»Und bis dahin war dir der Unterschied nicht bewusst?«, fragte Stasj nach.
»Er war mir bewusst!«, schrie Lion auf, und ich sah plötzlich, dass er Tränen in den Augen hatte. »Ich realisierte es, aber es war überhaupt nicht wichtig. Es war wie im Traum — du verstehst, dass es ein Traum ist, na und? Ich verstand durchaus, was alles real war, aber das bedeutete mir nichts. Und plötzlich änderte sich alles! Als ob ich erwacht wäre.«
»Ruhig, ruhig«, sagte Stasj sanft und legte seine Hand auf Lions Schulter. »Wenn es dir schwerfällt, dann sag nichts.«
»Aber ich habe ja schon alles erzählt«, murmelte Lion. »Absolut alles.«
»Du wirst alles noch einmal erzählen müssen. In allen Einzelheiten. Nicht heute, aber es ist notwendig. Für die Spezialisten.«
Lion nickte.
»Okay, ihr beiden.« Stasj stand auf. »Ich komme morgen früh bei euch vorbei. Jetzt muss ich mit einigen Leuten reden.«
»Stasj, was wird mit mir passieren?«, konnte ich mich nicht zurückhalten und fragte noch einmal.
»Nichts Schlimmes«, sagte der Phag bestimmt. »Garantiert.«
»Habe ich darauf das Wort eines Ritters des Avalon?«, wollte ich wissen.
Stasj schaute mich sehr eigenartig an. Aber er erwiderte: »Ja. Das Wort eines Ritters des Avalon. Ich gebe dir mein Wort darauf, dass mit dir alles in Ordnung kommen wird. Ruht euch aus, Kinder. Und gebt euch Mühe, dass ihr heute nicht noch einmal in ein Fettnäpfchen tretet.«
Lion begleitete ihn zum Ausgang. Aber als er wiederkam, war ich schon so geschafft, dass ich ihn nur noch mit Müh und Not anschauen konnte.
»Deine Augen fallen zu«, meinte Lion.
»Ja…«, stimmte ich zu, »das kommt vom Alkohol…«, und schlief ein. Es gelang mir nicht, lange zu schlafen. Ich wurde durch das Klingeln des Telefons, das auf dem Tisch stand, geweckt. Lion war offensichtlich ins Schlafzimmer gegangen, ich dagegen auf dem Sofa eingeschlafen. Mein Kopf war nach wie vor schwer, nach Kichern war mir nicht mehr zumute, die Trunkenheit war vergangen.
Ohne Licht zu machen, sprang ich auf, nahm den blinkenden Telefonhörer und meldete mich:
»Hallo!«
»Tikkirej?«
Mir wurde sonderbar zumute. Es war Rossi. Ich schaute nach der Zeit — zwei Uhr nachts.
»Ja«, sagte ich.
»Tikkirej«, er sprach sehr leise, offensichtlich, damit ihn niemand hörte, »wie geht es dir, Tikkirej?«
»Normal«, erwiderte ich. Es war ja wirklich alles in Ordnung.
»Du bist nicht krank geworden?«
»Nein.« Ich kroch zurück unter die Decke, ohne den Hörer aus der Hand zu legen. »Stasj hat mich Alkohol trinken lassen und mich dann von Kopf bis Fuß eingerieben. Zu Hause saß ich eine halbe Stunde in der heißen Wanne und ging dann ins Bett. Und eigentlich schlafe ich schon seit langem.«
Rossi hielt sich nicht damit auf, dass er mich geweckt hatte. Er schwieg eine Weile und fragte danach: »Tikkirej, und wie wird es weitergehen?«
Mir war klar, worum es ihm ging. Aber ich fragte trotzdem.
»Inwiefern?«
»Was soll ich jetzt machen?«, wollte Rossi wissen.
»Hör mal, es ist doch weiter nichts Schlimmes passiert!«, erwiderte ich, »überhaupt nichts! Vielleicht hole ich mir nicht einmal eine Erkältung!«
»Was wird jetzt aus mir?«, wiederholte Rossi.
Eine Weile schwiegen wir uns an. Dann begann er:
»Tikkirej, glaub nicht, dass ich ein Feigling wäre. Ich bin kein Feigling. Wirklich. Nein, sag nichts, hör einfach zu!«
Ich hörte schweigend zu.
»Ich kann mir nicht erklären, was mit mir los war«, sagte Rossi schnell. »Ich wusste doch, was zu tun war, wenn jemand durchs Eis bricht. Verstehst du das? Das hatten wir bereits in der zweiten Klasse in den Überlebensstunden gelernt. Und als du eingebrochen warst, wusste ich genau, was zu tun war. Ich dachte sofort daran, dass man sich auf den Bauch legen und zu dir kriechen, dir ein Seil oder einen Gürtel zuwerfen oder einen Stock hinhalten müsse…«
Er verstummte.
