Ich nickte.
»Lion, dich betrifft das ganz besonders!«, fügte Stasj leise mit einem entschuldigenden Unterton hinzu.
Lions Gesicht wurde ernst.
»Ich verstehe. Ich… ich werde nichts Überflüssiges sagen. Nicht einmal meiner Mutter.«
Stasj schaute ihn einen Augenblick lang an und sagte dann: »Gut. Geh dich bitte anziehen.«
Als Lion im Schlafzimmer war, wandte sich Stasj wieder mir zu: »Was ist mit der Peitsche?«
Statt einer Antwort zeigte ich mit meinen Fingern auf den Gürtel in der Jeans. Es war kein außergewöhnlicher Gürtel, silbern und metallglänzend. Der Verschluss hatte die Form eines Schlangenkopfes.
»Das wird gehen«, stimmte Stasj zu. »Hast du sie selbst angelegt?«
»Ja. Das ist ganz einfach. Man muss sich nur vorstellen, was man will…«
Stasj nickte und ich unterbrach meinen Redefluss. Wem erkläre ich denn auch, wie man mit einem Schlangenschwert umgehen muss? Einem echten Phagen!
»Ich hoffe, dass du mit ihr keine Dummheiten gemacht hast!«, erkundigte sich Stasj.
»Wie… Welche?«, erwiderte ich verwirrt.
Vor einem Tag hatte ich herumexperimentiert, überprüft, was das Schlangenschwert zerstören konnte und was nicht. Es stellte sich heraus, dass es ohne Schwierigkeiten Holzstücke in dünne Scheiben zerschlagen, eine zentimeterdicke Stahlstange verbiegen und ohne Probleme Löcher in Glas fressen konnte.
»Die größte Dummheit wäre der Versuch, den Hauptakkumulator in die Peitsche einzulegen«, erklärte Stasj. »Dann entdeckt auch der primitivste Detektor, dass es sich dabei um eine Waffe handelt.«
»Also, das habe ich nicht versucht. Woher sollte ich denn auch einen nehmen?«
»Eine Peitsche ist eine universelle Waffe. Sie passt sich an verschiedene Energiequellen an. Zur Not kann man eine beliebig starke Batterie benutzen, zum Beispiel von einem Staubsauger oder einem Haushaltsschraubenzieher. Sie hält natürlich nicht lange vor, aber zwei bis drei Schüsse kann die Peitsche abgeben.«
Stasj lächelte und zwinkerte mir kaum merklich zu.
Am liebsten hätte ich vor Wut aufgeheult. Das bedeutete ja, dass ich das Schlangenschwert richtig hätte ausprobieren können!
»In einigen Fällen haben ähnlich improvisierte Batterien den Phagen das Leben gerettet«, fuhr Stasj fort. »In deinem Fall bedeuteten sie eine tödliche Gefahr.«
Ich nickte.
»Tikkirej, kann ich mich auf deinen gesunden Menschenverstand verlassen?«, fragte Stasj.
»Das können Sie…«
»Dann ist es ja gut.«
Lion erschien. Er schaute fragend auf Stasj und dieser nickte.
»So, es ist Zeit. Gehen wir, Jungs!« Die Fahrt zum Kosmodrom der Phagen dauerte länger als eine Stunde. Wir sprachen weder über Inej noch über Neu-Kuweit. Stattdessen erzählte uns Stasj über den Planeten Avalon, dessen Kolonisation, die Zeit des ersten Imperiums und der Übergangsregierung, über die Geschichte der Eroberung des Nordkontinents, die einheimische Flora und Fauna des Avalon, die nur in Naturschutzgebieten überlebt hat.
»Diese Art Kolonisation wird jetzt schon nicht mehr durchgeführt«, erläuterte Stasj. »Mittlerweile wird zuerst eine Ausgangsstation mit Wohntrakt errichtet. Man baut ein Kosmodrom und beginnt mit der punktuellen biologischen Bereinigung. Es vergehen mindestens fünfzig Jahre, bis sich der Planet terraformiert, also sich Erdbedingungen annähert. Dafür gibt es keine Überraschungen, keine Ungeheuer, die dich zuerst fressen und danach an der Fleischvergiftung durch außerplanetarisches Eiweiß sterben. Avalon wurde ganz nebenbei kolonisiert, um Camelot herum blühten schon Apfelbäume, weiter entfernt befand sich der Ring der Biobereinigung. Und als der größte Teil der Landgebiete bereits gesäubert war, existierte in den Ozeanen noch die einheimische Fauna. Jetzt findet man sie nur noch im historischen Meer, das vom Ozean durch einen Damm abgetrennt wurde. Dort gibt es natürlich keine Mantelrochen oder Killerwale mehr und das ist auch besser so…«
»Früher wollte ich Biologe werden und Planeten terraformieren«, sagte Lion.
