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»Vraccas, das haben wir gut gemacht!«, sagte er und hob den Krähenschnabel, an dem das Blut des Kordrion hinablief. Nicht weit von sich sah er den Einäugigen auf der Seite des Wesens stehen, der ihm zunickte. Aiphatön hatte sich auf den Erdboden begeben und betrachtete den Berg von Bestie, der vor ihm aufragte.

Um sie herum rumpelte es gelegentlich, wenn sich weitere lose Mauerstücke aus Phöseon lösten und niederstürzten; das Wiehern von verletzten Ponys und das Stöhnen der Verwundeten mischte sich darunter.

Dann erklang ein einzelner, erleichterter Ruf, in den mehr und mehr Albae einstimmten, bis es um sie herum ohrenbetäubend schallte.

Ingrimmsch stieg über den Hals auf den Bauch und gesellte sich zu Tungdil. »Ich verstehe zwar nicht, was sie sagen, aber es klingt so, als könnten sie uns gut leiden«, meinte er beschwingt, ließ den Krähenschnabel sinken und legte beide Hände auf den Griff. Er sah sehr zufrieden aus. »Endlich ein Gegner nach meinem Geschmack. Und es wird wenig Zwergenkrieger geben, die mich damit überbieten können.« Er sah sich um und erkannte durch die sich lichtenden Staubschwaden jubelnde Albae.

Tungdil klopfte ihm auf die Schulter. »Gut gemacht, Ingrimmsch. Sie rufen...« »Sag mir lieber nicht, was sie rufen, Gelehrter«, unterbrach er ihn. »So kann ich mir einbilden, dass mir die Schwarzaugen zum ersten Mal in meinem Leben zujubeln, anstatt mich umbringen zu wollen.« Er sah auf seinen schmerzenden Fuß, der schwarz gefiederte Schaft ragte noch oben aus dem Stiefel. »Versucht haben sie es auch heute wieder.«

Tungdil lachte und machte sich an den Abstieg. »Komm. Ich möchte erfahren, was Aiphatön von unserem Beistand hält.«

Tungdil, Ingrimmsch, Slin, Balyndar, Hargorin und Barskalin trafen am Abend im Thronsaal des Kaisers ein; fünf Zhadär begleiteten sie.

Sie wurden an einen Tisch gebeten, auf dem Pokale und verschiedene Amphoren standen. Noch wurde nichts ausgeschenkt. Vorher hatte Aiphatön ihnen allen Gemächer zuweisen lassen, in denen sie sich vom Kampf erholt hatten. Mit Sonnenuntergang trafen sie im Saal ein, in dem sie bereits bei ihrer Ankunft gewesen waren. Die Malereien an den Wänden hatten sich verändert. Aus den schwarzweißen Scherenschnittmotiven waren bunte Gemälde geworden, die vom Boden bis an die hohe Decke reichten. Sie zeigten Landschaften von absurder Schönheit, und wenn man genau hinsah, erkannte man, dass es keine echten Bäume, Sträucher und dergleichen waren, sondern in kleinem Maßstab gezeichnete Leichname, wie die durchschnittenen Kehlen und Wunden an den Leibern deutlich machten. »Sie sind doch so verrückt wie ihre Verwandtschaft«, meinte Ingrimmsch angewidert. »Aber ihre Salben sind gut. Ich spüre das Loch in meinem Fuß fast nicht mehr.« »Wer weiß, woraus die gemacht ist«, brummte Slin. »Aber ich will mich nicht beschweren. Sie haben mich herrschergleich behandelt.«

»Nur das mit dem Bad war unnötig«, murmelte Ingrimmsch. »Ich habe Wasser rausnehmen lassen. Es reichte fast bis ans Knie!«

»Wegen Elrias Fluch?« Slin hatte ein breites Grinsen im Gesicht. »Ich habe noch von keinem Zwerg gehört, der in der Wanne ertrunken ist.«

»Und da wollte ich nicht den Anfang machen.« Er hob die Hand, deutete von der Fingerspitze bis zum Handgelenk. »Das ist die Höhe für ein sicheres Bad!«

Slin prustet los. »Das reicht ja gerade aus, um die Männlichkeit zu wässern.« »Die Vierten sind in vielen Bereichen schwächer und kleiner als die anderen Stämme«, warf Balyndar trocken ein.

»Aber mein Bolzen erreicht sein Ziel immer. Ich höre es jedes Mal genau«, gab Slin zurück und zeigte auf den Morgenstern. »Du dagegen wirst sein wie deine Waffe: viel zu viel Kraft in den Kugeln und ein armer, kleiner Stab.«

Ingrimmsch lachte schallend.

Aiphatön betrat den Saal und beendete den Streit der Zwerge. Er reichte allen - außer den Zhadär - die Hand, dann setzte er sich zu ihnen an das Kopfende der Tafel. Jetzt kamen zwei Albae und schenkten verschiedene Weine aus.

Der Kaiser betrachtete die Besucher eingehend, die Augenhöhlen waren schwarz wie die Nacht.

Anscheinend will er den Makel nicht ablegen - oder kann er es nicht mehr? Ingrimmsch grübelte.

