»Mir gefällt es hier«, meinte Lion.
»Hm.«
»Ich meine nicht das Restaurant«, erläuterte Lion. »Ich spreche vom Planeten allgemein. Was glaubst du, werden meine Eltern die Genehmigung erhalten, hierherzukommen?«
»Wenn wir Erfolg haben, dann wird es erlaubt«, entschied ich. »Wir helfen doch den Phagen und überhaupt dem gesamten Imperium! Für die Phagen bedeutet ein Visum zu bekommen so viel wie einmal in die Hände spucken.«
Lion nickte und schaute verzaubert nach unten. »Das ist sicherlich wegen des Schnees. Ich habe immer gern über den Winter gelesen. Wirst du mich auch nicht auslachen?«
»Wieso? Bestimmt nicht!«
»Bei uns, auf der Station, habe ich einmal ein Gesuch an die Administration gerichtet. Dass sie Winter machen.«
»Ja und?«
»Alles vergebens. Ich bekam eine offizielle Antwort, dass es nicht möglich wäre. Erstens wäre die Klimaanlage dazu nicht ausgelegt. Und dann wären die Gebäude nicht beheizbar. Bei uns ist es ja so — die Station ähnelt einer großen Scheibe, einer sehr großen Scheibe. Innen befinden sich die Lagerräume, Büros und Mechanismen. Die Wohnhäuser stehen fast alle draußen auf der Oberfläche der Scheibe. Oben ist die Scheibe von einer Kuppel und einem Kraftfeld bedeckt…«
Er verstummte. Ich dachte an unsere Kuppel und wurde ebenfalls traurig.
»Das ist wie im Altertum«, meinte ich. »Als die Leute glaubten, dass der Planet flach sei und einer Scheibe ähneln würde.«
»Geht das denn?«, staunte Lion.
»Damals sind sie noch nicht in den Weltraum geflogen. Und auf dem Planeten merkt man ja nicht, dass er eine Kugel ist.«
Lion dachte nach und war einverstanden, dass es wirklich nicht offenkundig ist.
Wir bekamen unser Essen. Lion hatte sich Tortillas mit Fleisch und scharfen Gewürzen, sie hießen Enchiladas, ausgesucht. Ich hatte keinen großen Appetit und mir deshalb nur einen Salat und ein heißes Sandwich bestellt. Der Salat schmeckte gut. Er war in einer großen Kristallschale angerichtet, mit Huhn und Gemüse. Das Sandwich war auch akzeptabel.
»Und morgen werden wir schon im Zeitkanal fliegen…«, flüsterte Lion. »Kannst du dir das vorstellen? Und hier hat niemand eine Ahnung davon, dass wir das Imperium retten werden!«
»Lion…«
»Ich spreche doch ganz leise…«
Tief über dem transparenten Dach flog ein Flyer. Er setzte auf dem Landeplatz auf und wurde sofort von einem Kraftfeld gegen den Schnee abgeschirmt. Eine Frau mit einem kleinen Mädchen stieg aus und sie gingen zum Fahrstuhl. Sicherlich wollten sie einkaufen. Und es interessierte sie überhaupt nicht, dass zwei Jungs sich darauf vorbereiteten, auf den Planeten Neu-Kuweit zu fliegen. Und überhaupt interessierte das auch niemanden im Restaurant. Weil die Leute hierherkamen, um einzukaufen, ein Bier zu trinken und gut zu essen und dann gemütlich wieder nach Hause zu gehen. Und dort würden sie dann fernsehen, mit ihren Kindern spielen, schwimmen gehen, bis zum Morgen mit ihren Freunden feiern.
Wer brauchte denn überhaupt diesen Kick, sich vor Feinden zu verstecken, heimlich auf fremden Planeten zu landen, sein Leben zu riskieren? Wozu das alles?
Sie waren ja nicht in Gefahr! Es gab ja den Imperator, die Armee, die Phagen! Und massenhaft unterentwickelte Planeten, wo man nicht einmal frei atmen konnte.
»Tikkirej…«, fragte Lion leise. »Was ist mit dir?«
Ich schwieg, wandte jedoch meine Augen vom Saal und wischte mit dem Ärmel meine dummen Tränen ab.
»Tikkirej, ich werde nicht mehr angeben«, versprach Lion schuldbewusst. »Das habe ich gemacht, ohne nachzudenken, sicher, weil ich Angst habe. Und deshalb das alles… Auch mit diesem kleinen Phagen, und überhaupt…«
»Das ist nicht der Grund«, flüsterte ich. »Ich finde es nur gemein…«
Er verstand.
