»Und du gabst mir den Rat, mich vor den Menschen, Zwergen und Elben zu verbergen. Weil mich keiner von ihnen ohne Furcht und Hass betrachten würde.« Aiphatön lächelte. »Nicht zuletzt meintest du, ich sollte das Geborgene Land verlassen. Deine genauen Worte waren: Suche deinesgleichen.« Er schabte mit der linken Hand über die Metallplatten. »Ich dachte lange darüber nach und wusste nicht: Wie genau sollte ich meinesgleichen finden? Aber ich befolgte deine Worte und verließ das Geborgene Land nach Süden. Ich hegte die Hoffnung, dass ich andere Albae auflesen würde, die von ihrem Wesen her den Elben näher sind. Ich war ein Geschöpf, das keinen Platz fand und nur Feinde hatte.« Er sprach leiser und leiser.
Ingrimmsch stutzte. Dann war der Rat des Gelehrten schuld, dass Aiphatön mit den Albae zurückkehrte!
»Du sagtest zum Abschied, dass du dir einen Platz schaffen würdest.« Tungdil legte den Kopf leicht schief. »War dies das Ergebnis deiner Überlegungen? Die gewaltsame Eroberung des Geborgenen Landes?«
Auf Ingrimmsch wirkte Aiphatön müde. Müde und bedrückt, als laste etwas auf seiner Seele. Durch die schwarzen Augenhöhlen war es unmöglich, auf seinen Gemütszustand zu schließen, doch die Linien in seinem Antlitz berichteten umso mehr. Es erinnerte ihn an den Gelehrten kurz nach seiner Rückkehr aus der Schlucht. »Was führt dich zu mir, Tungdil Goldhand?«, sprach er, und ein Ruck verlief durch seinen Körper. Aufrecht und stolz saß er auf seinem Thron. Keine Spur mehr von Niedergeschlagenheit. »Was könnte mir der Großkönig der Kinder des Schmieds vorschlagen wollen? Möchtest du mir drohen, mich um etwas bitten oder ein Bündnis eingehen?«
Tungdil runzelte die Stirn. »Wir sind auf deine Einladung hin nach Phöseon gekommen.«
Aiphatön schüttelte den Kopf und sah verwundert aus. »Nein. Ich wusste bis kurz vor eurer Ankunft nicht, dass du wieder im Geborgenen Land verweilst. Man sagte mir, dass du mit mir sprechen und verhandeln möchtest.«
»Wir wurden von deinem Boten hierhergebracht«, hielt Tungdil dagegen. Aiphatön verzog den Mund. »Da ich keinen geschickte habe, sollten wir ihn befragen, wem ich das Vergnügen eurer Anwesenheit zu verdanken habe.« Er rief eine Wache zu sich und gab Anweisungen. »Wo seid ihr dem Alb begegnet?«
»Er kam nach Dsön Bharä, als wir uns bei den Dsön Aklän vorstellten. Ich dachte, wir träfen dich dort«, antwortete Tungdil mit einer Halbwahrheit.
»Entzückend«, murmelte Slin. »Ganz entzückend! Wir sind reingelegt worden.« »Verdammter Tirigon!«, entfuhr es Ingrimmsch laut.
Ein lautes, melodisches Scheppern erklang, das in schneller Folge wiederholt wurde. »Alarm?« Boindil sah sofort nach recht und links zu den Albae-Wachen. »Haltet euch bereit«, gab er die Losung aus. »Wenn das Schwarzauge zuckt, mähen wir es nieder.« Aiphatön erhob sich von seinem Thron und sah zum Fenster. »Wir werden angegriffen«, stellte er ungläubig fest und sah dann fragend auf Tungdil. »Jemand ist dumm genug, uns nach einhundertachtzig Zyklen anzugreifen!« »Ich habe damit nichts zu schaffen«, sagte er erstaunlich ruhig. »Vermutlich hat...« Da erklang ein lauter, lähmender Schrei, und ein großer Schatten verfinsterte für einen Lidschlag das Fenster.
Ingrimmsch schluckte und wischte unbewusst über seine Rüstung, als könnte er den für ihn nicht wahrnehmbaren Geruch des Kokons abstreifen. Der Kordrion ist mir anstatt seiner Brut gefolgt!
XVI
Das Geborgene Land, Phöseon Dwhamant (einst das Elbenreich Älandur), Phöseon, 6491./6492. Sonnenzyklus, Spätwinter.
Der erschütternde Schrei des Kordrion erklang erneut, doch da hatten sich Ingrimmsch und die Zwerge schon lange ihre Wachspfropfen in die Ohren geschoben. Somit wurde aus der lähmenden Stimme des Scheusals nichts weiter als Lärm. Tungdil zog Blutdürster. »Wir sind Opfer der gleichen Heimtücke von Tirigon geworden, Aiphatön. Nur er kann uns den Kordrion auf den Hals gehetzt haben. Was er damit bezweckte, werden wir ihn danach gemeinsam fragen«, sagte er hart. »Wir, meine Männer und ich, stehen dir bei, um zu zeigen, dass wir nicht schuldig sind.« Wieder ein schlauer Zug vom Gelehrten, wie Ingrimmsch befand.
