»Ein Kurier ist da«, krachte Churs Stimme über Kom vom Unterdeck in die Stille auf der Brücke herein.
»Fragt nach dem Band, Käpt‘n.«
»Frag den Kurier nach dem Abschluss der Reparaturen!« entgegnete Pyanfar.
Eine Verzögerung.
»Der Kurier sagt, innerhalb einer Stunde, Käpt‘n.«
»Verstanden.« Pyanfars Atem beruhigte sich. Sie blickte nach links, wo sie das von ihr vorbereitete Band hingelegt hatte, streckte die Hand aus, steckte die Kassette in die Tasche und eilte in solcher Hast zum Lift nach unten, dass sie erst dort drin wieder daran dachte, worum sie eigentlich zu verhandeln gedachte; weg von hier, war alles, woran sie denken konnte, und das Band war ein Mittel, um freizukommen, und die Erledigung der ganzen grässlichen Notwendigkeit war etwas, das getan zu haben sie nur allzu glücklich machte, um die Stolz von den Mahendo‘sat freizubekommen und sich wieder auf den Weg machen zu können.
Aber unten war Hilfy — plötzlich fiel ihr das wieder ein. Der Lift hielt an, die Tür ging auf, und sie zögerte einen halben Herzschlag lang, bevor sie hinausging, holte tief all die Luft, die sie nur zu gern dem Mahe gegenüber wegen der Verzögerung verbraucht hätte, aber als sie hinausschritt, war sie des Atems und des Zornes, den sie loswerden wollte, doch ziemlich beraubt.
Tully. Ihr Götter, auch Tully war im Op, neben dem Korridor, wo jeder Besucher des Schiffes, der nicht nur auf die Luftschleuse beschränkt blieb, selbstverständlich hingebracht wurde.
Sie umrundete die Ecke und fand tatsächlich eine Versammlung vor — eine würdevoll aussehende Mahe mit juwelenbesetztem Kragen und Kilt, einen Mahe-Diener sowie Haral, Hilfy und Tirun. Sie trat zu der Gruppe, sich plötzlich ihrer formlosen Kleidung bewusst, runzelte die Stirn und richtete sich zu ihrer ganzen Größe auf — nicht allzu groß für die Augen von Mahendo‘sat.
»Böser Schlamassel«, fauchte die Höherrangige der beiden Mahe sie an. »Sie verursachen großen Ärger, Hani. Wir trotzdem wiederherstellen Schiff.«
Die ›Stimme‹ des Stationsmeisters, voller Beschuldigungen und Großtuerei. Die ›Stimme‹ betrachtete Pyanfar voller erhabenem Hochmut von oben bis unten — Juwelengeschmückt und parfümiert. Pyanfar bog die Krallen und drehte sich mit Bedacht und noch erhabenerer Kühle zu den eigenen Leuten um. »Tully. Wo steckt Tully? Ist er noch im…«
»Sie gefährden die Station«, schimpfte die ›Stimme‹ pflichtgemäß. »Große Schwierigkeiten mit Tc‘a; Kidnapping und Erpressung von Knnn-Bastarde. Sie wollen mitnehmen Raumanzug, den Knnn mitgebracht haben zum Austausch gegen guten Tc‘a-Bürger, hah? Ihr Name stehen dran, Hani. Chanurs Stolz, deutliche Buchstaben.«
»Tully! Beweg dein dreckiges Fell und komm raus! Sofort!«
»Sie kommen nicht mehr zur Station, die Knnn, nein, bedeuten Navigationsgefahren für ganzes System. Alles durcheinander. Bergbau hat aufgehört. Handel steht still. Knnn aufgebracht; nehmen Kif-Eigentum, Kif aufgebracht; Tc‘a entführt, Tc‘a aufgebracht; Kampf gegen Stsho-Station, Stsho machen Anklage; Hani nicht sprechen mit Ihnen — warum wir verhandeln mit Ihnen, Hani, a?«
Tully kam, von Churbegleitet, aus dem Op-Raum. Er hatte sein neues stshogefertigtes Hemd an, aus weißer Seide und mit blauen Säumen — sah vollkommen zivilisiert aus und nicht wenig beunruhigt durch das Geschrei. »Die Papiere, Tully«, sagte Pyanfar. »Zeig sie dieser freundlichen Mahe!«
Er fischte in seiner Hosentasche nach der Mappe, Angst in den blassen Augen.
»Ich brauchen nicht verfluchte Papier«, grollte die ›Stimme‹. Tully hielt sie trotzdem in der Hand und klappte sie vor der Mahe auf, die sie beiseite stieß.
»Sie haben sie selbst ausgegeben«, sagte Pyanfar. »Eigentum der Kif. Eigentum der Kif, sagen Sie. Sie sehen dieses feine, ehrbare und dokumentierte Mitglied einer zivilisierten und intelligenten raumfahrenden Rasse und reden trotzdem über ihn als Eigentum der Kif?
