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Nataschas Augen schauten böse und zeigten ihren Verdacht.

»Gegen Inej? Und woher wisst ihr, dass es Inej ist? Wenn ihr doch angeblich sofort weggelaufen seid?«

Ich konnte mich mit Mühe und Not beherrschen, Lion nicht eine runterzuhauen.

Er verbesserte sich aber selbstbewusst: »Zuerst sind wir mit dem Auto gefahren. Dort gab es einen Fernsehapparat, wir haben gesehen, wie der Sultan eine Rede hielt. Er sprach davon, dass wir uns Inej anschließen. Das ist sicherlich irgendeine Waffe. Alle haben eine Gehirnwäsche erhalten, sind jetzt wie Zombies, und bei uns hat es offensichtlich nicht funktioniert…«

»Wir werden ja sehen, ob ihr Zombies seid oder nicht…«, Natascha winkte ab. »Geht voran.«

Und so liefen wir noch zwei Stunden, kamen an einem Dutzend winziger Seen vorbei, kämpften uns durch sumpfiges Gelände (hier kamen auch die anderen Mädchen näher heran und bemühten sich bei uns zu bleiben), bis wir endlich das hügelige Bergvorland erreichten.

Auf den Anhöhen standen dichte Büsche, die Hänge waren kahl, dort wuchs kaum Gras. Natascha sah sich vorsichtig um, so, als ob sie einen Hinterhalt erwarten würde. Es war jedoch niemand zu sehen, lediglich die Vögel lärmten auf den Bäumen. Jeden Abend flogen die Meisen aus dem Wald zum Charitonow-Rücken.

»Habt ihr Angst?«, giftete ich. Natascha schaute mich verächtlich an und zischte durch ihre Zähne:

»Ich bin vorsichtig… Maria!«

Eines der Mädchen lief zu ihr.

»Wann öffnet sich ein Fenster?«, erkundigte sich Natascha.

Maria warf uns einen kurzen Blick zu und holte aus ihrer Jackentasche einen Pocket-PC. Sie schaute auf den Bildschirm: »In siebzehn Minuten gibt es ein Fenster für vier Minuten…«

»Das reicht nicht.«

»In zweiundvierzig Minuten öffnet sich ein Fenster für neun Minuten.«

»Das geht.«

Natascha schaute mich an:

»Könnt ihr rennen?«

»Ähm… Na klar!«

»In vierzig Minuten verschwinden über uns die Satelliten für visuelle Aufklärung«, erklärte Natascha. »Die Satelliten für Energiekontrolle können uns nicht orten.«

Deshalb verwendeten sie also diese primitiven Waffen! Ich nickte.

»In neun Minuten müssen wir es bis dort hoch schaffen…« Natascha zeigte auf eine Hecke, die den nächsten Hügel umgrenzte. »Wenn ihr zurückbleibt, erschieße ich euch! Ehrenwort!«

Ich glaubte ihr.

Lion auch. Das war ganz und gar nicht einfach!

Warum hatte ich nur gedacht, dass wir mit Leichtigkeit die Hecke erreichen würden? Ich konnte immer gut rennen, und in neun Minuten kann man sonst wohin laufen. Ich hatte nur nicht berücksichtigt, dass man den Hang hinaufmusste.

Steine, unscheinbare kleine Sträucher, Löcher — all das kam uns wie bestellt unter die Füße. Gleich am Anfang fielen Lion und ich zurück. Und die Mädchen überholten uns allesamt! Woher nahmen sie nur diese Energie?

Lediglich Natascha und noch ein anderes Mädchen hielten sich hinter unserem Rücken, die Armbrust schussbereit. Und sie fluchten dermaßen, dass man sie auf einem anständigen Planeten sofort in eine geschlossene Anstalt zur Besserung und Umerziehung gesteckt hätte. Obwohl Lion und ich unsere letzten Reserven mobilisierten, war es in erster Linie peinlich, schwächer als die Mädchen zu sein. Und jetzt drohten sie uns auch noch an, einen Pfeil »an die Stelle, wo es am meisten stört« zu jagen, wenn wir auch nur stolperten.

Wir schafften es.

Wir schafften es, nachdem alle Mädchen mit Ausnahme unserer Begleitung, schon die Hecke erreicht und die Armbrust auf uns gerichtet hatten. Wir schnappten nach Luft, konnten unsere Beine kaum noch heben und fielen unter die Bäume. Die erbarmungslosen Wächterinnen, die nicht einmal schnell atmeten, standen neben uns. Hinter ihnen erschien noch ein Dutzend Mädchen, die uns neugierig betrachteten.

»Maschka! Alles klar?«, fragte Natascha als Erstes.

»Ja!«, piepste sie. »Zwanzig Sekunden in Reserve.«

Ich lag auf dem Rücken, atmete schwer und schwor mir, dass ich nie heiraten würde. Und wenn überhaupt, dann eine Muslimin. Sie werden wenigstens so erzogen, dass sie auf ihren Mann hören.

