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Man muss alle Fehler vergeben können. Vielleicht wäre es unmöglichgewesen,zuverzeihen,wennetwas Unwiderrufliches geschehen war. Wenn ich ertrunken wäre oder Lion, als er mich retten wollte.

Ich war aber verpflichtet zu verzeihen. Die Phagen hatten mir ja auch meinen Fehler verziehen.

Ich ging auf das Haus zu, blieb aber stehen, als ich Rossi und seinen Vater sah.

Sie räumten mit großen, knallorange Schaufeln den Schnee vor dem Haus weg. Genauer gesagt hatten sie ihn davor weggeräumt, jetzt spielten sie miteinander und bewarfen sich gegenseitig mit Schnee. Rossi schnaufte, hob die Schaufel und versuchte den Schnee auf seinen Vater zu schütten. William, der genauso schnaufte und leise lachte, wich aus und warf von Zeit zu Zeit Schnee auf Rossi. Als Rossi, ohne darauf zu achten, wohin er den Schnee warf, Schwung holte, kam William von der Seite auf ihn zu, klemmte ihn sich unter den Arm und steckte seinen Kopf in einen Schneehaufen.

Rossi lachte, krabbelte heraus und rief: »Das war gemein!«

Ich trat leise einen Schritt zurück.

»Eins zu null!«, meinte William zufrieden.

Er war also mehr als nur ein Trunkenbold, der Tag und Nacht in allen möglichen Theatern und Literaturcafés herumhing. Er hatte auch seine guten Seiten.

Rossi warf sich jauchzend auf seinen Vater, drängte ihn in den Schnee — mir schien, dass William mit Absicht nachgegeben hatte — und begann ihn mit Schnee zu überschütten. »Ergibst du dich? Na, ergibst du dich?«

Ich entfernte mich weiter.

Was hatte ich eigentlich erwartet? Dass sich Rossi in sein Zimmer einschlösse und grübelte, was er für ein Versager wäre? Oder dass seine Eltern nicht mehr mit ihm sprächen oder ihm die Süßigkeiten entzögen und ihn nicht mehr draußen spielen ließen? Wollte ich das etwa? Kommen und erklären: »Es ist alles in Ordnung, es ist nichts passiert, das kann vorkommen…«

Nein.

Oder hatte ich mir vielleicht doch gerade das ausgemalt?

»Ich ergebe mich!«, rief William. Er hob den Kopf — und hielt inne, als er mich sah. Ich erstarrte. Jetzt zu gehen wäre unklug gewesen. Blitzschnell wandte William seinen Blick von mir ab und wandte sich an Rossi, als ob nichts geschehen wäre:

»Hör mal, du hast Mutter versprochen, ihr zu helfen.«

»Aber…«, murrte Rossi, erhob sich und rieb seine rot gefrorenen Handflächen aneinander. »Wir haben doch noch nicht alles geräumt…«

»Rossi!«, William stand auf und klopfte den Schnee von seinem Sohn. »Erstens hast du es versprochen und zweitens bist du schon ganz durchgefroren. Ich räume den Rest selber weg.«

Rossi diskutierte nicht weiter. Unlustig schlenderte er zum Haus, ohne sich umzusehen und mich zu bemerken.

Ich stand da und wartete.

William kam zu mir: »Guten Morgen, Tikkirej!«

»Guten Tag, William!«, grüßte ich.

William nickte und rieb nachdenklich seine Wange:

»Ja, stimmt. Es ist schon Tag… Ich habe Rossi vorerst weggeschickt. Du hast doch nichts dagegen?«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Komm mit!«

Er legte seine schwere, feste Hand auf meine Schulter. Wir gingen in ein kleines Gartenhäuschen und setzten uns. Die Bänke dort waren warm, es war angenehm, auf ihnen zu sitzen.

»Alles ist ziemlich unglücklich, sehr unglücklich gelaufen.« William schüttelte den Kopf. Nachdenklich holte er ein Zigarrenetui aus der Tasche, nahm einen dünnen Zigarillo heraus und zündete ihn an. »Weißt du, Tikkirej, ich war davon überzeugt, dass ich der Erziehung meiner Kinder ausreichend Zeit widme…«

»Machen Sie sich keine Sorgen«, meinte ich. »Rossi war erschrocken. Das ist doch nicht ungewöhnlich! Es ist ja auch wirklich schrecklich, wenn das Eis bricht.«

William widersprach: »Nein, Tikkirej, du musst mich nicht besänftigen! Das ist meine eigene Verfehlung! Ich habe mich zu sehr meiner Arbeit, meinem Künstlerleben, meiner sozialen Verantwortlichkeit hingegeben. Das ist übrigens eine verbreitete Unzulänglichkeit auf unserem Planeten, Tikkirej. Uns geht es einfach zu gut!«

Er begeisterte sich an jedem Wort, so, als ob er einen Artikel schreiben würde, der ihm gut aus der Feder floss.

