»Du führst lediglich positive Beispiele an, Tikkirej. Aus dem Lehrbuch für Ethik für die fünfte Klasse, stimmts?«
»Kann sein…« Ich überlegte. »Ich glaube, ja.«
»Du hast damit durchaus Recht«, fing Ramon rhythmisch, als würde er Nägel einschlagen, an zu sprechen. »Im gewöhnlichen menschlichen Leben sind Freundschaft, Liebe, Zärtlichkeit — all das, was wir unter dem Begriff ›positive persönliche Beziehungen‹ verstehen — sehr wichtig. Aber jedes Ding hat zwei Seiten. Ein einfaches Beispieclass="underline" Wenn dein Freund Rossi zu dir eine größere Freundschaft empfunden hätte, hätte er dir sofort geholfen.«
»Er wusste aber doch nicht, wie man jemanden rettet, der durch das Eis gebrochen ist!«, wandte ich zu Rossis Verteidigung ein.
»Genau. Und ihr hättet beide sterben können. Je freundlicher die Menschen im ungefährlichen und abgesicherten Alltag miteinander umgehen, desto besser. So kann ein Mensch beim Versuch, ein untergehendes Kind zu retten, sein Leben riskierenodersichSorgenmachenwegen Unannehmlichkeiten, die seinen Freund betreffen! Das ist nicht weiter gefährlich. Es nützt der Gesellschaft. In einigen Berufen jedoch…« Ramon zögerte. »Tikkirej, stell dir zum Beispiel Folgendes vor: Du bist auf Neu-Kuweit in Lebensgefahr. Dir droht der Tod, weil du als unser Agent erkannt wurdest und beschlossen wurde, dich öffentlich hinzurichten. Unter den Zuschauern sitzt Stasj. Er kann versuchen dich zu retten. Er hat ungeachtet aller seiner Fähigkeiten als Phag so gut wie keine Chancen… Stasj besitzt jedoch eine äußerst wichtige Information, die an den Imperator weitergeleitet werden muss. Was wird er machen?«
»Stasj wird das Imperium nicht verraten«, antwortete ich. »Er wird sich nicht einmischen… danach wird er sich Vorwürfe machen. Und das war’s.«
Mir wurde unheimlich zumute bei dieser Vorstellung! Als ob ich wirklich auf dem riesigen Platz in Agrabad stehen würde, auf einem grob zusammengezimmerten Holzpodest, wie in alten Filmen. Ich sah mich da mit auf den Rücken gefesselten Händen stehen, nackt bis zum Gürtel, und ein riesiger Henker mit einem Beil wies mit seinem kapuzenbedeckten Kopf auf den dunklen, zerhackten Richtblock — nimm Platz, mach deinen Nacken frei. Die Menge war erregt, alle standen auf Zehenspitzen und gafften mich an. Und nur ein Mensch, Stasj, lächelte nicht und freute sich nicht über das Geschehen.
»Nehmen wir an«, fuhr Ramon fort, »Stasj ist ein erfahrener und erfolgreicher Phag. Er weiß, dass das Ganze wichtiger ist als das Einzelne. Er lässt den Dingen seinen Lauf und kommt nach Avalon zurück. Und was wird danach aus ihm, Tikkirej, was glaubst du? Wie lange wird er sich quälen? Was wird er in Zukunft noch für ein Mitarbeiter sein?«
Ich schwieg. Ich wusste wirklich nicht, was Stasj dann für ein Mitarbeiter sein würde, wenn ich vor seinen Augen hingerichtet würde und er sich nicht zu erkennen geben dürfte. Vielleicht geschah auch gar nichts Außergewöhnliches. Sogar unsere Nachbarin Nadja sagte mir an einem Abend mehr Koseworte als Stasj in einem ganzen Monat!
Ramon verstand mein Schweigen auf seine Art.
»Und genau darin besteht die Problematik unserer Arbeit, Tikkirej. Das, was dir teuer ist, muss entweder weit entfernt oder in Sicherheit oder in deiner eigenen Seele verschlossen sein. Das ist eine uralte Kundschafterregel. Und wir ähneln in Vielem eben diesen Kundschaftern…«
»Hat Stasj unseretwegen Schwierigkeiten bekommen?«, wollte ich wissen. »Weil er uns aus Neu-Kuweit mitgebracht hat?«
Ramon schaute mich herablassend an.
»Schwierigkeiten? … Aber nein, wieso denn! Alles war professionell gemacht und durchaus begründet.«
»Und warum sagen Sie mir dann solche Dinge? Für alle Fälle? Oder für die Zukunft?«
Ramon warf mir einen Blick zu.
»Deshalb, Tikkirej, damit du nichts Unmögliches erwartest. Und nicht auf Unterstützung durch Stasj oder mich rechnest.«
»Das erwarte ich auch nicht.«
Es schien, als ob Ramon etwas verärgert wäre.
