»Trotzdem bin ich froh, dass wir überhaupt eine Maga zum Fragen haben werden«, erwiderte Balyndar. »Ich bin sehr erschrocken, als die Leute vom Tod der Königin gesprochen haben.«
Boindil trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Aus mehreren Gründen fühlte er sich unwohl. Er befand sich auf dem See, von dem er nicht hören wollte, wie tief er nach unten ging, und er hatte nur die dünnen Planken der Nussschale unter sich; er wollte gegen die Kreatur kämpfen, wusste aber nicht, wie er das von einem Kahn aus anstellen sollte. Und er hatte nicht den blassesten Schimmer, was es eigentlich war, das die Gondel angriff. »Was steckt denn nun wieder dahinter? Das ist doch kein Drache«, sagte er zu Tungdil.
»Ich überlege, ob es gut oder schlecht ist.« Tungdil hielt den Blick nach vorn gerichtet und verfolgte, wie ein roter Blitz gegen den Angreifer zuckte; sterbend verhedderte sich die Kreatur in den Seilen. »Lohasbrand wird ihn nicht geschickt haben. Drachen dulden keine weiteren Ungeheuer neben sich. Er hätte das Wesen schon lange selbst getötet, wenn es im Roten Gebirge aufgetaucht wäre.«
Als das Seil der Gondel riss und sie den Fluten entgegenstürzte, fluchte Ingrimmsch laut. »Jetzt sind wir diese Maga auch noch los. Es ist zum Verzweifeln!« Die Pfeile und Speere, die aus den Wurfmaschinen am Schacht ausgestoßen wurden, sahen sie als kleine schwarze Wolken und dunkle, dünne Striche. »Sie wird sich gewiss retten können. Wenn ihr das nicht gelingt, wäre sie uns gegen Lot-Ionan keine Hilfe gewesen.« Tungdil klang unbeteiligt.
Die Flugbestie riss die Seile auf beiden Seiten aus den Verankerungen, tat etliche aussichtslose Flügelschläge und zerschnitt sich die dünnen Häute an den Drähten. Kreischend wirbelte sie hinter der Gondel her, als wolle sie die Kabine zu fassen bekommen und zerreißen.
»Sollte die Königin nicht langsam etwas unternehmen?«, bemerkte Ingrimmsch zweiflerisch. »Gleich schlagen sie auf.«
Da vollführte das Scheusal eine letzte, zufällige Wendung und verschwand kopfüber im Schacht; dabei zog es mehrere Blutbahnen hinter sich her. Das Rot klatschte gegen die Spundwände.
»Hu, das nenne ich mal eine unglückliche Fügung.« Ingrimmsch sah, wie die Gondel ihren senkrechten Sturz beendete und pendelgleich nach rechts schwang, dem Stempel, auf dem die Insel stand, entgegen. »Ha! Eines der Seile hat gehalten.«
Tungdil verzog den Mund. »Mir wäre es immer noch lieber, die Maga würde etwas tun. Ich bin von ihren Fertigkeiten nicht überzeugt.«
Ingrimmsch wollte etwas sagen, als es eine gewaltige Explosion gab.
Aus dem Schacht schoss eine grellgrüne Feuersäule zig Schritt hoch und blies die Aufbauten in den Himmel. Schemenhaft erkannten die Zwerge umherfliegende Menschen, Katapulttrümmer, Stücke von Dächern, Holzbalken und viele weitere Einzelteile, die vom Druck davongewirbelt wurden. Das Spektakel ging mit einem grellen Pfeifen einher; die Spundwände glühten zuerst rot, dann weiß, so sehr wurden sie von der Lohe erhitzt. Das Wasser ringsherum begann zu kochen, Dampf stieg auf. Wieder krachte es. Die Flamme fiel in sich zusammen, nur um einem Feuerball zu weichen, der unmittelbar über dem Schacht auseinanderquoll.
Tief unten auf dem Grund des Sees blitzte es silbrig auf: Ein Schimmern rannte kreisförmig den Grund entlang. Dort, wo es sich auf seinem rasenden Lauf befand, konnten die Zwerge bishinab blicken. Ingrimmsch glaubte, ein leichtes Kribbeln zu spüren, als es unter ihrem Boot weghuschte, und die Runen auf Tungdils Rüstung glommen auf. Unmittelbar danach grollte es vulkanartig. Die Oberfläche geriet in Wallung, Wellen schwappten gegen die Kiele, schaukelten sich immer weiter auf.
Eine dritte Detonation zerriss die Spundwände, sprengte sie auseinander, als bestünden sie aus brüchigem Glas und nicht aus härtestem Stahl.
Der See strömte gierig ein und entwickelte einen Sog, der auch die Fischerboote erfasste und sie auf die Insel zuzog. Blubbernd und tosend füllte sich das Loch, dann stieg eine Wassersäule fauchend empor und reichte bis an die höchste Stelle des Palastes hinauf, ehe sie in sich zusammenfiel.
