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Ingrimmsch rieb sich die Hände. »Ausgezeichnet! Da haben wir ja alles zusammen, was wir brauchen. Wenn Rodario seinen Freunden Bescheid gibt und Mallenia ihren, kann ein weiterer Sturm losbrechen. Damit dürfen wir uns ganz auf den Süden konzentrieren, nicht wahr, Gelehrter?«

Tungdil rieb sich über die Stirn und berührte seine Narbe, das braune Auge blickte in die Unendlichkeit; anscheinend hatte er nicht zugehört.

Ingrimmsch setzte neu an, doch er wurde unterbrochen.

»Was ist mit Sisaroth?« Barskalin hatte die Frage gestellt. »Ich kenne ihn. Unter anderem bildete er die Zhadär aus, und er wird nicht eher lockerlassen, bis er den Tod seiner Geschwister gerächt hat. Wenn er mitbekommt, dass Mallenia und die Königin noch am Leben sind, haben wir einen gefährlichen Alb bei unserer Reise im Schlepptau, der uns einen nach dem anderen auslöschen kann.«

»Hm. Er wird sich eher zurückziehen und auf den Angriff des Drachen warten«, widersprach ihm Hargorin. »Ich kenne die Dsön Aklän schon sehr lange. Sie würden für ihre Stadt in Dsön Bharä alles tun, um sie vor Schaden zu bewahren. Sie wollen dort, wie wir gehört haben, ein neues Albae-Reich errichten. Sisaroth muss davon ausgehen, dass Lohasbrand zumindest einen Erkundungstrupp ins Reich der Albae schickt, um den Vorgängen auf seinem Land auf den Grund zu gehen.«

Barskalin wiegte den Kopf. »Das könnte auch sein.«

»Und wenn Elria endlich etwas Gutes tun möchte, könnte sie das Schwarzauge einfach in den Wassermassen ertrinken lassen«, sagte Ingrimmsch gut gelaunt. »Nur für den Fall, dass er doch noch in der Nähe war.«

Durch Tungdils Körper verlief ein heftiger Ruck. Mit einem Stöhnen sank er auf den Tisch und hielt sich den Kopf, zwischen den Fingern floss Blut hervor. Die Zwerge sprangen auf und zogen ihre Waffen, weil sie an einen Anschlag glaubten, doch Ingrimmsch sah, dass sich die Narbe auf der Stirn geöffnet hatte. »Los, helft mir, ihn auf sein Zimmer zu tragen«, befahl er Hargorin und Barskalin.

»Soll ich?« Coira hatte sich erhoben. »Ein Heilzauber...« »Nein, keine Magie!«, wehrte Boindil rasch ab, weil er nicht vorhersagen konnte, wie die Rüstung darauf reagierte. »Es ist eine alte Wunde. Er hat sich vorhin auf dem Schiff den Kopf gestoßen, dabei ist die Narbe gerissen. Ich werde sie rasch nähen. Morgen früh brechen wir auf, sobald die Sonne steigt.« Er verließ die Versammlung, und sie schleppten den Gelehrten durch den Schankraum in die hinteren Gästezimmer, wo sie ihn auf das Bett legten.

»Danke.« Ingrimmsch sandte die Zwerge hinaus und wartete, bis sie den Raum verlassen hatten.

Die Tür schloss sich gerade rechzeitig.

Tungdil riss das Lid in die Höhe, und Ingrimmsch sah erneut die mysteriösen Farbwirbel um das Schwarz der Pupille.

Mit einem leisen Schmatzen schloss sich die geplatzte Narbe, gleichzeitig verschoben sich die Knochen knisternd im Gesicht und gaben dem Zwerg ein schmaleres Aussehen, das den fassungslos starrenden Ingrimmsch an die Züge eines Albs erinnerte.

»Bei Vraccas!«, stotterte er, wich zwei Schritte zurück und fasste nach dem Stiel des Krähenschnabels. Es machte ganz den Anschein, als verforme sich sein Freund. Feine schwarze Linien zuckten schwarzen Strahlen gleich unter der goldenen Augenklappe hervor und zerschnitten Tungdils Züge, Bluttropfen rannen hervor - dann leuchteten alle Runen auf der Rüstung gleichzeitig auf, sodass Boindil geblendet die Augen schließen musste.

Als er wieder etwas erkennen konnte, sah sein Freund aus wie vor seiner Ohnmacht: keine Wunden mehr im Gesicht, die Narbe war verheilt; er hatte sein vertrautes Antlitz, und schwarze Linien gab es ebenfalls keine mehr.

Vorsichtig trat Ingrimmsch an Tungdils Lager. »Was mache ich mit dir, Gelehrter?«, wisperte er und schluckte. »Immer wenn ich denke, dass ich dir vertrauen kann, geschieht etwas, das meine Zweifel nährt.« Er zog einen Schemel heran und entschied, dass es besser war, wenn er die Nacht über Wache hielt.