»Du und deine Freunde haben bewiesen, dass ihr nicht zu den Feinden von Phöseon gehört«, sprach Aiphatön mit ruhiger Stimme und hob seinen Kelch. »Dafür und für euren Beistand bedanke ich mich bei euch.« Er prostete ihnen allen zu, dann trank er. »Die Kordrionbrut, die wir im Packpferd gefunden haben, wurde uns untergeschoben«, erwiderte Tungdil. »Meiner Meinung nach kommt dafür nur Tirigon infrage. Das wiederum bedeutet, dass mindestens einer der Dsön Aklän gegen dich ist.« Er sah den Kaiser abwartend an.

Aiphatön stellte den Kelch langsam auf den Tisch zurück. »Deine Betonung zeigt mir, dass du mehr weißt, Tungdil.« Er wies die Albae an, den Raum zu verlassen, danach ließ er den Blick über die Gesichter der Zwerge schweifen. »Bevor wir weitersprechen, möchte ich, dass nur diejenigen im Zimmer verweilen, welche jede Wahrheit hören dürfen.«

Tungdil nickte. »Da manche mir immer noch nicht vertrauen, weil ich nach zweihundertfünfzig Zyklen aus meiner unfreiwilligen Verbannung zurückgekehrt bin und sie an mir zweifeln, werde ich niemanden anhalten hinauszugehen. Jeder soll hören, was der Kaiser der Albae und der Großkönig der Zwergenstämme zu bereden haben.« Ingrimmsch atmete innerlich auf. Er hatte damit gerechnet, dass nur er bei der Unterredung bleiben dürfte. Das hätte zu neuem bösem Blut geführt. »Unser eigentlicher Plan sah etwas ganz anderes vor«, begann Tungdil nach einem Schluck Wein und legte dem Alb dar, was sie mit dem Gelege des Kordrion vorgehabt hatten, was in der Schwarzen Schlucht lauerte, dass sie Lot-Ionan benötigten und was sie mit dem Drachen und seinem Hort vorhatten: ihn zum Magus zu bringen, um einen Angriff herauszufordern. Aiphatön lauschte ohne eine Regung.

»Vieles ist anders gekommen, als wir es beabsichtigten«, schloss Tungdil. »Und es ist gut, dass es so gekommen ist, weil ich denke, dass die Albae des Südens besser als Verbündete denn als Gegner sind. Beim Marsch gegen Lot-Ionan. Das hattet ihr ohnehin vor.«

»Ein Marsch gegen den Magus ist reiner Selbstmord«, antwortete Aiphatön gelassen. »Das hat den Ausschlag gegeben, dem Drängen meiner Untertanen aus dem Süden nachzugeben.« Er goss sich Wein nach und lächelte. »Ich sehe euch überrascht?« Ingrimmsch sah nach rechts und links. Als niemand etwas sagte, sprach er: »Ich hätte deine Worte um ein Barthaar so verstanden, dass du absichtlich in den Tod gehst?« Aiphatön beugte sich nach vorn, stützte das Kinn auf die Hand. »Ich wollte niemals sein wie meine Schöpfer, das hatte ich damals gesagt. Und doch bin ich es geworden. Es wäre zu einfach, eine Ausrede dafür zu erfinden, und so stehe ich zu dem, was ich dem Geborgenen Land angetan habe. Deswegen führe ich sie in den Süden und reibe sie gegen Lot-Ionan auf.«

»Hussa! Das ist die richtige Einstellung!«, stimmte Ingrimmsch unwillkürlich zu und räusperte sich wegen seines Ausbruchs verlegen.

»Ich lebte zu viele Zyklen in Verblendung, berauscht von meiner eigenen Macht. Ich habe Länder unterworfen, Leben genommen und den Willen der Menschen gebrochen. Nicht weil es notwendig war. Weil ich es konnte. Weil ich ihnen überlegen war«, erklärte der Kaiser nachdenklich. »Der schreckliche Rausch ist verflogen, doch die Erinnerung an meine Verfehlungen ist geblieben. Mit jedem Umlauf sehe ich das Leiden, das ich nach Idoslän, Urgon und Gauragar gebracht habe. Damit muss Schluss sein. Und ich beende es.« »Die Dsön Aklän und die Nord-Albae werden dir nicht folgen«, warf Tungdil ein. »Deswegen kehre ich als Einziger aus dem Blauen Gebirge zurück und bereite Dsön Bharä mit eigenen Händen den Untergang. Es sind nur ein paar Hundert, die durch den Zufluss des Mondteichs einen Schlupfweg ins Geborgene Land gefunden haben. Damit werde ich allein fertig.« Wie zum Beweis leuchteten die Runen auf seiner Rüstung auf. »Dein Auftauchen und dein Plan, Tungdil, haben mich in meinem Vorhaben bestärkt. Wenn auch noch der Drache tot ist, steht der Freiheit des Geborgenen Landes nichts mehr im Weg.« Er schloss die Augen, und eine rote Träne sprang über das rechte Lid und zog ihre Bahn die helle Wange entlang. »Ich wollte nie sein wie die Unauslöschlichen. Meinen Worten werden endlich Taten folgen.«