»Es ist nicht einmal so, dass Rossi und Rosi schlecht erzogen wären, Tikkirej. Es stimmt, teilweise habe ich ihre Erziehung der Schule überlassen und gedacht, dass Literatur, Theater, Fernsehen ihnen die richtige Lebenseinstellung vermitteln würden. Aber ich habe das Wichtigste vergessen! Ihnen fehlt emotionale Wärme, das Gefühl von Liebe und Geborgenheit. Daher kommt auch dieser peinliche Ausbruch von Feigheit. Seelische Härte…« William machte eine resignierende Handbewegung und ein Stück fester, grauer Asche fiel auf den mit Schnee bedeckten Boden des Gartenhäuschens.

»Es ist aber doch nichts passiert«, wandte ich unsicher ein. »Rossi hat einen Fehler gemacht und er ist sich darüber im Klaren.«

»Danke«, erwiderte William und drückte mir fest auf ErwachsenenartdieHand.»Dubisteinsehr verantwortungsvoller und charakterstarker junger Mensch. Ich habe lange über den Vorfall nachgedacht, die ganze Nacht. Und Rossi hat sich große Vorwürfe gemacht. Er ist gerade erst vor wenigen Minuten aufgetaut und wieder fröhlich geworden.«

Ich nickte.

»Ich habe jetzt eine schwierige Aufgabe zu lösen«, fuhr William fort, »nämlich das Verhaltensmuster der Kinder zu korrigieren, negative Tendenzen zu bekämpfen, ohne dabei ihre Seele zu verletzen und pubertäre Protestreaktionen hervorzurufen. Und ich würde dich daher gern um Hilfe bitten.«

»Ich bin ja auch deswegen gekommen…«

»Tikkirej, ich will dir einen ungewöhnlichen Vorschlag machen«, erklärte William, »du musst dich darüber nicht wundern. Hör mir bitte zu und unterbrich mich nicht!«

Ich nickte erneut.

William umarmte mich. »Du bist zwar ein Altersgenosse meiner Kinder, aber entschieden gereifter«, begann William. »Das, was du erlebt hast, die Tragödie deiner Eltern, diese schrecklichen Ereignisse auf Neu-Kuweit, du bist doch im letzten Augenblick evakuiert worden? — Nein, antworte nicht, ich weiß es, die Kinder haben es mir erzählt. Dazu noch dein kameradschaftliches Verhältnis zu deinem Freund, die Sorge um ihn… er ist wieder gesund?«

Jetzt erwartete er eine Antwort und ich nickte. Das graue Aschehäufchen auf dem Schnee zerfiel langsam zu Staub.

»Das ist hervorragend«, meinte William. »Tikkirej, ich kann mir vorstellen, dass es für dich schwer ist, allein zu leben.«

»Ich bin nicht allein«, warf ich ein. »Ich habe Lion. Und alle helfen uns, sogar die Phagen.«

William neigte hochachtungsvoll den Kopf. Auf Avalon betrachtete man die Phagen ohne Ironie. Besonders in Port Lance, wo die gesamte Ökonomie ihrer Versorgung diente.

»Ich verstehe. Aber es ist trotzdem nicht in Ordnung, dass zwei Kinder ohne Erwachsene leben. Deine Persönlichkeit bildet sich gerade aus und das könnte sich negativ auf sie auswirken. Deshalb möchte ich den Vorschlag machen, dass du und Lion zu uns zieht.«

Das hatte ich nicht erwartet. Ich hob den Kopf und schaute William an. Er wirkte sehr ernst.

»Es ist klar, dass es dabei nicht um eine Adoption geht, ihr seid schon große Kinder«, fuhr William fort. »Aber wir wären bereit, eine offizielle Vormundschaft einzurichten und euch dabei zu unterstützen, eine Ausbildung zu bekommen und einen würdigen Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Für kindliche Vergnügungen wird noch genug Zeit bleiben, stimmt’s?«

Er lächelte.

»Warum machen Sie das alles?«, fragte ich.

»Ich will ehrlich sein«, meinte William. Er stieß eine Rauchwolke aus und warf seinen Zigarillo weg: »Erstens aus einem Gefühl von Schuld. Ich fühle mich zur Wiedergutmachung verpflichtet… teilweise auch meiner eigenen Schuld. Zweitens wäre das eine gute und nützliche Tat. Und auf welcher Grundlage ist unsere Welt errichtet, wenn nicht auf Güte und gegenseitiger Unterstützung? Drittens, und das ist vielleicht das Wichtigste, euer Beispiel wird Rosi und Rossi helfen, wertvolle und gute Menschen zu werden. Ich habe mit den Kindern gesprochen und mit ihrer Mutter. Sie würden sich alle freuen. Na… was sagst du dazu?«