»Wir fahren bald«, meinte Stasj. Er dachte fieberhaft nach. »Weißt du… halt noch ein wenig durch. Wenigstens einen Tag.«
»Und dann?«
»Dann wird alles gut. Lion, Tikkirej, zieht euch an. Ihr frühstückt im Auto. Euch beiden steht ein schwerer Tag bevor.« Stasj’ Auto war einigermaßen akzeptabel. Er hatte weder einen coolen Allrad-Jeep noch einen sportlichen »Piranha«, sondern einen großen trägen »Dunaj«. So ein Auto fährt bei uns nur eine dicke und langsame Frau aus der technischen Abteilung.
Aber Stasj schien es wirklich egal zu sein, mit welchem Auto er fuhr.
Ich setzte mich mit Lion nach hinten. Wir schwiegen und versuchten ihn nicht auszufragen. Stasj sprach von allein, größtenteils über alle möglichen Nichtigkeiten. Über Experimente auf dem Gebiet der Gluonen-Energetik, die darauf zielten, neue Raumschiffe zu bauen. Darüber, dass die Existenz von Zeittunneln, die in andere Galaxien führten, theoretisch bewiesen wäre und es Pläne gäbe, sie ausfindig zu machen. Darüber, dass der Imperator einen Erlass über den Wegfall der »Drei-Prozent-Grenze« unterschrieben habe und die Wissenschaftler jetzt in der Lage sein würden, das menschliche Genom wirklich und nicht nur bei Kleinigkeiten zu verbessern. Darüber, dass die Filmaufnahmen des Actionfilms »Der Weise aus Nazareth« über die christliche Religion bald beendet seien und dass in diesem Film alles wirklichkeitsgetreu sein würde: echte Schauspieler, Dekorationen, sogar Spezialeffekte. Es würden keine Computersimulationen vorkommen — alles sei echt! Die Schauspieler würden sogar in Trance versetzt, sodass sie sich nicht in einem Film, sondern in der Wirklichkeit wähnten.
Stasj kann sehr interessant erzählen. Natürlich nur, wenn er will. Jetzt jedoch war mir klar, dass er uns einfach nur ablenken wollte, und deshalb fand ich es überhaupt nicht interessant. Nichts wird sich ändern durch diese Gluonen- Reaktoren, neuen Galaxien und verbesserten Genome. Es ist entschieden wichtiger, was der Rat der Phagen über uns beschließen wird.
Bestimmt hatte Stasj meine Gedanken erraten, denn er verstummte. Schweigend kauten wir unsere Butterbrote zu Ende, tranken unseren Kaffee aus und warteten.
Port Lance ist eine Satellitenstadt von Camelot. Wenn Stasj gewollt hätte, wäre er sogar mit seiner Karre innerhalb von einer Viertelstunde dort gewesen. Stasj jedoch hatte es nicht eilig: Entweder war er in Gedanken oder ihm war eine genaue Zeit vorgegeben. Wir fuhren jedenfalls länger als eine Stunde. Dann kreisten wir noch durch die Stadt, wechselten von den Umgehungsstraßen auf die inneren Verkehrsringe, standen in einigen Staus — es fuhren gerade alle zur Arbeit und die Straßen waren verstopft.
Dann parkte Stasj das Auto vor einem schönen Hochhaus in altertümlichem Stil — mit großen Spiegelfenstern und einem Flyer-Landeplatz auf dem Dach. Hier war ich schon einmal gewesen. Hier befand sich der Hauptsitz der Phagen, der die offizielle Bezeichnung »Institut für experimentelle Soziologie« trägt.
»Was soll ich dem Rat sagen?«, fragte ich, als wir aus dem Auto ausgestiegen waren.
»Wenn du aufgefordert wirst zu sprechen, dann sag die Wahrheit«, erwiderte Stasj schulterzuckend. »Es ist aber nicht sicher, dass du befragt wirst.«
»Und ich?«, interessierte sich Lion.
»Du wirst auf alle Fälle befragt werden«, meinte Stasj. »Mein Rat ist der gleiche, sag die Wahrheit.«
Er besann sich eine Sekunde, danach umarmte er uns. »Es geht nicht einmal darum, Jungs, dass es in der Mehrzahl der Fälle vorteilhaft ist, die Wahrheit zu sagen. Es macht sich niemals bezahlt, die Phagen anzulügen oder ihnen etwas zu verschweigen.«
»Sie fühlen die Lüge«, meinte Lion. Seine Stimme wurde wieder hart und erwachsen.
Stasj schaute ihn aufmerksam an. »Ja, junger Mann. Wir fühlen es.«
Mehr sprachen wir nicht. Wir gingen ins Gebäude — am Eingang stand die Security, aber Stasj zeigte einen Ausweis und wir wurden nicht einmal kontrolliert. Hinter den Türen befand sich eine große Eingangshalle. Ich ging davon aus, dass uns Stasj wie das erste Mal nach rechts führen würde. Dort gab es massenhaft Arbeitszimmer, Büros und einen absolut spitzenmäßigen Wintergarten mit Café. Als sich Stasj um meine Angelegenheiten kümmerte, wartete ich dort drei Stunden und mir war kein bisschen langweilig.
