Ich setzte mich neben sie und fragte: »Hast du keine Angst zu kämpfen?«
»Ich habe Angst«, antwortete Natascha ehrlich. »Fast alle haben Angst. Diana nicht, sie ist irgendwie gefühllos. Kira und Myrta behaupten ebenfalls, dass sie vor nichts Angst hätten. Aber ich glaube, dass sie lügen.«
»Du hast einen tapferen Großvater«, meinte ich.
»Ja. Und einen klugen. Er hat sich ausführlich mit uns unterhalten, bevor wir uns dazu entschieden, Partisanen zu werden. Über Inej… und überhaupt.«
»Und hat euch überzeugt.«
»Er hat uns überzeugt. Er erklärte uns, dass die größte Freiheit schon immer innerhalb des Menschen lag. In der Seele. Sogar die schlimmsten Tyrannen konnten die Menschen nicht daran hindern, auf eigene Art und Weise zu denken. Aber Inej versucht genau das, und deshalb ist es egal, ob wir getötet oder in Zombies verwandelt werden. Wir würden nicht mehr wir selbst sein können.«
»Ja«, erwiderte ich. Obwohl ich dachte: Wenn ein Mensch sein Leben im Gefängnis verbringen muss, ist das sicherlich viel schlimmer. Die Zombies verstehen wenigstens nicht mehr, dass ihnen die Freiheit genommen wurde.
»Ist es schwer, ein Phag zu sein?«, fragte Natascha plötzlich.
»Was? Na ja… Je nachdem.«
»Stimmt es, dass ihr vor nichts Angst habt?«
Ich wollte bekennen, dass ich überhaupt kein Phag war, aber das war unmöglich.
»Auch Phagen haben Angst«, sagte ich deshalb. »Besonders um andere.«
Natascha nickte kaum merklich in der Dunkelheit.
»Tikkirej…«
»Was?«
»Weißt du, ich glaube, dass wir alle sterben werden«, sagte sie. »Wir können uns doch nicht die ganze Zeit verstecken… Man braucht nur eine Rakete auf uns zu richten — und das war’s.«
»Ihr versteckt euch doch.«
»Sie werden uns trotzdem finden. Wir treffen natürlich alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen… Wir machen jetzt nur ein Lagerfeuer, weil wir auf dem Gipfel des Hügels sind. Das sind nämlich Hügel mit Geysiren, hier gibt es viele heiße Quellen. Aber früher oder später wird man uns finden. Falls das Imperium nicht eingreift.«
Ich schwieg.
Ich konnte nichts dazu sagen, ich wusste nicht, wann es Krieg mit Inej geben würde.
»Tikkirej… küss mich!«, bat Natascha plötzlich.
Mir blieb die Luft weg.
»Ich habe noch nie geküsst«, eröffnete mir Natascha. »Weißt du, es wäre doch schade, wenn wir getötet werden, und ich hätte noch niemanden geküsst. Wirst du mich küssen?«
»Äh…«
»Gefalle ich dir nicht?«
»Du gefällst mir«, beruhigte ich sie, obwohl an Natascha nichts Besonderes war.
»Dann küss mich! Nur ein einziges Mal!« Und Natascha wandte sich mir zu.
Den Phagen wird vielleicht beigebracht, wie man küsst, aber ich war ahnungslos, denn ich hatte ja bisher auch noch niemanden so richtig geküsst! Ich empfand das Bedürfnis, aufzuspringen und wegzulaufen, schämte mich aber, als feige zu erscheinen. Dann bemerkte ich, dass Natascha die Augen geschlossen hatte und wurde etwas mutiger.
Letztendlich zwingt mich ja niemand dazu, sie zu heiraten!, dachte ich beherzt.
Vorsichtig berührte ich mit meinen Lippen ihren Mund. Es war gar nichts Außergewöhnliches… Nur mein Herz begann schneller zu schlagen.
»War das schon alles?«, flüsterte Natascha.
»Ja…«
»Danke«, sagte Natascha unsicher.
Und da schien mich etwas anzustoßen. Ich wandte mich zu ihr und küsste sie erneut. Eigentlich genau so, aber es war wie ein Stromschlag. Natascha fühlte sicherlich ebenso und schrie leise auf.
Ich sprang auf und lief zum Lagerfeuer. Einige Schritte vom Lichtkreis entfernt blieb ich stehen: Im Prinzip saßen alle noch genau so da und hörten den Erzählungen Lions zu. Hinter meinem Rücken raschelten Zweige — auch Natascha war geflohen, aber nicht ans Lagerfeuer, sondern in die Hütte zum Opa. Mit klopfendem Herzen setzte ich mich wieder ans Feuer. Niemand beachtete mich. Es gab ja genug Gründe, für kurze Zeit das Lagerfeuer zu verlassen.
