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»In der Stadt setze ich euch schon am Stadtrand ab«, sagte der Fahrer entschuldigend. »Ich darf mit diesem Nilpferd von einem Auto nicht auf die Hauptstraßen, nur in die Fabrik und in die Garage.«

»Wir steigen noch vor der Stadt aus«, erwiderte Lion, »neben dem Motel, in der Nähe des Kosmodroms. Dort ist Papa… arbeitet mein Papa. Und die Milch hat hervorragend geschmeckt. Danke!«

Der Fahrer nickte und sagte unerwartet nachdrücklich: »Danke musst du nicht mir sagen, mein Junge!«

»Danke der Herrscherin!«, antwortete Lion sofort mit einer veränderten Stimme. »Aber Dank auch an Sie, Onkelchen.«

»Oje, sie haben das Imperium ganz nach unten gewirtschaftet«, seufzte der Fahrer. »Wir essen Synthetik, haben unseren Stolz verloren, wissen nichts mehr von der Liebe. Wenn es Inej nicht geben würde…«

Er veränderte sich kein bisschen bei diesen Worten. Er blieb derselbe gutmütige und noble Mensch, der gern fremde Jungs mitnahm und sie sogar noch mit seinem duftenden Brot und der guten Milch bewirtete. Aber in meinen Ohren schienen Alarmglocken zu läuten. Auch Lion sah konzentriert und unruhig aus.

»Was glauben Sie, Onkelchen, wird das Imperium gegen uns kämpfen?«, wollte Lion wissen.

Beim Fahrer traten die Backenmuskeln hervor.

»Es sieht ganz danach aus«, sagte er leicht dahin. »Macht ihr euch aber darüber keine Gedanken, Jungs. Ihr müsst lernen.«

»Wir lernen ja«, erwiderte Lion zustimmend. »Aber wir sorgen uns um die Herrscherin. Wenn es nötig ist, sind wir bereit zum Kampf!«

Der Fahrer hielt das Lenkrad mit einer Hand und streichelte Lion mit der anderen über den Kopf.

»Ach, ihr Jungs…«, sagte er mit trauriger Stimme. »Was denkt sich nur der Imperator? Warum lässt er uns nicht einfach in Ruhe leben? Habt ihr davon gehört? Von der Schießerei?«

»War das, als… eine Samum abgefeuert wurde?«, fragte ich frech, weil ich mich an den Bericht Semetzkis erinnerte.

Der Fahrer nickte: »Mit einer Samum… Das muss man sich mal vorstellen… Jedes Kind weiß das… Meine Tochter ist in diese Schule gegangen.«

Lions Augen sahen aus wie ein alter Neuroshunt — rund und groß. Ich erstarrte ebenfalls. Hatten etwa »Die Schrecklichen« so schlecht gezielt, dass sie eine Schule gesprengt hatten? Mit Kindern?

»Jetzt lernen sie zu Hause«, fuhr der Fahrer währenddessen fort. »Dank der Herrscherin, dass der Beschuss in der Nacht stattfand… Ist eure Schule nicht zerbombt worden?«

»Das ist sie«, erwiderte Lion überraschend.

Der Kraftfahrer nickte: »Zehn Schulen! Dass sie sich nicht schämen, diese Ungeheuer. Was wird es das nächste Mal sein? Ob sie vielleicht ein Krankenhaus in die Luft jagen oder das Vieh vergiften? Gestern kam eine Gesandtschaft an…«

Er verstummte.

»Ja und?«, wollte ich wissen. »Wir haben nichts davon gehört.«

Der Fahrer holte tief Luft: »Tja, was soll man dazu sagen… Während die Herrscherin mit dem Botschafter verhandelte, gingen seine Bodyguards in die Stadt. Und dort wurde einer gefasst, wie er Bakterien ins Trinkwasserreservoir schüttete!«

»Was?«, wunderte ich mich.

»Ein Anschlag wurde vorbereitet, mein Junge!« Das Gesicht der Fahrers war erneut angespannt. »Dieser Mörder, der Attentäter, war ein Phag und kein Bodyguard. Er wollte unsere Wasserleitungen mit Beulenpest infizieren. Damit die gesamte Hauptstadt entvölkert wird. Frauen, Kinder und Alte.«

»Ist er gefasst worden?«, fragte ich und vor meinen Augen erschien das Gesicht Tiens. Er sollte geplant haben, Millionen Menschen zu töten? Eine Woche lang sind wir mit ihm gemeinsam geflogen, er hat Scherze gemacht und sich gleichzeitig darauf vorbereitet, eine Million Menschen umzubringen?! Das kann doch nicht wahr sein!

