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»Tikkirej… sei mir nicht böse«, murmelte Lion. »Vielleicht liege ich falsch, aber es ist schwer zu verstehen.«

»Um das zu verstehen, muss man bei uns leben«, erwiderte ich. »Du, zum Beispiel, hast darum gebeten, dass auf eurer Station eine echte Nacht und echter Schnee eingeführt werden. Und dir wurde erklärt, warum das nicht möglich ist. Ich habe mit Stasj einmal darüber geredet… Wir haben fünf Stunden zusammengesessen. Weißt du, es ist sehr einfach, einem Einzelnen zu helfen. So, wie Stasj mir und dir geholfen hat. Wenn jedoch eine ganze Welt Hilfe braucht, auch so eine kleine wie Karijer, kann ein Mensch allein nichts ausrichten. Nein, er kann nur alles durcheinanderbringen, zerstören, eine Revolution entfesseln. Aber das ändert nichts zum Besseren. Etwas Besseres kann nicht aufgezwungen werden. Es ist notwendig, dass sich die Menschen selbst verändern und ihr Leben aus eigenen Kräften ändern wollen. Du hast doch Unterricht in Geschichte gehabt? Im Zeitalter des dunklen Matriarchats hätten wir beide ein Hundehalsband getragen und uns vor jedem Mädchen verbeugt. Und hätten uns dafür geschämt, dass wir als Männer geboren wurden. Und schon damals gab es die Phagen. Auch sie trugen Halsbänder, kannst du dir das vorstellen? Und verbeugten sich. Und verteidigten die Zivilisation. Obwohl sie eine Revolution hätten auslösen können.«

»Das dunkle Matriarchat war notwendig«, sagte Lion. »Das wird allgemein anerkannt. Damals gab es nämlich Kriege und ohne die Frauen hätte sich die Menschheit selbst ausgelöscht. Und als die feministische Liga die Macht im Arabischen Imperium übernahm…«

»Streber!«, machte ich mich lustig.

»Jedenfalls war das Matriarchat am Anfang fortschrittlich«, fuhr Lion fort. »Aber was hat das mit Karijer und eurer Ordnung zu tun? Wozu wird so etwas gebraucht, kannst du mir das erklären?«

»Es könnte sein, dass die Menschheit irgendwann den Gürtel enger schnallen muss. Wenn uns zum Beispiel die Fremden einen Teil der Planeten abnehmen und die Menschheit auf schlechtere Planeten ohne ausreichende Ressourcen ausweichen muss. Dann wird eine ausgearbeitete soziale Überlebensstrategie notwendig sein. So wie auf Karijer. Stasj meint, dass die ganze Menschheitsgeschichte einem Tanz auf dem Schnee ähneln würde.«

»Wem?«

»Einem Tanz auf dem Schnee. Die Menschheit versucht schön und gut zu sein, obwohl es dafür keine Basis gibt. Verstehst du das? Als ob eine Ballerina im Ballettröckchen versuchen würde, auf Schnee zu tanzen. Aber der Schnee ist kalt. An manchen Stellen verkrustet, an manchen wiederum weich, und an manchen Stellen bricht sie ein und verletzt sich die Füße. Aber trotzdem muss sie versuchen weiterzutanzen, besser zu werden. Wider die Natur, im Kampf gegen alles. Sonst bleibt ihr nur noch übrig, sich in den Schnee zu legen und zu erfrieren.«

»Wenn du meinst… Es ist logisch, dass die Welt nicht von Anfang an perfekt sein kann. Alles Mögliche kann passieren. Aber es geht doch nicht, dass man experimentelle Planeten schafft, auf denen Menschen leiden müssen!«

»Das macht auch niemand mit Absicht«, antwortete ich. »Sie entstehen von selber. Genau das bedeutet Geschichte, Lion. DieMenschenhabenschonimmereigenartige Gesellschaftssysteme geschaffen, schon als sie nur auf einem Planetenlebten.Normalerweisegingendiese Gesellschaftsordnungen wieder unter, aber manchmal erwiesen sie sich als notwendig.«

»Okay, früher waren die Leute eben zurückgeblieben!« Lion machte eine energische Handbewegung. »Aber jetzt haben wir die passende Gesellschaftsordnung. So wie hier!«

»Ja. Und auf Neu-Kuweit ist sie wieder etwas anders. Auf der Erde und dem Edem auch. Und jeder lebt dort, wo es ihm gefällt. Darin ist nichts Schlechtes. Wenn jedoch überall die gleiche Gesellschaftsstruktur bestehen würde, hätten viele Leute Probleme damit. Selbst wenn diese Gesellschaftsordnung die beste von allen wäre. Auf Avalon ist zum Beispiel die Vielehe verboten, aber vielleicht gibt es jemanden, der gleichzeitig zwei Frauen liebt? Und was wird dann mit ihm, soll er das ganze Leben lang darunter leiden?«

