Er wagte es, näher an sie heranzurücken. »Prinzessin, was denkt Ihr, wie es mir ergeht?«
»Habt Ihr auch Eure Mutter durch Dummheit umgebracht?« »Nein...« »Dann habt Ihr keine Ahnung, was ich durchlebe«, sagte sie mit bebender Stimme. »Ich höre ihre Schreie, sobald es still um mich herum ist. Und wenn ich in den Spiegel blicke, sehe ich ihr brennendes Gesicht darin. Entzündet jemand ein Feuer, und ich bemerke den Rauch, muss ich mich übergeben.« Sie schloss die Augen und hielt sich die Hände vors Gesicht. »Der Alb hätte mich statt ihrer umbringen sollen«, brachte Coira weinend hervor.
Rodario pfiff auf die Standesunterschiede und Titeclass="underline" Er nahm sie in die Arme und zog sie an sich, drückte ihren Kopf gegen seine Brust. Sie schlang die Arme um ihn und schluchzte hemmungslos.
Mallenia setzte sich in einen Sessel nahe der Tür und schwieg. Sie wusste, wie gut ein solcher Trost tat - und spürte zu ihrer Verwunderung ein wenig Eifersucht. Aus irgendeinem Grund hatte ihr Herz sich den weichen Schauspieler auserkoren. Vermutlich, weil er so herrlich unmännlich war und sich von all denen unterschied, die sie bislang kennengelernt hatte. Der Kuss, den er ihr gestohlen hatte, bestätigte lediglich, was ihr Innerstes schon länger gewusst hatte.
Sie betrachtete Rodario, der die Prinzessin hin und her wiegte. Ich kann es ihm niemals sagen. Er würde mich auslachen. Alle würden uns auslachen, dachte sie unglücklich. Seht, da kommen die Kriegerin und ihr reimendes Schoßhündchen. Was ihre Schwerter nicht besiegen, redet sein Mund tot. Trotz allem musste sie bei der Vorstellung grinsen. Sie versuchte, sich mit Überlegungen zu den Zwillingen abzulenken. Mallenia hatte den Leichnam der Albin vor Augen. Sie hatten ihn treibend im See entdeckt, doch bevor sie ihn erreicht hatten, war er gesunken. Firüshas Bauchdecke und die Brust, das hatte sie deutlich gesehen, waren aufgeplatzt gewesen. Den Angriff der Maga hatte sie, wenn überhaupt, mit schwersten Verletzungen überstanden, durch den Aufprall aber war sie gestorben.
Vermutlich hatte sich Sisaroth auf die Suche nach seiner Schwester oder ihrer Leiche gemacht. Vielleicht befahl ihm das irgendeine Albae-Tradition, die ihnen wiederum einen Aufschubbis zu seinem nächsten Angriff gewährte. Und wie der Drache reagieren würde, war ihr immer noch nicht klar. Seine Antwort stand aus.
Es klopfte, und ohne eine Aufforderung abzuwarten, öffnete der Besucher die Tür: Loytan kam herein, machte einen Schritt ins Zimmer und erstarrte, als er Rodario und die Prinzessin umschlungen sah. »Wie könnt Ihr es wagen, Schauspieler?«, sagte er heiser vor Empörung. »Auf der Stelle lasst Ihr die Königin los! Wenn Ihr ein Mann seid, kommt Ihr mit mir auf den Gang, damit ich Euch Benehmen einprügeln kann.« Mallenia räusperte sich. »Das ist der falsche Augenblick, Standesdünkel zu zeigen, Graf Loytan«, meinte sie zu ihm. »Regt euch nicht auf.« Sie sah den Brief in seiner Hand. »Ist der von Lohasbrand?«
Er wandte sich zu ihr. »Was geht Euch das an?«
Falten, der Ungehaltenheit entsprungen, entstanden auf ihrer Stirn. »Wenn Ihr Euch sammelt und überlegt, wird Euch wieder einfallen, dass ich dem hoheitlichen Geschlecht der Ido entspringe, Graf«, gab sie forsch zurück. »Mir stünde der Regententitel von Idoslän zu. Wenn Ihr so auf Etikette besteht, wie Ihr uns glauben machen möchtet, werdet Ihr in Zukunft jedes Mal, wenn Ihr mich seht, eine tiefe Verbeugung vollführen und mich mit Hoheit ansprechen müssen.« Sie beobachtete sein Gesicht, das sich noch roter färbte. »Wollt Ihr das, Graf?«
Seine Kiefer pressten sich auf einander. »Ich habe den Brief nicht geöffnet«, erwiderte er. »Und er ist tatsächlich von Lohasbrand.« Er ging auf den Schreibtisch zu und legte ihn ab.
