Sie war dazu gemacht worden.
Kapitel 4
Lion fiel anfangs gar nichts auf. Er freute sich einfach nur: über Mamas Pastete, dass sich seine Schwester nach ihm gesehnt hatte, dass alle Verwandten lebten und gesund waren. Er schaute mich schuldbewusst und gleichzeitig triumphierend an. — Na also, siehst du! Es ist gar nichts Schlimmes passiert.
Missis Anabell sprach erst gar nicht über das Imperium, und als Lion versuchte, das Gespräch auf den gefangenen Phagen, den Attentäter, zu bringen, winkte sie nur überdrüssig ab.
Abends kam dann Mister Edgar.
»Papa!« Schluchzend lief Lion zur Tür. Ich wollte mich abwenden, schaute jedoch zu. Im Hals spürte ich ein Kratzen und Stechen.
Mister Edgar sah aus wie ein echter Nachfahre der Bewohner von Raumstationen, egal, was er von Kosmonauten hielt. Er war groß, hager, mit langen, zupackenden Fingern, dunkelhäutig, hatte einen Kurzhaarschnitt und leicht hervorstehende Augen. Er war luftig angezogen mit kurzärmeligem Hemd und Shorts. Das ist allen Kosmonauten eigen. Bei niedriger Gravitation auf der Raumstation frieren die Menschen, die Haut wird schlecht durchblutet. Deshalb ist es den Kosmonauten auf den Planeten immer warm.
Als sich Lion seinem Vater an den Hals warf, befürchtete ich, dass Mister Edgar zusammenbrechen würde. Aber er blieb standhaft. Er wartete einige Sekunden, dann schob er Lion mit ausgestreckten Armen von sich und schaute ihn aufmerksam an. Er sagte: »Du bist gewachsen, mein Sohn.«
»Papa!«, wiederholte Lion automatisch.
Mister Edgar verwuschelte ihm die Haare.
»Wir haben uns große Sorgen gemacht. Guten Tag, Tikkirej. Wie seid ihr nur darauf gekommen, euch im Wald zu verstecken, mein Sohn?«
Lion erzählte noch einmal unsere Geschichte, sein Vater hörte ihm aufmerksam zu: Wie wir vom Motel mit Kapitän Stasj wegfuhren, der uns dann im Wald herausließ. Dass wir uns immer weiter von der Stadt entfernten, in die Berge gingen, »wie im Film über die außerplanetaren Invasoren«. Wie wir im leeren Haus eines Waldhüters schliefen, Fische fingen und sogar lernten, Kaninchen mit Schlingen zu fangen. Dass wir Angst hatten zurückzukehren, weil wir am Himmel viele Raumschiffe sahen und aus Richtung der Hauptstadt manchmal Explosionen zu hören waren. Wie wir uns trotzdem entschlossen zurückzukehren, auf einem Floß den Fluss herunterschwammen, eine Siedlung erreichten und uns dort davon überzeugten, dass es überall friedlich zuging und alles gut war. Und wie uns ein netter LKW-Fahrer mitnahm und mit Brot und Milch bewirtete.
»Erstaunliche Abenteuer!«, meinte Mister Edgar. Mir schien, als ob er Lion kein Wort glauben und uns gleich entlarven würde. Aber Mister Edgar fuhr fort, als ob nichts geschehen wäre: »Ich denke, du solltest aus dem Geschehenen lernen. Man darf sich nie blind vor etwas Unbekanntem fürchten. Man muss sich seiner Angst stellen und sie besiegen! Du hast einen ganzen Monat verloren, du warst keinen Tag in der Schule. Aber…«, er dachte kurz nach, »andererseits hast du bemerkenswerte Fortschritte beim Überleben im Wald gemacht und wichtige Lebenserfahrung gesammelt. Ich bin dir nicht böse!«
»Papa…«, murmelte Lion.
Ich erinnerte mich daran, wie er noch während des Flugs vom Avalon darüber grübelte, was die Eltern mit ihm wohl machen würden. Zuerst würden sie sich natürlich freuen und ihn dann gehörig durchwalken, obwohl der Vater ein Gegner von Schlägen war.
Es sah ganz so aus, als ob es Lion vorgezogen hätte, bestraft zu werden.
»Also dann, ihr jungen Leute!« Mister Edgar zog die Straßenschuhe aus und bequeme Hausschuhe an. »Setzt euch an den Tisch! Ich wasche mir die Hände und komme zu euch.«
»Ich habe deinen Lieblingsauflauf gemacht«, sagte Missis Anabell. »Und eine Eistorte gekauft, die Lion so gern isst. Sascha, Polina, geht Hände waschen und setzt euch an den Tisch!«
Die Kleinen liefen ihrem Vater ins Badezimmer nach.
Ich setzte mich neben Lion an den Tisch, der mit einer schönen, grünen Tischdecke bedeckt war. Lion wirkte durcheinander und trübsinnig. Da endlich fiel mir ein, woran mich das alles erinnerte!
