Tungdil wandte sich plötzlich um, und für die Dauer eines Blinzeins hatte es den Anschein, als wolle er ihn schlagen. Sein Gesicht war zornig. »Wenn mir ein Armbrustschütze fehlt, suche ich mir einen neuen. Wenn mir eine Maga fehlt, was mache ich dann?«, entgegnete er auf den Vorwurf. »Es ist schön, dass Slin überlebt. Mehr nicht. Ohne Coira sinken unsere Aussichten gegen Lot-Ionan. Ob wir Slin dabeihaben, ist unerheblich. Ich glaube nicht, dass er Bolzen besitzt, die einen Magus mit einem Schuss töten können.« Er sah zum Fischer. »Hart backbord«, gab er Anweisung.
Ingrimmsch wusste nichts zu sagen. Ein gehöriger Rückfall. Das Boot schwenkte herum und hielt auf mehrere Trümmerstücke zu.
Noch immer schaukelte es heftig, der See hatte sich noch lange nicht beruhigt. Der Fischer reffte die Segel, um langsamer zu fahren und sich kein Loch in den Rumpf zu rammen; ständig rumpelte es, wenn sie gegen Treibgut stießen.
Tungdil hatte sich einen Bootshaken genommen und hielt ihn wie eine Harpune. »Haltet Ausschau nach Überlebenden. Wer Frauenkörper entdeckt, meldet sich sofort. Um Männer sollen sich die anderen kümmern.«
Ingrimmsch hob ein Netz auf und starrte auf die Wellen. »Ich habe eine Frau gesehen!«, rief er und zeigte auf eine regungslose Blonde in einer Lederrüstung, die mit dem Gesicht nach oben neben einer leeren Tonne schwamm.
Tungdil nahm den Haken, um sie vorsichtig heranzuziehen, die Zhadär hievten sie an Bord. »Ist das die Maga?«, wollte er vom Fischer wissen.
»Nein, Herr. Die Königin hat schwarze Haare«, bekam er zur Antwort. Ingrimmsch legte die Frau neben den Mast und warf eine Decke über sie, bevor Tungdil noch auf den Gedanken kam, sie wieder über Bord zu werfen; die Lippen waren blau und zitterten. »Das ist gut«, sagte er beruhigend zu ihr. »Dann lebst du.« Sie kam ihm sehr groß und stark für ein Menschenweib vor. Eine Kriegerin.
Ein Zhadär stieß einen Pfiff aus und deutete nach Steuerbord.
Sie nahmen Kurs auf seinen Fund, und gleich darauf fischte Tungdil die nächste Frau aus dem Wasser. Sie trug ein schwarzes Gewand und hatte lange schwarze Haare. Auch sie war ohne Bewusstsein und atmete zudem nicht mehr!
»Das ist sie«, raunte der Fischer ängstlich. »Das ist die Königin! Elria, sei ihr gnädig!« »Elria? Elria werde ich es zeigen!« Ingrimmsch drehte sie auf den Rücken und trat ihr mehrmals kräftig mit dem Stiefel ins Kreuz, bis sie aufhustete und würgend Wasser ausspie. »Hussa! Ich bin der geborene Heiler.« Er half der Maga, sich umzudrehen, und bekam vom Fischer eine weitere Decke gereicht. »Du verdankst dein Leben Vraccas«, schärfte er ihr freundlich ein.
»Es fühlte sich an wie eine Stiefelsohle«, ächzte sie mehr als sie sprach. Tungdil stellte sich vor sie und sah auf sie herab. »Willkommen unter den Lebenden, Coira Weytana, Königin von Weyurn.«
Sie hustete wieder und bedachte ihn mit einem dankbaren Blick.
»Das ist Großkönig Tungdil Goldhand«, stellte Ingrimmsch seinen Freund vor, danach sich und die Übrigen an Bord. »Wir sind zur rechten Zeit erschienen.« Es platschte neben ihrem Boot, und eine Männerhand klammerte sich um die Reling; gleich darauf erschien eine zweite, dann schob sich der Oberkörper über die Begrenzung. Das braune Haar lag eng am Kopf, sein aristokratisches Gesicht war bartlos. »Ich nehme an, dass ich an Bord kommen darf?« Er sah die Umstehenden verwundert an. »Ich fasse es nicht: ein Kahn voller Zwerge!«, sagte er schnaufend. »Bei den Geistern der Verstorbenen!« Ingrimmsch hob verwundert die Augenbrauen, weil er glaubte, das Gespenst eines Mannes zu erblicken, der schon lange tot war. Das rasierte Gespenst eines Mannes. »Rodario?«
XVIII
Das Geborgene Land, das einstige Königinnenreich Weyurn, Seedorfen, 6491./6492. Sonnenzyklus, Spätwinter.
