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»Wir sind nicht in der Armee, wir sind im College! Denkst du, jetzt werden wir noch mit irgendjemandem Freundschaft schließen können?«, fragte ich ironisch. »Alle werden sich vor dir fürchten!«

»Kann gut sein«, gab Lion zu. »Aber anderenfalls würden wir jetzt im Krankenhaus liegen. Nicht nur dieser Kerl hier!«

Er hatte letztendlich Recht. Denn Lion erinnerte sich an seine Träume und ahnte, wie sich die anderen Jungs benehmen würden. Aber wenn ich bedenke, wie er mit einem Schlag den kräftigen Kerl umgelegt hatte, war mir schon mulmig zumute.

»Wo hast du gelernt, so zuzuschlagen?«, wollte ich wissen.

»Im Traum.« Lion kicherte. »Sie könnten das auch, verstehst du das? Sie wissen es nur noch nicht. Zeig ihnen jedoch nur einmal die Griffe — und sie können es sofort.«

»Weißt du«, meinte ich, »wenn du dich die ganze Zeit an deine Träume erinnerst und dich genauso benimmst wie in ihnen, dann wirst du irgendwann verrückt. Oder du wirst wirklich… eiskalt.«

Lion blieb endlich stehen und hörte mir zu.

»Gefällt es dir, so zu sein?«, fragte ich. »Nummer eins — die Nase ist gebrochen. Zwei — Kommandos werden erteilt. Dann mach nur weiter Karriere! Erobere das Imperium für Frau Snow!«

»Es gefällt mir nicht«, sagte Lion schuldbewusst. »Mir war, als ob in meinem Kopf irgendeine Verbindung zustande käme. Ich erinnerte mich daran, was alles passieren würde. Dass sie uns zusammenschlagen, danach ins Lazarett schleppen, dann bestraft werden — und zum Schluss werden wir Freunde. Und ich fühlte so eine Wut! Ich werde es nicht noch einmal machen.«

»Komm, wir suchen jetzt lieber ein Geschäft!«, entspannte ich die Situation. »Ich muss noch eine Batterie kaufen.«

»Hm.« Lion nickte und lächelte zustimmend. »Gehen wir!«

Neben der Moschee fanden wir einen Laden. Hauptsächlich wurden dort Bücher, Gebetsteppiche, spezielles Essen für Gläubige und unauffällige Kleidung verkauft. Es gab jedoch auch eine Abteilung mit allem möglichen Kleinkram für den Bereich Elektronik, darunter Batterien. Ich blätterte einen Katalog durch, wählte eine Batterie für Schraubenzieher und andere Werkzeuge aus. Da fiel mir ein, dass ich gar kein Geld hatte.

»Mama hat mir am Morgen etwas zugesteckt«, erriet Lion. »Hier.«

Ich bezahlte und nahm die kleine, schwere Metalltablette in Empfang.

»Du werkelst wohl gern?«, fragte der Verkäufer lächelnd.

»Hm«, erwiderte ich. »Besonders Löcher bohren.«

Wir gingen wieder auf die Straße, fanden eine ruhige Gasse, in der sich niemand aufhielt und auf die keine Fenster hinausgingen. Ich löste meinen »Gürtel« und drückte ihn mit der Hand. Die Schlange lebte auf. Die »Schnalle« verdickte sich langsam und verwandelte sich in einen Schlangenkopf. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich eine Batterie in das Schlangenschwert einsetze, und an der Seite öffnete sich ein enger Schlitz. Dort hinein steckte ich die Batterie.

Es schien, als ob ein Krampf durch den Körper ging. Der Schwanz der Schlange schlug nach oben und berührte meinen Neuroshunt. Plötzlich hörte ich Musik, Gesprächsfetzen — nicht akustisch, sondern über den Shunt. Die wiederbelebte Schlange scannte den Luftraum und übertrug mir Radiosendungen, Telefongespräche und allen möglichen Unsinn.

»Mensch!«, rief Lion begeistert aus.

»Das ist nicht nötig!«, flüsterte ich der Waffe zu. »Geh in Warteposition!«

Die Schlange kroch sofort aus dem Shunt, verflachte sich und erstarrte. Ich band mir den Gürtel wieder um. In diesem Moment hielt ein an der Gasse Vorbeigehender inne und schaute mich Verdacht schöpfend an:

»Ei-ei-ei, schämst du dich nicht? So ein großer Junge!«

»Ich mache den Gürtel weiter, die Hosen drücken!«, rief ich und wurde rot. Der Passant schaute mich zweifelnd an, fand jedoch nichts Verdächtiges.

»Warum beschimpfen Sie ihn?«, setzte sich Lion für mich ein. »Es war ihm ganz einfach peinlich, auf der Straße seine Hosen zu richten!«

Die Erklärung hörte sich glaubhaft an.

