Lion schüttelte energisch den Stoffsack — unseren hiesigen Regenerator. Er fuhr fort: »Hier ist es irgendwie stickig… Also, der Junge war natürlich beleidigt und setzte eines Tages an Stelle einer vollen — eine leere Patrone in den roten Raumanzug ein. Er dachte sich, wenn bei seiner Schwester der Sauerstoff zu Ende ginge, würde sie es noch mit der Reserve schaffen. Das Mädchen ging mit ihrem Freund auf der Unterseite spazieren, als ihr Freund plötzlich bemerkte: ›Irgendwie geht bei mir der Luftvorrat zu Ende! Kehren wir um!‹ Das Mädchen jedoch wollte nicht und gab ihm ihre Reservepatrone. Sie gingen weiter und plötzlich, du ahnst es, versiegte bei dem Mädchen die Luft. Sie erschrak und bat ihren Freund sofort darum, die Reservepatrone zurückzugeben. Dieser stand jedoch unter Schock. Und so starb das Mädchen. Am nächsten Abend lag ihr Bruder im Bett und weinte, weil es ihm um die Schwester leidtat. Er weinte, weinte und schlief ein. Plötzlich hörte er im Schlaf: ›Gib mir meine Ersatzpatrone!‹ Er öffnete die Augen — und in der Ecke stand der Raumanzug seiner Schwester, aufgeblasen, das Sichtglas von innen voller Blut! Er erschrak, lief zu seinen Eltern und erzählte ihnen alles. Daraufhin gaben ihm die Eltern eine volle Patrone und sagten: ›Wenn deine Schwester wiederkommt, sag ihr, dass das die Reservepatrone sei!‹«
»Haben sie ihn wenigstens kräftig verhauen?«, fragte ich voller Abscheu gegenüber dem Jungen. »Wegen seiner Schwester?«
»Er hat sicherlich etwas abgekriegt«, stimmte Lion zu. »Aber wenn die Schwester tot ist, was ist da noch zu ändern? Also, am nächsten Tag kam der Raumanzug wieder und sagte: ›Gib mir meine Reservepatrone!‹ Der Junge reichte ihm die Patrone, der Raumanzug schloss sie an, sagte lachend: ›Jetzt werde ich gleich genug Kraft haben, um dich zu erwürgen!‹, und öffnete das Ventil, um sich diese Kraft zu holen. Die Eltern ahnten jedoch, was er vorhatte, und gaben keine Patrone mit Sauerstoff, sondern mit Kohlenmonoxid. Der Raumanzug blies sich auf, wurde blau und platzte. Das Dumme war nur, dass der Junge trotzdem nicht überlebte, er starb vor Angst.«
»Bist du verrückt geworden?«, regte ich mich auf. »Was ist das denn für eine Geschichte, so ein Mist!«
»Warum?«
»Wie kann man denn Kohlenmonoxid in eine Pressluftflasche füllen? Hast du denn kein Chemie in der Schule gehabt? Nein, der Raumanzug muss ihn erwürgt haben…«
Lion dachte nach und erwiderte: »Wenn er erwürgt wird, tun einem die Eltern leid. Wenn ihm jedoch nichts passiert, dann wäre er ohne Strafe davongekommen.«
»Na und?«
»Ich glaube, dass sich Erwachsene diese Geschichten ausdenken«, meinte Lion. »Damit die Kinder keine Dummheitenmachen,keineKreditkartennummern herausgeben, nicht mit Sauerstoffflaschen herumspielen… Hör mal, findest du nicht, dass es hier stickig ist?«
Ich schaute angespannt auf das Säckchen.
»Nein, eigentlich nicht.«
»Uns wird von Kindheit an klargemacht, dass man keine Späße mit der Luft treiben darf«, sagte Lion, als ob er sich entschuldigen wollte. »Das ist ungeheuer wichtig. Wir lernen Gedichte darüber. ›Wenn der Wind an den Wänden rüttelt und die Sirenen heulen, weiß jeder — das ist nicht die richtige Zeit für einen Spaziergang. Geht der Sturm zurück und ist die Sirene verstummt, bedeutet das, man kann sich auf seiner Koje ausruhen.‹«
»Auf Karijer haben wir auch so etwas gelernt!«, sagte ich. »›Wenn du einen Riss, ein Loch, eine Kaverne gesehen hast, weiß natürlich jedes Kind — das ist sehr gefährlich!‹ Kennst du den Spruch über den Jungen, der ein Leck entdeckt und es mit seiner Hand zugehalten hat?«
»Hm«, bestätigte Lion.
Das Licht flackerte kurz auf.
»Was ist los?«, fragte Lion erschrocken. Er schaute auf die Uhr. »Tikkirej, noch drei Minuten!«
Wir streckten uns auf den Matten aus und schwiegen. Jetzt, wo wir nicht mehr durch unsere Unterhaltung abgelenkt waren, bemerkten wir ein leichtes Schaukeln des Raumschiffs. Die Gravitationskompensatoren konnten das Schwanken nicht völlig auffangen.
