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»Irgendetwas stimmt hier nicht«, überlegte die Frau laut. »Seltsam! Steigt in den Flyer ein!«

Einer ihrer Begleiter trat vor und hob seine Hand, in der er ein Gerät hielt. Er richtete es erst auf mich, danach auf Lion.

Das Gerät begann einen Pfeifton auszusenden.

»Hinlegen! Hände in den Nacken!«, schrie die Frau.

Die Männer griffen nach ihren Waffen, kleinen Pistolen in ihren Taschen.

»Keine Bewegung!« Blitzschnell hatte Lion sich hingekniet und seine Pistole auf sie gerichtet. Die Frau sprang ihn an und versuchte ihn umzustoßen. Ich schaffte es mit Müh und Not, meine Hand nach vorne zu strecken — und die Schlange, die als flexibles, silbernes Band herausschnellte, schlug sich der Frau als Schlinge um den Hals. Sie stürzte.

Einer der Männer bekam inzwischen seine Pistole zu fassen. Lion schoss — die leisen Schüsse kamen als Salve und alle drei wälzten sich auf der Straße. Die Frau lag am Boden und versuchte gar nicht erst aufzustehen, sondern schaute uns nur hasserfüllt an.

Und vom Himmel näherte sich lärmend im Sturzflug noch ein Flyer!

»Nichts wie weg, Lion!«, schrie ich und fasste ihn an der Schulter. »Schnell!«

Lion schoss mehrmals nach oben, als ob er versuchen wollte, den Flyer mit einer Schockpistole zum Absturz zu bringen. Und wir flüchteten.

So schnell wir konnten.

Etwas Schweres und Heißes fiel mir in den Rücken. In meinem Magen blubberte es und mir schnürte es die Kehle zu. Meine Beine trugen mich nicht mehr, ich stürzte, stieß mir schmerzhaft die Knie auf und streckte mich auf dem heißen Beton aus. Meine Wange streifte über die raue Oberfläche des Betons und Schmerz flammte auf. Mein Herz klopfte wie wild. Mein Hemd wurde schnell von Blut durchtränkt. Mit letzten Kräften wandte ich den Kopf und sah in den Händen der Frau einen Blaster, dessen Lauf noch dampfte.

Dann wurde es dunkel.

»Na, und?«, fragte Ramon.

Zuerst schaute ich auf meinen Bauch. Dann rieb ich mir die Wange. Dann entkoppelte ich den Neuroshunt und stand aus dem Sessel auf.

Im Nebensessel rutschte Lion hin und her. Er schaute mich betrübt an und sagte: »Mir haben sie die Beine gebrochen…«

Wir befanden uns in einem kleinen Zimmer, dem virtuellen Klassenraum. Sicher wurden auch die Phagen hier unterrichtet. Vor den Fenstern hingen Vorhänge, gedämpfte Lampen beleuchteten den Raum. Es gab weitere fünf Sessel mit virtuellen Terminals, aber sie standen leer.

Im Raum befanden sich nur Lion und ich sowie Ramon im Sessel des Lehrers. Ich hatte keine Ahnung, ob er in die Rolle eines unserer Feinde geschlüpft war oder wir mit einem Programm zu kämpfen hatten. Fragen wollte ich jedoch nicht.

»Was habt ihr falsch gemacht?«, fragte Ramon.

»Es war ein Fehler, auf die Straße zu gehen«, antwortete Lion.

Ramon zuckte mit den Schultern. »Ist es nicht egal, wo sie euch erwischt hätten?«

»Es war falsch, dass wir Waffen mitgenommen haben«, gab ich kleinlaut zu. »Es ist unmöglich, zu zweit gegen eine Armee zu kämpfen.«

Ramon nickte. »Das kommt der Wahrheit schon näher! Jungs, denkt daran, die Variante einer totalitären Kontrolle ist recht unwahrscheinlich, aber am gefährlichsten.«

»Aber mir hat die Anarchie noch weniger gefallen«, widersprach Lion.

»Die ist auch unangenehm«, stimmte Ramon zu. »Die Konsequenz ist die gleiche — keine Gewaltakte! Sie bewirken nichts! Ihr seid keine Phagen. Und keine Spezialtruppen des Imperiums. Ihr seid Beobachter! Zwei Jugendliche, auf die das Codierungsprogramm nicht gewirkt hatte. Ihr wart erschrocken, seid in den Wald geflüchtet und habt euch dort über einen Monat aufgehalten. Ihr habt euch verirrt, seid im Kreis gelaufen und habt endlich den Weg zur Stadt gefunden. Ihr dürft keine Angst vor Polizisten haben, ganz im Gegenteil — ihr müsst ihnen entgegenlaufen, euch dem ersten Menschen, den ihr seht, um den Hals werfen, weinen und um Essen betteln!«

Lion blies sich auf. Dieser Rat gefiel ihm überhaupt nicht.