Stasj führte uns zum Fahrstuhlschacht. Nicht etwa zu den allgemein zugänglichen Fahrstühlen, die die ganze Zeit in Bewegung waren, sondern zum Fahrstuhl nur für den Dienstgebrauch, den niemand benutzte.
Das Gebäude hatte ungefähr fünfzig Stockwerke. Als wir jedoch im Fahrstuhl nach oben fuhren, dauerte es entschieden zu lange. Als ob es hier noch weitere fünfzig Stockwerke geben würde, die von außen nicht zu sehen waren. Ich schaute auf Stasj’ Abbild auf der Spiegelwand — er beobachtete uns neugierig.
»Wir fahren nach unten«, meinte ich. »Obwohl es scheint, dass wir nach oben fahren. Hier im Fahrstuhl muss ein Gravitator sein, stimmt’s?«
Stasj lächelte, äußerte sich aber nicht dazu. Und auch sein Lächeln verflog schnell. Er schien das bevorstehende Gespräch im Kopf zu simulieren, prüfte vorab jedes Wort. Irgendetwas schien aber nicht zusammenzupassen, als ob es einen Einwand gäbe, auf den Stasj keine Antwort hatte. Und Stasj fing an, alles aufs Neue zu bedenken…
»Stasj«, sagte ich, »wenn ich wirklich so schuldig bin, dann sollen sie mich ruhig bestrafen. Aber mich nicht zum Karijer zurückschicken, wäre das möglich?«
»Ich habe dir mein Wort gegeben«, erwiderte Stasj. Er sah mich eindringlich an und ergänzte: »Du bist ein sehr verständiger Junge, Tikkirej. Wenn ich nicht an dich glauben würde, dann hätte ich beschlossen, dass du ein sehr gut ausgebildeter Agent wärst.«
»Gibt es etwa Kinderagenten?«, wollte ich wissen.
»Und ob!«, erwiderte Stasj. »Ich selbst arbeite seit meinem zehnten Lebensjahr.«
»Ich bin aber kein Agent«, stellte ich für alle Fälle fest. »Ich bin Tikkirej vom Karijer.«
»Ich habe doch gesagt, dass ich dir glaube«, antwortete Stasj sanft.
Endlich hielt der Fahrstuhl und wir stiegen aus in einen großen und leeren Saal. In seinem Zentrum befand sich ein Wasserbecken mit Springbrunnen, das mit orangefarbenen Gräsern zugewachsen war. Die Springbrunnenfigur erwies sich als Mädchen mit einem Krug in den Händen, aus dem sich das Wasser ergoss. Die Bronzestatue war alt, voller Grünspan, mit Moos und Gräsern bedeckt.
Ich setzte mich auf den Rand des Bassins und planschte mit meinen Händen im Wasser. Fische gab es nicht, obwohl mir das sehr gefallen hätte. Das Wasser an sich war trübe, als ob die Filter im Springbrunnen schlecht funktionieren würden.
Stasj wies mit einer Geste auf die bequemen Sessel an der Wand unter den falschen Fenstern. Die Fenster zeigten den Blick auf die Stadt vom Dach eines Hochhauses aus, ich war aber trotzdem davon überzeugt, dass wir uns unter der Erde befanden.
»Wartet hier, Kinder.«
»Lange?«, fragte ich.
»Wenn ich es wüsste, hätte ich konkretisiert, wie lange zu warten ist«, klärte uns Stasj auf. »Und geht nirgendwohin!«
In der gegenüberliegenden Wand des Saals befand sich eine weitere Fahrstuhltür. Stasj holte den Fahrstuhl und verschwand.
»Hier hätte man zumindest eine Bar einrichten können«, meinte Lion beleidigt. »Dann hätten wir uns mit einem Highball Mut antrinken können.«
»Womit?«, äußerte ich mein Unverständnis.
»Highball. Tja, das ist ein Getränk. Aus Gin Tonic oder Wodka mit Martini.«
»Aha. Das hättest du wohl gern.«
»Übrigens, ich mag Wodka mit Martini«, sagte Lion.
Er machte es sich im Sessel bequem und legte seine Beine auf die Lehne. Er schaute auf das falsche Fenster, schnaufte verächtlich, fand den Schalter und löschte das Bild.
»Das kommt aus den Träumen«, erriet ich.
»Stimmt! Und in der Armee haben wir Wodka bekommen. An Feiertagen Whisky.«
»Na, dann kannst du ja auch im Traum deinen Highball bestellen. Auf dem Avalon ist es nicht üblich, dass Jugendliche Alkohol trinken.«