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»Verzeiht mir«, sagte Rodario liebenswürdig zu den beiden Frauen, dann schnellte sein Fuß in die Höhe und fischte nach einer der brustlangen Bartsträhnen, griff mit der Rechten danach und zog ruckartig an. Der linke Arm hob sich, und der Ellbogen krachte dem Zwerg gegen die Stirn, sodass er aufschnaufte.

Rodario glitt vom Stuhl, ohne die Bartsträhne loszulassen, und zog Hargorin mit sich. Er stemmte die Füße gegen seinen Bauch und schleuderte den Zwerg über sich hinweg; rücklings landete er auf dem Dielenboden.

Der Schauspieler schlug einen Purzelbaum rückwärts und kam auf der Brust des Zwerges zum Sitzen; die Bartsträhne hielt er noch immer fest und zog sie seitlich nach oben. Als er den Fuß daraufstellte, konnte Hargorin den Kopf nicht mehr bewegen. Ingrimmsch war ebenso überrascht wie alle anderen im Raum.

Von irgendwoher hatte Rodario einen Dolch gezogen und hielt ihn dem Zwerg an die entblößte Kehle. »Ich finde es sehr, sehr bedauerlich, dass man von so vielen nur als wahrer Mann gesehen wird, wenn man sich als Kämpfer beweist oder möglichst viele Frauen genommen hat«, säuselte er, doch seine Augen blicktenhart und achteten auf jede Regung seines Gegners. »Euch dürfte ich damit überzeugt haben, Hargorin Todbringer, nicht wahr?«

Mallenias Vorstellung von dem wehrlosen, erfolglosen Mimen zerbarst, und Coira sah den Mann in einem vollkommen neuen Licht. Beide Frauen starrten ihn an und konnten es nicht fassen, wie schnell er sich verändert hatte. Eine Wandlung, die nur mit vorheriger Täuschung zu erklären war.

Seelenruhig ließ Rodario die Strähne los und erhob sich, dann streckte er Hargorin die Hand hin.

Der Dritte stand ohne die angebotene Hilfe auf. Die Schmach saß zu tief, und auch der Bart hatte einige Haare gelassen.

Ingrimmsch ahnte, dass der Anführer der Schwarzen Schwadron Rodario dies niemals verzeihen würde. Das wird Blut kosten.

»Eine entzückende Vorstellung«, meinte Slin und freute sich.

»Erklärt uns, wo ein Mime derart gut kämpfen gelernt hat«, forderte Tungdil. »Und warum Ihr Euch alle Mühe gegeben habt, Eurem Vorfahren nicht zu ähneln«, fügte Coira hinzu. »Wenn ich mir Euch mit einem Kinnbärtchen und Schnauzbart vorstelle, säht Ihr ihm zum Verwechseln ähnlich.«

»Sagte ich doch«, grummelte Ingrimmsch. »Schon als ich ihn an Bord klettern sah.« Rodario kehrte an seinen Platz zurück und verneigte sich in Richtung der Frauen. »Ich muss mich bei Euch beiden entschuldigen, denn ich habe Euch ein wenig Theater vorgespielt. Doch es ist durchaus an der Zeit, den Schleier um das Geheimnis des unbekannten Poeten zu lüften.«

»Ihr? Ihr wollt es gewesen sein?«, platzte es aus Coira heraus, und sie lachte ungläubig. Sie bedachte ihn mit einem neugierigen Blick. »Das könnt Ihr mir nicht weismachen.« »Unmöglich«, sagte Mallenia sofort. »Ihr...« Sie schwieg verwirrt.

Rodario verbeugte sich, als stünde er vor seinen Spectatores. »Doch, ich bin der unbekannte Poet«, antwortete er. »Niemand wäre jemals auf den Gedanken gekommen, ausgerechnet in mir, dem Nachfahren des Unglaublichen Rodario, der ihm an wenigsten gleichkommt, den Freiheitsverteidiger und Volksaufhetzer, den Mörder an Lohasbrandern und deren Orks zu sehen. Täuschung ist der beste Schild.« Ingrimmsch musste bei diesen Worten schnell zu Tungdilsehen - und um dessen Mundwinkel huschte ein verstohlenes Lächeln. Hoffentlich nur ein Zufall.

