»Das sind Eisbader«, kommentierte Rossi. »Sie kommen jeden Samstag hierher zum Feiern. Sie werden noch baden, du wirst sehen.«
Nach den Eisbadern fuhren wir noch rund einen Kilometer und hielten an einem verschneiten Holzpavillon mit Tisch und Bänken, alles aus echtem Holz. Etwas weiter zum Wald hin stand das Häuschen einer Biotoilette. Hier war es menschenleer, nur unberührte Natur!
»Hier bleiben wir«, meinte Rosi und fuhr näher an den Pavillon heran. »Hier waren wir letzten Frühling und kamen in ein Gewitter. Erinnerst du dich, wie du die Angelrute verloren hattest, du Träumer?«
Dieses Mal fand Rossi eine Erwiderung: »Ja, ich erinnere mich gut! Das war doch, als eine Heulsuse von einer Biene gestochen wurde und der ganze See voller Geschrei war?«
Rosi verstummte.
Wir packten aus und zogen unsere Taschen unter das Vordach. Am Eingang standen Besen und wir fegten den Schnee von Tisch, Bänken und Boden nach draußen. Rosi wickelte geschickt Plastikgardinen aus, befestigte sie und schirmte dadurch den Pavillon vor dem Wind ab. Danach warf sie einige Heizbriketts in den Ofen und entzünde sie mit speziellen Zündhölzern für Touristen.
»Rosi ist unser Überlebensspezialist«, bemerkte Rossi. Dieses Mal ohne jegliche Häme, sondern mit Stolz auf seine Schwester. »Mit ihr würdest du im Wald nicht umkommen.«
»In einer halben Stunde können wir die Jacken ausziehen!«, erklärte Rosi stolz, »aber jetzt lasse ich euch Jungs für einen Moment allein.«
Sie ging zur Toilette, und Rossi und ich fingen an, die Lebensmittel auf dem Tisch auszubreiten, den tragbaren Fernseher einzustellen und Geschirr und Besteck auszupacken. Rosi und Rossi hatten sich gut vorbereitet und nichts vergessen. Man hätte auch für Lion eine Arbeit finden können, aber dann hätte man ihm jedes Mal eine Aufgabe stellen müssen.
»Wir sind wie die Erstbesiedler«, meinte Rossi, »wie die Pioniere, die den Avalon bezwungen haben! Mit Lasergewehren in den Händen und einer Auswahl von Biokulturen im Reagenzglas — gegen die ganze wilde und feindliche Welt!«
Dieser Satz stammte bestimmt aus einem Lehrbuch und nicht von ihm. Er war viel zu hochgestochen. Rossi vergaß ihn aber augenblicklich und sorgte sich:
»Du kannst die Sandwichs machen. Ich muss noch Mama Bescheid sagen, dass wir gut angekommen sind. Das Telefon ist im Auto!«
Ich legte die Sandwichs in die Mikrowelle, stellte auf Erhitzen und verfolgte, wie Rossi schnell hüpfend durch den Schnee zum Auto rannte. Er ist zwar oft gemein, aber im Großen und Ganzen in Ordnung.
Ich fühlte mich jetzt sehr wohl. Es gelang mir sogar, die Sache mit dem Schlangenschwert zu verdrängen, wegen der mich früher oder später Unannehmlichkeiten erwarten würden.
»Lion, möchtest du essen?«, fragte ich.
»Ja«, antwortete er, »ein Sandwich.«
Das war doch etwas Neues! Früher hätte ich Lion noch eine zusätzliche Frage stellen müssen, was genau er möchte!
»Nimm!«, sagte ich und reichte ihm ein Sandwich mit Schinken.
Er nahm ihn, fing aber nicht an zu essen.
»Möchtest du ein anderes?«, fragte ich.
»Ja. Mit Käse.«
Ich stürzte dermaßen schnell zur Mikrowelle, dass ich fast hinfiel. Ich holte ein Sandwich mit Käse. Es zischte vor Hitze und war mit einer geschmolzenen Käsekruste bedeckt. Das mit Schinken nahm ich mir.
»Lion, dir geht es schon besser! Wirklich besser, das merke ich!«, beschwor ich ihn.
Aber er wirkte wieder, als ob ihm eine Kapuze übergestülpt worden wäre. Schweigend begann er sein Sandwich zu kauen. In dem Moment kehrten Rosi und Rossi zurück.
»Aha, das Essen ist fertig!«, rief Rossi und steckte das Telefon in die Jackentasche. »Das ist Klasse. Tikkirej, rück das Bier raus!«
»Ist es nicht zu früh?«, fragte ich.
Rosi protestierte:
»Du willst doch nicht, dass ich mich betrunken hinters Lenkrad setze?!«
Ich fing nicht an zu diskutieren und gab jedem eine Flasche Bier. Im Pavillon wurde es schon wärmer, wir knöpften unsere Jacken auf und Rossi öffnete den Reißverschluss seiner Kombination.
