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Ich beharrte auf eine Antwort: »Und wer bezahlt für uns?«

»Das College. Wir haben Fonds für begabte Schüler.«

Lion und ich sahen uns an.

»Wir sind begabt?«, fragte Lion zweifelnd.

Wir gingen zum Fahrstuhl zurück und fuhren wieder in unseren Wohnbereich. Anna Neige war unsicher, weil sie uns nicht belügen wollte, jedoch auch nicht die ganze Wahrheit eröffnen durfte.

»Ihr seid etwas Besonderes«, äußerte sie endlich. »Ihr habt ein ungewöhnliches Verhalten gezeigt.«

»Weil wir in den Wald gegangen sind?«, fragte Lion.

»Ja. Das neue Imperium braucht solche Leute wie euch. Als meine Tochter mir über eure Rückkehr berichtete, dachte ich sofort, diese Jungs müsste ich zu uns holen.«

Neige betrachtete uns wieder mit ihrem gutmütigen Lächeln.

Und ich dachte: Sie gehört durchaus nicht zu den Hirnamputierten. Sie umgeht es, den Tag zu erwähnen, an dem Inej den Planeten erobert hatte.

Alla Neige führte uns noch durch den Schulbereich von Bombay. Danach überreichte sie uns den Schlüssel zu unserem Zimmer. Hier gab es keine Schlafsäle, wie in den einfacheren Colleges, sondern Zweibettzimmer. Dann verließ sie uns.

Wir blieben allein in der Mitte des Korridors — bedrückt, verloren und angespannt. Mir gefiel das, was hier passierte, immer weniger. Wie schön wäre es, wenn wir jetzt durch den Wald zögen, Fische fingen und in Hütten schliefen…

»Schauen wir uns das Zimmer an?«, fragte Lion.

Die Unterkunft gefiel uns. Das Zimmer wirkte, als bestünde es aus zwei Dreiecken, die diagonal geteilt waren: In jedem Dreieck standen ein Bett, ein Schrank und ein Schreibtisch. In einem Teil war alles orange — auch der Teppich, die Tapeten hatten ein orange Muster und sogar die Bettwäsche war orange. Im anderen war alles dunkelblau. Auf den Schreibtischen standen teure Laptops mit einem starken Akku, einem hervorragenden Bildschirm und einer holographischen Tastatur sowie alle Geräte für das Schreiben von Hand. Das heißt, hier erwartete uns ein klassischer Unterricht. Zusätzlich fanden wir noch alle möglichen Kleinigkeiten für die Schule.

»Ich kann gut handschriftlich schreiben«, brüstete sich Lion.

Ich konnte es auch, wusste aber nicht, wie gut, und gab lieber nicht damit an.

»Welche Hälfte nimmst du?«, wollte Lion wissen.

»Die orange«, erwiderte ich.

»Die blaue«, wählte Lion. »Prima. Mann, was für eine schöne Aussicht…«

Das Fenster war in seiner blauen Zimmerhälfte. Dafür war in meiner Hälfte die Badtür. Das Bad war klein, aber sehr komfortabel.

Wir schauten aus dem Fenster. Von unserer fünften Etage sah man den ganzen Garten um das College herum, ebenfalls die Straßen und eine sehr schöne Moschee auf der gegenüberliegenden Seite.

Ich schaute Lion fragend an.

»Gehen wir«, sagte er. Uns beiden war klar, dass man sich hier über nichts Wichtiges unterhalten sollte. In allen Colleges gab es Abhöreinrichtungen, manchmal auch Videokameras, damit die Schüler nicht über die Stränge schlugen.

Vorher schaute ich noch schnell in den Schrank und fand dort zwei Schuluniformen. Eine für jeden Tag mit dunkelblauen Hosen und Anzugjacke, einem hellgrauen Hemd und einem Schlips mit dem Zeichen des Bereichs Bombay — einem Elefanten, der den Rüssel hebt, sowie Käppi und Schuhe. Die zweite Garnitur war ähnlich geschnitten, nur dass Anzug und Hemd weiß waren.

Lion fand die gleiche Kleidung in seiner Garderobe. Er zog sich sofort aus und probierte den Anzug an.

»Hör mal, das ist meine Größe, passt genau!« Er freute sich.

Ich probierte ebenfalls meinen Anzug an. Er saß wie angegossen, als ob man ihn für mich genäht hätte.

»Na ja, sie kannten ja unsere Größe, unser Gewicht«, meinte Lion unsicher und schaute mich an. Er war barfuß, nur in Hosen, und drehte sich, um festzustellen, ob nicht irgendwo etwas drückte oder flatterte.

»Und außerdem wussten sie, welche Farbe wir wählen würden«, stimmte ich zu. »Komm, wir ziehen das später an!«

Lion nickte. Eine Wanze in der Hemdennaht oder in einem Schuh zu verstecken war sehr einfach. Wir würden sie nicht finden. Die Wanze konnte wie ein normaler Faden aussehen und die Informationen einmal am Tag als chiffrierten Datenstrom weiterleiten. Kein Detektor könnte sie orten.