An eine Fernsehserie! Familienunterhaltung der Art »Vater, Mutter und wir« oder »Komödien und Dramen auf Edem«. In ihnen gab es immer kleine Geheimnisse und nichtige Konflikte, gehorsame kleine Kinder und aufsässige Jugendliche. Ständig lief jemand von zu Hause weg oder ging verloren und bei dessen Rückkehr nach verschiedenen Abenteuern freute man sich auf ihn, las ihm ein wenig die Leviten und setzte sich letztendlich an einen festlich gedeckten Tisch.
Sowohl Mister Edgar als auch Missis Anabell benahmen sich wie die Helden dieser Fernsehserien.
»Ich glaube, dass man den Jungs auch ein Tröpfchen Wein eingießen kann!«, meinte Mister Edgar.
Lion erzitterte kaum merklich. Spät am Abend gingen wir in Lions Zimmer schlafen. Es gab dort nur ein Bett, ich schlief davor auf dem Boden. Das war annehmbar.
Lion jedoch war innerlich zutiefst verletzt und schwieg. Erst als wir das Licht ausgemacht hatten, fragte er leise: »Hör mal, Tikkirej, was ist mit ihnen los? Was soll ich jetzt machen?«
Ich hob die Schultern. »Haben sie sich früher nicht so benommen?«
Lion schüttelte energisch den Kopf.
»Na ja… Sie sind ja nicht schlechter geworden, stimmt’s? Sie lieben dich. Und…«
»Sie haben sich verändert!«, flüsterte Lion und neigte sich von seinem Bett zu mir herunter. »Du Idiot, sie sind ganz anders!«
»Wie im Film«, schlug ich vor, um ihn nicht zu beleidigen.
»Ja! Aber ich will nicht in einer Seifenoper leben! Wenn du solche Eltern hättest…«
Er verstummte und sah mich erschrocken an.
Ich legte mich auf den Rücken und schaute zur Decke.
Nein, ich nahm es ihm nicht übel. Ich dachte darüber nach, was eigentlich schlimmer war: Wenn die Eltern sterben, damit sich in deinem Leben nichts verändert, oder wenn sie sich selbst so verändern, dass man am liebsten tot sein möchte.
Es ist bestimmt trotz allem besser, wenn sie leben!
»Tikkirej…«
»Es ist besser, solche zu haben«, sagte ich. »Ehrenwort.«
»Verzeih mir.«
»Ja… Aber sag das nie wieder, Lion!«
Er schluchzte schuldbewusst auf und warf sich unruhig hin und her. Dann sagte er: »Sie jagen mich doch noch aus dem Haus!«
»Lüg nicht«, erwiderte ich. »Sie werfen dich überhaupt nicht raus.«
Aber eigentlich hatte Lion Recht. Als wir am Tisch saßen, hatten die Eltern ein Gespräch mit Lion begonnen. Dass sie noch »eine gewisse Zeit« in dem Motel wohnen würden, weil viele Migranten vom Inej gekommen waren und der Wohnraum nicht ausreiche. Dass es aber unbequem für Lion wäre, jeden Tag von der Stadt zum Motel zu fahren. Deshalb wäre es das Beste, wenn Lion in Agrabad zur Schule gehen würde, in ein College für Bauern- und Waisenkinder. An den Wochenenden könnte er dann seine Eltern besuchen. Das widersprach ihrem ganzen Verhalten dermaßen, dass Lion zu geschockt war, um widersprechen zu können, obwohl ich an seiner Stelle auf alle Fälle diskutiert hätte. Denn Mister Edgar fuhr ja so oder so jeden Tag nach Agrabad zur Arbeit, er hatte eine Beschäftigung in einem Betrieb für kosmische Antriebe gefunden. Was würde es ihm da ausmachen, Lion in die Schule zu bringen und wieder abzuholen?
»Sie wollen mich weghaben«, meinte Lion starrköpfig. »Und weißt du, warum?«
»Warum denn?«
»Das ist alles wegen des Programms. Weil sie zu Zombies geworden sind! Warum haben denn Eltern Angst, ihre Kinder aus dem Haus zu lassen, besonders für längere Zeit? Sie glauben immer, dass ihre Kinder noch klein sind, dass ihnen etwas passieren könnte.«
»Genau das sagt auch deine Mama…«
»Genau das denkt sie nicht!«, stieß Lion hervor und senkte seine Stimme. »Sie hat mich schon großgezogen, verstehst du das? Und meine Enkel hat sie erzogen. Sie ist schon daran gewöhnt, dass ich erwachsen bin!«
»Wie meinst du das?«
»Na ja, also in meinem Traum…«
»Also das war ja in deinem. Woher willst du wissen, was deine Mutter geträumt hat? Sie erinnert sich ja an nichts, hat alles vergessen.«