Kapitel 3
Unter den Kuppeln auf Karijer gab es auch einen Fluss. Er floss allerdings im Kreis und das Wasser wurde gefiltert. Auf dem Avalon und Neu-Kuweit gab es echte Flüsse, ich hatte mich schon daran gewöhnt und sie gefielen mir entschieden besser.
Der Gebirgsfluss, den wir nun hinunterfuhren, erwies sich als etwas ganz Besonderes.
Wir verließen das Lager noch im Dunkeln, um vier Uhr morgens. Ich, Lion und Natascha mit zwei Freundinnen. Semetzki verabschiedete sich von uns im Lager, umarmte uns und gab uns folgende Worte mit auf die Reise:
»Einen Vogel erkennt man am Flug, ein Pferd am Trab, einen Menschen an seinen Taten. Ich wünsche euch Glück!«
Nach rund vierzig Minuten waren wir bereits am Fluss, der sich zwischen den Hügeln entlangschlängelte. Die Strömung war hier nicht so stark wie oben in den Bergen, aber der Fluss brodelte und schäumte über die Felsbrocken. Eine Stromschnelle folgte der anderen, durch das absolut saubere Wasser konnte man den steinigen Grund erkennen. Es war unmöglich, hier mit einem Boot hinunterzufahren, aber am Ufer, in den Felsen versteckt, stand ein kleiner Jetski. Er ist für eine Person ausgelegt, für einen Erwachsenen.
»Setzt euch auf den Sitz«, kommandierte Natascha, als wir den Jetski ins Wasser schoben. Lion und ich setzten uns hintereinander, sie stellte sich vor uns an den Lenker. Sie winkte den Mädchen zu, die nur mit uns gekommen waren, um uns zu verabschieden. Nataschas Freundinnen machten besorgte Gesichter. Es war anscheinend nicht so einfach, den Fluss hinunterzufahren.
»Haltet euch gut fest!«, riet uns Natascha. »Wenn ihr runterfallt, ist alles aus.«
»Kann man sich hier nicht anschnallen?«, fragte Lion.
»Sag mal, bist du vom Mond gefallen? Wenn der Jetski umkippt und du bist angeschnallt, wirst du über den Grund geschleift!«
»Rettungswesten?«, fragte Lion.
»Haben wir nicht. Das Wasser ist sowieso eisig, du bekommst sofort einen Krampf. Also haltet euch fest!«
Natascha stand angespannt da und lockerte ihre Hände an den Hebeln. Sie bereitete sich vor.
Mir wurde mulmig.
»Los geht’s!«, schrie Natascha schallend. Mir fiel auf, wie angespannt ihr Rücken war, die Schulterblätter zeichneten sich unter dem dünnen Pullover ab. Natascha beugte sich etwas nach vorn, hinten senkten sich die Motordüsen ins Wasser und der Jetski sprang nach vorn.
Das war eine Fahrt! So etwas hatte ich bisher nur im Kino gesehen.
Das Gefährt raste mit der Strömung nach unten, zeitweise ragten die Düsen aus dem Wasser und der Lärm der Wasserstrahltriebwerke wurde unerträglich. Natascha neigte sich geschmeidig nach rechts und nach links und folgte den Bewegungen des Jetskis. Uns war klar, dass wir es genauso machen müssten. Aber es war sehr schwer, den Wunsch zu unterdrücken, so weit wie möglich dem Wasser fernzubleiben, statt fast die brüllenden Wellen zu berühren, unter denen spitze Steine zu erahnen waren! Und das alles im unsicheren Halbdunkel der Morgendämmerung!
»Sprung!«, schrie Natascha. Und wir flogen unter dem betäubenden Jaulen der aufgedrehten Motoren durch die Luft, um eine der vielen Stromschnellen zu überwinden. »Entspannt euch!«
Ich hätte mich gerne umgewandt und geschaut, ob die Mädchen noch am Ufer zu sehen waren, ob sie uns zuwinkten. Aber es war Angst einflößend, den Kopf dem vorbeirauschenden Ufer zuzuwenden. Ich sah nur auf Nataschas Rücken, fühlte, wie angespannt Lion hinter mir saß und wie Eiswasserspritzer und der Wind mir kräftig ins Gesicht schlugen.
Ich wusste nicht, wie lange diese verrückte Flussfahrt andauerte. Langsam begann sich die Gegend zu verändern. Eine Ebene ersetzte Felsen und Hügel, die aus dem Wasser ragenden Felsbrocken verschwanden, Stromschnellen wurden immer seltener. Der Fluss verbreiterte sich, die Strömung wurde ruhiger.
»Geschafft, wir werden es überleben!«, schrie Natascha. Sie war nass von Kopf bis Fuß. Uns hatte es auch getroffen, aber weniger.
»Wirst du dich nicht erkälten?«, schrie ich.