Hinter uns entfernte sich ein kurzer Feuerschweif.
»Und das… das wird nicht geortet?«, fragte ich. Mich gruselte es. Nur ein halber Meter tauendes Eis trennte uns von einer Plasmawolke!
»Eigentlich nicht, wir haben speziell für die Landung die Zone des Morgenrots ausgesucht«, antwortete Lion. »Die Sonne hier ist aktiv… Es gibt oft Störungen auf dem Radar und visuell kann man es auch nur sehr schwer feststellen…«
Das Licht begann zu verblassen und die Schwerelosigkeit kam wieder. Das war das erste Eintauchmanöver — wir schlitterten über die Atmosphäre, verloren dabei an Geschwindigkeit, prallten ab wie ein flacher Stein von der Wasseroberfläche und fielen wieder nach unten.
»Beklemmend«, bekannte ich und war über meine eigenen Worte erstaunt. »Lion, hast du überhaupt keine Angst?«
Er antwortete nicht sofort, murmelte aber dann: »Ein wenig schon…«
Um die Kapsel loderte erneut eine Flamme. Dieses Mal wurden wir stärker durchgeschüttelt, die Kapsel vibrierte wie ein altes Auto auf einer schlechten Straße, der Druck wurde stärker.
Erneut schlüpfte die Kapsel für einige Minuten aus der Atmosphäre und bereitete sich auf das nächste »Eintauchen« vor.
»Tikkirej…«, Lion drehte sich zu mir. »Weißt du, woran ich jetzt gedacht habe? Wenn ich meine Eltern wiederfinde… zu ihnen gehe… erkennen Sie mich womöglich nicht.«
»Wieso denn das?«
Er lachte auf, sein Gesicht war ohne jede Freude.
»Mein Traum ist vorbei, und ich weiß, dass es nur ein Traum war. Aber sie? Vielleicht glauben sie, dass dieser Traum Wirklichkeit ist? Dann sind sie davon überzeugt, dass ihr Sohn Lion schon lange erwachsen ist und werden mir sagen: ›Junge, du bist sicherlich krank.‹«
»Eltern sagen so etwas niemals.«
»Glaubst du?«, fragte Lion skeptisch.
»Sicher.«
»Aber sie haben doch eine Gehirnwäsche erhalten…«
»Trotzdem.«
Ich bemühte mich überzeugend zu wirken. »Es könnte sein, dass dich dein Brüderchen nicht erkennt. Oder dein Schwesterchen. Aber deine Eltern werden dich erkennen.«
Lion schien sich zu beruhigen. Er legte sich bequemer hin — der Druck nahm wieder zu. Er sagte:
»Die Kleinen können doch nicht dasselbe geträumt haben. Wie hätten sie das denn verstehen sollen? Also müssen sie ihren eigenen Traum gehabt haben. Einen Kindertraum. So einen mit allen möglichen Tieren, mit Abenteuern für Kinder… Ihr Programm war sicherlich in Trickfilmen versteckt.«
»Den müsste man finden, der das alles ausgeheckt hat«, murmelte ich.
»Und ihm den Kopf abreißen! Wir werden ihn finden«, versprach Lion blutrünstig. »Hauptsache, wir landen erst einmal…«
Er hatte auch Angst.
Das dritte Eintauchen in die Atmosphäre war das letzte. Jetzt hatten wir ernsthaft unter der Fallbeschleunigung zu leiden, ein Gespräch war unmöglich. Die Luft um die Kapsel verwandelte sich in einen riesigen Feuerball. Die Kapsel wurde geschüttelt und knisterte, Eis wurde abgetrennt… jetzt wurden die überflüssigen Teile herausgeschmolzen, um Flügelkörper zu bilden. Ich wusste das, aber mir war ganz mulmig.
Endlich erlosch das Feuer, der Druck wich von uns und wir sahen unter uns den Planeten. Schon genau so wie aus einem Flugzeug. Die Kapsel glitt durch die Luft, senkte sich allmählich, drehte sich jedoch noch immer nicht um die eigene Achse.
»Wir sind noch zu hoch«, nahm Lion an, der erriet, woran ich dachte. »Oder…«
Ich erfuhr nicht, was das »Oder« bedeuten sollte. Wir hatten Glück. Lion richtete sich auf und betrachtete die Oberfläche durch die Seitenwände, nicht durch den verdunkelten Boden. Die Kapsel schaukelte und fing an sanft zu kreisen.
»Hurra!«, rief Lion. »Es hat geklappt!«
Unsere Kapsel war längst nicht mehr die akkurate Linse wie zuvor. Von oben und von unten war ein Teil des Eises weggeschmolzen, verdampft, sodass ihre Form jetzt sehr an einen Kleesamen erinnerte. Und in diesen Eisflügelchen drehten wir uns jetzt immer schneller.
