Ihm wurde geantwortet, er schob uns durch die Tür und trat nach uns ein.
Wir befanden uns in einem Empfangszimmer. Ein junger, pickliger Bursche, nicht älter als sechzehn Jahre, saß vor einem Display und schrieb. Uns warf er einen kurzen Blick zu und vertiefte sich wieder in den Bildschirm. Ich schaute genauer hin und bemerkte, dass er eine lustige Tastatur benutzte: eine holographische, die schwach in der Luft über dem Schreibtisch flimmerte. Aus unserem Blickwinkel war die Tastatur fast nicht zu erkennen. Es sah aus, als ob der junge Mann in der Luft mit den Fingern wackeln würde, gar nicht wie Arbeit.
»Tikkirej…«, flüsterte Mister Edgar entnervt und ich folgte ihm. Der junge Mann arbeitete weiter. Das war sicherlich ein älterer Schüler, der sich etwas dazuverdiente. Warum arbeitete er nicht über den Neuroshunt? Diese holographischen Tastaturen gibt es normalerweise an öffentlichen Stellen, um nicht onlinegehen zu müssen.
Die Tür zum Empfangszimmer des Direktors war ebenfalls aus Holz und machte Eindruck. Mister Edgar klopfte, wartete auf Antwort und wir gingen hinein.
»Frau Direktorin?«, fragte Lions Vater mit derselben unterwürfigen Stimme.
»Herein, herein!« Die Direktorin erhob sich hinter dem Schreibtisch. »Das ist sicher Ihr Sohn? Wie er seinem Vater ähnelt… Guten Tag, Lion!«
»Guten Tag!«, sagte Lion ziemlich bedrückt. Er machte sich sicherlich Gedanken wegen seines Vaters.
»Und du bist Tikkirej? Guten Tag, Tikkirej. Machen wir uns bekannt! Ich heiße Alla Neige.«
Die Direktorin war eine kleine, zierliche Frau mittleren Alters. Mit einem sympathischen, guten Gesicht und lächelnden Augen, sodass es die ganze Zeit schien, als ob sie gleich loslachen würde. Sie verstand es ausgezeichnet, gleichzeitig mit uns allen zu sprechen.
»Machen Sie sich keine Sorgen, ich habe den Jungs bereits ein Zimmer besorgt, im besten Gebäude.« — Das galt Edgar.
»Könntest du einen Vortrag halten über das Leben auf einer Raumstation? Niemand von unseren Zöglingen hat so lange im offenen All gelebt.« — Das betraf Lion.
»Ich habe erfahren, dass du bereits die richtige Staatsbürgerschaft von Neu-Kuweit besitzt. Wir bemühen uns, die Zöglinge mit Staatsbürgerschaft als Sprecher der Lerngruppen einzusetzen. Bist du damit einverstanden?« — Das war für mich.
Einige Minuten lang machten wir Smalltalk. Der traurige, picklige Sekretär kam mit einem Tablett voller Teegeschirr und Pralinen sowie einer Tasse Kaffee für Mister Edgar herein. Edgar schaute betrübt auf die Uhr, setzte sich aber trotzdem und trank den Kaffee. Bei dieser Gelegenheit bekamen wir einen riesigen Prospekt »Das College Pelach«. Es enthielt eine Masse großformatiger Farbfotos: wie man hier lernt, lebt und Sport treibt.
Außerdem wurde mitgeteilt, dass der Gründer des Colleges der große indische Pädagoge Sri Bharama war, der gegen Ende seines Lebens von Ganges-2 nach Neu-Kuweit umgesiedelt war. Deshalb war die Inneneinrichtung hier im nationalen indischen Kolorit gehalten (Indien ist ein uraltes Land auf der Erde). Die vier Teile des Colleges, jeweils für verschiedene Altersklassen, wurden nach bedeutenden indischen Städten benannt: Delhi, Kalkutta, Bombay und Peking.
Ich blätterte durch den Prospekt, als ob er mich interessieren würde, aber in Wirklichkeit beunruhigte mich ein Gedanke. Woher weiß die Direktorin von meiner Staatsbürgerschaft? Der Briefumschlag lag im Safe des Motels, von ihm wussten lediglich Edgar und Lion und Anna… Oh!
Ich hob den Kopf und schaute auf die Direktorin Neige.
»Hast du eine Frage, Tikkirej?«, fragte sie zärtlich. »Frag nur, hab keine Angst.«
»Entschuldigen Sie, es geht nicht um das College. Haben Sie zufällig eine Tochter, die in dem Motel arbeitet?«, fragte ich.
»Tikkirej«, stöhnte Edgar verzweifelt. »Was erlaubst du…«
»Das geht in Ordnung.« Die Direktorin Neige lächelte. »Tikkirej hat völlig Recht. Er meint Anna, nicht wahr?«
Ich nickte.
