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»Es sind also wirklich albische... Runen?«

»Ja. Auf unseren Rüstungen ausschließlich, und beim Großkönig sind viele darunter, die ich nicht zu lesen vermag«, räumte der Zhadär ein. »Was auf der Hand liegt. Aber sie tragen bis zu einem gewissen Grad etwas Albisches in sich. Und Zwergisches.« Er sah Barskalin, der sich zu ihnen umgedreht hatte, die Augenbrauen wanderten nach unten. »Ich muss noch was tun«, sagte er und stand auf.

»He, nein, warte! Das wusste ich doch schon. Das mit der Erklärung.« Ingrimmsch war enttäuscht, verstand aber, dass er dem Zhadär keine weiteren Geheimnisse mehr entlocken konnte. Immerhin besaß er die Formel, um die Starre zu lösen. Er fragte sich, wie viele Befehle es gab, um die Rüstung des Freundes weitere magische Kunststückchen machen zu lassen, und zwar ganz gleich, ob es dem Träger behagte oder nicht. Er sollte sie wirklich ausziehen, wenn wir gegen Lot-Ionan ziehen. Ich werde es ihm schmackhaft machen, beschloss er.

Er langte nach seiner Trinkflasche und drehte sie auf, ohne sie eines Blickes zu würdigen, während er die Zhadär weiterhin beobachtete. Sie arbeiteten schweigend, schliffen Dolche, wechselten die Rüstungen der Schwarzen Schwadron gegen ihre eigenenaus. Immer wieder hielten sie mit ihrem Tun inne, schlossen die Lider und schienen zu beten, ehe sie fortfuhren.

Seine Lippen legten sich an die Flaschenöffnung, Flüssigkeit schwappte in seinen Mund, und ohne den Geschmack zunächst wahrzunehmen, schluckte Ingrimmsch. Erst dann merkte er, dass es scheußlich und schon gar nicht nach seinem Kräutertee schmeckte, den er sich abgefüllt hatte. Den zweiten Schluck spuckte er auf den sandigen Höhlenboden: Es war eine trübe, rötlich-schwarze Flüssigkeit, die zäh verrann und lange benötigte, bis sie versickerte.

»Was ist denn das?« Ingrimmsch besah die Flasche. Es ist gar nicht meine! Die lag immer noch dort, wo er sie verloren hatte.

Angewiderte spie er ein weiteres Mal aus, dann riss er seine Flasche hoch und spülte sich den Mund aus. Aber der metallische Geschmack, der ihn an Blut und sehr starken Alkohol erinnerte, blieb auf seiner Zunge haften, als sei es Pech.

»Wem gehört die?«, rief er laut und hob die fremde Trinkflasche in die Höhe, nachdem er sie verschraubt hatte.

Der Zhadär, mit dem er sich unterhalten hatte, kam angelaufen. »Meine«, sagte er aufgebracht. »Ich muss sie verloren haben.« Er riss sie an sich, als befände sich darin der beste Wein des Geborgenen Landes.

»Was ist denn drin?«

Der Zhadär wirkte erschrocken. »Wieso? Hast du davon getrunken?«

Etwas in der Stimme warnte Ingrimmsch, auf diese Frage mit Ja zu antworten. Stattdessen zeigte er auf den Fleck im Sand. »Nein. Aber sie war nicht ganz geschlossen, und das, was herausgelaufen ist, sah sehr merkwürdig aus und roch noch seltsamer«, log er und hoffte, dass ihn Vraccas für die Lüge nicht mit einem roten Kopf strafte. »Ein Kräuterlikör?« Er grinste. »Daraus bezieht ihr wohl eure geheimnisvollen Kräfte! Ein Zaubertrunk, was?!«

Der finstere Zwerg neigte sich nach vorne. »Destilliertes Elbenblut«, raunte der Zhadär ihm zu. »Mit fürchterlichen Albae-Zaubern verändert und eingedampft, aufgekocht und mit Branntwein flüssig gemacht.« Dann zog der Zhadär wieder eine Fratze und tat vier verdrehte Lacher, um gleich darauf wieder normal zu wirken.

Ingrimmsch spürte ein Würgen. »Elbenblut«, wiederholte er angeekelt. »Wofür soll das gut sein?« »Unsere Magie«, flötete der Zhadär lediglich. »Unsere Magie.« Daraufhin kehrte er zu seinen Leuten zurück.

»O Vraccas! Was habe ich denn verbrochen, dass du mir solche Dinge antust?«, sagte Ingrimmsch niedergeschlagen und legte die Hand auf den Bauch. »Wer weiß, was das Zeug mit mir anstellt?«

Solange er keinerlei Veränderung bemerkte, würde er sein Missgeschick für sich behalten. Es konnte ja auch sein, dass der verrückte Zhadär ihn reingelegt hatte und es nichts weiter war als... ein Likör.

