»Ich weiß, was Ihr von mir denkt: eine junge Frau, kaum ausgebildet, und noch dazu beging sie den fatalen Fehler, der ihre Mutter letztlich das Leben kostete. Aber ich versichere Euch, dass es einen Ansporn bedeutet. Vielleicht erhalte ich mein Kämpferherz noch.« Sie schwieg kurz. »Ich werde Euch ins Rote Gebirge begleiten.« »Königin!«, begehrte Rodario auf. »Gegen einen Drachen zu ziehen ist...« »Eine gute Entscheidung«, warf Tungdil ein. »Ich weiß, weswegen Ihr mitkommen wollt: Ich habe die Gerüchte um die magische Quelle im Reich der Ersten ebenfalls vernommen.«
Ingrimmsch war es gleichzeitig eingefallen. Goda hatte gelegentlich davon gesprochen, dass Kaufleute aus dem Westen, die mit den Vierten Handel trieben, von rätselhaften Lichtern im Roten Gebirge gesprochen hatten. Sie hatte sogleich magische Entladungen dahinter vermutet; dennoch blieben es nur Gerüchte und vage Vermutungen. »Ganz recht. Ich begleite Euch, nehme so viel magische Energie auf, wie es mir möglich ist, und danach helfe ich Euch gegen den Magus.«
Rodario hob die Hand. »Mit Verlaub: Wer sagt uns, dass Lot-Ionan diese Viecher nicht auch ins Gebirge und zu den Albae gesandt hat?«
»Niemand. Aber Lohasbrand wird mit solchen Wesen spielend fertig, was ich von den Albae nicht unbedingt annehme, wenn Aiphatön nicht in der Nähe ist«, gab Tungdil zurück.
Mallenia hatte die ganze Zeit geschwiegen und sich darauf beschränkt, Hargorin Todbringer wütend anzufunkeln. Doch um des lieben Friedens willen hielt sie sich zurück. Ingrimmsch spürte, dass es ihr schwerfiel. Der Zwerg hatte aus ihrer Sicht sicherlich zu viele Verbrechen im Namen der Albae begangen. Und er konnte nicht umhin, Mallenia ein wenig recht zu geben. »Mir behagt es nicht, dass wir einen Pakt mit den Schwarzaugen eingegangen sind. Sie haben mein Volk unterdrückt, so viele Zyklen lang, und plötzlich will Aiphatön sich geändert haben und die Albae aus freiem Willen in den Untergang führen und die Albae-Reiche auslöschen?« Ihr Mund wurde zu einem Strich. »Ich glaube nicht daran.«
»Wer sagt uns, dass die Dritten sich uns anschließen?«, gab Rodario zu bedenken. »Gut, einer aus ihrem Stamm ist Großkönig geworden aber - verachten sie die übrigen Stämme nicht weiterhin?« Er sah zu Hargorin und Barskalin. »Wie nehmt ihr mir meine Zweifel?«
»Dir?«, fragte Hargorin erstaunt und lachte auf. »Du bist ein Schauspieler. Du sitzt an diesem Tisch, weil du dich selbst eingeladen hast. Mit dem Geschick des Geborgenen Landes wirst du gar nichts zu tun haben. Du kannst nicht einmal kämpfen. Aber ein Maskottchen können wir gut gebrauchen.« Barskalin lachte zustimmend. Da entstand ein gefährliches Lächeln auf dem Gesicht des Mannes, das Tungdils durchaus Konkurrenz machte. »Versucht, mich zu schlagen, und Ihr werdet ein Wunder erleben.«
Coira neigte sich zu Mallenia hinüber. »Täusche ich mich, oder ist sein Gesicht schmaler geworden?«
Die Ido stimmte ihr zu. »Außerdem hat ihm der See die paar Barthaare ausgerissen, die er besaß.« Sie schaute genauer hin und meinte, an Kinn, Hals und Wangen einen deutlichen, dunklen Schatten zu bemerken. »Aber sie werden kräftig nachwachsen. Mir scheint, kräftiger als sonst.« Die beiden Frauen sahen sich an, beide lasen die Zweifel der anderen von den Augen ab.
Hargorin indes hatte es sich nicht nehmen lassen, sich von seinem Platz zu erheben und vor Rodario aufzubauen. »Du bist dir nicht bewusst, welche Prüfung du dir auferlegen willst.«
»Doch«, gab er selbstbewusst zurück. »Aber in Anwesenheit der Damen ist es nicht schön, Euer Blut zu vergießen und die Wände mit Euren Gedärmen zu dekorieren. Außerdem haben wir Besseres zu tun, als uns zu prügeln.«
»Hört auf damit. Beide«, befahl Tungdil ungehalten.