»Tikkirej, halt uns aber bitte nicht für herzlos! Wir können nicht das Schicksal von Millionen wegen eines einzelnen Menschen riskieren. Deshalb bieten wir dir auch an, von der Mission zurückzutreten.«
Ich schüttelte an Stelle einer Antwort meine Hand. Die Schlange steckte ihren Kopf aus dem Ärmel, schaute sich um und verschwand wieder.
Ramon fragte: »Hast du wirklich nicht lange genug mit Spielzeug gespielt? Tikkirej, die Peitsche ist nichts weiter als ein Spielzeug! Wenn auch ein todbringendes.«
»Ich hatte nur wenig Spielzeug«, erwiderte ich. »Spielzeuge gehören nicht zum sozialen Mindestbedarf.«
Ramon schaute weg und meinte: »In Wirklichkeit droht euch keine Gefahr. Selbst wenn sie euch fassen sollten… Die Agenten des Inej können grausam sein, Sie sind aber keine blutrünstigen Mörder.«
Ich erwiderte nichts, erinnerte mich aber an den Agenten, den Stasj getötet hatte, und an dessen Worte: »Dieser Junge hat keine Bedeutung für Inej«.
Bis nach Hause schwiegen wir. Den ganzen Weg über träumte Lion süß und bekam gar nichts von unserem Gespräch mit.
Ramon hielt vor dem Haus, stieg gemeinsam mit uns aus und begleitete uns zur Wohnung. Als ob er einen Hinterhalt im Treppenhaus erwartete. Danach umarmte er uns schweigend und ging, ohne sich zu verabschieden.
Wir legten uns schlafen. Stasj kam früher als vorgesehen, um halb zehn. Ich hatte bereits gepackt, stellte die Wohnungsautomatik auf Warteregime, kontrollierte, ob alle Fenster geschlossen waren, und zog mich für die Fahrt an. Wir nahmen keine Kleidung mit, auf dem Raumschiff würden wir etwas bekommen, das zu unserer Legende passte. Lion bummelte noch im Bad herum. Er war so ein Sauberkeitsfanatiker geworden, dass man verrückt werden konnte: Seine Zähne putzte er dreimal am Tag, war nicht glücklich, wenn er nicht morgens und abends duschen konnte, seine Nägel schnitt er so weit wie möglich herunter und auch seine Haare waren sehr kurz. Es kam mir so vor, als ob das bei ihm eine Folge der Arbeit im Dauerbetrieb wäre, aber ich sprach nicht darüber.
»Seid ihr fertig?«, fragte Stasj ohne wirkliches Interesse, eher der Ordnung halber, und blieb in der Tür stehen.
»Na klar!«, ich wies mit dem Kopf auf die Badtür. »Gleich, er ist gleich fertig.«
Stasj nickte. Aus dem Badezimmer hörte man Wasser rauschen und ein Blubbern — Lion versuchte zu singen, während er die Zähne putzte.
»Habt ihr Angst?«, wollte Stasj wissen.
»Ich hatte niemals Angst vor dem Fliegen«, sagte ich ärgerlich. »Und Lion ist im Kosmos aufgewachsen, auf einer Station…«
»Das weiß ich. Ich frage nicht wegen des Fluges, Tikki. Fürchtet ihr euch nicht vor Neu-Kuweit?«
Ich überlegte und antwortete ehrlich: »Ein bisschen. Dort wurde doch allen ins Gehirn gespuckt. Aber wir haben uns darauf vorbereitet und überhaupt… Ramon sagt, das alles gut gehen wird.«
»Vielleicht werde ich auch auf Neu-Kuweit sein«, sagte Stasj. »Sollte plötzlich…« Er zögerte. »Wenn wir uns zufällig sehen sollten, dann lasst euch nicht anmerken, dass ihr mich kennt.«
»Grüß dich, Stasj!« Lion kam aus dem Bad.
»Hallo!« Stasj nickte ihm zu. »Lion, wenn wir uns zufällig auf Neu-Kuweit treffen, dann denkt daran — wir kennen uns nicht.«
»Hältst du uns für Idioten?«, fragte Lion scharf. »Na sicher!«
»Ich möchte, dass ihr das alles ernst nehmt, Jungs«, sagte Stasj. »Inej ist die größte interne Gefahr für die Menschheit seit der gesamten galaktischen Expansion. Im Vergleich zum Inej waren sogar der katholische Djihad oder die Liga der Wiedergeburtnichtmehralsunwichtigesoziale Abweichungen. Fürchtet euch nicht, denn Furcht löst Panik aus. Aber seid vorsichtig. Immer! Zu jeder Zeit! Wenn ihr euch auf einen Stuhl setzt, seid darauf gefasst, dass er unter euch zusammenbricht! Wenn ihr einem Menschen die Hand gebt, wundert euch nicht, wenn sich seine Hand in eine Schnauze mit scharfen Zähnen verwandelt. Merkt euch, auf Neu-Kuweit könnt ihr nur euch gegenseitig trauen.«