Schande über Sie! Ich fordere Sie auf, erklären Sie ihm in Ihren eigenen Worten, erklären sie das mit dem Eigentum!«
Die ›Stimme‹ ließ die Ohren hängen und blickte zu ihrem Diener, der ihr ein Duftfläschchen reichte. Mit kunstvoller Umständlichkeit öffnete die ›Stimme‹ es und inhalierte, sammelte sich dabei innerlich wieder. Als sie dann wieder auf die Hani herabschaute, war ihr Gesicht leidlich mild.
»Die Bänder«, sagte sie. »Die Bänder von Ihnen angeboten gleichen einiges der Schäden aus.«
»Alle Schäden. Keine Bußgelder, keine Anklage, keine Beschwerden.«
»Sternjäger-Rettung.«
»Eine eigenständige Angelegenheit. Chanur und Faha werden zusammen dafür gerade stehen, sobald wir zu Hause sind. Fragen Sie den Kapitän des Rettungsschiffes, er hat meine Garantie dafür, die seine Verluste übersteigt. Die Sache ist bereinigt.«
Die ›Stimme‹ dachte kurz nach und nickte. »Das Band!« sagte sie und streckte die Hand aus. »Das geben, Reparaturen beendet. Gewähren Ihnen Geleitschutz. Fairer Handel, Chanur.«
Pyanfar holte das Band aus der Tasche, spürte ungewohnte Wärme um die Ohren herum, blickte zur Seite auf Tully und drückte ihm die Kassette in die Hand. »Du überreichst es! Deines.«
Hilfy öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn wieder. Tully schaute auf die Kassette hinab, dann auf die ›Stimme‹ und streckte ihr das Band zögernd hin. »Freund«, sagte er auf Hani. »Freund für Mahe.«
Die dunkel bepelzte Hand schloss sich um die Kassette. Die ›Stimme‹ legte die Ohren zurück und schürzte nachdenklich die Lippen. Tully hatte die Hand weiterhin ausgestreckt — seine Gesten hatten stets etwas mit Berührung zu tun — und ließ sie auch. Langsam streckte auch die Mahe, deren Berufung fremdes Protokoll war, die Hand aus, erduldete lahm Tullys Berührung und nahm die Hand ohne sichtbares Zusammenzucken zurück… alles jedoch mit einer niedergedrückten Ruhe, die ihr gar nicht ähnlich sah. In leichter Andeutung von Höflichkeit senkte sie den Kopf. »Ich überbringe dein Wort«, sagte sie.
Und mit gerunzelter Stirn und einem kurzen Blick auf Pyanfar: »Ablegen in einer Stunde; verbindlich. Die Kirdu-Station gewährt Ihnen jede mögliche Hilfe. Bitten Sie geben uns Lage von Heimatwelt dieses guten Burschen — Gefahr, dass Sie untergehen, er, alles, auf dieser Reise.«
»Die Lage, die wir im Moment vermuten, ist jenseits des Kif-Raumes. Wir hatten noch nicht die Zeit, es exakt herauszufinden, Verehrte.«
»Dumm«, sagte die ›Stimme‹ mit ihrer standesgemäßen Unverschämtheit.
»Unser unglücklicher Freund wurde von den Kif elenden Umständen ausgeliefert; verwundet, nicht dumm — zu schlau, um ohne Verständnis der Dinge etwas zu sagen. Jetzt haben wir nicht genug Zeit. Helfen Sie uns, von hier wegzukommen, und wir werden die Kif früher oder später erledigen!«
»Dieser Hakkikt… Akukkakk. Wir kennen ihn. Schlimmes Problem, Chanur-Kapitän.«
»Was wissen Sie?« fragte Pyanfar, plötzlich und nicht zum erstenmal voller Argwohn gegen jeden Mahe auf Kirdu. »Was wissen Sie über diesen Kif?«
»Sie legen in einer Stunde ab. Die Gleiter werden jetzt abgezogen. Sie machen gute und schnelle Reise, Chanur-Kapitän.«
»Was wissen Sie über diesen Kif?«
»Gute Reise«, wünschte die ›Stimme‹, verbeugte sich einmal vor allen, sammelte ihren Diener ein und marschierte zur Luftschleuse.
»Geh!« sagte Pyanfar verdrossen und schickte mit einem Wink Haral hinter der ›Stimme‹ und ihrem Begleiter her. Sie sah sich zu Hilfy um, deren Ohren sich etwas gesenkt hatten; und auch zu Tirun und Chur und Tully. Tully sah unruhig aus. »Gut«, sagte Pyanfar zu ihm und tätschelte seinen Arm. »Guter Schachzug, dieses ›Freund‹. Du hast ihr die Bürde zugeschoben, weißt du das? Das war die ›Stimme‹, die zur und für die ›Persönlichkeit‹ selbst spricht, den Stationsmeister von Kirdu. Und, bei den Göttern, du hast es geschafft, mein guter und gesitteter Außenseiter, du hast die Sache dem Stationsmeister direkt in den Schoß geworfen.«