»Die Vielweiberei wurde bei uns abgeschafft«, erläuterte Anna. »Und überhaupt lieben sich jetzt alle: Die Ehemänner lieben ihre Ehefrauen und die Ehefrauen ihre Ehemänner. Die Säufer haben aufgehört zu trinken. Die Kinder schwänzen nicht mehr die Schule. Derjenige, der Bestechungsgelder nahm, hat sich dazu bekannt; wer keine Steuern gezahlt hat, hat dem Staat seine Schulden überwiesen.«
»Aber das ist doch alles aufgezwungen!«, schrie ich fast. »Die Leute haben eine Gehirnwäsche erhalten, verstehen Sie das denn nicht?«
»Das war irgendeine Waffe«, stimmte Anna zu, »die auf Inej entwickelt wurde. Sicherlich! Na und? Ist das nicht egal? Ist es nicht egal, Tikkirej, wer bei den Menschen der Höchststehende ist, der Imperator oder Inna Snow? Also mir ist das völlig egal. Hauptsache, mein Freund nimmt keine Drogen. Und Vater und Mutter streiten sich nicht. Und die Menschen achten sich gegenseitig!«
»Wenn es eurer Inna Snow morgen einfallen sollte, dass alle auf den Händen laufen und Spinnen essen müssen, wären Sie dann auch einverstanden?«
Anna lachte nur: »Tikkirej, ihr habt euch im Wald Schauergeschichten ausgedacht. Inna Snow ist eine intelligente Frau. Niemand macht etwas Schlechtes. Das Imperium dagegen…«
»Es wird also Krieg gegen das Imperium geben, oder ist das auch eine Schauergeschichte?«, wollte ich wissen.
»Es wird überhaupt keinen Krieg geben«, erwiderte Anna überzeugt. »Alle Planeten werden sich Inej anschließen. Nach und nach. Wir werden eine Herrscherin an Stelle des Imperators haben. Die Menschen werden sich besser zueinander verhalten. Und mehr nicht. Wenn es doch einen Krieg geben sollte, dann wird es ein gewaltloser.«
Ich neigte zweifelnd meinen Kopf. Sie verstand gar nichts. Niemand sah sich mehr die hinterhältigen Fernsehserien vom Inej an. Die Radioshunts waren jetzt bei allen blockiert. Die Wissenschaftler suchten nach einem Weg, um die »Hirnamputierten« zu heilen. Also wird es Krieg geben.
»Tikkirej, warum schaust du so beleidigt?« Anna tätschelte meinen Kopf. »Wenn du in die Stadt fährst, wirst du selbst sehen, wie positiv sich alle verändert haben.«
»Sie können mich ruhig verpfeifen«, sagte ich, »aber es war trotzdem ein hinterhältiger Überfall!«
»Ich habe nicht vor, dich anzuschwärzen«, meinte Anna wieder ganz fröhlich. »Ich bin ja nicht hirnamputiert. Obwohl denen eigentlich alles egal ist. Benimm dich normal — und du wirst keine Schwierigkeiten bekommen.«
Die Tür wurde geöffnet.
»Tikkirej!«, rief Lion ärgerlich. »Papa ist sowieso schon spät dran!«
Wie ich mich über sein Erscheinen freute!
»Entschuldigen Sie bitte, ich muss los.« Ich sprang auf und drückte den Briefumschlag an mich. »Auf Wiedersehen.«
»Viel Erfolg, Tikkirej«, erwiderte Anna freundlich. »Denk nicht so viel nach! Alles wird gut!«
Mit diesen Begleitworten rannten wir zum Auto.
»Wovon hat sie gesprochen?«, fragte Lion unterwegs. »Mein Vater ist ganz nervös.«
»Ich erzähl es dir später«, sagte ich kurz. »Mister Edgar, entschuldigen Sie, wir konnten das Schreiben nicht finden.«
Mister Edgar schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. Wir hatten noch nicht die Türen geschlossen, als das Auto schon losfuhr.
»Na, was ist drin?« Lion griff nach dem Briefumschlag.
Ich riss das feste Papier auf. Im Innern fand ich ein Schreiben mit schöner Unterschrift, Siegel und eine kleine Plastikkarte. Auf der Suche nach der Hauptaussage fing ich schnell an zu lesen: »›Sehr geehrter… auf Ihren Antrag… entsprechend dem Einwanderungsgesetz‹ … Hurra!«
»Genehmigt?«, fragte Lion.
Eigenartig. Was interessierte mich jetzt noch die Staatsbürgerschaft von Neu-Kuweit? Ich hatte ja bereits die Staatsbürgerschaft des Avalon, eine der prestigeträchtigsten, besser war nur die der Erde oder des Edem. Zumal Neu-Kuweit von Inej erobert war, dessen Staatsbürgerschaft in der Galaxis wenig geschätzt wurde.
