»He, schau mal!«, rief ich aus.
Rossi schaute nach unten und seine Fröhlichkeit verflog sofort. Vorsichtig ging er zurück auf die zugeschneite Fläche.
»Was machst du?«, wollte ich wissen. Ich streckte mich auf dem Eis aus und schaute mir die Unterwasserwelt an. Vielleicht konnte man sogar Fische sehen?
»Das Eis ist total dünn«, meinte Rossi schuldbewusst, »weißt du… Es ist bestimmt gefährlich, zu schlittern.«
Rosi schlitterte geschickt auf uns zu. Sie rief:
»Was steht ihr da herum?«
»Rosi, schau doch, das Eis ist ganz dünn!« Rossi zeigte mit der Fußspitze auf die gesäuberte Fläche. Sofort schrie er auf, sprang zur Seite und rief: »Das Eis unter meinen Füßen hat geknackt! Weg hier!«
»Hör auf«, sagte Rosi ungläubig. »Tikkirej, du hast doch wohl keine Angst?«
»Nein«, erwiderte ich. Ich konnte gar nicht verstehen, wovor man Angst haben sollte. Wenn wir auf dem Eis schlittern und es nicht bricht, was sollte sich da auf einmal verändert haben?
»Siehst du, er hat keine Angst!«, stellte Rosi fest.
»Er versteht es einfach nicht«, Rossi wurde immer panischer. »Erinnerst du dich, Mama hat erzählt, wie ein Klassenkamerad ertrunken ist, als sie ein Kind war? Er ist eingebrochen und ertrunken!«
Ich begann mich aufzurichten.
Rosi meinte genervt: »Das Eis ist doch fest, es ist fest!« Und sprang einige Male auf und ab.
Rossi verstummte und zog seinen Kopf ein.
Ich erstarrte auf allen vieren, weil ich ein leichtes Knacksen spürte.
Rosi hörte es sicher nicht.
»Siehst du?«, fragte sie und sprang noch einmal.
Unmittelbar unter ihren Füßen zog sich plötzlich ein dünner, sich verzweigender Riss durchs Eis. Rosi sprang mit einem Aufschrei zur Seite und rannte zum Ufer.
Ich aber stand nach wie vor auf allen vieren und schaute gebannt auf den Zickzack, der auf mich zukam. Der Riss wurde immer breiter, und es war zu sehen, dass das Eis nur vier Zentimeter dick war. Darunter sah man schwarzes, dampfendes Wasser.
»Tikkirej, lauf!«, rief Rossi und wandte sich ebenfalls dem Ufer zu.
Laufen konnte ich schon nicht mehr. Der Riss verlief gerade unter mir. Die Hände waren auf der einen Seite, die Füße auf der anderen. Und der Spalt wurde langsam breiter.
»Tikkirej, was machst du?«
Rosi stand schon am Ufer ungefähr zwanzig Meter entfernt von mir. »Steh auf!«
»Wie?«, rief ich als Antwort. Ich hatte kein bisschen Angst, aber mir war durchaus bewusst, dass ich nicht aufstehen konnte. Ich bog mich jetzt als Brücke über den Riss, der bereits vierzig Zentimeter breit war.
Und er wurde immer größer.
»Rossi, Rossi, lass dir irgendetwas einfallen!«, schrie Rosi.
Ich sah, dass Rossi vorsichtig aufs Eis trat, auf mich zukam — und sofort wieder umkehrte, weil das Eis unter seinen Füßen zu reißen begann.
»Tikkirej!«, rief Rosi.
Mir dämmerte, dass ich ins Wasser springen musste. Was für ein Pech! Aber wenn ich ins Wasser springen würde, könnte ich danach leicht aufs Eis krabbeln und ans Ufer gelangen. Ich würde meine Sachen trocknen, aber trotzdem könnte ich mich erkälten und krank werden, aber einen anderen Ausweg gab es nicht.
»Leute, ich springe ins Wasser!«, schrie ich, »dann krabble ich heraus!«
»Mach das nicht!«, rief Rossi.
Aber ich war schon gesprungen.
Oi…
Das Wasser schien — zum Verbrühen! Alle Achtung! Dass die Eisbader darin baden können! Mir verschlug es den Atem, ich tauchte mit dem Kopf unter, kam wieder nach oben und stieß schmerzhaft mit der Schulter ans Eis.
»Tikkirej!«
»Gleich«, murmelte ich atemlos.
Das Wasser kam mir nicht mehr heiß vor, sondern wurde betäubend kalt.
Ich hielt mich am Eisrand fest, zog mich hoch und hievte den Körper aus dem Wasser. Zuerst ging alles gut, ich war bereits bis zum Gürtel aus dem Wasser und spürte, wie der Wind meine nassen Haare kühlte.
Dann jedoch knackte das Eis unter meinen Händen, brach ab und ich tauchte wieder unter!