»Sie sind sich sehr ähnlich.«
»Du hast eine erstaunliche Beobachtungsgabe«, meinte die Direktorin. »Ja, so ist es. Sie war es auch, die Mister Edgar vorschlug, euch in meinem College unterzubringen. Es gilt als das beste auf dem Planeten. Du wirst mich nicht verraten, Tikkirej?«
Zuerst zuckte ich mit den Schultern, dann nickte ich.
»Sie rief mich vor cirka zwanzig Minuten an«, sagte die Direktorin mit gesenkter Stimme, als ob ihre Tochter sie hören könnte. »Du schienst etwas bedrückt zu sein und wolltest eigentlich nirgendwohin… Also bat sie darum, dir besonders viel Aufmerksamkeit zu widmen. Das ist eigentlich überflüssig, denn es gehört zu meiner Arbeit, aufmerksam zu sein. Aber verplappere dich nicht, dass du von diesem Anruf weißt, okay?«
Miss Neige lächelte. Mir war es einerseits unangenehm — wozu nur diese Zärtlichkeiten -, anderseits aber durchaus angenehm.
Sogar auf Neu-Kuweit gab es nette Leute, die sich um mich kümmerten. Nicht, weil ihnen das Gehirn amputiert wurde und sie gezwungen wurden, sich nett zu verhalten, sondern einfach so.
»Ich werde nichts sagen«, versprach ich.
»Das ist hervorragend.« Die Direktorin wandte sich Edgar zu: »Ich sehe, dass Sie in Eile sind. Fahren Sie nur. Es ist alles in Ordnung.«
Mister Edgar umarmte Lion so schnell, als würde er sich verbrennen, klopfte mir auf die Schulter und verließ uns.
»Und wir sehen uns jetzt das College an«, teile Miss Neige mit. »Der Unterricht beginnt bei uns gleich am Morgen, aber ich gebe euch heute einen Tag frei. Schaut euch im College um, macht einen Spaziergang durch die Stadt… ihr wart doch noch nicht in Agrabad, ihr Weltreisenden?«
»Nein«, erwiderte ich. Wieder kamen wir auf gefährliche Themen.
»Und was hat euch in den Wald verschlagen?«, fragte die Direktorin, wobei sie uns um die Schultern fasste und abwechselnd mir und Lion in die Augen schaute. »Ich verstehe schon — Abenteuer, freies Leben, aber trotzdem?«
»Wir hatten Angst«, begann ich. »Alle lagen da wie versteinert…«
Miss Neige schüttelte den Kopf. »Phantasten… ist schon gut, Kinder, was war, ist gewesen. Wir werden die Sache ruhen lassen, einverstanden?«
Hirnamputiert. Sie glaubt uns also nicht, das heißt, sie ist hirnamputiert.
»Gut, seien wir ehrlich«, gab ich mein Einverständnis. »Wir wollten einfach ein paar Tage wie die Urmenschen leben, im Wald. Dann haben wir uns verlaufen.«
»Wir unterrichten hier im Sportunterricht Orientierung im Gelände«, beruhigte uns die Direktorin. »Und ihr werdet richtige Exkursionen machen. Aber jetzt zeige ich euch den Bereich Bombay. Dort wohnen die Jugendlichen im Alter von zwölf bis vierzehn Jahren.«
Kapitel 5
Indien schien ein interessantes Land. Im Bereich Bombay waren alle Wände mit altertümlichen indischen Malereien bedeckt, grell und geheimnisvoll. Manche der abgebildeten Menschen hatten eine blaue Hautfarbe, manche vier oder sechs Arme. Dazu waren wunderliche Tiere dargestellt — Elefanten, die es nur auf der Erde gibt. Ich erinnerte mich dunkel daran, dass Elefanten fliegen können. Das hatte ich in einem Zeichentrickfilm für Kinder gesehen. Ob das aber wirklich so war? Es war mir peinlich, danach zu fragen!
Außerdem gab es viele Wintergärten mit üppiger tropischer Vegetation und lebenden Vögeln. Das Sportareal befand sich unter der Erde, dorthin begaben wir uns in einem geräumigen Fahrstuhl. Hier besichtigten wir mehrere Schwimmbäder, ein großes Feld für Ballspiele und einen Raum für Leichtathletik. Im Schwimmbad trainierten gerade die Jungen, auf dem Feld spielten die Mädchen Volleyball.
Wir wurden angeschaut, aber niemand näherte sich uns. Bestimmt deshalb, weil wir mit der Direktorin zusammen kamen.
»Das College Pelach hat sich zum Ziel gesetzt, die zukünftigen Mitarbeiter der Regierung, die Manager von Firmen und Unternehmen sowie die künstlerische Intelligenz zu erziehen«, erläuterte Alla Neige vertraulich. »Das heißt also die Elite. Bei uns ist alles vom Feinsten.«
»Das bedeutet, die Ausbildung bei Ihnen ist sehr teuer?«, erkundigte ich mich.
»Sie wird teilweise vom Staat bezahlt«, wich die Direktorin aus.