»Tante«, sagte Hilfy, nachdem Pyanfar sie zur Brücke gerufen und ihr alles erklärt hatte, »ich würde gerne zu ihrem Liegeplatz am Dock gehen. Ich weiß, dass es gefährlich ist, aber mit deiner Erlaubnis würde ich es gern machen.«
Pyanfar legte Hilfy eine Hand auf die Schulter und nickte. »Ich begleite dich«, sagte sie, woraufhin Hilfy sowohl erleichtert als auch erfreut wirkte. »Geran«, sagte Pyanfar dann, nachdem sie sich umgedreht, über den Kom gebeugt und den Rundspruch eingeschaltet hatte. »Geran.«
Die Bestätigung traf ein.
»Geran, übernimm wieder die Wache im Unterdeck-Op! Es sind wieder Nachrichten hereingekommen. Der Kapitän der Sternjäger und zwei Frauen ihrer Besatzung sind tot.
Hilfy und ich werden das Rettungsschiff aufsuchen und die Faha dann mit zu uns an Bord nehmen, wenn es ihnen recht ist. Es hätte keinen Sinn, wenn sie sich mit den Fragen und Formularen der Mahe herumschlagen.«
Nach einer kurzen Verzögerung kam die traurige Bestätigung. »Komm!« sagte Pyanfar dann zu Hilfy, und sie gingen hinaus zum Lift. Hilfys Haltung war ziemlich aufrecht, ihr Gesicht beherrscht… keine guten Nachrichten, wenn man bedachte, dass sie schlafen gegangen war in dem Glauben, die Lage sei besser, als es sich jetzt tatsächlich herausgestellt hatte. Aber zumindest ein Teil der Faha-Besatzung war gerettet worden, und das war mehr, als sie zu Beginn gehofft hatten.
Wieder ein Posten auf der Kif-Rechnung, wenn der Tag ihrer Aufstellung einmal gekommen war. Aber wenn jetzt dort draußen Kif waren — und das konnte gut sein, dass sie am Rand des Systems lauerten und dasselbe Spiel spielten, dass die Stolz ihrerseits bei Urtur gespielt hatte —, dann warteten sie auf einen Augenblick, wo sie im Vorteil waren, wo nicht mehr fünf bewaffnete Mahendo‘sat-Patrouillenschiffe im Raum kreuzten.
Der Rundspruch hatte nicht nur Geran geweckt. Tirun war auf und saß im Op, als sie auf dem Weg zur Schleuse dort vorbeikamen, und auch Geran war da, der die Wache zugewiesen worden war. Chur stand mit Tully auch in der Gegend herum, und der Außenseiter wirkte leicht beunruhigt in diesem ganzen Aufruhr, den er nicht begriff. Von weiter unten im Korridor kam Haral herbeigeeilt. »Ich komme mit, wenn du erlaubst«, sagte sie, und Pyanfar nickte, denn es war ihr durchaus recht. »Kif sind da draußen«, sagte Pyanfar. »Aber ich lasse mich nicht zweimal auf dieselbe Art fangen.«
»Gebt acht!« wünschte ihnen Tirun, als sie gingen, und in der Luftschleuse zögerte Pyanfar, während Haral die äußere Luke öffnete, um sich die Pistole aus deren sicherem Aufbewahrungsort im Schließfach neben dem Kom zu holen und sie sich in die Tasche zu stecken.
»Wir kommen an keinen Detektoren vorbei«, sagte sie. »Los geht‘s!«
Die Luke blieb hinter ihnen offen; sie gingen den gerippten Rampengang hinaus aufs Dock.
Maschinen heulten links von ihnen; die Mondaufgang war noch mit der Entladung beschäftigt und Container kamen heraus in die Hände von Mahendo‘sat-Dockarbeitern, nicht in die einer Hani-Besatzung.
»Vielleicht sind sie auch weg, um die Faha zu treffen«, mutmaßte Pyanfar, als sie das völlige Fehlen einer Hani-Überwacherin vor dem Schiff bemerkte. Eine höfliche Geste, die zu erwarten gewesen war; die Politik blieb abseits, wenn ein Hani-Schiff verunglückte.
»Nicht viel los«, meinte Haral.
Das traf zu. Wo normalerweise die gewaltigen Docks einen regen Fußgängerverkehr die Krümmung hinauf und hinab aufgewiesen hätten, gab es jetzt nicht einmal mehr gelegentliche Passanten, und die Aktivitäten bei der Mondaufgang waren die einzig erwähnenswerten in Sichtweite. Dockarbeiter, Wartungspersonal und Mahe, die in speziellem Auftrag unterwegs waren, blieben stehen und starrten sie im Vorbeigehen an und hinter ihnen her. Stsho drängten sich an den Eingängen ihrer Schiffe und flüsterten miteinander. Auch die Kif waren draußen, wie zu erwarten gewesen war, bildeten eine Traube nahe dem Zugang zu einem ihrer Schiffe — ganze acht von ihnen, die bei ihren Containern herumlungerten und den Hani knackende Beleidigungen nachriefen.