Dass die Bewohner des kleinen Ortes Seedorfen jemals das Privileg erhaltenwürden, die Königin in ihrer Mitte beherbergen zu dürfen und die berühmten Helden der alten Zyklen Tungdil Goldhand sowie Boindil Zweiklinge zu sehen, darüber hinaus die auch hier bekannte Mallenia von Ido sowie einen Nachfahren des Unglaublichen unter sich zu haben - das hätte keiner vermutet. Nicht einmal die begabtesten Geschichtenerzähler und Träumer.
Die Berühmtheiten saßen in der Gaststube der kleinen Hafenschenke bei heißem Tee, Gewürzwein und -bier zusammen. Die Einheimischen hielten sich ehrfürchtig zurück und bewunderten die Besucher durch die Fenster und die geöffnete Tür; es wurde geschoben und gedrückt, während man Ausgewählte in den Schrankraum schickte, um die besten Wünsche sowie Geschenke zu überbringen. Doch ohne ein Zeichen der Zwerge und Menschen wagten sie sich nicht näher als auf vier Schritte heran. »Ihr seid sicher, dass die Quelle vernichtet ist?« Tungdil sah Coira an, die in der einfachen Tracht einer Fischerin steckte und eine Decke um sich gelegt hatte. »Ich habe es sofort gespürt«, antwortete sie bedrückt. »Die Energie wurde freigesetzt, und mir gelang es, einen Teil davon aufzufangen, doch... sie ist... tot. An der Stelle, an der die Quelle lag, ist nichts mehr.«
Ingrimmsch erinnerte sich an das Kribbeln und das Aufleuchten von Tungdils Rüstung. Das musste der Grund dafür gewesen sein: befreite Magie! Auf diese Erfahrung hätte er gern verzichtet, zumal der Verlust der Quelle eine Schrecklichkeit von unermesslichem Ausmaß darstellte!
Coira lächelte den Menschen zu, auch wenn es ihr schwerfiel. Doch ihre Untertanen konnten nichts dafür, und sie wollte niemanden enttäuschen. Sie winkte das kleine Mädchen mit dem Geschenkkorb zu sich, nahm ihn entgegen und streichelte ihr blondes Haar. »Danke sehr.« Das Mädchen machte einen Knicks und eilte zurück zu den Wartenden.
»Ich kann mir nicht erklären, was für ein Wesen das war, welches für Seenstolz Untergang und den Verlust der magischen Quelle verantwortlich ist«, sagte Tungdil. Die Maga schüttelte den Kopf und betrachtete, was man ihr gebracht hatte: Es sah aus wie eine Spange aus Fischbein, in welche die Insel eingeritzt worden war. Seufzend schloss sie die Finger darum.
»Ich denke, es war Lot-Ionan.« Rodario der Siebte sah in die Runde. »Der Magus hat es erschaffen und zu uns geschickt, um entweder die Maga zu töten oder die Quelle zu zerstören. Als es bemerkte, dass es starb, hat es sich in den Schacht geworfen und seinen Auftrag ausgeführt.« Er fuhr sich um den Hals. »Ich habe deutlich gesehen, dass es eine Kette mit einem Stein trug. Ein Onyx, glaube ich. Kann das der Auslöser für die Explosion gewesen sein?«
»Möglich.« Coira nickte zögerlich. »Er kann den Stein mit einem Spruch belegt haben. Es muss ein mächtiger Zauber gewesen sein, um etwas Derartiges auszulösen.« »Da sind wir schon bei einer wichtigen Frage: Seid Ihr bereit, uns gegen den Magus zu helfen?« Tungdil sah sie forschend an. »Vielmehr: Seid Ihr dazu in der Lage?« »Ihr wollt zuerst gegen den Drachen ziehen und danach in den Süden«, fasste sie zusammen. »Folgen wir doch einmal Rodarios Annahme: Lot-Ionan hat den Anschlag auf mich und die Quelle nicht grundlos getätigt. Früher oder später wird er zur Eroberung des Geborgenen Landes ansetzen, und dieser Akt war vorbereitend für den Angriff auf Weyurn, nehme ich an. Er weiß, dass ich als Maga eine Quelle benötige, um dauerhaften Widerstand leisten zu können.«
»Wie viel Magie konntet Ihr aufnehmen?«, wollte Tungdil wissen.
»Für den Anfang genügend.« Coira setzte sich gerade hin. »Um gegen Lot-Ionan zu ziehen, benötige ich mehr. Darauf zielte Eure Frage ab, Tungdil Goldhand.« »Um offen zu sein: Ich zweifele, dass Ihr überhaupt etwas gegen ihn ausrichten könntet.« Ingrimmsch hörte, dass sein Freund die Maga absichtlich reizte. Gleich wird seine Rüstung was zu tun bekommen! Doch zu seiner Verwunderung konterte sie mit einem freundlichen Lächeln.