Lion und ich begannen zu lachen, Semetzki schaute uns daraufhin vorwurfsvoll an.
»Das ist falsch, Jungs! Zehn Witze, die zur rechten Zeit erzählt werden, können dem System mehr Schaden zufügen als ein Atomsprengkopf! Wie man so sagt: Steter Tropfen…«
»Gesammelt wurde eine bedeutende Menge an Nachrichtenmaterial«, fuhr Natascha fort. »Mit der Bevölkerung wird Aufklärungsarbeit durchgeführt. Wir planen…«, sie zögerte, »eine Einschüchterungsaktion in besonders großem Maßstab. War’s das, Opa?«
»Der Raketenschlag«, erinnerte Semetzki. »Und über die Abteilung an sich.«
»Auf die Hauptstadt wurde eine Rakete abgefeuert, aber die Folgen sind unbekannt.« Natascha bedauerte das offensichtlich. »Als wir ein Vorratslager der Armee eroberten, fanden wir dort ›Samum‹-Raketen… Wir haben keine Verluste an Kämpfern, jedoch Kranke und Leichtverletzte, die Stimmung ist gut, wir sind bereit, unseren Dienst für das Imperium weiterzuführen.«
»Prächtige Mädchen habe ich«, bekundete Semetzki stolz. »Früher hatte ich eine Enkelin, und jetzt — fünfunddreißig.«
»Sagen Sie bitte, was geht eigentlich auf dem Planeten vor?«, fragte ich. »Im Imperium weiß man kaum etwas über die Ereignisse.«
Semetzki holte tief Luft. »Wir verfolgen die Nachrichten… wissen also Bescheid. Es steht schlecht um den Planeten, Jungs. Unserer Meinung nach wurde die Bevölkerung einer Gehirnwäsche über die Neuroshunts unterzogen. Stimmt das?«
Ich nickte.
»Die Grundlagen dafür sind als Trojaner mit den auf Inej produzierten Programmen eingedrungen, der Neuroshunt diente als Detonator?«
Ich nickte erneut.
»Das ist schlimm.« Semetzki atmete ein. »Die Situation stellt sich folgendermaßen dar: Die Gehirnwäsche erfasste 85 bis 90 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Unter Erwachsenen verstehe ich alle Menschen, die älter als zehn Jahre sind, obwohl die Kleinen ebenfalls teilweise infiziert wurden. Diese Schweinehunde haben ihre Programme auch in Trickfilmen versteckt! Sogar in Lehrprogrammen für kleine Kinder. Retten konnten sich nur jene, die selten Unterhaltungssendungen oder populärwissenschaftliche Beiträge schauten. Leute, die an anderen Dingen interessiert waren, begeisterte Touristen, Sektenmitglieder, Workaholics, Naturliebhaber der Liga ›Zurück zur Natur‹. Aber auch sie konnten sich nicht lange halten. Erstens: Was kann man gegen die allgemeine Liebe zum Inej setzen? Gegen Mütter und Väter, Ehemänner und Ehefrauen, Kinder, Freunde, alle, die dich davon überzeugen, dass die Unterwerfung unter Inej der Sinn unserer Existenz sei? Zweitens: Es gibt so etwas wie Psychoinduktion. Wisst ihr, was das ist? Wenn ein gesunder Mensch in die Gesellschaft ausschließlich psychisch Kranker gebracht wird, dann wird er glauben, dass diese im Recht seien. Bedingung dabei ist, dass der Unsinn folgerichtig erscheint und von geachteten Leuten ausgeht. In ein paar Monaten wird die gesamte Bevölkerung von Neu-Kuweit Inej und dem Präsidenten ergeben sein.«
»Ist der Präsident eine Frau?«, wollte ich wissen.
Semetzki nickte. »Ja. Inna Snow.«
Unwillkürlich musste ich lächeln.
»Ein viel sagender Name« stimmte Semetzki zu. »Aber die Dame… Oho, die ist nicht unkompliziert…«
»Und wie sieht sie aus?«, fragte ich nach.
Semetzki fasste in seine Jackentasche und holte ein Blatt Papier heraus. Man konnte erkennen, dass es aus einer guten Zeitschrift herausgerissen war, das Foto war nämlich dreidimensional…
Es zeigte eine mittelgroße Frau in weiter, weißer Kleidung inmitten fröhlich lächelnder Menschen: Militärs in Uniform, Zivilisten in Anzügen, Kosmonauten in Raumanzügen… An der einen Hand hielt die Frau einen kleinen Jungen in einem grellen Anzug, die andere legte sie einem Invaliden im Rollstuhl auf die Schulter. Aus den Augenwinkeln schaute ich auf den Rollstuhl Semetzkis — seiner war besser.