Und bei einer dieser Unverschämtheiten zuckten Pyanfars Ohren; sie unterbrach ein instinktives Herumfahren und versuchte den Anschein zu erwecken, sie hätte nicht gehört oder nicht verstanden. Er weiß Bescheid, Hani-Diebin. Wie viele Schiffe willst du noch in den Untergang treiben?
»Käpt‘n…«, murrte Haral, und auch Hilfy machte Anstalten, sich umzudrehen. »Nach vorn, Götter!« zischte Pyanfar und packte Hilfy am Arm. »Was willst du hier anfangen und mit welchen Chancen?«
»Was machen wir denn?« fragte Hilfy, die gehorsam zwischen ihnen einherging. »Woher kann er etwas wissen?«
»Weil eines dieser Kif-Schiffe seins ist, Kleine; es kam von Kita hierher, und jetzt hat dieser Akukkakk noch weitere Schiffe dazu verpflichtet, ihm zu helfen. Sie werden sich von hier aus verstreuen wie Sporen, sobald wir ablegen, und die Götter mögen uns helfen; wir sitzen hier fest, bis die Reparaturen fertig sind.«
»Es ist so gut wie sicher, dass sie die Sternjäger erledigt haben. Ich möchte…«
»Wir möchten alle gern, aber wir haben mehr Verstand. Komm weiter!«
»Wenn sie uns auf dem Dock erwischen…«
»Umso mehr Grund haben wir, die Überlebenden an Bord zu bekommen und abzulegen. Ich fürchte, du wirst auch hier nicht frei umherschweifen können, Kleine.«
»Schätze, ich komme auch ohne das aus«, brummte Hilfy. Sie gingen weiter zwischen den Verladebrücken einher und vorbei an untätigen Schiffsbesatzungen bis zum Liegeplatz Zweiundfünfzig, wo sich ein Übermaß an Passanten versammelt hatte, eine dunkle Menge Mahendo‘sat mit glatten Petzen, hochgewachsene Körper, die es schwierig machten, jetzt irgend etwas zu erkennen. Medizinisches Personal befand sich darunter, ebenso Stationsbeamte, die man an ihren auffälligen Kragen und Kilts erkennen konnte.
Und Hani, ganz eindeutig. Als sie sich mit den Ellbogen durch die Menge schob, erspähte Pyanfar bronzene Mähnen und glitzernde Edelsteine an einem Hani-Ohr, und sie hielt mit Haral und Hilfy hinter sich auf diese Gruppe zu.
»Höchste Zeit, dass du dich blicken lässt«, sagte Dur Tahar bei ihrer Ankunft.
»Kümmer dich um deinen eigenen Kram!« sagte Pyanfar. »Meine Nichte hier ist eine Faha.«
Dur Tahar ließ den Blick kurz und ohne Kommentar in diese Richtung gehen. »Die Hasatso ist jeden Moment fällig«, sagte sie.
»Ein paar Kif versammeln sich unten auf dem Dock. Ich würde darauf achtgeben, wenn ich du wäre.«
»Dein Problem.«
»Nur eine Warnung.«
»Wenn du etwas anfängst, Chanur, dann warte nicht auf unsere Hilfe.«
»Verdammt, du ermutigst mich wirklich nicht, höflich zu sein.«
»Ich brauche deine Höflichkeit nicht.«
»Eine gegenseitige Gefährdung, Tahar.«
»Was, du bittest um Gefallen?«
Die Krallen zuckten. »Um deinen Verstand, verflixt!«
»Ich werde darüber nachdenken.«
Die Hasatso legte an; Verschlüsse und Greifer krachten.
Gerüste glitten herauf, und Mannschaften öffneten eine nach der anderen die Stationsluken für das Schiff, stellten Kabelverbindungen her und begannen mit dem Ausfahren des Rampengangs zur Schiffsschleuse. Für die Zuschauerreihen war das alles ein qualvoll langsamer Vorgang, und nur die Mahendo‘sat ergriffen die Gelegenheit zum Schwatzen.
Und endlich kündigte ein fernes Wimmern und dumpfes Pochen das Öffnen der Luke des Frachters an, der erste Vorgang in der ganzen Prozedur. Die Station erwiderte die Maßnahme, und die Mahe-Besatzung begleitete vier Hani aus dem Schiff heraus; erschöpfte Hani, eine mit bandagiertem und an die Brust gebundenem Arm. Alle machten sie den Eindruck, als ob es eine große Leistung wäre, überhaupt noch zu gehen.