»Eine gute Arbeit«, stimmte Stasj zu. »Und nun?«
Lion schüttelte den Kopf. »Nicht mehr. Es ist viel interessanter als Pilot. Aber ich möchte nicht auf einem Raumschiff mit Modulen fliegen.«
»Wenn du groß bist, wird es sie, so hoffe ich, schon nicht mehr geben«, ermunterte ihn Stasj. »Wenn die Gelkristallprozessoren Erfolg versprechend sind, werden sie die Menschen ersetzen.«
Und er begann über Technik zu sprechen. Vielleicht hatte er auch wirklich Freude daran, aber ich hatte den Eindruck, dass er uns einfach beruhigen wollte.
Warum machen sich die Erwachsenen nur immer größere Sorgen um Kinder als diese selbst? Am Eingang wies Stasj seinen Ausweis vor und wir wurden auf das Flugfeld gelassen. Dort standen vielleicht zwei Dutzend Raumschiffe, hauptsächlich kleine. Unter ihnen waren jedoch auch ein echter Militärkreuzer und ein großes Raumschiff für Luftlandeunternehmungen. Die konnten auf keinen Fall ohne Module in den Zeittunneln fliegen… Aber ich fragte Stasj nicht danach. Ich war ja nicht mehr klein. Ich verstand alles.
Das Auto näherte sich einem Raumschiff. Es war genau so einefliegendeUntertasse,bedecktmitgrauen Keramikschuppen, wie das von Stasj.
Das ist sicherlich der am meisten verbreitete Raumschifftyp bei den Phagen.
Der Pilot stand an der offenen Eingangsluke. Er war älter als Stasj, grüßte jedoch als Erster, und mir schien, dass Stasj sein Vorgesetzter war.
»Hier bringe ich dir also deine Schutzbefohlenen«, sagte Stasj.
»Guten Tag, Tikkirej! Guten Tag, Lion!« Der Pilot gab uns die Hand. »Ich heiße Sjan Tien.«
Es entstand eine unerquickliche Pause. Wir hatten noch Zeit bis zum Abflug, Stasj wollte uns nicht verlassen und wir fanden kein Gesprächsthema.
»Ist die Stealthkapsel in Ordnung?«, bemühte sich Stasj um einen Gesprächsbeginn.
»Ja, ich habe sie überprüft«, erwiderte Tien. »Die Jungs werden unbemerkt landen, niemand wird auf sie aufmerksam werden. Habt ihr euch schon einmal absetzen lassen?«
»Nein«, antwortete ich.
»Ja«, rief Lion aus, »dass heißt, nein!«
Tien hob erstaunt seine Augenbrauen. Dann konzentrierte er sich und gab einen Befehl über den Shunt. Im Bauch des Raumschiffs öffnete sich ein Luke.
Die Stealthkapsel ähnelte am ehesten einer Linse mit einem Durchmesser von zwei Metern. Sie war völlig transparent.
»Ist sie aus Glas?« Ich staunte.
Lion lachte. »Mann, bist du naiv, das ist stabilisiertes Eis!«
»Richtig«, bestätigte Tien und schaute voller Respekt auf Lion. »Das ist Eis-23, eine hyperstabile Form. Vor dem Abwurf wird die Kapsel mit einem Zerfallkatalysator besprengt und in einer Stunde verwandelt sie sich in eine Wasserpfütze. Aber bis dahin seid ihr gelandet.«
»Und wo sind hier die Motoren?«, fragte ich verwundert.
Stasj und Tien sahen sich an.
»Hier gibt es keine Motoren, Tikkirej«, sagte Stasj liebevoll. »Und keine Geräte. Nichts, nur Eis. Beim Abwurf auf einer niedrigen Umlaufbahn wird die Kapsel aerodynamisch abgebremst. Die Belastung kann bis auf drei ›g‹ ansteigen… Das ist normal für Menschen mit einem standardmäßig verbesserten Genotyp.«
»Ich halte auch sechs ›g‹ ohne Probleme aus«, bemerkte Lion stolz.
»Fürchtest du dich, mein Junge?«, fragte mich Tien. »Du brauchst keine Angst zu haben. Die Stealthkapsel ist zuverlässiger als jedes Raumschiff. In ihr kann nichts kaputtgehen, verstehst du? Und sie kann von keinem System der kosmischen Verteidigung erkannt werden. Das ist Eis, einfach Eis.«
Mir wurde klar, dass sie Recht hatten. Und trotzdem war mir eigenartig zumute.
»Ich musste bislang sechs Mal in so einer landen«, erläuterte Stasj. »Zweimal im Training und viermal während einer Mission. Einmal davon auf einem kämpfenden Planeten.«
»Werden wir denn nicht erfrieren in ihr?«, wollte ich wissen.
Die Phagen begannen zu lachen.
»Ich werde euch eine Decke geben«, versprach Tien. »Ihr werdet nicht erfrieren, na… vielleicht bekommt ihr einen Schnupfen.«
»Dann geben Sie mir auch noch ein Taschentuch«, bat ich.