Jetzt bekam ich Angst. Ich realisierte, was passiert war: Ich war mit Müh und Not halb aus dem Wasser gekommen, doch mein Körper war zu schwer für das Eis und es brach.
Was sollte ich jetzt nur machen? Wie kam ich hier heraus?
»Leute, helft!«, schrie ich.
Rosi stand schweigend am Ufer, fasste sich an den Kopf und erstarrte. Rossi dagegen rannte hin und her, lief zum Jeep, kam dann zusammenhangslos stammelnd wieder zurück.
Lion ging schweigend nach vorn.
»Bleib stehen!«, schrie ich. »Lion, bleib stehen, beweg dich nicht!«
Natürlich blieb er nicht stehen. Das würde mir gerade noch fehlen, dass auch er einbrach!
Ich begann vorsichtig, mich seitlich aufs Eis zu schieben. So, dass die Kontaktfläche größer war. Und das wäre mir fast gelungen — ich war sogar vollständig draußen!
Aber die Eisfläche brach ab.
Wieder tauchte ich mit dem Kopf unter Wasser, kam an die Oberfläche…
Erschreckt stellte ich fest, dass mein Körper sich weigerte, auf mich zu hören.
Bestimmt vor Kälte. Vielleicht aber auch vor Angst.
»Ich will nicht…«, flüsterte ich, »ich will nicht…«
Etwas bewegte sich an meinem rechten Arm. Mein nasser Pulloverärmel wurde hochgeschoben und ein silbernes Band schoss nach vorne. Es krallte sich einen Meter vom Rand ins Eis.
Die Schlange!
Ich wusste nicht, über welche Reflexe sie verfügte, vielleicht konnte sie überhaupt keine Ertrinkenden retten, sondern wollte lediglich selbst aus dem eisigen Wasser kommen. Aber sie ließ mich nicht im Stich und ich konnte mich an ihr festhalten. Wenigstens vorläufig.
Sie müssen lediglich ein Seil holen, wurde mir mit einem Mal klar, ein ganz gewöhnliches langes Seil, bestimmt ist eins im Jeep: es mir zuwerfen, ich halte mich daran fest und sie ziehen mich ans Ufer. Das muss ich ihnen sagen.
Aber ich konnte nichts sagen. Es war, als ob mir die Zunge abgestorben wäre. Alles, was ich konnte, war, mich an dem Schlangenschwert festzuhalten und auf das so nahe Ufer zu schauen.
Zu Lion, der auf dem Eis lag und auf mich zukroch.
Das musste ihm einer von ihnen befohlen haben, Rosi oder Rossi. Diese Feiglinge!
Er konnte ja nicht einmal schwimmen!
Lion kroch schnell. Als er nur noch einen Meter von mir entfernt war und seine Hand sich auf den Kopf der Schlange legte, die sich ins Eis gebohrt hatte, nahm ich meine Kräfte zusammen und befahclass="underline"
»Kriech zurück!«
Lion schwieg eine Sekunde und schaute mich an. Dann sagte er sehr ernsthaft: »Halt die Klappe!«
Wenn nicht die Schlange gewesen wäre, hätte ich jetzt die Hand geöffnet und wäre wieder untergetaucht. Vor Überraschung.
»Fass mich an«, sagte Lion und reichte mir seine Hand, »und leg dich aufs Eis. Ganz flach.«
Wie im Schlaf streckte ich ihm meine Hand entgegen, erfasste die seine — und Lion zog mich langsam hinter sich her. Ich konnte mich kaum bewegen, blieb aber auf der Oberfläche liegen.
Und hier half mir die Schlange. Ich habe keine Ahnung, wie sie sich am Eis festhielt, wie sie sich ins Eis bohrte — aber sie zog mich genau so, wie es nötig war: stetig und kräftig.
Dann lag ich ganz auf dem Eis. Mit den Schuhspitzen hing ich noch im Wasser, aber das Eis hielt mich.
»Kriechen wir los«, sagte Lion, »schneller.«
Schneller konnte ich nicht. Aber wir kamen trotzdem vorwärts — weiter und weiter, weg von der Einbruchstelle. Die Schlange half mir auf den ersten Metern und zog sich dann in den Ärmel zurück.
Wir krochen so lange, bis wir an die Beine von Rosi und Rossi stießen. Die Zwillinge standen noch immer am Ufer und hatten Angst, auch nur einen Schritt aufs Eis zu machen — obwohl der See dort bis zum Grund gefroren war.
»Tikkirej…«, sagte Rosi erleichtert und verschmierte ihre Tränen im Gesicht. Sie hielt ein Handy in der Hand — offensichtlich hatte sie Hilfe gerufen. Wenigstens darauf war sie gekommen.
Rossi lief nach wie vor hektisch hin und her. Erst versuchte er näher zu kommen, dann machte er einen Schritt zurück.
Ich wandte mich um und schaute auf Lion. Er atmete heftig und leckte sich die Lippen.