»Was glaubst du, ist das eine Lüge mit der Beulenpest?«
»Eine Lüge!«, sagte ich mit Bestimmtheit.
Obwohl ich tief in meinem Innersten zweifelte. Vielleicht stimmte es doch? Denn die Phagen dienen dem Imperium an sich und nicht einzelnen Individuen oder auch Tausenden Menschen. Wenn ein Phag den Befehl erhält, wirft er auch eine Bombe auf einen Planeten und verseucht Wasserleitungen mit Viren.
Nach einer Stunde waren wir völlig ausgelaugt und begaben uns auf den Platz. Die Menschen kamen zuhauf. Bis sechs Uhr abends war fast niemand da, danach schien es, als ob sich Schleusentore geöffnet hätten und die Leute von überall herströmten. Offensichtlich ging der Arbeitstag zu Ende.
Zuerst kamen Männer und Frauen in streng geschnittenen Anzügen, Mitarbeiter der Regierungsbehörden. Dann erschienen eher sportlich gekleidete Menschen, wahrscheinlich aus der privaten Wirtschaft. Danach Arbeiter aus den Betrieben, die eine lange Fahrt ins Zentrum hatten. Sie waren einfach zu erkennen.
Gegen sieben Uhr schien der Platz schon voller Menschen, trotzdem trafen immer neue ein und die Massen begannen sich zusammenzudrängen. Lion und ich wurden bis zum Gerüst vorgeschoben, obwohl wir gerade dorthin nicht wollten. Viele Erwachsene schauten uns unwillig an, forderten uns jedoch nicht auf wegzugehen. Es war klar, dass man aus so einer Menschenmenge nicht mehr herauskonnte.
»Es ist sinnlos, dass wir hier sind«, murmelte Lion. »Hör mal, ich muss auf Toilette…«
»Wie willst du hier auf Toilette?«, erregte ich mich. »Reiß dich zusammen!«
Viertel vor acht erschien über dem Platz ein riesiger Flyer mit dem Zeichen der Regierung von Neu-Kuweit. Er senkte sich langsam über das Gerüst, ohne vollständig auf der Tribüne aufzusetzen. Sonst hätte er die Balken durch sein Gewicht zum Einsturz gebracht. Die Türen am Bug öffneten sich und ein Dutzend Polizisten, Zivilisten und Tien stiegen aus.
Die Menschenmenge hielt die Luft an.
Tien wurde in die Mitte des Gerüsts gestellt, wo sich eine kleine Erhebung in Form eines Podests befand. Er trug eine triste, graue Robe. An seinen Händen und Füßen sah man die Ringe der magnetischen Fesseln. Der Phag wirkte sehr ruhig und schaute nicht in die Menschenmenge, sondern über die Köpfe hinweg.
Die Polizisten formierten sich seitlich in einer Reihe, jeder hielt in seiner Hand einen Strahlenblaster.
»Sie werden ihn erschießen«, flüsterte mir Lion ins Ohr. »Das ist gut. Das tut nicht so weh.«
Gleichzeitig erhob sich der Flyer in den Himmel und verharrte unbeweglich etwa hundert Meter über dem Gerüst. Ein dünnes, glänzendes Seil wurde aus seinem Rumpf heruntergelassen.
Die Masse staunte.
Tien schaute verächtlich auf den Zivilisten, der das Seil auffing und ihm die Schlinge um den Hals legte. Und wieder schaute er über die Köpfe der Leute hinweg.
»Das ist entwürdigend«, flüsterte Lion. »Es ist ein unehrenhafter Tod, wenn sie ihn aufhängen!«
Während er das äußerte, trat einer der Zivilisten an den Rand des Gerüsts und begann zu reden. Seine Stimme wurde durch unsichtbare Lautsprecher verstärkt und schallte über den ganzen Platz. Und nicht nur über den Platz, sie war sicher in der ganzen Hauptstadt zu hören.
Dieser Zivilist war der Staatsanwalt von Agrabad.
Er verlas das Urteil des Tribunals, wonach Sjan Tien, Bürger von Avalon, sich auf dem zur Föderation des Inej gehörenden Planeten Neu-Kuweit eingeschlichen hätte mit Dokumenten, die ihn als Bodyguard des persönlichen Vertreters des Imperators, der in einer diplomatischen Mission auf Neu- Kuweit weilte, auswiesen.