»Entschuldige, junger Mann!«, sagte der Passant einsichtig. »Ich wollte dich nicht beleidigen, mein Lieber.«

Lion zwinkerte mir zu und flüsterte: »Wie gut das ist, wenn alle höflich sind!«

Das stimmte. Auf dem Avalon hätte sich ein Erwachsener bestimmt nicht bei einem Jungen entschuldigt, selbst wenn er ihn ohne Grund verdächtigt hatte.

»Schon gut!«, meinte ich. »Ich trage es Ihnen nicht nach!« Bis zum Abend spazierten wir durch Agrabad. Wir gingen auf den Platz, auf dem Tien später hingerichtet werden sollte. In dessen Zentrum erhob sich ein Holzgerüst, umhüllt mit rotem Stoff. Bisher zeigten sich nur wenige Menschen auf dem Platz, und wir versuchten, uns dem Gerüst zu nähern. Vielleicht konnte man sich darunter verstecken und eine Luke unter Tien herausschneiden, wenn er gebracht wurde. Zu uns kam aber ein Polizist, der uns äußerst höflich darüber belehrte, dass hier ein Verbrecher hingerichtet werden würde und das Ganze nichts für Jugendliche sei. Es wäre auch nicht erlaubt, sich hier einfach in der Nähe herumzutreiben, da es sich um eine Sache der Gerichtsbarkeit und nicht um eine Hip-Hop-Show handele.

Das bedeutete für uns, dass wir uns entfernen mussten.

Wir trieben uns noch eine Weile in der Nähe herum und rätselten, auf welche Art und Weise Tien hingerichtet werden sollte. Lion ging davon aus, dass er erschossen werden würde, da auf dem Gerüst weder ein Galgen, noch Handwerker, die ihn aufrichteten, zu sehen waren. Ich war der Meinung, dass er geköpft würde. Das alles brachte uns jedoch überhaupt nicht weiter, da beim Anblick des Platzes klar wurde, dass sich hier ungefähr fünfzigtausend Menschen versammeln würden. Auch ein Schlangenschwert würde uns nicht helfen können, den Phagen zu retten. Selbst wenn der mutige Industrielle Semetzki mit seinen Mädchen erscheinen würde, wäre Tien nicht zu retten.

»Wir sehen lieber nicht zu«, schlug Lion vor. Er war irgendwie enttäuscht und wurde nervös. »Ich möchte so etwas nicht erleben!«

Ich dachte nach. In meiner Brust breiteten sich Kälte und Widerwillen aus. Ich hatte überhaupt kein Interesse daran, die Hinrichtung mitzuerleben. Die Erinnerung daran war wach, wie wir in Tiens Raumschiff am Tisch gesessen waren, Abendbrot gegessen hatten und er alle möglichen, sicherlich ausgedachten, Phagengeschichten erzählt hatte, denn wer würde uns schon die wirklichen Geheimnisse verraten? Trotzdem hatten wir es interessant gefunden und gelacht.

»Es wäre feige, wenn wir nicht hingehen würden«, äußerte ich. »Er ist doch hier ganz allein. Tien schaut auf den Platz und dort sind nur Feinde.«

»Glaubst du, dass er uns sehen wird?«, fragte Lion und sah sich zweifelnd auf dem Platz um.

»Er wird es fühlen. Er ist ja ein Phag.«

Lion nickte und biss die Zähne zusammen.

»Wir müssen hingehen«, wiederholte ich.

Bis zur Hinrichtung verblieben noch vier Stunden. Wir schlenderten noch einmal durchs Zentrum. Hier war es sehr schön. Die Häuser unterschieden sich voneinander und ähnelten sich nicht so wie in den Wohngebieten. An kleinen Ständen wurde mit allen möglichen Dingen gehandelt, Cafés hatten geöffnet, obwohl in ihnen wenig Gäste saßen. Wir wollten weder essen noch trinken, noch konnten wir uns an der Stadt erfreuen.

»Und wenn unter dem Platz ein Kanalsystem ist?«, brütete Lion eine Idee nach der anderen aus. »Dort hineingehen, bis zum Gerüst kriechen… nein, das ist Blödsinn. Am Besten wäre es, einen Flyer zu entführen…«

Das alles war sinnlos. Wir wussten es beide. Wir konnten nichts machen, außer auf den Platz zu gehen und die Hinrichtung anzusehen.

»Ist das schlimm, wenn ein Mensch stirbt?«, wollte Lion wissen.

»Du hast das doch schon in deinen Träumen gesehen«, konnte ich nicht an mich halten. »Wie ich gestorben bin, zum Beispiel.«

»Das war im Traum«, erwiderte Lion trübselig. »Und in echt? Dieser Spion, den Stasj getötet hat?«

»Es war fürchterlich«, gab ich zu. »Wenn jemand stirbt, ist das schlimm. Aber damals fing ja das ganze Durcheinander an. Deshalb war ich abgelenkt. Und die eine Sache ist ein Spion, der mich töten will, Tien ist eine andere.«