»Und wieso reiten wir auf Schleichwegen nach Seenstolz und zu Königin Wey der Elften?«, fragte Slin.
»Kann es sein, dass du nicht besonders zugehört hast? Weil der Gelehrte ihr auf dem Hinweg den Vorschlag unterbreiten möchte, gemeinsam gegen Lot-Ionan zu ziehen, sobald der Drache und seine Orks in den Süden aufgebrochen sind«, antwortete Ingrimmsch. »Auf dem Rückweg und beladen mit den Kostbarkeiten des Drachenhorts, werden wir uns ihre Antwort einholen.« Er betrachtete die Umgebung. »So lasse ich mir einen See gefallen«, meinte er zufrieden. »Da werden die zu Hause Augen machen, wenn ich ihnen davon berichte: Ich spaziere auf dem Grund herum, und der Fluch Elrias kann mich nicht treffen!« »Es sei denn, es würde stark regnen«, warf Slin ein. Ingrimmsch warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. »Wieso?« »Weil das Wasser sich sofort auf dem harten, ausgetrockneten Grund sammeln würde. Wie in einer Schüssel. Wenn wir dabei am tiefsten Punkt der Schüssel stünden, müssten wir schwimmen.« Slin bereitete es Vergnügen, das Schlimmste heraufzubeschwören. »Und wir wissen, dass unser Volk alles andere als gut darin ist.«
Ingrimmsch sah zum Himmel, der dunkler und dunkler wurde. »Vraccas, lass lieber Glut regnen, anstatt Elria zu erlauben, uns zu wässern wie Erbsen!«
Tungdil zeigte nach vorn. »Wir müssen zurück ans Ufer und nach Süden. Wir sollten genau gegenüber von Seenstolz herauskommen. Von dort ist es nur eine kurze Fahrt übers Wasser bis zur Insel der Maga.« Ingrimmschs gute Laune verschwand schlagartig, er entsann sich der Knochen. »Verflucht! Jetzt muss ich doch einen Fuß in ein Boot setzen.«
»Es ist doch bislang gut gegangen«, munterte ihn Slin auf. »Und wenn wir reinfallen: Was solls?! Ich gehe gern baden.«
»Du bist ja auch ein verweichlichter Vierter«, kam es höhnisch hinter einem Helm hervor; einige der Zhadär lachten.
Ingrimmsch erinnerte sich an die raue Stimme. Es war der gleiche Krieger, der auf dem Dach von Phöseon einen Streit mit Slin über die Länge von Bolzen vom Zaun gebrochen hatte. Er ließ sein Pony zurückfallen, bis er bei dem Gerüsteten angelangt war. »Warst du das eben?«
»Was soll ich gewesen sein?«
Die Stimme passte nicht. »Nein, du warst es nicht. Aber du weißt, wen ich meine: den Stänkerer.« Ingrimmsch schob das Visier des Mannes nach oben, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Ein schwarz gefärbtes Gesicht mit kurzem Bart. Es bereitete sogar ihm als Zwerg große Schwierigkeiten, die Unsichtbaren auseinanderzuhalten. Durch die Farbe bekamen sie ein gleiches Äußeres, was wiederum eine Art Schutz darstellte: Niemand würde genau beschreiben können, wie der Angreifer ausgesehen hatte. »Unter welchem Helm du auch immer steckst«, rief er laut, »halte deine Zunge in Zaum. Ich dulde das nicht.« Er lenkte sein Pony wieder nach vorn.
Tungdil hatte die Richtung bereits geändert und ritt an der Spitze neben Barskalin auf die Dünen zu, hinter denen sich ein Teil des Sees erstrecken musste.