Rodario fuhr sich über das markante Kinn. »Ich merkte sehr bald, dass ich meinem berühmten Vorfahren wie aus dem Gesicht geschnitten bin. Wenn ich meine Stücke auf den Bühnen in Idoslän, in Tabain und in Gauragar aufführte, trug ich niemals Schminke, doch abseits davon an jedem Umlauf«, erklärte er lächelnd und setzte sich. »Ich machte mich zum Trottel, ich verlor die Wettbewerbe absichtlich und wollte, dass mir niemand etwas zutraute.«

Coira sah ihn in jener Nacht vor sich, als er ihr im Turm von Mifurdania begegnet war. »Ich habe Euch wirklich den Verlierer und Tollpatsch abgekauft«, meinte sie verblüfft. »Und Ihr könnt sicherlich auch reiten?«

»Im Grunde sehr gut, Hoheit«, erwiderte er. »Es war eine Rolle, die ich spielte. Und natürlich vermag ich zu schwimmen, sonst hätte ich den Sturz vom Schacht nicht überstanden.«

»Ein echter Held«, sagte Mallenia grinsend. »Da denkt man, der Mann braucht Schutz von starken Armen, und dann ist er in Wahrheit ein guter Krieger. Ein ziemlich guter, wie ich eben gesehen habe.«

Rodario warf ihr ein Zwinkern zu. »Danke... muss ich auch Hoheit sagen?« Sie winkte ab. »Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Denn den einen unbekannten Poeten gibt es nicht.«

»Was du wieder redest!« Ingrimmsch kniff die Augen zusammen. »Du hast doch eben gesagt...«

»Es gibt den einen nicht.« Lächelnd hob Rodario den Zeigefinger. »Der Wettbewerb in Mifurdania ist eine weitere Tarnung für uns. Die Nachfahren des Unglaublichen haben sich seit der Eroberung durch den Drachen der Freiheit verschrieben. Egal ob Mann oder Frau, wir widersetzen uns, wo auch immer wir mit unseren Wandertheatern sind, den Besatzern. Wir schlagen unsere Gedichte an Wände und Türen und halten den Gedanken an die Selbstbestimmung hoch. Wir sind überall im Land unterwegs, das Lohasbrand sich angeeignet hat, und bekämpfen den Drachen mit unseren Mitteln.« Er nahm einen Schluck Wein. »Der Wettbewerb dient uns dazu, unsere neuesten Erkenntnisse auszutauschen, neue Zeilen zu schreiben, neue Pläne zu schmieden. Wir sind vorbereitet, um die Menschen gegen die Vasallen des Geschuppten zu führen, sobald uns die Götter eine Gelegenheit bieten. Wir kennen ihre Schwachstellen, ihre Gewohnheiten, ihre geheimen Lager - alles!« Er prostete in die Runde und hielt den Becher auf Tungdil gerichtet. »Dank Euch, Tungdil Goldhand, ist diese Gelegenheit gekommen: Die Götter haben Euch gesandt.« Er trank auf ihn, und die Versammelten stimmten in den Trinkspruch mit ein. Coira funkelte ihn an, in ihren Augen war die Wissbegierde zu sehen. »Sagt: Was ist wirklich an jenem Abend im Turm geschehen?«

Rodario lachte. »Wir haben den Unerreichbaren befreit, allerdings vergessen, seine Wertsachen mitzunehmen. Darunter befanden sich einige sehr seltene Stücke, und ich wagte es, nochmals zurückzukehren. Als Ihr mich traft, hatte ich sie bereits eingesammelt. Und der Unerreichbare bekam sie von mir übergeben, ohne dass Ihr in der Gasse etwas bemerkt hattet, richtig?« Er strahlte sie an und setzte sich in Pose. »Wie der Unglaubliche«, befand Ingrimmsch anerkennend. »Mit Bärtchen würde ich meinen, er hätte die letzten zweihundertfünfzig Zyklen wie ich überstanden.« Die Königin nickte verblüfft.

»Der Tod einer unserer Freunde hatte mich sehr getroffen, wie Ihr glücklicherweise nicht bemerkt hattet«, erzählte er weiter. »Aber die Sache, das wusste ich, wird weitergeführt. Heute sehe ich, dass unser Kampf seinen Wert hatte.«

»Und wieso habt Ihr Coira bei ihrer Flucht begleitet?«, fragte Mallenia. »Das habe ich doch richtig verstanden, oder?«

»Nun, es ergab sich die unvermutete sowie unauffällige Möglichkeit, die Maga besser kennenzulernen und zu überprüfen, ob wir sie für unsere Sache, die Vorbereitung des Aufstandes, gewinnen könnten. Hätte ich den Eindruck gewonnen, dass sie eine devote, kleine Frau ist, wäre ich sehr schnell wieder von ihrer Seite gewichen.« Rodario verneigte sich erneut. »Aber ich sah sehr schnell, dass Ihr alles andere als unterwürfig wart. Also blieb ich und beobachtete Euch und Eure Handlungen. Mehr und mehr fügte sich etwas zusammen, das spürte ich.« Er sah zur Ido. »Als Ihr und die Albae aufgetaucht seid, Mallenia, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Das Geborgene Land geht der Freiheit entgegen. Oder seinem Untergang. Ersteres wollte ich unterstützen, Letzteres verhindern.«

»Ich sehe die Freiheit«, gab Coira zurück und warf ihm glühende Blicke zu. »Wer würde diesem Bündnis aus Entschlossenen widerstehen können?« Er lächelte sie an.