»Festhalten«, war alles, was Tungdil sagte, als die gewaltige Welle auf sie zuschoss. Er selbst klammerte sich mit einer Hand am kleinen Mast fest und senkte den Kopf. »Ich hasse Elria«, knurrte Ingrimmsch und fand ein Tau, an das er sich krallte. »Sie findet immer einen Weg, mich bei meinen Reisen auf die Probe zu stellen.« Der Rumpf des Bootes hob sich, Gischt stob auf, und ein Brecher überschüttete die Zwerge mit eiskaltem Seewasser. Dann ging es auch schon abwärts. Ihr Gefährt schaukelte und bockte, doch es hielt den Kräften Stand und kenterte nicht. Slin blickte über die Schulter. Nicht alle hatten dieses Glück, zwei der Schiffchen waren umgekippt. »Vraccas möge sie vor der Boshaftigkeit Elrias schützen«, betete er knapp und richtete den Blick wieder nach vorn.
Noch immer schoss heißer Dampf an der Stelle aus dem See, wo sich Stahlwände befunden hatten. Ein lautes Poltern erfüllte die Luft. Der Sockel, auf dem die Insel mit dem königlichen Palast ruhte, zerbröckelte am untersten Ende. Der Basalt platzte auseinander, und das Gleichgewicht des Eilandes war dahin.
Langsam neigte es sich auf die linke Seite, die Stütze zerbrach vollständig, und dann tauchte Seenstolz ins Wasser ein. Eine zweite, mindestens ebenso große Welle rollte auf die Boote zu, auf denen die Fischer in helle Aufregung verfallen waren. Wieder ging es mit ihrem Schiffchen aufwärts.
Tungdil stand ruhig am Mast, sein Auge suchte den schäumenden, aufgewühlten See ab. »Was ist, Gelehrter?«, rief Ingrimmsch. Er stemmte sich gegen die Planken und lehnte sich nach vorne, um die Bewegung des Bootes auszugleichen. »Hast du Hoffnung, dass jemand diese Flut überlebt hat?«
»Vieles ist möglich«, erwiderte Tungdil und lächelte.
Die zweite Welle war deutlich heftiger, das spürte Ingrimmsch an der Steigung und der Dauer, mit der es nach oben ging. Me, nie, niemals mehr anfeinen See! Ihm graute vor der Talfahrt.
Ruckartig kippten sie in eine waagrechte Position, ehe sich der Bug nach vorn neigte und die Wellenrückseite hinabritt. Sie waren nicht mehr weit von der Stelle entfernt, wo sich vor Kurzem noch Schacht und Insel befunden hatten.
»Zwerg über Bord!«, dröhnte es in ihrem Rücken. Balyndar stand an der kniehohen Reling und wies nach Steuerbord. »Slin wurde von einem Brecher erfasst und weggezogen!«
Tungdil wandte sich nicht einmal um. »Wir müssen nach der Maga sehen«, antwortete er. »Zwerge haben wir genug dabei. Von der Maga gibt es nur eine.«
Ingrimmsch starrte seinen Freund an, er verstand diese abgebrühte Herzlosigkeit nicht. Ein Rückfall in den Tungdil, der sich im Jenseitigen Land einen Namen mit Gräueltaten gemacht hat. Seine Augen entdeckten Schwimmkörper an Deck, wie sie die Fischer zur Markierung ihrer Netze auf dem See hernahmen. Es waren aufgepumpte Schweineblasen, Korkstämme oder hohle Glaskugeln, um die mehrere Stricke gewickelt waren.
Ingrimmsch griff sie sich vier und rannte zu Balyndar. »Wo ist er?«
Gemeinsam starrten sie über die Wellen, bis der Fünfte den Vermissten ausgemacht hatte. »Da. Wirf!«
Ingrimmsch schleuderte die Schwimmkörper und legte seine gesamte Kraft hinein; sie flogen weit hinaus.
Der prustende, paddelnde Slin bekam die Leine zu fassen, an der eine Blase hing, und zog sie zu sich heran. Doch er ging wegen der schweren Rüstung immer wieder unter, und es war den beiden Zwergen klar, dass er um sein Leben kämpfte. Erst als er drei weitere Blasen zu sich gezerrt hatte, blieb er einigermaßen über Wasser. Es reichte, dass er Luft schöpfen konnte.
Erleichtert kehrte Ingrimmsch an den Bug zu Tungdil zurück. »Wir haben ihn gerettet. Eines der anderen Boote wird ihn aufsammeln.« »Sehr schön.« Er reckte sich, als habe er etwas in den weißen Gischtkronen entdeckt. »Du hättest ebenso ›mir doch egal‹ sagen können, Gelehrter«, erwiderte Ingrimmsch vorwurfsvoll. »Von der Betonung her lag es nicht weit daneben.«