»Ich auch, Tikkirej.«
»Ich glaube nämlich… mir scheint, ich kann hier nicht heimisch werden. Alles ist… so fremd. Als ob man mir aus Mitleid geholfen hätte. Deshalb habe ich auch zugestimmt, Lion. Nicht nur wegen deiner Eltern. Und nicht wegen dieser dämlichen Peitsche. Ich möchte nicht, dass man mir aus Mitleid erlaubt, hier zu leben.«
»Was heißt hier aus Mitleid!«, schnaubte Lion. »Mir vielleicht — aus Mitleid. Aber du hast Stasj geholfen! Wenn es dich nicht gegeben hätte, dann hätten sie ihn auf Neu-Kuweit umgebracht. Und die Phagen hätten nichts über Inej erfahren.«
Er hatte Recht, aber trotzdem…
»Ich möchte etwas beweisen«, sagte ich. »Etwas wirklich Wichtiges vollbringen.«
»Bist du etwa verpflichtet, irgendjemandem irgendetwas zu beweisen?«, fragte Lion. »Das ist dumm! Das ist Kinderkram. So!«
Er verzog das Gesicht und streckte mir die Zunge heraus.
»Warum verstehst du das denn nicht?«, murmelte ich. »Es ist… es ist wegen meiner Eltern.«
Ich verstummte und Lion kam mir zu Hilfe:
»Sie sind gestorben, das hast du gesagt. Das tut mir sehr leid, aber musst du deshalb etwa dein Leben riskieren?«
»Du weißt nicht alles. Sie sind nicht einfach gestorben, Lion. Bei uns ist das so… Jeder Mensch bekommt ein bestimmtes Guthaben für die Nutzung der Lebenserhaltungssysteme. Für gefilterte Luft, Wasser und Schutz gegen die Radioaktivität. Das Guthaben ist für ein ganzes Leben bestimmt, deckt aber nur einen Teil der Ausgaben. Den Rest muss man erarbeiten. Meine Eltern hatten ihre Arbeit verloren… und ihre gesamte Sozialration verbraucht. Als ihnen klar wurde, dass sie nie wieder Arbeit finden würden…«
»Sie… wurden ermordet?« Lion bekam große Augen.
»Nein. Man hätte uns aus den Kuppeln vertrieben. Die Eltern und mich. Und außerhalb der Kuppeln lebt man nicht lange. Deshalb gingen meine Eltern ins Euthanasie-Zentrum, es nennt sich Haus des Abschieds. Das restliche Guthaben überschrieben sie auf mich, damit ich groß werden und eine Arbeit finden könnte.«
Lion wurde ganz blass.
»So ist das bei uns«, meinte ich. »Na, wir haben nun einmal so einen Planeten, der nicht für Menschen geschaffen ist, verstehst du?«
»Tikkirej…«
»Ist schon gut.« Ich sah wieder aus dem Fenster. »Ich hätte an ihrer Stelle dasselbe gemacht. Und jetzt denke ich mir, ihr Opfer darf doch nicht umsonst gewesen sein!? Nicht nur dafür, dass ich am Leben bleiben konnte. Ich muss etwas Größeres leisten! Etwas wirklich Bedeutendes! Zum Beispiel, den Phagen bei der Beseitigung einer riesengroßen Ungerechtigkeit helfen.«
»Möchtest du denn nicht auf deinen Planeten zurückkehren und allen dort helfen?«, wollte Lion wissen.
»Wie denn helfen? Wir haben eine Demokratie. Jeder kann den Planeten verlassen, wenn es ihm dort nicht gefällt. Wir stimmen selbst über die Sozialleistungen ab. Und die Sozialarbeiter sind durchaus keine Unmenschen. Gegenwärtig wird darüber diskutiert, das Guthaben aufzustocken. Vielleicht werden dann in rund hundert Jahren Luft und Wasser kostenlos sein.«
Lion schüttelte den Kopf: »Soll das eine Rechtfertigung sein?«
»Nein, das ist keine Rechtfertigung. Es hat sich ganz einfach so entwickelt. Schau her, der Avalon ist ein sehr reicher Planet. Und hier gibt es noch massenhaft Platz. Man könnte alle unsere Bewohner hierher umsiedeln. Aber niemand macht das. Soll ich deshalb allen böse sein? Den Phagen, dem Imperator, den Bewohnern des Avalon?«
»Wofür soll man denn dann überhaupt kämpfen? Was haben die Phagen dann gegen Inej? Inej behelligt niemanden!«
»Inej lässt dir keine Wahl. Er nimmt die Freiheit.«
»Man könnte ja glauben, dass ihr auf Karijer eine Freiheit hättet!«
»Haben wir.«
»Und was ist das für eine Freiheit?«
»Eine miese. Aber trotzdem — eine Freiheit.«
Plötzlich begann mein Augenlid zu zucken. Ohne ersichtlichen Grund. Sicher fiel es mir schwer, meine Heimat zu verteidigen. Eine armselige Heimat, die mich Mutter und Vater gekostet hat und doch…