Dabei konnte er nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob er Tungdil vor etwas beschützte oder die Gruppe vor ihm.

Das Geborgene Land, das einstige Königinnenreich Weyurn, Eingang zum Roten Gebirge, 6492. Sonnenzyklus, Frühling.

Ingrimmsch ritt hinter Tungdil und betrachtete die Hänge des Roten Gebirges. Auch wenn er den Eindruck erweckte, auf die Umgebung zu achten, waren seine Gedanken immer wieder bei der Nacht, in der Tungdil sich für kurze Zeit verändert hatte. Beängstigend verändert hatte...

Sie hatten darüber nicht gesprochen, und ihre Gruppe glaubte das Märchen vom Schwächeanfall. Woran leidet er? An einem Dämon? An einem Fluch? Seitdem sang der Chor der Zweifler wieder laut.

Auf Tungdils Befehl hatten sie den alten Pfad genommen, der sie zu dem schmalen Tal führen würde, das sich auf einen tiefroten Berg zuschlängelte.

Ältere Erinnerungen stiegen in Ingrimmsch auf, als sie auf den Eingang zuritten. Das Tal besaß fünf Biegungen, und an diesen hatten die Ersten damals Befestigungen errichtet, dicke Wälle mit runengesicherten Toren gegen ihre Feinde. Hier waren sie damals vor den Albae Sinthoras und Caphalor geflüchtet, als sie bei den Ersten einen Schmied gesucht und ihn in einer Zwergin gefunden hatten: Balyndis Eisenfinger, die jetzige Königin der Fünften.

Die Bauten von einst waren verschwunden. Heute erstreckten sich hölzerne Palisaden anstatt der Mauern, hinter den Spitzen sah er gelegentlich das Metall von Helmen und Speerklingen aufblitzen; von der Größe her mochten sie zu Schweineschnauzen passen. »Da oben«, Tungdil zeigte zum Roten Gebirge hinauf, »befand sich früher der Zugang.« »Nicht mehr. Er ist zusammen mit der Zwergenfestung verschwunden. Der Drache hat alles eingerissen, was an die Ersten erinnert.« Rodario wies zur Seite. »Hinter dem Steinhaufen gibt es nun eine gewaltige Höhle, wie wir erfahren haben. Einen Durchbruch, den sich der Geschuppte geschaffen hat. Den benutzen die Lohasbrander, um in das Höhlensystem der Zwerge zu gelangen.«

»Es war bestimmt die alte Ausfallpforte«, meinte Ingrimmsch. Er versuchte, die Helme zu zählen, die er sah. »Ich komme nur auf zwanzig Wachen. Schweineschnauzen.«

»Wozu sollten sie auch mehr aufstellen?« Slin ließ den Himmel keinen Herzschlag lang unbeobachtet. »Wer würde sich denn in die Heimat eines Drachen begeben?« »Zwerge«, kam es sofort aus Ingrimmschs Mund. »Unsere Ahnen haben sie damals verjagt, und wir tun es wieder.« Er sah zu Tungdil. »Du willst am helllichten Tag ins Tal reiten?«

»Nein. Die Zhadär sollen unter Beweis stellen, dass sie bei den Albae etwas gelernt haben«, sagte er und richtete sein Auge auf Barskalin. »Ihr werdet die Tore eines nach dem anderen erobern und sie erst öffnen, wenn sämtliche Bewacher tot sind. Findet heraus, wie wir durch den Eingang gelangen können, ohne dass uns der Drache bemerkt.«

»Wenn wir doch seinen Hort ausräumen wollen, wäre es dann nicht klüger, wenn wir uns hineinstehlen würden, anstatt die Orks umzubringen und die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken?«, wandte Rodario ein. »Da wird Lohasbrand schneller angreifen, als uns lieb sein kann.«

»Die Orks werden leise sterben. Es wird dauern, bis man ihren Tod bemerkt.« Tungdil deutete auf Hargorin. »Wir haben uns unterwegs besprochen und sind zur Ansicht gelangt, dass wir uns aufteilen sollten, sobald wir den Hort geplündert haben. Die Zhadär und wir, während Hargorin die Schwadron anführt. Sie werden sich auf einer anderen Route nach Süden begeben, einige von ihnen reiten als Boten in die Zwergenreiche und fordern die Heere an, mit denen wir gegen Lot-Ionan ziehen. Andere reiten zu Aiphatön.« Mit einer Hand zeigte er auf Rodario. »Sie werden seine Briefe an die Nachfahren des Unglaublichen überbringen.«

Gut, dass wir sie getroffen haben. So viele Boten hätten wir gar nicht auf die Schnelle gefunden. Verlässlich werden sie wohl sein. Ingrimmsch war nicht böse, dass sie die Begehrer los waren. »Wir treffen sie an einem bestimmten Umlauf vor dem Blauen Gebirge«, vermutete er laut.