Aber trotzdem war ich zufrieden. Sehr zufrieden. Denn diese Staatsbürgerschaft verdankte ich mir selber. Ihretwegen hatte ich Karijer als Modul verlassen. Ich hatte riskiert und gewonnen. Wenn es Inej nicht gäbe, wie glücklich wäre ich jetzt! »Mister Edgar, schauen Sie nur!« Ich zeigte ihm meine Karte. Darauf waren mein Foto, der Name, der Biodetektorchip und ein langer Strichcode.
»Glückspilz«, äußerte Lions Vater trocken. Er war sauer wegen der Verspätung. »Ich hoffe, Tikkirej, dass du jetzt verantwortungsbewussterundernsthafterwirst. Einverstanden?«
»Einverstanden«, erwiderte ich. Und dachte: Soll er sich ruhig freuen.
Er hatte ja keine Schuld daran, dass sein Gehirn eingefroren war.
»Das Leben besteht nicht nur aus Freude und Abenteuern«, fuhr Mister Edgar fort. »Das muss man rechtzeitig erkennen. Jetzt vergehen die Tage für dich schnell, aber die Jahre ziehen sich. Du wirst erwachsen und alles kehrt sich um. Die Tage ziehen sich ewig und endlos, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ist es eine ganze Ewigkeit. Und die Nacht ist wie eine doppelte Ewigkeit. Dafür fliegen die Jahre nur so an dir vorbei, von Geburtstag zu Geburtstag, von Silvester bis Silvester. Und die ganze Zeit über fehlt etwas, eine Minute, Stunde, ein Tag, ewige Zeitnot…«
Mir wurde unheimlich zumute.
Mir wurde wirklich unheimlich zumute.
Jetzt war Lions Vater ganz anders. Nicht wie vor dem Überfall des Inej und nicht wie ein Fremder, eine Person aus einer Fernsehserie. Als ob ihn etwas quälen würde, etwas aus ihm herausdrängen wollte, das aber nicht schaffte…
»Papa«, sagte Lion leise.
Mister Edgar schüttelte sich und wandte seinen Blick einen Augenblick lang von der Straße. Dann sagte er mit veränderter Stimme: »Deshalb, Tikkirej, sollte man sich zusammenreißen! Und dich, mein Junge, betrifft das genauso!«
Das war alles. Und er wurde wieder zum Gehirnamputierten.
»Papa, hast du manchmal ein Déjà-vu?«, fragte Lion. »Als ob alles schon einmal geschehen wäre? Als ob wir hier bereits früher gefahren wären, uns unterhalten hätten, als ob wir unser Leben schon gelebt hätten?«
»Natürlich«, erwiderte er besinnlich. »Das ist bei allen so. Das ist völlig normal, davor braucht man keine Angst zu haben. Du kannst mit dem Schulpsychologen darüber sprechen, er wird es dir erklären.«
Lion hörte auf zu fragen.
Bald darauf, nachdem wir ein paar Mal abgebogen waren, näherten wir uns einem langen niedrigen Gebäude, das von einem Park umgeben war. Das Gebäude war vollständig mit hellen, verschiedenfarbigen Klinkern verkleidet, über das Dach erhoben sich Türmchen und Kuppeln. Trotzdem strömte es wie jedes beliebige Schulhaus Langeweile aus.
Mister Edgar teilte diese Meinung übrigens nicht.
»Schön, nicht wahr?«, meinte er. »Wie in dem Märchen, das ich dir früher vorgelesen hatte. Erinnerst du dich, Lion?«
»Ja«, erwiderte Lion und ergänzte skeptisch: »Es ist aber überhaupt nicht ähnlich!«
Sein Vater parkte am Eingang, indem er sein Auto mit viel Mühe zwischen zwei Schulbussen abstellte. Wir stiegen aus und sahen uns um.
Nein, irgendwie hatte Lions Vater Recht. Ein schönes Gebäude. Meine Schule auf Karijer war wie alle Verwaltungsgebäudeeinganzgewöhnlicher Standardplattenbau. Auch die Schule auf Avalon war bescheidener. Außerdem gab es hier sehr viele Blumen, die in runden Gefäßen um die Springbrunnen herum wuchsen, und Fußgängerwege, die mit feinem Kies bestreut waren. Nicht wie gewöhnlich grau, sondern golden und beige. Lion nahm die Tasche mit seinen Sachen, ich hatte kein Gepäck. Ich hatte zwar gestern Kleider zum Wechseln bekommen, aber niemand hatte mir etwas zum Mitnehmen angeboten. Bei den Gehirnamputierten gibt es wahrscheinlich Aussetzer. Sie wissen, wie man sich richtig verhält, aber Kleinigkeiten werden schnell vergessen.
Am Eingang saß ein Wachmann in einem Glashäuschen, der uns weder ansprach noch anhielt. Wir gingen auf einer breiten Treppe in den zweiten Stock und kamen zu einer altertümlichen, nicht automatischen Flügeltür.
Lions Vater schaute nervös auf die Uhr, öffnete die Tür, schaute hinein und fragte unterwürfig: »Herr Sekretär?«