Lion kicherte und meinte: »Mein Gott, das sind vielleicht Probleme…«

»Genau aus diesem Grund sind die Phagen wegen Inej beunruhigt«, erläuterte ich. »Vielleicht will Inej wirklich nichts Schlechtes. Und auf ihren Planeten ist die Lebensqualität auch nicht gesunken. Aber wenn das gesamte Imperium identisch sein wird, muss es früher oder später untergehen.«

»Das hast du alles von Stasj.«

»Ja. Denkst du, Stasj wäre ein Dummkopf? Wenn Inej den Menschen nicht das Gedächtnis programmiert hätte, sondern darum geworben hätte, sich ihnen anzuschließen, wäre niemand gegen das Vorhaben gewesen. Alle hätte man nämlich nicht überreden können.«

Lion neigte den Kopf, war aber nicht überzeugt. Sicher erinnerte er sich an seine Träume, in denen er für Inej gekämpft hatte.

»Wir müssen los, es ist Zeit«, sagte ich. »Iss deine Tortillas auf!«

»Ach, ich habe keinen Appetit mehr…« Lion stand auf, streckte seine Arme nach vorn und lehnte sich an die Glaswand. Dort stand er eine Weile und schaute auf den fallenden Schnee. Dann sagte er: »Ich hätte es trotzdem gern, dass es allen gleich gut geht.«

Kapitel 6

Die halbe Nacht durch saßen wir am virtuellen Simulator. Ob es nun wirklich genutzt oder ob die Phagen etwas zu unseren Gunsten geändert hatten, dieses Mal jedenfalls endete alles erfolgreich. Uns glaubte man, abgerissen, schmutzig und hungrig, wie wir waren. Zuerst wurden wir einem strengen Verhör unterzogen, danach in ein Gefangenenlager überstellt, wo wir in einer Chemiefabrik arbeiteten. Nach zwei Wochen hatten wir herausgefunden, dass die Macht auf Inej von Fremden erobert worden war — entweder von den Tzygu oder den Brauni. Eben sie hatten die Versklavung der Menschheit geplant!

Ein Agent der Phagen nahm Verbindung mit uns auf und wir erstatteten ihm über alles Bericht. Nach zwei Stunden kamen Raumschiffe des Imperiums, setzen Luftlandetruppen aus und befreiten uns. Wir nahmen sogar an den Kampfhandlungen teil — wir verbarrikadierten uns in der Werkhalle für Heißpressen und ließen die Soldaten des Inej nicht in die Halle hinein. Sie wurden von uns aus Schläuchen mit flüssiger chlorhaltiger Plastikmasse übergossen.

Alles in allem war es recht lustig.

Als uns Ramon in seinem schicken Sportauto nach Hause brachte, betonte er nochmals, dass es keine Information über Neu-Kuweit gäbe. Deshalb sollte man auch nicht von vornherein vom Schlimmsten ausgehen. Im Gegenteil, so etwas dürfte überhaupt nicht passieren. Aber… sicherheitshalber…

Ich nickte schläfrig und schaute aus dem Fenster. Mein vierter Planet. Und an den zweiten konnte ich mich nicht einmal erinnern. So war es eben. Vielleicht sollte ich dem Kapitän der Kljasma einen Brief schreiben? Um herauszufinden, wo ich war?

Schade, dass ich kein Phag werden kann, dachte ich. Aber ihnen zu helfen ist auch interessant. Obwohl es nicht ganz das dasselbe ist.

»Seht zu, dass ihr ausschlafen könnt!«, riet Ramon. »Schlaft wenigstens ein bisschen. Um zehn wird euch Stasj abholen und zum Kosmodrom bringen.«

»Und wer fliegt das Raumschiff?«, erkundigte ich mich.

»Nicht Stasj. Er hat eine andere Aufgabe«, erwiderte Ramon nach kurzem Zögern. »Ich auch nicht. Aber das ist unwichtig, Jungs. Ein jeder von uns Phagen wird mit dieser Mission klarkommen.«

»Ich weiß. Aber es ist trotzdem besser, wenn dein Freund bei dir ist, oder nicht?«

Ramon zuckte mit den Schultern. »Ich erkenne die Theorie von Stasj. Verstehst du, Tikkirej, persönliche Beziehungen — das ist eine Medaille mit zwei Seiten. Natürlich sind die Menschen keine Roboter, die ohne Emotionen leben können, ohne Sympathie, Freundschaft oder umgekehrt. Wenn du wüsstest, wie viel Leid gerade diese persönlichen Beziehungen den Menschen zugefügt haben!?«

»Wieso denn das?«, wollte ich wissen. »Der erste Sternenflieger, Son Chai, kehrte entgegen der Fügung des Schicksals auf die Erde zurück, nur weil er sich nach seiner Geliebten sehnte! Und der Pilot der Magellan konnte ein havariertes Raumschiff landen, weil seine Familie sich darin befand. Und…«