Aber leider erwiderte der Bürger Sjan Tien, der mit aller der Föderation eigenen Gastfreundschaft aufgenommen worden war, die ihm erwiesene Güte mit Gräueltaten. Heimlich verließ er das ihm zugewiesene Hotelzimmer, verschaffte sich Zutritt zum Territorium der hauptstädtischen Wasserwerke und wurde dort von der Wache beim Versuch, Gift in die Filteranlagen einzubringen, verhaftet. Die daraufhin veranlasste Analyse ergab, dass sich in dem von ihm mitgeführten Reagenzglas Erreger der Beulenpest, einer schrecklichen Seuche, die Millionen Bürger von Neu-Kuweit vernichten würde, befanden. Außerdem stellte sich während der Ermittlungen heraus, dass Sjan Tien ein so genannter Phag, Mitglied einer unmittelbardemImperatorunterstelltengeheimen Terrorgruppe, war. Auf Entscheidung des Tribunals wurde die diplomatische Immunität des Saboteurs Tien aufgehoben, und er wurde verurteilt — hier vergaß die Menschenmenge zu atmen — zum Tode durch den Strang. Das Hängen solle erfolgen durch Anbringung einer Schlinge am Halse Sjan Tiens, wobei diese ein Ende eines festen, einhundert Meter langen Seils bilde, dessen anderes Ende am Gerichtsflyer befestigt sei. Letzterer solle auf einer Höhe von hundert Metern schweben und auf Befehl des Staatsanwalts eine Höhe von zweihundert Metern einnehmen…
Die Worte des Staatsanwaltes waren zwar verständlich, aber sehr geschraubt, wie in alten historischen Chroniken. Auch seine Stimme war festlich und düster, ganz wie in alten Filmen.
Im Anschluss fragte der Staatsanwalt Sjan Tien, ob dieser etwas erwidern wolle oder einen letzten Wunsch hätte — eine Zigarette, Alkohol, Drogen oder die Hilfe eines Angehörigen einer beliebigen allseits anerkannten Konfession.
Der Phag schaute ihn an, schüttelte den Kopf und blickte wieder über die Köpfe der Menge hinweg.
Lion versteckte sein Gesicht an meiner Schulter, und ich wusste, dass er sich die Hinrichtung nicht ansehen wollte und würde. Jetzt war er gar nicht mehr wie am Morgen, als er sich mit dem Jungen aus dem College geschlagen hatte.
Ein anderer Zivilist trat nach vorn und die Menschenmenge reagierte mit Applaus.
Dieser Mensch mittleren Alters war der Sultan, der Herrscher von Neu-Kuweit. Er sprach kurz über Wortbruch, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit und erklärte, dass er sich nach reiflichem Nachdenken dazu entschieden hätte, von seinem Recht auf Begnadigung keinen Gebrauch zu machen. Die Menge applaudierte.
Auf einmal begannen alle dermaßen zu toben, dass sich sogar Lion zum Gerüst umwandte. Das hier war eindeutig noch nicht die Hinrichtung. Hier ging etwas völlig anderes, wahrscheinlich Wichtigeres als jegliche Rechtssprechung vor sich.
Hinter dem Rücken der Zivilisten trat eine kleine Frau in einem langen Kleid, langen Spitzenhandschuhen und einem Gesichtsschleier hervor.
»Die Herrscherin!«, schrie Lion begeistert. »Frau Präsident!«
Die Menschenmenge tobte.
Ich wurde beinahe umgerissen, so eilig strömten alle zum Gerüst. Neben mir wurde vor lauter Begeisterung geschrieen, geweint und gelacht. Frauen und Kinder — es gab trotz allem Kinder in der Menschenmenge — wurden auf den Arm genommen und auf die Schultern gesetzt, damit sie die Präsidentin Inna Snow besser sehen konnten. Auch ich wurde plötzlich gepackt und fand mich auf den breiten Schultern eines solide wirkenden Mannes mit einem vor Begeisterung verzerrten Gesicht wieder. Er weinte und lachte gleichzeitig.
»Schau hin, Kleiner!«, schrie er mir zu. »Schau hin und präge es dir ein!« Und dann, mich sofort wieder vergessend: »Frau Präsident! Frau Präsident!«
Ich war der Situation hilflos ausgeliefert. Ich schaute mich um. Neben mir wurde Lion von einem dürren, jung aussehenden Mann genauso wie ich hochgehoben und auf die Schultern gesetzt. Ich sah mich um und realisierte, dass ich eine allgemeine Hysterie miterlebte: Die Menschen wollten nicht nur selber Inna Snow sehen, sondern auch anderen helfen, sie zu erblicken. Unweit von uns entfernt wurde ein recht erwachsener Mann nach oben gehoben. Er war von kleinem Wuchs und konnte deshalb schlecht sehen, was passierte.
Und wir wollten einen Überfall vorbereiten und Tien befreien!
Wie waren wir nur dumm und naiv… Diese Menschenmenge hätte jeden beim Versuch einer Attacke auf die Personen, die sich auf dem Gerüst befanden, in Stücke, in kleine Krümel, in Moleküle zerlegt!
»Was bist du so schweigsam, du brauchst dich nicht zu schämen!«, schrie mir der mich tragende Mann zu.