»Ich habe schon befürchtet, dass wir in unsere Einzelteile zerlegt werden«, beklagte sich Lion. »Hast du die Berge gesehen? Zehn Kilometer haben gefehlt.«
»Welche Berge?«
»Sicherlich die Charitonow-Kette«, sagte Lion nachdenklich. »Das bedeutet, dass wir an der Nordgrenze der Landezone aufgesetzt haben. Nicht schlecht, sogar gut… Dann haben wir es nicht weit.«
Ich klopfte die Eishülle ab: »Wenn sie nur schmelzen würde!«
»Wir müssen uns gedulden.« Lion kam mit Mühe und Not in die Hocke und zog den Kopf ein, um sich nicht an der Luke zu stoßen. »Mensch, wie mein Rücken wehtut! Ich habe mich noch ganz zum Schluss gestoßen!«
»Bei mir scheint alles in Ordnung zu sein…«
Wir saßen uns gegenüber und schwiegen. Uns war immer noch schwindlig. Und wir wollten natürlich so schnell wie möglich nach draußen.
Nach ungefähr zehn Minuten fiel mir der erste Tropfen in den Nacken. Das Eis begann zu tauen.
»Tja, wir werden erfrieren!«, meinte Lion fröhlich.
Wir erfroren natürlich nicht.
Der Tropfen verwandelte sich in einen Bach, danach in einen Strom. Das superfeste Eis taute wie ein matschiger Schneeball im warmen Zimmer. Nach zwei Minuten stand uns das Wasser bis zum Knie. Da aber sprang die Kapsel auf und brach in zwei Teile auseinander. Mit einem fröhlichen Aufschrei warfen wir uns ins Freie.
Unter unseren Füßen knirschte Eis. Am Himmel lärmten die Vögel. Das Tauwasser verteilte sich und wurde von der weichen Grasnarbe aufgesogen. Ein breiter Streifen zog sich zwischen den Bäumen hin, als ob man den Wald gepflügt hätte. Die Luft in unserer Umgebung war gesättigt mit dem Geruch von Harz und Wald, was unsere Stimmung sofort hob. Uns wurde leicht und fröhlich zumute. Wir sprangen um die Kapsel herum, die sich in eine Pfütze verwandelte, schlenkerten mit den Armen und lärmten lauter als die Vögel.
Wir waren gelandet!
»Sommer!«, rief Lion fröhlich aus. »Sommer, Sommer, Sommer!«
Alles war gut gegangen, wir waren gelandet. Selbst wenn uns noch schwindelig war, wenn wir schmutzig und nass und die Beine vom Eiswasser taub waren — das Schlimmste lag hinter uns. Sollte auch Neu-Kuweit von einem schrecklichen Feind erobert worden sein, das kümmerte uns jetzt nicht. Wir befanden uns in einem richtigen, unter Naturschutz stehenden Wald, weit entfernt von der Stadt, und vor uns lagen einige Tage echter Waldabenteuer: Übernachtung am Lagerfeuer, Angeln, mit etwas Glück sogar Regenschauer, Stürme und Raubtiere. Was sind schon die Picknicks auf Avalon im Vergleich zu diesen Wäldern?
»Schau mal, dort ist ein See!« Lion zeigte durch die Bäume. »Wir hatten Glück, wir hätten hineinfallen können…«
Durch die Zweige leuchtete blaues Wasser. Und nicht nur dort, wohin Lion zeigte, sondern auch auf der anderen Seite. Ich rief mir die Karte in Erinnerung, die uns gezeigt worden war — wir befanden uns im »unteren Seengebiet« am Nordhang der Charitonow-Gebirgskette. Hier gab es viele winzige Seen, in der Nähe entsprang das Flüsschen Semjonowka, an dessen Delta sich Agrabad befand. Bis zur Hauptstadt waren es ungefähr einhundertfünfzig Kilometer — das würde funktionieren. Vielleicht müssten wir eine ganze Woche durch den Wald laufen!
»Wollen wir baden gehen?«, fragte ich.
Lion zögerte kurz, dann nickte er.
Also liefen wir zum See und ließen die Kapsel vor sich hin tauen.
Der Wald reichte bis ans Wasser. Es störte uns nicht, dass es keinen Strand gab. Der See war klein, rund, vielleicht dreißig Meter im Durchmesser und das Wasser in ihm schien so blau, als ob es eingefärbt wäre. Wir zogen uns schnell aus und sprangen hinein — es war kalt, aber nach der eisigen Dusche erschien es uns regelrecht heiß. Lion tummelte sich am Ufer und ging nicht tiefer hinein als bis zum Hals. Ich schwamm bis zur Mitte und wieder zurück, ohne mich über Lion lustig zu machen.
Wieder am Ufer wollten wir uns in der Sonne trocknen, die jedoch wie zum Trotz von Wolken verdeckt wurde. Es war sofort kalt geworden.