»Okay. Die tragen wir noch oft genug. Und jetzt gehen wir in die Stadt, ja?«

Wir zogen uns wieder unsere eigenen Sachen an und gingen auf den Korridor.

Dort begegneten wir vier Jungen in unserem Alter. Sie mussten gerade aus der Sporthalle gekommen sein, da sie Trainingsanzüge trugen, ihre Taschen über die Schulter geworfen hatten und ihre Haare noch nass vom Duschen waren.

»Neulinge!«, freute sich einer. Es war sofort zu sehen, dass es der Anführer war. Er war größer und stärker als seine Freunde. »Ihr wohnt also auch hier?«

»Ja!« Lion schob mich plötzlich zur Seite und ging voran. »Hier.«

»Na dann, ihr müsst euch noch anmelden«, meinte der Junge. »Ist das klar?«

»Eine Schlägerei?«, fragte Lion ruhig.

Der Junge nickte.

»Ich bin dabei!«, stimmte Lion zu.

Ich bekam einen Schreck. Ich mag keine Schlägereien. Ich hatte mich bisher vielleicht fünfmal geschlagen, na ja, wenn man meine ganz frühe Kindheit nicht mitzählt.

Was für eine dumme Angewohnheit! Bevor man Freundschaft schließt, muss man sich erst einmal schlagen!

»Fangen wir an!«, forderte währenddessen der Junge. Er warf seine Tasche auf den Boden und schritt auf Lion zu.

Irgendetwas war geschehen. Es sah aus, als ob Lion auf der Stelle leicht nach oben gesprungen und wieder erstarrt wäre.

Sein Gegner, einen Kopf größer als er, fiel auf den Boden und drückte beide Handflächen gegen sein Gesicht.

Aus der zerschlagenen Nase floss Blut. Der Junge jaulte leise wie ein beleidigter Welpe.

»Will noch jemand?«, fragte Lion. Seine Stimme hatte sich verändert, wirkte kalt und bösartig. »Dem Zweiten breche ich den Kiefer!«

Die Jungs erstarrten. Auf Lion schauten sie nicht etwa mit Furcht, sondern mit Unverständnis.

»Bringt ihn zum Sanitäter. Du«, Lion zeigte auf einen der Jungs, »bist dafür verantwortlich.«

Weitere Worte wurden nicht gewechselt. Zu dritt fassten sie ihren Freund, halfen ihm beim Aufstehen und schleppten ihn durch den Korridor. Das Blut tropfte in dicken Tropfen aus seinem Gesicht, über den Teppich zog sich eine Spur dunkler Flecken.

»Sag mal, bist du verrückt geworden?«, zischte ich. Ich erinnerte mich nämlich daran, dass mich Lion bei unserem ersten Treffen gefragt hatte, ob wir uns schlagen würden.

Er hätte mich doch nicht etwa so zusammengeschlagen!

Lion wandte sich um. Sein Gesicht war betrübt, zeigte aber kein Schuldbewusstsein.

»Das war notwendig, Tikkirej, lass uns gehen!«

Ich fing keinen Streit mit ihm an. Wir gingen schweigend durch den Korridor nach unten, am Wachmann in seiner Bude vorbei und traten auf den Schulhof.

»Du bist völlig übergeschnappt!«, sagte ich voller Überzeugung und stieß Lion in den Rücken. »Warum hast du das gemacht?«

Lion lief schnell weiter, wedelte mit den Händen und antwortete erst, als wir außerhalb des Geländes waren. Dann murmelte er:

»Das war notwendig.«

»Aber warum denn?«, schrie ich. »Ja, wir hätten uns geschlagen, aber warum denn so…«

»Ich habe mich an meine Träume erinnert«, schnitt mir Lion das Wort ab.

»Was haben die denn damit zu tun?«

»An die Träume«, wiederholte Lion. »Von der Grundausbildung. Wie ich mich genauso… ›anmelden‹ musste. Glaub nicht, dass es ihnen um eine normale Schlägerei ging! Sie wollten uns zusammengeschlagen. Aber so habe ich sie aus dem Konzept gebracht. Jetzt werden sie uns in Ruhe lassen.«

»Du hast trotzdem kein Recht dazu! Vielleicht haben sie auch irgendetwas geträumt?«

»Dasselbe«, bekräftigte Lion. »Das genau braucht Inej, verstehst du? Um Kampfgeist anzuerziehen. Wirkliche, abgehärtete Kämpfer. Und genau das geschah in allen Heldenserien, erinnerst du dich? Wenn ein junger Mann zur Armee kommt, wird er erst einmal zusammengeschlagen und dann schließt er mit allen Freundschaft.«