Der Kaiser hatte seinen Speer gepackt und hielt ihn halb erhoben, die Spitze zielte auf Tungdils Leib. »Ich sehe an deiner Rüstung, dass du den Albae in den letzten Zyklen sehr nahe gewesen sein musst. Näher, als dir lieb sein konnte«, erwiderte er. »Wer verspricht mir, dass du nicht mit Tirigon gemeinsame Sache machst? Du könntest das Durcheinander nutzen wollen, um mich zu töten.« Aiphatön ließ keinen der Zwerge aus den Augen - vermutlich. Genau konnte es Ingrimmsch nicht sagen. Er fühlte sich zumindest beobachtet.
»Erinnere dich an die Unterredung auf dem Schiff. Ist dir das nicht Beweis genug, dass ich es ehrlich mit dir meine?«
Die Türen flogen auf, und bewaffnete Albae stürmten herein. Sie hielten die traditionellen, langschaftigen Speere mit den schmalen Klingen in den Händen und richteten sie auf die Zwerge.
Aiphatön stand statuenhaft starr. »Wir haben uns beide verändert, Tungdil Goldhand.« »Nicht so sehr, wie es den Anschein hat.« Tungdil wies mit Blutdürster auf das Fenster. »Gewähre mir, dich in dem Kampf zu begleiten. Du wirst die Wahrheit erkennen.«
Der Alb senkte den Speer, und Ingrimmsch atmete unter seinem Helm auf. »Ich gewähre es dir.« Er wandte sich um und rannte hinaus, Tungdil folgte ihm, ohne sich um die Zwerge zu kümmern. Plötzlich standen Ingrimmsch, Slin und Balyndar zusammen mit den Zhadär mutterseelenallein im Thronsaal. Einer nach dem anderen klappte das Visier nach oben, bis auf die Zhadär.
»Was, bei Vraccas, machen wir denn nun?« Slin nahm seine Armbrust vom Rücken und lud sie vorsichtshalber.
»Den beiden beizustehen, werden wir uns sparen können«, meinte Balyndar und ging zum Fenster, um nach dem Kordrion zu sehen. Ab und zu huschte sein Schatten über Phöseon, dann stieß vor dem Fenster eine breite, weiße Lohe senkrecht nach unten. Schreie erklangen, und schwarzer, stinkender Rauch stieg auf. »Er hat die Schwarzaugen zwei Stockwerke unter uns weggebrannt«, meldete er nach hinten. »Ich kann mir gut vorstellen, dass sie gegen einen solchen Feind kein Gegenmittel haben.« Slin tätschelte seine Armbrust. »Damit fühle ich mich gleich wohler.« Ingrimmsch grummelte vor sich hin, bis er sich entschieden hatte: »Los, alle zum Aufzug. Ich möchte aufs Dach dieser seltsamen Stadt. Die eingeschränkte Sicht hier behagt mir nicht.«
»Entzückend! Da kann ich besser auf den Kordrion zielen.« Der Vierte lief neben Boindil her, Balyndar und die Zhadär folgten ihnen zögernd.
Sie rauschten nach oben und standen auf dem leicht abschüssigen Dach der Stadt. Von hier aus betrachtet, sah es aus wie ein glatter Felsboden, der von unnatürlich geraden, symmetrischen Schluchten durchzogen war. Dazwischen erhoben sich in unregelmäßigen Abständen rechteckige Türmchen mit senkrechten Schlitzen. Der Wind pfiff durch die Spalten und erzeugte ein leises Säuseln. Kaminschächte? Schwarze Leinensegel spannten sich an manchen Stellen, und darauf lag Nahrung zum Dörren; an anderen Stellen hatten die Albae schwarze Ledersäcke von gewaltigem Ausmaß ausgebracht.
Ingrimmsch vermutete, dass sich darin Wasser befand, das von der Sonne aufgewärmt wurde. Ihm stockte der Atem, als er gewahr wurde, wie weit sich Phöseon in die Länge erstreckte. »Das müssen nochmals... zwei Meilen sein!« Slin machte sie auf Geschütztürme aufmerksam, die auf fahrbaren Rampen standen und an jede Ecke des Daches manövriert werden konnten.
Aber mit der Wendigkeit und der Geschwindigkeit eines Kordrion hatten die Erbauer nicht gerechnet: Drei der drehbaren Kuppeln waren bereits besetzt und schleuderten unablässig Pfeile und Speere nach dem Monstrum. Zu langsam! Gegen ein Heer am Boden wären sie vernichtend gewesen, schon allein weil die Geschosse viele hundert Schritt fliegen würden, bis sie aufschlugen. Aber gegen einen solchen Feind wie den Kordrion richteten sie - von zufälligen Treffern abgesehen - so gut wie nichts aus. Slin sah auf seine Armbrust. »Ich glaube, mein Bolzen ist ein wenig zu klein«, seufzte er.