»Wenn wir wenigstens eine ungefähre Vorstellung davon hätten, was auf Neu-Kuweit vor sich geht…«, Ramon dozierte ruhig und zurückhaltend, wie ein Lehrer, der sich plötzlich entschlossen hatte, die Schüler in die unbekannten Geheimnisse des Weltalls einzuweihen. »Aber wir wissen es nicht. Bekannt ist nur, was nicht passiert. Es gibt keine Konzentrationslager und keine Massenmorde, obwohl fünfzehn, vielleicht zwanzig Prozent der Bevölkerung nicht in Zombies verwandelt worden sein müssten. Das alles gibt es nicht — und trotzdem! Wir können zum Beispiel davon ausgehen, dass auf den Planeten des Inej Kriegszustand oder etwas Ähnliches herrscht. Die Erwachsenen arbeiten also acht, manchmal auch zwölf Stunden am Tag und die Kinder lernen unter den gleichen Bedingungen. Sie bereiten sich auf künftige Kriege vor. Deshalb dürfen wir gar nicht erst versuchen, euch für normale Kinder von Neu-Kuweit auszugeben. Ihr seid genau die, die ihr in Wirklichkeit seid! Lion von der freien Station ›Service-7‹ und Tikkirej vom Karijer. Nur dass euch niemand vom Planeten geholt hat. Ihr habt euch in den Wäldern versteckt, weil ihr vor dem allgemeinen Schlaf Angst hattet, ist das klar?«

Lion stöhnte und meinte unwillig: »Ja. Und wie werden wir aussehen nach einem Monat im Wald?«

Ramon lächelte: »Gleich werdet ihr es sehen!«

Er gab den Befehl über den Radioshunt. Über seinem Schreibtisch bildete sich ein Bildschirm. Auf dem Bildschirm erschienen Lion und ich — genau so, wie wir gerade erst in der virtuellen Realität ausgesehen hatten. Lion in einem neuen Jeansanzug und Turnschuhen. Ich in hellen Hosen, einem Hemd und einer Baseballkappe mit einem Schild, das wie ein Chamäleon seine Farbe der Umgebung anpasste.

»Das sieht gar nicht nach unfreiwilligen Scouts aus«, stimmte Ramon zu. »Und jetzt versuchen wir Folgendes…«

Innerhalb einer Sekunde veränderte sich das Bild.

Es sah ganz so aus, als würde ich die gleichen Hosen tragen, nur waren die jetzt abgetragen, grau von Schmutz und unter dem Knie abgerissen. Die Baseballkappe fehlte und an Stelle des Hemdes erschien ein zerrissenes T-Shirt. Lion verblieb die Jeansjacke, jedoch abgetragen und an den Ärmeln eingerissen, das Hemd verschwand ganz. Die Jeanshosen waren voller Flecke und durchgescheuert. An meinen Füßen sah ich ausgelatschte Sandalen, Lion ging barfuß. Beide waren wir sonnengebräunt, zerkratzt und abgemagert. An mir fiel das besonders auf — Lion war ja sowieso dunkelhäutig und hager.

»Hervorragend!«, meinte Ramon. »Überzeugend, oder?«

Unsere Abbilder drehten sich langsam in der Luft. Bei Lion fand sich noch ein Loch in den Jeans und mein T-Shirt hatte einen Brandfleck.

»Ich muss abnehmen«, meinte ich.

»Ein wenig«, beruhigte mich Ramon. »Ein Kilo, mehr nicht… Sauna und hungern während des Fluges. Ich gehe davon aus, dass ihr Fische gefangen und Nüsse gesammelt habt. Die gibt es in den Wäldern auf Neu-Kuweit um diese Zeit sehr viel.«

»Und die Peitsche?«, wollte ich wissen.

Mein Abbild wurde vergrößert. Ramon zeigte mit seinem Finger auf den Gürtel in der Hose.

»Da ist sie. Das ist eine Variante des versteckten Tragens. Und du, Lion, wirst ein Taschenmesser dabeihaben…«

Lion schniefte verächtlich.

»Und eine Angelrute«, beruhigte ihn Ramon. »Ein Spinning mit Ultraschallblinker. Und genau damit habt ihr Fische gefangen.«

»Werden wir noch andere Varianten ausprobieren?«, erkundigte ich mich.

»Nein. Keine weiteren Proben. Zum Abend wird das Programm für den Simulator fertig sein und in der Nacht geht ihr in die Virtualität.«

Ich wechselte Blicke mit Lion.

»Wir müssen uns beeilen«, sagte Ramon, als ob das nichts Besonderes wäre. »Morgen werdet ihr nach Neu-Kuweit geschickt. Das ist der günstigste Zeitpunkt — der persönliche Inspektor des Imperators kommt auf den Planeten, auf ihn wird die ganze Aufmerksamkeit gerichtet sein. Ihr werdet in eine Stealthkapsel gesteckt und von unserem Raumschiff abgeworfen, das sich in der Eskorte des Inspektors befindet. Das ist völlig ungefährlich, habt keine Angst.«

»Und man wird uns nicht bemerken?«, wunderte sich Lion. »Das ist doch in der Nähe des Kosmodroms, da gibt es massenhaft Beobachtungsstationen!«