»Tikkirej, stimmt es, dass du extern die Schule beenden möchtest?«, wollte Rosi wissen.
»Ja«, erwiderte ich, »ich habe mir ausgerechnet, dass ich in drei Jahren den gesamten Mindestkurs absolvieren könnte.«
»Lern lieber regulär«, schlug Rossi vor, »mit uns zusammen. Warum hast du es so eilig?«
Ich zuckte mit den Schultern. Wie sollte ich ihnen auch erklären, dass es für mich lächerlich war, mit ihnen zusammen zum Unterricht zu gehen und einem Lehrer zuzuhören, um dann in ein Rüstungslabor arbeiten zu gehen und einen Haushalt zu führen? Ich würde nie mehr so werden können wie sie.
»Es ist schwer, gleichzeitig zu lernen und zu arbeiten«, äußerte ich, »was ist daran so schwer zu verstehen? Ihr könnt doch auch extern die Schule beenden.«
»In der Schule ist es interessant«, meinte Rossi, »du machst einen Fehler. Es ist interessant und du hast keine unnötige Verantwortung.«
»Kann schon sein«, stimmte ich zu.
Wir diskutierten noch eine Weile, doch unlustig. Im Grunde hatten sie mich verstanden, wollten aber einfach nicht, dass ich sie verließ.
»Du müsstest eine Pilotenausbildung machen«, schlug Rossi vor, »Papa sagte neulich, dass du ein guter Pilot sein würdest, weil du ein Modul warst. Das bedeutet, dass du dich ihnen gegenüber human benehmen würdest. Das wiederum wäre sehr nützlich für die soziale Harmonie in der Gesellschaft.«
Mich erfasste eine stille Wehmut. Als Stasj mich überredete, parallel zur Arbeit in eine normale Schule zu gehen, argumentierte er, dass »der Umgang mit Gleichaltrigen meiner harmonischen Entwicklung zugutekommen würde«. Ich richtete mich danach, war jedoch nicht damit einverstanden. Und jetzt erfasste mich dasselbe Gefühclass="underline" Eigentlich ist alles richtig, aber…
Ich wollte nämlich nicht Pilot werden und mich den Modulen gegenüber »human« verhalten. Denn es war ja trotzdem gemein, Menschen zu gestatten, zu schweigsamen Zombies zu werden. Pilot könnte ich höchstens auf einem superkleinen Raumschiff werden wie bei den Phagen. Aber solche Raumschiffe gab es kaum.
»Kommt, wir schlittern auf dem Eis!«, schlug Rossi vor.
»Bist du verrückt, das Auto bricht durch!«, entsetzte sich Rosi. »Das Eis ist dünn!«
»Doch nicht mit dem Auto, nur wir!«
Rosi zuckte mit den Schultern.
»Kommst du mit, Tikkirej?«
»Gehen wir«, stimmte ich zu. Ich war noch nie auf Eis geschlittert. Das würde bestimmt lustig.
Wir zogen den Vorhang hinter uns zu und stürmten aus dem Pavillon.
Lion führte ich an der Hand, damit ich ihm nicht ewig alles erklären musste.
»Hurra!«, rief Rossi und warf die leere Bierflasche zur Seite. Er nahm Anlauf, sprang mit einem Jauchzer auf das mit Schnee bedeckte Eis und schlitterte. Ich schaute aufmerksam zu, um mir zu merken, wie das gemacht wurde.
Es sah alles sehr leicht aus.
Zuerst der Anlauf, dann aufs Eis — und dann die Beine gerade halten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Bestimmt würde es schwerer sein, auf dem Eis wieder Anlauf zu nehmen. Aha, so funktionierte es also: Rossi machte kleine Schritte, hob die Füße, und dann sah es aus, als würde er nach vorn springen.
Rosi stürmte nach vorn, ihrem Bruder hinterher. Sie verlor das Gleichgewicht, fiel hin und rutschte auf dem Hinterteil weiter, wobei sie lachte und sich drehte.
»Lion, bleib hier stehen«, bat ich. Ich nahm Anlauf und begab mich ebenfalls aufs Eis.
Es war gar nicht so schwer und machte wirklich Spaß. Ich erinnerte mich, dass es in der Stadt eine Schlittschuhbahn gab und man dort auf dem Eis mit speziellen Geräten, den Schlittschuhen, fuhr. Ich sollte einmal dorthin gehen, denn es klappte prima.
Und schon knallte ich ebenfalls auf den Rücken, rutschte mit den Beinen voran und traf den lachenden Rossi. Rosi, die bereits aufgestanden war, lachte fröhlich über uns.
»Oh, entschuldige«, sagte ich.
»Macht nichts!« Rossi stellte sich auf Hände und Füße und stand auf. Sein Rücken hatte den ganzen Schnee vom Eis gefegt, und ich bemerkte, dass das Eis durchsichtig war. Sogar den Grund konnte man sehen!