaligkeit war unübersehbar: Brust, Bauch, Unterleib, Schultern und Oberarme waren von einer Rüstung bedeckt, die mit dem weiß schimmernden Fleisch verwachsen war. Der Kopf war kahl, was die spitzen, länglichen Ohren mehr betonte; schwere Panzerhandschuhe umgaben die Hände. Den Unterleib hatte Aiphatön mit einer Art schwarzem Wickelrock verhüllt, nackte Zehen schauten darun ter hervor. In der Rechten hielt er einen schmalen Speer mit einer dünnen Klinge, dessen Runen grünlich leuchteten.
»Tungdil Goldhand ist Großkönig der Zwergenstämme«, rief Aiphatön durch die Halle und sah sie an. Das vermutete Ingrimmsch wenigstens, denn die Augenhöhlen waren von unergründlicher Schwärze ausgefüllt. »So wurden aus uns beiden die größten Herrscher unserer Völker.« Er wartete, bis die Zwerge vor ihm standen, und neigte den Kopf. »Willkommen in Phöseon.«
»Meinen Dank, Kaiser.« Tungdil deutete eine Verbeugung an.
»Ich dachte oft an die Unterredung auf dem Schiff mit dir. Ich hatte dir erklärt, warum ich mir meinen Namen ausgesucht hatte.«
»Nach dem Lebensstern der Elben«, sagte Tungdil. »Er ist verschwunden, wenn ich den Himmel des Nachts richtig beobachtet habe.«
»Ja. Die Dsön Aklän leisteten bei ihrer Rückkehr ganze Arbeit.«
»Was mich nicht verwundert.« Der Einäugige richtete den Blick fest auf den Alb. »Aber als ich vernahm, welchen Weg du einschlugst, war ich sehr überrascht. Du wolltest zuerst zu den Elben, um mit ihnen zu leben. Dann sprachst du auf dem Schiff davon, dass du kein Alb sein möchtest wie deine Eltern.« Er hob die Arme, deutete auf die Mauern. »Nun finde ich dich hier, in dieser Stadt, als Kaiser der Albae und Gebieter über ein gewaltiges Reich!«