XIX

Das Geborgene Land, das einstige Königinnenreich Weyurn, Eingang zum Roten Gebirge, 6492. Sonnenzyklus, Frühling.

Nach Einbruch der Dunkelheit begaben sich die Zhadär in den strömenden Regen, und schon nach wenigen Schritten hinaus aus der Höhle waren sie aus dem Blickfeld verschwunden. Sie glitten in die Nacht hinein und schienen sich mit ihr zu verbinden. »Unheimliche Gesellen.« Rodario nickte den Frauen zu. »Ich werde mal in Erfahrung bringen, was Boindil mit dem Zhadär besprochen hat.« Er ging hinüber zu Ingrimmsch. Seine fortlaufende Veränderung war Coira nicht entgangen. Sie beobachtete Rodario, der sich eben mit dem Zwilling unterhielt. Der Mann trug ein Kettenhemd und ein Schwert an seiner Seite. Rasiert hatte er sich seit seiner freiwilligen Offenbarung nicht mehr, sodass ein kurzer Bart in seinem kantig-männlichen Gesicht stand. Zusammen mit seiner veränderten Haltung hatte er nicht mehr das Geringste mit dem Schauspieler gemein, den man als unentwegten Verlierer des Wettbewerbs in Mifurdania kannte. Mallenia wiederum betrachtete die in Träumereien versunkene Maga, die sie als Nebenbuhlerin ansah. Gleichzeitig schalt sie sich, dass sie sich in einen Mann verliebt hatte, den es niemals gegeben hatte. Ihr Herz war einer Theaterrolle verfallen, einem nur scheinbar hilflosen, ungeschickten Mimen, der sich plötzlich als tapfer und schlagkräftig erwies. Das passte nur auf den ersten Blick besser zu Mallenia, die lieber Beschützerin sein wollte. Und dennoch...

Coira seufzte. »Wer hätte das gedacht?«

»Dass er ein echter Mann ist?« Mallenia lachte bitter und schnitt sich Brot ab, um es mit etwas Kernöl zu beträufeln. »Ich bin ebenso überrascht wie Ihr.«

Die Maga langte nach ihrem Trinkbeutel und gönnte sich einen Schluck Wasser. Sie sah der Ido in die Augen. »Wie küsst er?«, fragte sie unvermittelt. »Was?« Beinahe hätte sich Mallenia verschluckt.

Coiras Augen leuchteten, sie war aufgeregt und schlang die Arme um die Knie. »Er hat sich doch einen Kuss gestohlen. Wie hat es sich angefühlt? Erzählt es mir, bitte!« »Ihr seid in ihn verliebt?«

»Mag sein«, gab sie übermütig zurück. »Er wird mich für eine schwärmerische Göre halten, wenn er es herausfindet. Aber das ist mir gleichgültig.«

»Ist er nicht ein wenig zu alt für Euch? Er ist in meinem Alter, etwa dreißig Zyklen, und Ihr habt höchstens zwanzig gesehen.« Mallenia bemerkte selbst, dass ihr Ton missgünstig geworden war.

Coira fiel es ebenfalls auf, und sie sah die Ido erstaunt an. »Höre ich da Eifersucht heraus?«

»Nein«, blaffte sie - und ärgerte sich im nächsten Augenblick darüber. Das war so gut wie ein Eingeständnis. In Liebesdingen war sie leider zu unerfahren. Der Kampf um die Freiheit ihres Landes hatte ihr wenig Raum für derlei Gefühle gelassen. Außer zwei kurzen Ausflügen ins Reich der körperlichen Leidenschaft war nichts gewesen. »Mir scheint, sein Kuss hat bei Euch mehr angerichtet, als Ihr zugeben möchtet«, erwiderte die Maga und stellte den Lederbeutel auf die Erde. Sie strich sich die schwarzen Haare zurück und bändigte sie mit einem Lederband im Nacken. Sie musste grinsen. »Da sitzen wir also, mitten im größten Abenteuer, kurz vor einem Angriff auf einen Drachen, und stellen fest, dass wir den gleichen Mann mögen. Die Götter haben einen absonderlichen Sinn für Humor.«

Zuerst wollte Mallenia abstreiten, doch sie verwarf den Gedanken wieder. Warum sich nicht zu den Gefühlen bekennen? »Ich habe es wesentlich schwerer als Ihr, Coira«, sagte sie. »Mir war nämlich der schusselige Rodario der Siebte lieber.« »Seid froh, dass Ihr ihn nicht so erlebt habt, wie es mir vergönnt war. Ihr hättet ihn erschlagen! Wir können ihn ja fragen, ob er den einen Umlauf Euer niedlicher Tölpel und den nächsten mein verwegener Held sein möchte.« Sie reichte ihr den Trinkbeutel. »Schwören wir, dass wir uns seinetwegen nicht entzweien.«