Выбрать главу

Ich nickte. »Ja. Sie sind auf einem anderen Planeten geblieben. Ich gehe jetzt. Auf Wiedersehen.«

»Ich heiße Anna.« Das Mädchen lächelte. »Wenn du möchtest, Tikkirej, kannst du in dein ehemaliges Häuschen ziehen. Es ist frei. Übrigens, vor kurzem kam ein Brief vom Ministerium für Migration.«

»Ich… ich hole ihn nachher ab«, murmelte ich und sprang ins Freie.

Lion konnte ich kurz noch sehen — er stürzte gerade durch die Tür seines Cottage.

Wie Lion wohl von seiner Mutter aufgenommen würde? Sie war doch ebenfalls durch Inej zum Zombie geworden…

»Idiot!«, beschimpfte ich mich selbst. »Sie ist trotzdem eine Mutter!« Ich bekam auch einige Zuwendung von Missis Anabell ab. Natürlich viel weniger als Lion. Die Mutter versuchte ihn sogar zu baden — Lion musste sich mit den Händen im Türrahmen verbarrikadieren und schreien, dass seine Mutter nicht ins Bad kommen solle. Trotzdem umarmte Missis Anabell auch mich und Tränen traten ihr in die Augen, als sie sah, wie »dünn und zerkratzt« ich doch war. Danach gab sie mir ein großes Stück Fleischpastete. Im Haus begann ein totales Durcheinander. Lions kleiner Bruder begann zu brüllen, weil er ihn inzwischen vergessen hatte und nicht glauben wollte, dass das sein Bruder sei. Das Schwesterchen wiederum forderte weinerlich, dass Lion so schnell wie möglich aus dem Badezimmer kommen sollte und hämmerte mit den Fäusten an die Tür. Missis Anabell schwirrte in der Küche umher, stellte etwas in die Mikrowelle, schaltete die Backröhre ein, rief ihren Ehemann an, danach etliche Freundinnen und berichtete allen, dass sich ihr Sohn wieder eingefunden hätte. Ich ging leise auf die Veranda und setze mich auf das von der Sonne aufgeheizte Geländer. Kurz darauf erschien Lions Brüderchen. Er hatte aufgehört zu weinen, setzte sich möglichst weit von mir entfernt auf den Fußboden und begann mit seinen Autos zu spielen. Ich schaute ihm zu und grübelte darüber nach, warum Lions Eltern total normal geblieben waren. Ihnen war nichts Schlimmes widerfahren. Vielleicht war Inej auch gar nicht so schlimm — sie hatten halt alle einen Hau weg wegen des Imperiums. Aber in allen anderen Belangen verhielten sich die Leute normal.

»Peng, peng!«, spielte Lions Bruder und ließ die Autos zusammenstoßen. In seiner Phantasie waren das offensichtlich gar keine Autos, sondern Kampfraumschiffe.

»Da hast du es, du verfluchter Imperier… Frau Präsident, der Auftrag ist ausgeführt…«

Aha, also hat man auch schon die Kleinsten manipuliert… Na und? Im übrigen Imperium spielen die Kinder auch Krieg, nur dass bei ihnen die Armee des Imperiums siegt.

»Zu Befehl, Oberkommandierende!«, rief der Junge. »Der Feind wird vernichtet!«

Er erhob sich, warf ein Auto auf den Fußboden und fing an, es kräftig mit seinen Füßen zu bearbeiten. Zuerst dachte ich, dass er wegen Lions Auftauchen so überdreht wäre und erneut in Schreie, Tränen und Geheul ausbrechen würde. Bei Kleinen passiert das manchmal, besonders, wenn sie sehr verwöhnt sind.

Er hatte aber überhaupt nicht vor zu weinen oder zu schreien.

Er zertrampelte das Auto. Unnachgiebig und konzentriert wie ein Erwachsener. Trat mit seinem kleinen Füßchen in der winzigen Sandale, stampfte ununterbrochen auf das Plastikgehäuse. Das Spielzeug war stabil, der Konstrukteur kannte sich offenbar mit ungezogenen Kindern aus. Die Erwachsenen erwarteten jedoch nicht, dass kleine Kinder so ausdauernd sein könnten. Er stampfte und trat, schnaufte vor Anstrengung, drehte das Auto um, als es in die Ecke rutschte und trat abwechselnd mit Ferse und Fußspitze zu.

Endlich zersplitterte das Gehäuse und zerfiel in kleine, runde Stücke. Es war ein spezieller Sicherheitskunststoff für Kinderspielzeuge. Daraufhin setzte sich der Kleine wieder auf den Fußboden und wollte seine Sandalen ausziehen.

Ich sprang vom Geländer, setzte mich neben ihn und half ihm dabei.

»Mein Fuß tut weh«, sagte der Kleine, wobei er mich böse anschaute und seine Ferse rieb.

»Warum hast du denn so fest zugetreten, du Dummerjan?«, fragte ich.