Zuerst war es lustig. Die Welt herum drehte sich, die Sonne kreiste am Himmel über uns, das gleichmäßige Rauschen der Luft übertönte unsere fröhlichen Schreie.
Dann wurde uns schlecht. Wir flogen an entgegengesetzte Enden der Kabine und wurden an die Wand gedrückt.
»Mach die Augen zu!«, schrie Lion.
Ich schloss meine Augen. Trotzdem war es ekelhaft. Die Zentrifugalkraft drückte schlimmer auf uns als bei der Landung. Und außerdem wurde uns übel… ich hielt es aus, solange ich konnte. Dann hörte ich, wie sich Lion erbrach, und konnte es selbst nicht mehr zurückhalten. Ein Glück, dass wir gestern einen halben Tag nichts gegessen hatten. Aber im Mund spürte ich einen ekelhaft sauren Geschmack.
Es war wie auf einem außer Kontrolle geratenen Karussell… Vor zwei Jahren war ich mit Freunden auf dem Rummel. Unsere Klasse hatte damals den Mathematikwettbewerb der Stadt gewonnen, alle bekamen Freikarten für die Karussells. Auf dem Rummel gab es wenige Besucher. Wir liefen sofort zum interessantesten Karussell, dem »Himmelsschiff«, das sich nach oben, unten und um die eigene Achse drehte, sodass man zwanzig Meter nach oben flog — und dann mit fürchterlicher Geschwindigkeit kopfüber nach unten fiel. Dabei rechnete man jeden Augenblick damit, dass der Kopf auf dem Betonboden zerschellte. Ein ganz Schlauer, eventuell sogar ich, hatte die Idee, den Betreiber des Karussells darum zu bitten, uns länger fahren zu lassen. Der lachte auf und befahl allen, sich anzuschnallen…
Anstelle von drei Minuten ließ er uns zehn fahren. Danach hatte ich die Zeit verglichen. Fünf Minuten lang war es lustig, dann begannen alle zu schreien und darum zu bitten, dass er das Karussell anhalten sollte. Der Mann tat jedoch so, als ob er uns nicht verstehen würde, winkte uns zu und lächelte. Als er das »Himmelsschiff« endlich anhielt, hatten zwei Jungs nasse Hosen. Laufen konnte niemand, wir mussten abgeschnallt und nach draußen geschleppt werden.
Einer hatte geheult und damit gedroht, sich bei der Stadtverwaltung zu beschweren. Aber der Betreiber des Karussells meinte, dass wir selber schuld wären. Wir wollten mehr vom Allgemeingut bekommen, als uns zustand. Also erhielten wir eine nützliche Lehre — niemals etwas Überflüssiges einzufordern.
Wir beschwerten uns nicht.
Jetzt gab es niemanden, bei dem wir uns hätten beschweren können. Wir wurden gedreht, durcheinandergeschüttelt und — geschaukelt. Ich hätte liebend gern die Augen geöffnet und geschaut, ob es noch weit bis zur Erde war und was sich unter unseren Füßen befand — Wald, Wasser oder Felsen. Aber mit offenen Augen wurde mir noch schlechter…
Trotzdem fühlte ich die Annäherung an die Oberfläche. Als ob sich etwas in der Bewegung der Kapsel veränderte, vielleicht wurde das Schütteln stärker, vielleicht verlangsamte sich die Drehbewegung.
Auf einmal schabte etwas an uns — die zirkulierende Kapsel riss Zweige ab. Einige Minuten flogen wir über dem Wald und schnitten die Baumkronen ab wie die Klinge eines riesigen Rasenmähers. Dann drehte sich die Kapsel auf die Seite, knickte Baumstämme, wobei uns jeder Schlag schmerzte, und rollte wie ein Rad durch den Wald. Jetzt öffnete ich die Augen und erblickte gigantische Baumstämme, Gras, dichte Sträucher und einen unergründlich blauen Himmel (waren wir wirklich eben noch da oben?) sowie über dem Wald kreisende Vögel… Die Kapsel rollte, fällte dabei noch einige Bäume, kam zum Stillstand und kippte langsam mit dem Boden nach oben um.
Wir hingen in unseren Grasgurten. Alles vor unseren Augen war verschwommen und drehte sich, vor uns tanzten helle, bunte Sterne.
»Lebst du noch?«, fragte Lion leise.
»Hm…«, erwiderte ich und mir wurde erneut schlecht. In diesem Zustand hingen wir bestimmt noch fünf Minuten. Wir waren nicht fähig, uns zu bewegen.
Dann begannen wir, die Riemen zu lösen. Es fiel uns schwer, aber wir schafften es. Es gelang uns jedoch nicht, die Luke aufzuschrauben. Sie war von außen zugeschmolzen und hatte sich fest mit dem Körper der Kapsel verbunden.