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Wir verabschiedeten uns von Stasj. Er umarmte uns kräftig, strich Lion über den Kopf und zwinkerte mir zu, wobei er mit den Augen auf die Schlange wies. Dann setzte er sich in sein eigenartiges und nicht im mindesten heldenhaftes Auto.

»Kommt, Jungs!«, sagte Sjan Tien. »Der Flug dauert fünf Tage, wir schaffen es noch, uns miteinander bekannt zu machen. Es gibt keinen Grund, den Start hinauszuzögern.«

Dritter Teil

Leben — zweiter Versuch

Kapitel 1

Eine Stunde vor dem Eintritt in die Atmosphäre von Neu- Kuweit gingen wir zur Stealthkapsel. Der kalte, blitzende Eisbrocken nahm fast den ganzen Platz im Schleusenabteil ein.

Tien öffnete die Luke, die ebenfalls aus Eis war und sich von außen oder innen zuschrauben ließ. Er gab uns einen einfachen Stoffsack mit chemischen Reagenzien zum Frischhalten der Luft. Die Reagenzien waren für drei Stunden ausgelegt, das war mehr als ausreichend.

Eine Decke gab er uns natürlich nicht. Eine Decke wäre schon ein Hinweiszeichen auf unsere Herkunft. Stattdessen legten wir uns auf geflochtene Grasmatten. Anstelle von Riemen hatten wir Grasseile.

Das Gras kam von Neu-Kuweit. Genauso wie unsere Kleidung, das Taschenmesser und die Angelrute mit dem Ultraschallblinker. Die Phagen bereiten alles sehr gründlich und gewissenhaft vor.

»Na, ist es gemütlich?«, fragte Tien.

In der Kapsel war lediglich Platz zum Liegen. Ohne Zeit zu verlieren, befestigte Lion gleich seine Füße, indem er die Grasseile in die ins Eis eingelassenen »Ösen«, ebenfalls aus Eis, einband.

»Man kann es aushalten«, meinte ich, obwohl mein Herz rasend schnell schlug. »Mach schon, es ist alles in Ordnung.«

Tien war in Ordnung. Während des Fluges hatten wir mit ihm so etwas wie Freundschaft geschlossen. Er erlaubte uns sogar, das Raumschiff im Zeittunnel zu fliegen, natürlich stand er uns die ganze Zeit zur Seite. Außerdem brachte er uns bei, wie man kämpft. Einige Techniken der Phagen verlangen nämlich nicht die Kraft eines Erwachsenen. Über Inej sprachen wir auch, aber darüber konnte Tien nur wenig berichten.

»Ich werde auf euch aufpassen, Jungs!« Tien deutete auf das Auge der Videokamera in der Decke der Schleusenabteilung. »Wir werden nicht miteinander sprechen können, aber wenn ihr es euch anders überlegt habt und euch nicht aussetzen lassen wollt — erregt meine Aufmerksamkeit! Winkt mit den Händen, klopft an die Wände. Macht aber auf keinen Fall von innen die Luke auf, man weiß nie!«

»Wir überlegen es uns schon nicht anders, Tien«, nuschelte Lion. »Geh schon, du musst zum Steuerpult zurück.«

Tien nickte und begann die schwere Eisluke zu schließen. Wir halfen ihm von innen. Endlich fasste die Schraube und der Phag begann sie festzuziehen. Sofort wurde es still. Man konnte hören, wie Lion schnaufte, als er Tien half. Ich ließ meine Hände hängen und schaute mir den Phagen durch den dicken, transparenten Korpus an. Das Eis veränderte die Gesichtszüge, Tien sah aus wie in einem Zerrspiegeclass="underline" riesengroße Nase, kleine Äuglein, krummes Kinn. Lustig… Aber wir sahen für ihn ja auch total verkrüppelt aus.

Ich winkte Tien zu.

Als die Luke fest zugeschraubt war, holte Tien aus seiner Brusttasche ein Reagenzglas, brach das zugeschweißte Ende ab und spritzte lässig eine Flüssigkeit auf die Oberfläche der Kapsel. Eigentlich geschah nichts, der Phag machte jedoch einen durchaus zufriedenen Eindruck. Ermutigend klopfte er auf die Kapsel — das Eis antwortete mit einem tiefen, dumpfen Ton — und verließ die Schleusenkammer über eine kurze Treppe. Die innere Luke wurde zugeschlagen. Ein Glück, dass das Licht in der Schleusenkammer nicht ausging!

»Wenn der Katalysator nicht funktioniert, zerbricht die Kapsel in der Atmosphäre!«, ließ sich Lion mit Grabesstimme vernehmen. »Kannst du dir das vorstellen? Peng — und uns gibt es nicht mehr!«

Ich bekam eine Gänsehaut.

»Und du? Ist dir überhaupt nicht unheimlich?«, wollte ich wissen.

»Nein. Ich bin damit schon ausgesetzt worden. Na ja, nicht wirklich, sondern im Traum.«

Ich ahnte, in welchen Träumen, und deshalb fragte ich gar nicht erst nach.