»Aber ich werde nicht ernst genommen, nur weil ich ein Mime bin. Das kann ich nicht auf sich beruhen lassen. Ich habe ja nicht nach irgendetwas Albernem gefragt, sondern nach der Loyalität der Dritten«, entgegnete Rodario. »Was, wenn sie beschließen, den Albae zu helfen, denen sie über zweihundert Zyklen gedient haben? Sie würden bei einer Veränderung der Machtverhältnisse große Verluste erleiden, und vom Zorn der Menschen in Urgon, Idoslän und Gauragar will ich gar nicht reden. Sie wären besser ohne eine Veränderung dran.«
»Ganz unrecht hat er nicht«, stimmte Mallenia zu und bekam dafür von ihm einen langen Blick voller Zuneigung. Rodario legte die Hände auf den Tisch. »Versteht meine Vorbehalte: Was, wenn die Zwergenhasser die Vierten und die Fünften angreifen, während diese nach Süden marschieren? Damit wäre der Kampf gegen Lot-Ionan kaum möglich.« »Wir folgen Tungdil Goldhand«, grollte Hargorin.
»Wir - damit meint Ihr alle Dritten oder eine überwiegende Mehrheit?«, hakte Rodario nach. »Interessant wäre es zu erfahren, was die Minderheit macht? Und was ist eigentlich mit den Freien? Wo sind sie denn?«
Barskalin meldete sich zu Wort. »Sie haben sich in ihrer letzten Stadt eingegraben und verteidigen sich gegen die Dritten...«
»Ha!«, machte Rodario. »Da seht ihr es! Die Dritten setzen den übrigen Zwergenstämmen noch immer zu.« Er kreuzte die Arme vor der Brust. »Ich sehe, bei allem Respekt, noch keine Veränderung in ihrem Verhalten.«
»Das liegt daran, dass ich noch keine anders lautenden Befehle erteilt habe.« Alle Köpfe fuhren herum und schauten auf Tungdil. »Wenn sich die Dritten plötzlich nicht mehr so benehmen, schöpfen zu viele Albae Verdacht. Damit geriete Aiphatöns Vorhaben in Gefahr, und die Nord-Albae wären ebenso gewarnt. Deswegen habe ich nicht befohlen, von den Angriffen abzulassen. Das kann ich erst tun, sobald Aiphatöns Heer auf dem Marsch ist. Vorher müssen die Freien ausharren.«
Niemand wagte eine Erwiderung.
Schließlich hüstelte Ingrimmsch. »Dann reisen wir morgen weiter zu Lohasbrand, rauben ihm die schönsten Schätze aus dem Hort und eilen zum Magus. Sobald wir vom Kaiser der Schwarzaugen eine Nachricht erhalten, schicken wir Reiter los, welche die Dritten und die anderen Zwergenstämme in den Süden befehligen, um den geschwächten Lot-Ionan zu fangen.« Er sah zur Königin. »Mit Eurer Hilfe.« »Eine schöne Zusammenfassung«, meinte Rodario. »Ich bin ebenso dabei.« »Ich auch«, sagte Mallenia. »Idoslän wird seinen Anteil an der Befreiung des Geborgenen Landes leisten, wie es schon mein Ahne gehalten hat. Da wir nicht mit einem Heer dienen können, stelle ich euch meine Kampfkraft zur Verfügung. Meine verbliebenen Widerstandskämpfer werden sich um die Albae kümmern, die einzeln im Land umherstreifen. Ich setze den Brief gleich auf. Sie werden den richtigen Moment abwarten.« »Gut.« Tungdil wirkte zufrieden. Wieder hob Rodario den Arm. »Wie wäre es, wenn wir die bevorstehende Befreiung des Geborgenen Landes dem Volk verkünden und nicht nur dem Widerstand? Menschen, die den Wind der Freiheit spüren und sich gegen die verbliebenen Vasallen der Albae und Lohasbrander auflehnen, wird nichts mehr aufhalten.«
»Dazu ist das Geborgene Land viel zu groß«, widersprach Tungdil.
»Stopf jemand dem Schauspieler den Mund. Am besten mit etwas, das wehtut«, murmelte Hargorin.
Rodario wies mit dem Finger auf seinen Hals. »Trüge ich einen so hässlichen Bart wie Ihr am Kinn, wäre ich vorsichtiger mit Beleidigungen.«
Ingrimmsch verzog das Gesicht. Ein Zwerg mochte Spaße, sie durften auch mal derb sein, aber sein Bart war etwas Besonderes. Spott und Feuer waren dessen größte Feinde. »Schweig lieber, wenn du dein Leben und deine adligen Züge behalten willst«, riet er ihm leise. »Entschuldige dich bei ihm...«
Hargorin war längst aufgesprungen und kam auf den Schauspieler zu. »Du willst eine Tracht Prügel, kann es sein?«, rief er aufgebracht und ballte die breiten Kämpferhände zu Fäusten.