»Ja«, antwortete der Fahrer. »Morgen Abend wird er hingerichtet, auf dem Platz, laut Urteil des Tribunals. Und die Gesandtschaft des Imperium wurde vom Planeten gejagt. Richtig so! Es war sowieso überflüssig, mit ihnen zu verhandeln. Sie sind alle Mörder, der Herrgott vergebe ihnen! Mörder!«

Sofort war alles anders. Grau. Wie durch Rauchglas gefiltert. Das bedeutet also, Sjan Tien wurde gefasst? Und wird hingerichtet?

Aber das konnte er doch nicht gemacht haben, das stimmte nicht!

»Geht nicht auf den Platz, Jungs«, riet uns der Fahrer. »Das ist nichts für euch.«

»Wir werden nicht hingehen«, versprach Lion.

Er schaute mich an.

In der Ferne sah man schon die Hochhäuser von Agrabad, verschiedenfarbig, halb himmelblau, halb dottergelb, festlich und stolz.

»Natürlich gehen wir nicht hin«, bestätigte ich. »Da, sehen Sie, rechts am Weg ist das Motelzeichen. Wir steigen dort aus!«

Es war alles wie früher. Genauso grün und warm, Häuschen und Zelte, einige Menschen, die ihren Grill vorbereiteten. Im Bungalow mit der Aufschrift »Check-in« war die Tür geöffnet. Daraus klang fröhliches Lachen. Lion und ich schauten uns an und gingen hinein.

Am Tisch saß das nette Mädchen. Ich erkannte sie sofort wieder. Sie war es, die vor einem Monat so nett zu mir war. Ich dachte, dass sie mit jemandem sprach, aber sie war allein. Sie lachte über ein Buch, ein echtes aus Papier. Als wir hineinkamen, schaute uns das Mädchen lächelnd an, nickte und vertiefte sich wieder ins Buch. Aber sofort schaute sie mich aufmerksam an und rief:

»Tikkirej! Du bist der kleine Tikkirej, der seit einem Monat verschollen ist!«

»Ich bin nicht klein!«, protestierte ich.

Das Mädchen schaute beschämt.

»Entschuldige bitte, so haben wir dich in unseren Gesprächen genannt. Natürlich bist du nicht klein. Und du — bist Lion? Du hast auch bei uns gewohnt, mit deinen Eltern?«

Lion nickte ebenfalls und wartete ungeduldig auf die nächsten Worte. Aber das Mädchen interessierte etwas anderes.

»Mein Gott, wo wart ihr denn, Jungs? Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Euch überall gesucht, den Wald durchkämmt, den See. Was wir uns nicht alles ausgemalt haben!«

Ich hatte den Eindruck, dass sie nicht log. Dass sich wirklich alle hier auf die Suche nach uns gemacht hatten.

Wir jedoch mussten lügen.

»Damals, in der Nacht…«, begann ich, »alle waren eingeschlafen und wir hatten Angst… Lion war gerade bei mir, heimlich wegen der Eltern, wir wollten spielen. Da war so ein Kapitän, er wohnte im Nachbarhaus und war auch nicht eingeschlafen. Er sah uns und schrie, dass der Planet überfallen worden wäre und wir in den Wald laufen sollten. Er nahm uns in seinem Auto mit bis zum Wald, er hat uns herausgelassen und ist selbst in die Hauptstadt weitergefahren… Und wir haben im Wald gelebt.«

Das Mädchen schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

»Jungs… Was sagt ihr da? Man glaubt, dass das ein Verrückter war, ein Mörder! In seinem Zimmer fand man einen ermordeten Polizisten! Mein Gott, dass ihr davongekommen seid!«

»Ich habe es dir doch gleich gesagt!«, schrie mich Lion an und stieß mich schmerzhaft in die Seite. »Er war irgendwie eigenartig, seine Augen waren böse! Gut, dass wir ausgestiegen sind! Er hätte uns in Stücke gerissen!«

»Du bist ja selbst ins Auto eingestiegen!«, wandte ich lautstark ein.

Wir hatten einige dieser Stücke vorbereitet. Es war von Anfang an klar, dass Stasj erwähnt werden musste. Der Agent des Inej hatte ihn beobachtet und seinen Vorgesetzten sicherlich mitgeteilt, wer Stasj war.

»Dann bin ich eben eingestiegen«, wiegelte Lion ab und schien sich zu beruhigen. Erwartungsvoll sah er das Mädchen an. »Sagen Sie bitte, meine Eltern, wo sind sie?«

»Dein Vater ist in die Stadt gefahren«, erwiderte das Mädchen. »Und Missis Anabell und die Kleinen… Du hast ein Brüderchen und ein Schwesterchen, stimmt’s? Sie sind hier. Im selben Cottage. Deine Mutter wollte nicht umziehen, ehe du nicht gefunden bist.«

Sie sah nur noch Lions Rücken, so schnell flitzte er aus dem Foyer.

»Entschuldigen Sie«, sagte ich. »Er hat sich sehr nach seinen Eltern gesehnt.«

»Und deine Eltern sind auf einem anderen Planeten geblieben, ja?«, fragte das Mädchen.