Das Gesicht der Frau war jedoch von einem dichten, weißen Schleier bedeckt.
»Was, hat niemand ihr Gesicht gesehen?« Ich wunderte mich.
Semetzki nickte schweigend.
»Vielleicht ist sie eine Fremde!«, rief ich. »Eine stinkende Tzygu im Raumanzug! Oder irgendwer anders!«
»Das interessiert niemanden!«, erwiderte Semetzki. »Alle, die eine Gehirnwäsche erhalten haben, glauben daran, dass sie eine nette, gute und kluge Frau mittleren Alters ist. Siehst du, sie beäugen sie, wie die Hammel ein neues Tor.«
»Schwachköpfe«, meinte ich. Ein unklares Gefühl drängte mich, zu Lion zu blicken.
Lion war in das Foto versunken und lächelte verzückt, fast wie die Menschen um die Präsidentin Inna Snow herum.
Ich zerknüllte das Blatt und gab es Semetzki zurück. Lion erbebte und das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht.
»So sieht es also auf dem Planeten aus«, meinte der Unternehmer. »Warum lasst ihr euch so viel Zeit?«
»Wir treffen keine Entscheidungen«, antwortete ich. »Wir haben unsere eigene Aufgabe…«
»Ich verstehe.« Semetzki holte Luft. »Jedem Töpfchen sein Deckelchen… In Ordnung, Jungs. Ihr habt uns Mut gemacht, das könnt ihr glauben. Allein durch die Tatsache, dass ihr hier seid… Erholt euch, macht es euch gemütlich. Und morgen früh bringen wir euch in die Hauptstadt.«
»Opa, ich fahre den Jetski«, sagte Natascha bestimmt.
Semetzki atmete tief ein.
Diskutierte jedoch nicht. Abends saßen wir am Lagerfeuer. Alle außer Semetzki: Er schaute in seiner Hütte Fernsehen.
Entweder suchte er wirklich irgendeine Information im Propagandastrom des Inej oder er wollte die Mädchen nicht stören.
Die mutigen Kämpfer der Sonderbrigade des Imperiums Die Schrecklichen lauschten unseren Erzählungen über den Avalon. Sie kamen ja alle von dort. Einige Mädchen hatten schon feuchte Augen, aber noch heulte niemand.
»Es ist neuer Weihnachtsschmuck auf dem Markt«, berichtete Lion und wedelte mit den Händen. »Polimorph, er ändert nicht nur die Farbe, sondern auch die Form. Der Weihnachtsbaum ist mal mit Kugeln, mal mit Glocken und mal mit Leuchten geschmückt. Und zu Silvester gab es die ganze Nacht lang über Camelot eine Lasershow…«
Unfassbar! Lion war zu Silvester noch gar nicht normal. Trotzdem erinnerte er sich an alles. Zuerst saßen wir zu zweit, dann kam Stasj, danach Rosi und Rossi… wir fuhren nach Camelot…
Ich dachte an meine avalonischen Freunde und wurde traurig. Die dichte Matte aus Zweigen, die an Stricken über dem Lagerfeuer hing, warf das Licht auf die Gesichter der Mädchen zurück. Rötliche Schatten zuckten, der Qualm umtanzte die Matte und ging als Ring zum Himmel.
Eine kleine Partisanin, die begeistert auf Lion schaute, sank in sich zusammen und legte ihren Kopf auf die Knie der Freundin, um zu träumen.
Leise stand ich auf und entfernte mich vom Lagerfeuer. Ich schaute in die Hütte Semetzkis, aber der Alte hatte den Fernsehbildschirm vor die Augen geklappt und schaute konzentriert, wobei er ab und zu schmatzende Geräusche von sich gab.
Ich lief durchs Gebüsch und achtete darauf, nicht den Baumkronenschutz zu verlassen. Am Waldrand hielt ich inne. In der Ferne sah man dunkel die Charitonow-Kette, auf dem höchsten Berg blinkte ab und zu ein rotes Licht.
»Dort sind eine meteorologische Station und der Ersatzfernsehturm von Agrabad«, sagte jemand neben mir.
Ich zuckte zusammen und drehte mich um. Mit Mühe und Not erkannte ich in der Dunkelheit Natascha. Sie saß da, hatte ihre Knie zum Kinn gezogen und beobachtete die Berge.
»Was machst du denn hier?« Vor Schreck wurde ich grob.
Aber Natascha antwortete friedlich: »Ich schaue auf die Berge. Das sind schöne Berge. Aber sie sind tückisch. Kalt und steil.«