»Machen wir ein Lagerfeuer?«, schlug Lion vor und klapperte dabei übertrieben mit den Zähnen.
»Warum nicht«, stimmte ich zu und frottierte mich mit meinen T-Shirt.
»Und außerdem müssen wir noch eine Hütte bauen«, schlug Lion vor. »Oder?«
Wir schauten uns an.
»Heute gehen wir nirgendwohin«, meinte ich. »Und morgen auch nicht. Wir haben frei.«
»Stimmt. Aber Hunger habe ich schon.«
Wir beschlossen, uns später um das Essen zu kümmern. Zuerst suchten wir trockene Zweige. Die von der Kapsel gefällten Bäume erwiesen uns dabei einen guten Dienst. Das Lagerfeuer errichteten wir in der Nähe des Ufers. Ich besaß eine halbe Schachtel Streichhölzer, Lion ein Feuerzeug. Das Feuer brannte hervorragend, aber lange am Lagerfeuer zu sitzen war langweilig.
»Ich gehe angeln«, meinte Lion. »Und du kannst dickere Zweige für die Hütte zurechtschneiden.«
»Und warum gehst du angeln und ich soll die Zweige schneiden?« Ich war beleidigt. »Kannst du denn angeln?«
»Theoretisch schon«, gab Lion ehrlich zu. »Zu Beginn ist es erforderlich, ein kleines Loch in weicher, feuchter Erde zu graben und die Erdkrumen sorgfältig nach Würmern und Tausendfüßlern abzusuchen. Die gefangenen Insekten werden auf die Spitze des Angelhakens gespießt, wobei darauf zu achten ist, dass sie noch Lebenszeichen von sich geben. Sie werden angespuckt und in einer Entfernung von vier bis fünf Metern vom Ufer ins Wasser geworfen…«
Ich stellte mir das mit den Würmern genauer vor und erwiderte schnelclass="underline" »Okay, ich kümmere mich um die Zweige.« Es war nicht weiter schwer, die Zweige für die Hütte zuzuschneiden.
Wieder half die Landebahn der Kapsel, die sich mittlerweile in einen nassen Fleck verwandelt hatte. Ich holte einen Berg Zweige und begann neben dem Lagerfeuer eine Hütte zu bauen. Es gelang mir gar nicht so schlecht. Ich hatte nicht die Absicht, Lion so schnell zu rufen. Sollte er sich ruhig davon überzeugen, dass Angeln doch keine so einfache Sache ist. Aus unerfindlichen Gründen stellte ich mir vor, dass es mir besser gelingen würde, Fische zu fangen.
Lion erschien nach einer halben Stunde. In den Händen hielt er zwei große Fische, jeder rund anderthalb Kilo schwer.
»Nicht schlecht!«, meinte ich trocken.
Die Fische wanden sich und schlugen mit den Schwänzen. Lion schaute skeptisch auf seinen Fang, hielt ihn aber kräftig fest.
»Reicht das fürs Erste?«
»Sicher«, bestätigte ich. »Hast du sie mit Würmern gefangen?«
»Nein, ich habe es zuerst mit Ultraschall versucht. Es hat geklappt.«
»Du bist mir ein Freundchen…«, erwiderte ich und schaute auf sein zufriedenes Grinsen. »Also, dann fang an, sie fertig zu machen.«
»Wie?«
»Du musst den Fischen die Köpfe abschneiden, dann den Bauch aufschlitzen und sie ausnehmen, mit nassem Lehm einschmieren und ins Feuer legen.«
Lion erbebte.
»Hilfst du mir denn nicht dabei?«
Ich schüttelte den Kopf. Wir schauten traurig auf die unglücklichen Fische, die lautlos ihre Mäuler öffneten und schlossen. Ihre Schuppen schienen stumpf, die Augen trübe geworden zu sein.
»Da hinten steht ein Nussbaum«, meinte Lion. »Wenn man ein Stück am Ufer entlanggeht. Nüsse sind sehr nahrhaft, stimmt’s?«
Ich nickte. Wir waren noch nicht hungrig genug, um unsere Nahrung wie die Urmenschen zu erbeuten.
»Gehen wir!«, sagte ich. »Und die Fische lassen wir frei. Sie erholen sich im Wasser bestimmt wieder.«
»Und allen anderen sagen wir, dass sich Spinningangeln nicht lohnt«, wieherte Lion. »Komm. Du hast eine gute Hütte gebaut.«
Ich wandte mich um und betrachtete die Hütte. Sie schien mir nicht besonders gelungen, war zu klein und schief. Ein starker Wind wirft sie um, und wasserdicht ist das Dach auf keinen Fall, dachte ich.
»Danke«, erwiderte ich. »Wir bessern sie noch nach. Wir müssen noch viel lernen.«
Die Fische ließen wir gleich am Ufer ins Wasser, einer verschwand sofort in die Tiefe, der andere verharrte an seinem Platz, bewegte aber die Kiemen und erholte sich wieder.