»Wir tauchen schon in die Atmosphäre ein«, kommentierte Lion, als ob ich das nicht selbst gewusst hätte. »O Mann, wer weiß, wie das ausgeht…«
Die Kapsel schien sich auf die Hinterbeine zu stellen. Tien hatte den Gravitationsvektor geändert.
Im nächsten Augenblick öffneten sich unter uns die Panzerklappen der Luke und unsere Kapsel fiel in den freien Raum hinaus. Stille. Absolute Stille.
Normalerweise waren wir ständig von Geräuschen umgeben. Sogar in die geschlossene Kapsel drang der Gerätelärm durch das Eis.
Jetzt hörten wir nur unsere Atemzüge.
Unter uns befand sich der Planet.
Nicht mehr als Kugel, sondern als gelb-grüne Ebene, die mit Wolkenflecken bedeckt war. Obwohl noch zu sehen war, wie sie sich am Horizont krümmte und nach unten verschwand. Die Sonne von Neu-Kuweit ging hinter dem Horizont unter unseren Füßen auf und die Eiskapsel funkelte wie Kristall.
»Mensch…!«, flüsterte Lion.
Die Sterne schienen hier noch hell und strahlend. Die Kapsel bewegte sich gleichmäßig, ohne Schütteln. Aber wir spürten deutlich, dass wir uns schon nicht mehr auf der Umlaufbahn, sondern im Landeanflug befanden.
»Schwerelosigkeit ist prima, stimmt’s?«, fragte Lion.
Ich antwortete nicht. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass Schwerelosigkeit eingetreten war, dass wir in unserer winzigen Eishöhle schwebten, nur mit lächerlichen Grasbändern festgeschnallt. Ich sah auf das Raumschiff der Phagen, das zielstrebig vorwärts und nach unten flog. Das war ein starkes und sicheres Schiff…
»Tikkirej!«
»Was ist?«
»Hey, schläfst du?« Lion drehte sich um und schaute mir in die Augen. »Sieh nur, echt cool! Da ist die Sonne!«
»Welche Sonne?«
»Die von der Erde, wo alle Menschen herstammen… Da, schau doch mal!«
Ich sah hin. Ein ganz gewöhnlicher Stern, nichts Besonderes.
»Ich möchte mal zur Erde«, sagte Lion. »Ich sehe mir unbedingt Australien, Shitomir und London an. Und außerdem möchte ich auf den Edem… Da, schau doch mal, das ist dort… Nein, er ist nicht zu sehen, ist hinter dem Horizont… Und wo ist der Avalon, kannst du ihn erkennen?«
Es war klar, dass er sich doch etwas fürchtete und deshalb ohne Unterbrechung sprach. Das sagte ich natürlich nicht laut, und fünf Minuten lang schauten wir uns Sternbilder an und erörterten, welche Planeten uns und welche den Fremden gehörten. Die Sonne von Neu-Kuweit stieg indessen höher und höher, wir mussten die Augen zusammenkneifen vor diesem grellen Strahlen, das sich über die Kapsel ergoss. Ich fand, dass uns Sonnenbrillen nicht geschadet hätten. Aber auch die Phagen können eben nicht an alles denken.
»Siehst du, dass wir gewendet haben?«, stieß Lion aufgeregt heraus. »Die Atmosphäre bremst… Wir sind jetzt circa fünfzig Kilometer hoch… Nein, noch höher…«
»Schaffen wir es wirklich, zu landen?«
»Das schaffen wir!«
Jetzt flog die Kapsel mit dem Boden nach vorn. Das Eis auf der Unterseite der Kapsel trübte sich ein und schmolz. Das unerträgliche Sonnenlicht wurde schwächer, so als ob es durch mattes Glas gedämpft würde.
Vielleicht denken die Phagen wirklich an alles.
Die Schwerelosigkeit verschwand genauso unmerklich, wie sie auf getreten war. Wir wurden auf die Matten gedrückt. Zuerst schwach, dann genau wie auf einem normalen Planeten.
»Es wächst bis vier ›g‹ an«, teilte Lion mit. Warum er das sagte, war nicht nachvollziehbar, denn ich wusste es ja selbst. Wir hatten einen Belastungstest durchgeführt.
»Wenn es doch schon zu Ende wäre…«
»Die Belastung?«
»Nein, die Landung!«
Der Druck wurde immer stärker. Dann fühlte ich eine leichte Vibration. Das Licht wurde heller, aber es war kein Sonnenlicht mehr, sondern ein in das Auge stechender rötlicher Glanz.
»So, jetzt sind wir in die Atmosphäre eingetaucht«, flüsterte Lion.
Ich drehte den Kopf und schaute auf den Boden der Kapsel. Er war völlig trüb, aber trotzdem konnte man eine Flamme erkennen, die wie ein luftiges Feuerkissen vor uns tanzte. Die Flamme breitete sich aus, schloss die Kapsel ein und flackerte.