Obwohl man auch von den Russen sagt, dass ihre Frauen ruhig und gehorsam wären. Dabei waren diese Mädchen alle, oder fast alle, Russinnen. Es ist also gelogen.

»Steht auf, ihr Schwächlinge!«, befahl Natascha. »Oder sollen wir euch auf den Arm nehmen wie Kleinkinder?«

Alle Mädchen lachten gemein.

Ich stand auf und verteilte Spucke auf meine Wunden. Lion betastete grimmig seine Füße — er war ja barfuß und musste über spitze Steine laufen.

»Macht ihm einen Verband«, meinte Natascha. Ein Mädchen reichte Lion ein Verbandspäckchen, er jedoch winkte ab und stand auf. Seine Fersen waren zerschlagen und bluteten.

»Wie stolz er ist«, schnaubte Natascha.

Dieses Mal fand sie keinen Beifall.

Eingeschlossen von den Mädchen gingen wir auf die Spitze des Hügels. Warum wohl die Bäume hier so eigenartig wuchsen…

»Tut es weh?«, fragte Natascha entweder mich oder Lion. Wir antworteten beide nicht.

Nach einigen Minuten kamen wir ins Lager. In ein echtes Camp, wie bei den Scouts in den Filmen. Die Spitze des Hügels war flach und eben, die Bäume wuchsen hier besonders dicht und zwischen ihnen befanden sich fast unsichtbar Hütten aus Zweigen. Einige Feuerstellen waren von aus Zweigen geflochtenen Matten bedeckt, durch die der Rauch verteilt und die Flammen versteckt wurden. Selbstverständlich gab es hier keine Quellen, aber an einigen Bäumen hingen große, transparente Wasserschläuche. Alles in allem war das Lager sehr gekonnt eingerichtet.

»Halt!«, kommandierte Natascha. Sie ging zu einer der Hütten, die größer und fester als die übrigen war. Die Erde vor der Hütte war eigenartig festgestampft und mit spiralförmigen Zeichnungen bedeckt, als ob dort jemand stundenlang Fahrrad gefahren wäre.

Sicherheitshalber berührte ich die Schlange, als ob ich einfach einen Finger in den Gürtel gehakt hätte. In Wirklichkeit bereitete ich mich auf den Kampf vor.

Natascha klopfte an einen der Hüttenpfeiler wie an eine Tür. Ein bisschen komisch sah das schon aus.

»Ja!«, antwortete aus der Hütte eine unangenehme Zitterstimme.

Natascha nahm den Vorhang, der den Eingang bedeckte, zur Seite und betrat die Hütte. Sie sprach schnell und leise, ich fing lediglich Gesprächsfetzen auf: »… Spione… ein lautes Pfeifen und Krachen… liefen sofort in diese Richtung… eine Landebahn zirka fünfzig Meter lang… behaupten, dass sie sich verlaufen hätten, sie lügen… Spione…«

Das war es also! Sie hatten den Krach unserer Landung gehört! Und glaubten uns natürlich kein einziges Wort…

Der Gesprächspartner Nataschas hörte sich erbost und vorwurfsvoll an.

Er sprach davon, dass man die »Spione« nicht hätte hierherschleppen, sondern sie auf der Stelle befragen sollen, man dürfe keinen Dreck…

Und plötzlich erinnerte ich mich!

»Juri Semetzki der Jüngere!«, schrie ich heraus und fing vor Begeisterung an hin und her zu hüpfen. »Der Schweinezüchter vom Avalon!«

In der Hütte fiel etwas herunter und ging zu Bruch, leise begann ein Motor zu summen. Sämtliche Mädchen richteten ihre Armbrust auf mich. Ich schrie jedoch weiter: »Juri! Das sind Tikkirej und Lion! Sie erinnern sich doch an uns? Auf dem Kosmodrom! Erinnern Sie sich! Ich bin der Junge vom Kosmodrom!«

Aus der Hütte schoss schlingernd ein Rollstuhl. Ein glatzköpfiger Alter im Anzug mit Schlips und Kragen schaute mich an. In seiner linken Handfläche steckte ein kleiner Schraubenzieher und wackelte. Semetzki trug offensichtlich eine Handprothese, und mein Aufschrei hatte ihn von irgendeiner kleinen Reparatur oder Korrektur abgelenkt. Natascha folgte ihm, stellte sich hinter den Rollstuhl und richtete ebenfalls ihre Armbrust auf mich.

»Der Junge aus dem Kosmodrom?«, rief Semetzki erstaunt aus. »Bist du der, der mit dem…« Er unterbrach sich.

Sein jung gebliebener lebhafter Blick musterte mich aufmerksam. Dann schaute Semetzki auf Lion.