»Mach dir keine Gedanken!« Lion schaute mich beschämt an. »Hyperstabiles Eis ist eine zuverlässige Sache. Es beginnt zu verdampfen, wenn wir in die Atmosphäre eintreten. Vor uns wird sich eine Plasmawolke bilden, aber das verdampfende Eis schafft einen Puffer aus Dampf. Es ist alles durchdacht. Dann bilden sich die Flügelblätter und wir beginnen mit der Autorotation.«

»Und wenn wir auf Felsen stürzen?«

»Das wäre schlecht«, meinte Lion. »Da kann man sich ordentlich was brechen. Tja, und wenn wir mitten im Meer landen und es nicht ans Ufer schaffen…«

Er zog mich natürlich auf. Tien sagte, dass die Landestelle auf zehn Kilometer genau berechnet war und wir im Wald landen würden. Deshalb müsste man sich darum keine Sorgen machen. Jetzt verstummte aber auch Lion. Er konnte immer noch nicht gut schwimmen. Vor der Landung in der Stealthkapsel hatte er keine Angst, aber das Wasser flößte ihm nach wie vor Furcht ein.

»Ich rette dich, wenn es so weit kommen sollte«, versprach ich. »Ich schlage dich bewusstlos und ziehe dich dann an den Haaren heraus.«

»Es darf aber nicht wehtun«, bat Lion mit ernstem Gesicht.

Wir schwiegen. Beide hatten wir eine Uhr, wollten jedoch nicht nach der Zeit schauen. Die Ziffern wechselten unendlich langsam, es schien, als ob sie eingefroren wären.

»Kennst du Horrorgeschichten?«, fragte Lion interessiert.

»Klar!«

»Erzählst du eine?«

Dummerweise fielen mir aber gerade jetzt keine ein! Ich erinnerte mich nur an eine völlig blödsinnige für Kleinkinder.

»Ein Junge kommt von der Schule nach Hause«, begann ich. »Und plötzlich sieht er, dass seine Eltern auf dem Tisch ihre Sozialkarte vergessen hatten. Nicht etwa, dass sie unordentlich waren, sie hatten es nur sehr eilig.«

»Und was ist eine Sozialkarte?«, wollte Lion wissen.

»Das ist… Na, so etwas wie eine Kreditkarte, nur dass dort die Rationen für die Lebenserhaltung aufgezeichnet sind. Du hast doch auf einer Station gewohnt, gab es so etwas bei euch nicht?«

»Nein, bei uns waren Luft und Wärme kostenlos«, erwiderte Lion mit schlechtem Gewissen. »Los, erzähl weiter!«

»Tja… Dieser Junge versteckte also die Sozialkarte im Schrank und fing an im Internet zu surfen. Er kam auf eine Seite mit dem Hinweis: ›Zugang nur für Erwachsene, Zugang für Kinder verboten.‹ Er gab selbstverständlich ein: ›Ich bin ein Erwachsener.‹ Daraufhin wurde ihm erwidert: ›Bitte die Nummer der Sozialkarte eingeben!‹ Er dachte sich nichts dabei und gab die Nummer ein. Tja, und so durfte er allen möglichen Unsinn anschauen… Er saß also am Laptop und hatte alles um sich herum vergessen. Plötzlich klingelte es. Er ging zur Tür, machte auf und sah eine Mitarbeiterin des Sozialdienstes. Die sagte: ›Junge, du atmest zu oft!‹ Der Junge erschrak und versprach, seltener zu atmen. Aber sie nahm ein Pflaster…«

Lion begann zu lachen.

»Was für ein Quatsch! Wenn du seltener atmest, verändert sich die Menge des verbrauchten Sauerstoffes nicht.«

Ich schwieg. Für ihn war die Geschichte wahrscheinlich wirklich nicht zu verstehen.

»Sei nicht beleidigt.« Lion knuffte mich mit dem Ellenbogen in die Seite. »Hör zu! Das ist jetzt eine ähnliche Geschichte, aber viel besser: Ein Junge hatte eine ältere Schwester. Sie durfte auf der Schattenseite spazieren gehen, bekam sogar einen neuen, roten Raumanzug geschenkt, den Jungen aber ließ man nicht. Sein Raumanzug war ganz einfach, einer für Kinder.«

»Wo durften sie spazieren gehen?«

»Auf der Schattenseite, dem äußeren Korpus der Station, auf der Unterseite. Dort gab es weder Gravitation noch Luft.«

»Aha«, sagte ich und stellte mir mit einigem Befremden einen derartigen Spaziergang vor. Was ist denn daran so reizvoll?

»Der Junge bat seine Schwester ständig, ihn mitzunehmen. Die Schwester jedoch antwortete: ›Nein, das geht nicht, du bist noch klein, du vergisst, die Sauerstoffpatrone zu überprüfen.‹ Die Sauerstoffpatrone ist übrigens zum Atmen, ein Regenerator im Raumanzug.«