Coira ließ Rodario los, rieb sich die Tränen vom Gesicht. »Danke«, sagte sie und öffnete den Umschlag. Ihre Augen huschten über die Zeilen, dann fiel das Fragment einer Drachenschuppe auf die Holzoberfläche. Der Beweis, dass es sich wirklich um die Anweisungen von Lohasbrand handelte.
»Und?« Rodario versuchte, etwas vom Inhalt zu erhaschen, auch wenn es sich nicht schickte. Loytan warf ihm mörderische Blicke zu, die Rechte ballte sich verheißend zur Faust.
»Er erteilt mir den Auftrag, den Alb zu suchen und gefangen zu nehmen. Dazu sendet er mit einhundert Orks zu meiner freien Verfügung«, fasste sie zusammen. »Und er verlangt den Treueid auf ihn.«
»Das bedeutet, dass Ihr den gleichen Ring um den Hals wie Eure Mutter tragen werdet«, sagte Rodario entsetzt. »Umgeben von vier Wärtern? Eine Abschwur von der Magie?«
»Es ist mir gleich. So werde ich niemals in Versuchung geraten, auf den Boden des Sees zu tauchen und die Quelle zu nutzen«, sprach sie müde.
»Königin, das dürft Ihr nicht!«, rief auch Mallenia aufgebracht. »Ihr seid die letzte Maga...«
Coiras Gesicht verschloss sich. »Ja, und?«
Rodario fluchte leise. Mallenia hatte das getan, was er absichtlich vermieden hatte - und er erkannte sofort, dass die Königin damit nicht zu bekehren war. »Es war ein aufregender Umlauf, und die Gemüter sind erhitzt. Wir sollten in die Betten steigen und morgen in aller Ruhe besprechen, was zu tun ist.«
»Wie redet Ihr mit der Königin?«, brauste Loytan auf. »Ihr werdet schon mal gar nichts besprechen.« Daraufhin sah er zu Mallenia, weil er eine Maßregelung fürchtete. »Rodario hat recht.« Coira trocknete sich neue Tränen ab. »Ich bin erschöpft und möchte schlafen. Treffen wir uns morgen wieder und reden darüber, was die Zukunft bringt. Wir alle«, wiederholte sie nachdrücklich und ging dicht am Mimen vorbei. Er hörte sehr genau, dass sie ihm ein »Danke« zuflüsterte, dann war sie verschwunden; gleich darauf folgte ihr Loytan.
Rodario sah noch eine Weile zum Fenster hinaus, ehe er sein Gemach aufsuchte und dabei den Umweg über den Wandelgang im Freien nahm. Er liebte den frischen Geruch des Wassers.
Niemals hätte er geglaubt, dass er den Alb mit seinen brennenden Bärlappsamen in die Flucht schlagen würde. Er fand es wahrscheinlicher, dass sich das Schwarzauge in Sorge um seine Schwester zurückgezogen hatte. Achtzehn Männer hatte Sisaroth getötet, bevor er gegangen war. Möge Firüsha am Grund des Sees vermodern, wünschte er sich.
In Gedanken versunken, hatte er den Mann nicht bemerkt, der vor ihm aus dem Schatten eines Türmchens trat. Erst als dieser absichtlich hustete, richtete Rodario seine Aufmerksamkeit auf ihn. »Loytan. Mit Euch habe ich gar nicht gerechnet«, log er heiter. »Kommt jetzt die Abreibung?«
Der Graf näherte sich ihm. »Als ich dich über die Spundwand geworfen habe, hätte ich dir Gewichte an die Füße binden sollen, du Schande der Bühne!« Er deutete nach rechts, über den Rand der Mauer. »Heute wird es nicht nötig sein. Der Sturz aus achtzig Schritten sollte genügen, dir das Genick zu brechen. Dann hat es sich ausgeschauspielert! Dir wird niemand nachweinen.«
»Ihr habt mich damals mit dem Angriff überrascht, Graf. Denkt Ihr, dass es Euch heute gelingen wird?«
Loytan lachte ihn aus. »Ohne deine Tricks und Apparate für die falschen Zauber bist du wehrlos. Wertlos ohnehin.« Er streifte sich schwere geschliffene Schlagringe über die Hände.
Rodario grinste. »Aber anscheinend verlasst Ihr Euch nicht allein auf die Härte Eurer Knochen, wie mir scheint. Denkt Ihr, mein Kinn ist so widerstandsfähig?« »Ich möchte so etwas wie dich nicht noch einmal berühren müssen, das ist alles«, gab der Graf zurück.