Auch Ingrimmsch trieb sein Pferdchen die Anhöhe hinauf, die Hufe sanken tief in den losen Sand ein. Dann erreichte er die Spitze der Düne und erblickte die Ausläufer des Sees. Keine vier Meilen von ihnen entfernt lagerte eine Insel auf einem Ständer aus Basaltgestein, links davon sahen sie Eisenwände aus dem Wasser ragen. »Das da vorn ist Seenstolz«, sagte Tungdil zufrieden. »Wir sind dort rausgekommen, wo wir wollten.« Er deutete auf das Bauwerk im See. »Da die Quelle im See liegt, nehme ich an, dass sie eine Art Schacht gebaut haben.«
»Ja«, stimmte Balyndar zu. »Meine Mutter sandte die Fünften aus, um einer der Königinnen von Weyurn diesen Gefallen zu tun.«
»Eine Meisterleistung!«, lobte Ingrimmsch überschwänglich. »Der Druck auf die Wände muss unbeschreiblich sein.«
Balyndar verbarg seinen Stolz über die Leistung nicht. »Unsere Ingenieure haben viele Stützstreben einziehen müssen, damit der Schacht sich gegen das Wasser behaupten kann. In einem Meer mit Gezeiten und Strömungen, wie man es im Jenseitigen Land kennt, wäre es sicherlich nicht möglich gewesen.« »Das ist der Vorteil der Fünften. Sie haben aus den Stämmen die Besten bei sich aufgenommen und sind somit in allen Bereichen des zwergischen Handwerks weit vorne.« Slin sagte es ohne Bitterkeit. »Ich würde gern einen Blick in den Schacht werfen. Vorstellen kann ich es mir immer noch nicht.«
Barskalin machte sie auf ein Dorf aufmerksam, keine halbe Meile von ihnen entfernt. Die umgedrehten Boote am Strand und die Fischernetze sahen vielversprechend aus. »Da werden wir die kleine Flotte bekommen, die wir benötigen, um auf die Insel zu gelangen.«
»Zumindest eines, das zehn von uns übersetzt. Ich habe nicht vor, mit der Schwarzen Schwadron dort einzufallen. Im Dorf werdet ihr Unterkunft finden.« Tungdil lenkte sein Pony dahin. »Wir bleiben nicht lange bei der Königin.«
Sie galoppierten auf das Dorf zu.
Es wunderte Ingrimmsch nicht, dass eine Alarmglocke geschlagen wurde, die sie mit dünnem Ton begrüßte, als hätte selbst sie Angst vor ihnen. »Das ist was anderes als Pauken und Trompeten der Freude, wie wir es sonst gewohnt sind, was, Gelehrter?«, sagte er und beobachtete, was die Menschen unternahmen. »Sie rennen zum Ufer?« »Und lassen die Boote zu Wasser.« Slin zeigte auf die Flüchtenden.
»Ich wette, sie halten uns für Eroberer auf Geheiß der Albae.« Balyndar tippte gegen seine schwarze Rüstung. »Wir sehen auch nicht unbedingt aus, als wären wir friedliche Besucher. Die letzten Zwerge werden zum Bau des Schachtes hier gewesen sein.« Hargorin lachte. »Meine Schwarze Schwadron scheint sogar hier bekannt zu sein.« »Sende zwei Männer voraus, die den Menschen sagen sollen, dass wir keine böse Absichten hegen«, wies Tungdil ihn an. »Ich hätte wirklich daran denken müssen«, gab er Balyndar recht. »Wir verbreiten Angst und Schrecken, selbst wenn wir es nicht wollen. An dem Ort, an dem ich so lange verweilte, wäre das gut gewesen. Hier tut es mir leid.«
Ingrimmsch warf seinem Freund einen aufmunternden Blick zu. Es macht ihm zu schaffen.
Zwei aus der Schwadron preschten voran und machten mit lautem Rufen auf sich aufmerksam.
Ingrimmsch hob den Kopf, um ein letztes Mal den im Abendrot glühenden Himmel zu betrachten, bevor er gänzlich in der Dämmerung versank - und erkannte die Umrisse eines fliegenden Scheusals, das von Osten auf Seenstolz zuhielt. Was es genau war, vermochte er nicht zu sagen, doch es bewegte sich rasch. Und sehr zielstrebig. Mit einem Ruf machte er Tungdil auf seine Entdeckung aufmerksam. »Du kennst dich mit Ungeheuern doch besser aus als wir: Was ist das?«
Die Zwerge sahen zu, wie sich das Wesen der Insel und dem Palast der Königin näherte.
»Ich weiß es nicht«, gab der Einäugige zurück. »Aber ich denke, dass es der Königin nichts Gutes will.«
»Da kommen wir doch wie gerufen«, befand Slin aufgekratzt. »Wir helfen ihr, und dann steht sie in unserer Schuld! Wir müssen sie gar nicht mehr bitten, uns zu begleiten. Sie tut es, weil es ihr der Anstand gebietet.«
»So sehe ich das auch.« Tungdil ließ die Schwadron zum Ufer einschwenken, wo die Männer und Frauen noch immer zwischen den Booten standen und den beiden vorausgeschickten Zwergen misstrauisch zuhörten. »Hinüber mit uns.« Schaudernd betrachtete Ingrimmsch die Wellen, die gegen das Ufer liefen und schwappend brachen. »Ich hoffe, dass Elria mich vorhin nicht gehört hat«, sagte er in seinen Bart hinein, »und alle Fische, die größer als mein kleiner Finger sind, tot sein mögen!«
Rodario rannte zurück in den Palast und vernahm erleichtert, dass man seine Schreie gehört hatte: Überall erklangen Rufe, Gongs wurden geschlagen, und auf den Gängen hallte das Trampeln von schweren Stiefeln wider. Nicht nur die Festung auf dem Schacht bereitete sich auf eine mögliche Attacke vor, auch die Verteidigungsanlagen des Palastes wurden besetzt.