»Rossi… Ist ja gut…«, beruhigte ich ihn. Als ich alles gerade überstanden hatte, glaubte ich, dass ich ihn hassen würde. Ihn und Rosi, und dass ich auf jeden Fall allen erzählen würde, was sie für Feiglinge und Verräter waren.
Jetzt war ich mir dessen bewusst, dass ich es nicht machen würde.
»Ich wusste doch alles«, wiederholte Rossi. Er hatte eine Stimme, als ob er eine ganze Ewigkeit nicht gesprochen hätte, und jetzt erst wieder damit anfing — und es nicht schaffte, die Worte richtig zusammenzufügen. »Tikkirej, versuch es zu begreifen… Ich wusste alles und konnte nichts machen. Ich lief am Ufer entlang und wünschte, dass alles so schnell wie möglich zu Ende ginge. Egal wie. Damit nichts zu tun wäre. Verstehst du das? Selbst wenn du ertrunken wärst! Ich bin ratlos, Tikkirej!«
Er begann leise zu weinen.
»Rossi…«, murmelte ich. »Was soll das. Du bist einfach durcheinandergekommen. Das kann jedem passieren.«
»Das passiert nicht jedem!«, schrie Rossi auf. »Du hast Lion auf Neu-Kuweit nicht im Stich gelassen!«
»Aber Lion ist doch mein Freund«, erwiderte ich.
Und da wurde mir klar, dass ich Rossi eben unbeabsichtigt sehr wehgetan hatte.
»Ich verstehe«, sagte er leise. »Ich wollte wirklich sehr, dass wir Freunde werden, Tikkirej. Ehrlich. Weil du so… besonders bist. Bei uns in der Schule gibt es niemanden… wie dich. Wir können doch jetzt keine Freunde mehr werden, Tikkirej?«
Ich schwieg.
»Es geht nicht«, wiederholte Rossi bitter. »Weil du dich immer daran erinnern wirst, dass ich dich verraten habe. Ich weiß nicht, warum…«
Mir kam in den Sinn, dass diese ganze Misere für mich bereits beendet war. Sich sogar im Gegenteil in Freude verwandelt hatte — weil Lion normal wurde, weil Stasj gekommen war, weil man vielleicht mein Verhalten mit der Schlange verzeihen wird. Aber für Rossi stellte sich alles auf den Kopf. Für immer. Denn sie leben hier gut, und es passiert selten etwas, wobei man eine Heldentat vollbringen könnte. Na, vielleicht keine Heldentat… aber eine gute Tat. Vielleicht wäre die ganze Schule am Ufer hin und her gelaufen und hätte sich nicht entscheiden können, mir zu helfen! Jetzt aber werden alle davon überzeugt sein, dass sie mir auf alle Fälle geholfen hätten, ohne Angst zu haben. Rossi jedoch weiß genau — er hat wie ein Feigling und Verräter gehandelt. Seine Schwester kam wenigstens noch darauf, zu telefonieren und Hilfe zu holen…
»Tikkirej«, sagte Rossi. »Ich habe heute zu Hause ziemlich etwas abgekriegt. Ich und Rosi… Glaub nicht, dass mein Vater so ein… Schluckspecht und Schwätzer ist. Er hat mich heute richtig zur Brust genommen. Nur… mir ist das alles eigentlich auch so klar. Ich brauche keine Erklärungen. Ich würde alles dafür geben, dass du noch einmal durch das Eis brichst und ich dich retten kann!«
Ich dachte, dass ich durchaus nicht noch einmal einbrechen wollte. Sogar wenn man mich retten würde. Stattdessen sagte ich: »Rossi, wenn du erneut in so eine Situation kommst, wirst du alles richtig machen. Auf jeden Fall!«
»Ja, nur für dich bin ich jetzt ein Feind«, äußerte Rossi bitter.
»Nein!«
»Aber auch kein Freund.«
Darauf schwieg ich.
»Wir werden die Schule wechseln«, flüsterte Rossi, »ich habe die Eltern selbst darum gebeten… Sie waren einverstanden.«
»Rossi, das ist nicht nötig. Ich werde niemandem erzählen, was passiert ist!«
»Ich brauche das«, bekräftigte Rossi.
Und mir war klar, dass er Recht hatte. Trotzdem sagte ich: »Rossi, ich bin dir wirklich nicht böse. Und möchte gemeinsam mit euch lernen.«
»Nein, Tikkirej. Das bringt nichts. Hauptsache, du verzeihst mir, ja? Und entschuldige, dass ich dich geweckt habe. Gute Nacht!«
Er beendete das Gespräch.
Ich legte das Telefon auf den Boden neben das Sofa, kuschelte mich ins Kopfkissen und dachte daran, wie gut es jetzt wäre, ein wenig zu jammern und vielleicht sogar richtig loszuheulen.
Wenn jetzt die Eltern in der Nähe wären, die mein Weinen hören könnten und kommen würden, hätte ich das auch gemacht.