»Ich bin kein Dummerjan«, empörte er sich. »Ich bin Sascha.«

»Tja, warum hast du denn so stark zugetreten, Sascha?«

»Das sind die Feinde, die Imperier«, erklärte er bereitwillig. »Du bist selbst ein Dummerjan. Das sind nämlich General Wolodja Ichin und Professor Edikjan von der Bastion, sie sind die schlimmsten Imperier.«

Ich erinnerte mich an den Trickfilm »Die Bastion des Imperiums« und dessen Helden: den mutigen Wolodja Ichin, der zwischen den Sternen auf einem Zauberpferd ritt, und den weisen Professor Gewa Edikjan, der auf einer Bastion lebte und die ganze Zeit über geniale Ideen hatte. Überall verteidigten sie das Imperium und besiegten alle Feinde. Das zeigt, dass auch dieser Trickfilm auf Inej produziert worden war. Er wirkte, als würde er das Imperium in den Himmel heben, in Wirklichkeit wurden alle kleinen Kinder gegen das Imperium aufgehetzt. Ich hatte mir diesen Trickfilm auch angesehen! Aber nur ganz selten, weil er für sehr kleine Kinder war. Wenn ich mehr geschaut hätte, hätte sich auch in meinem Kopf das Programm festgesetzt…

Vielleicht ist es auch in meinem Kopf und hat nur wegen des alten Neuroshunts nicht funktioniert? Und wenn es aktiviert würde — finge ich dann sofort an, das Imperium, den Avalon und Stasj zu hassen? Und auch die lustigen Strichmännchen aus dem Zeichentrickfilm?

»Warum sagst du nichts?«, wollte Sascha wissen.

»Ich denke nach«, erwiderte ich. »Könnte man die Feinde denn nicht gefangen nehmen?«

»Das geht nicht! Sie fliehen immer aus der Gefangenschaft«, erläuterte der Junge. »Spielst du mit mir?«

»Ich bin schon groß«, sagte ich. »Ich spiele nicht mehr mit Autos.«

Sascha diskutierte nicht. Für ihn war ich wirklich groß.

»Tikkirej!«, rief mich seine Mutter. »Komm rein!«

»Ich komme!«, meldete ich mich und erbebte. Sie hatte mich fast wie meine Mutter gerufen! »Sofort…«

Lion saß schon im Bademantel auf dem Sofa und seine Mutter näherte sich ihm gut gelaunt mit einer Haarschneidemaschine. Lion hatte bestimmt gewisse Vorahnungen, denn er forderte nachdrücklich: »Aber nicht wie das letzte Mal! Mama, nicht so kurz!«

»Schon gut!«, versprach seine Mutter beruhigend. »Nur dass dir die Haare den Mund nicht verdecken, sonst erstickst du noch daran.«

»Aber Mama!«, jammerte Lion. »Bis hier, nicht weiter!«

Missis Anabell zwinkerte mir zu wie eine Verschwörerin.

Lion war auch wirklich ziemlich zugewachsen.

»Tikkirej, geh dich waschen, danach schneide ich auch dir die Haare. Ich habe dir ein frisches Handtuch hingehängt, das große grüne, du wirst es finden. Außerdem habe ich saubere Kleidung für dich bereitgelegt, T-Shirt und Slips sind neu, Hose und Hemd von Lion, aber gewaschen und gebügelt. Wäschst du dir deine Haare selbst oder brauchst du Hilfe?«

»Mama!«, heulte Lion auf. »Tikkirej ist schon groß! Und ich auch!«

»Für eine Mutter seid ihr immer klein«, sagte Missis Anabell vorwurfsvoll. »Also, halt den Kopf still und mach die Augen zu.«

Die Maschine in ihrer Hand begann triumphierend zu summen.

Ich ging schnell ins Bad, damit sich Lion nicht noch einmal so aufregen musste. Ich drängte sein Schwesterchen, die am Waschbecken stand und ihre Hände unter einen Strahl kalten Wassers hielt, hinaus und schloss mich ein. Ich ließ Wasser in die Wanne und gab Schaumbad dazu.

Dann lehnte ich mich mit der Stirn an die gekachelte Wand und schloss die Augen. Das Wasser rauschte, hinter der Tür summte die Maschine. Lion beschwerte sich über die kurze Frisur, seine Schwester quengelte.

Und ich erinnerte mich daran, wie ich Lions Eltern kennen gelernt hatte. Sie wussten, dass ich eine Waise war. Und dass ich kein Geld hatte. Und überhaupt… dass ich hier völlig allein war. Aber sie stürzten sich nicht auf mich, um mich zu umarmen, zu küssen, zu baden, die Haare zu schneiden und mir Kleidung bereitzulegen.

Lions Mama hatte sich verändert. Sie war unwirklich. Vielleicht war sie jetzt sogar lieber und besorgter, aber sie hatte sich nicht von selbst geändert.