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Ich wagte es nicht, ruhig zu bleiben.

»Inna Snow! Inna Snow!«, begann auch ich zu schreien. »HERR-SCHE-RIN! FRAU PRÄ-SI-DENT!«

Die Menge schäumte. Inna Snow hob eine Hand und begrüßte ihre Untertanen.

Dann hob sie die zweite Hand und alle verstummten.

»Das Böse schafft Böses, das Gute — Gutes«, verkündete Inna Snow. Ihre Stimme wurde ebenfalls verstärkt, aber sie schien zu flüstern, sehr zu Herzen gehend und nicht mit der Menschenmenge, sondern nur mit mir allein zu sprechen. Außerdem vibrierte ihre Stimme eigenartig, aber mir vertraut, als ob sie die ganze Zeit über Intonation und Timbre wechselte.

»Herrscherin…«, flüsterte auch ich. Ich hörte es nicht, sondern fühlte, wie jeder Einzelne auf dem Platz dieses Wort herausstieß, wie es sich wie ein leichter Sirenenklang durch die Straßen Agrabads verbreitete.

»Dieser Mensch kam zu uns mit dem Tod. Mit einem schlimmen, fürchterlichen Tod für jeden Einwohner Agrabads. Ich habe keine Angst um mich, denn ich kann nicht sterben. Und das Mindeste, das Gerechteste, was man tun kann, ist, diesen Menschen namens Sjan Tien zu richten.«

Die Masse schwieg und wartete.

Inna Snow starrte auf Tien: »Er brachte den Tod zu euch. Meinen Freunden. Meinen Kindern.« Und sie wandte sich von ihm ab.

»Wäre das aber wirkliche Gerechtigkeit? Ich möchte mich mit euch beratschlagen. Dieser Mensch ist ein Phag — ein genetisch modifizierter Mörder, ein Terrorist, herangezogen in den Labors des Avalon. Er hat nie seine Eltern kennen gelernt. Sein Genom ist ein Mosaik aus Genen, die von einem Dutzend Spendern stammen. Seit frühester Kindheit lehrte man ihn zu töten und zu verraten. Man hielt menschliche Gefühle von ihm fern, erzog ihn zu Grausamkeit und Unbarmherzigkeit, unfähig zu lieben, unfähig zu leiden. Er ist lediglich ein Instrument in den Händen einer feigen, käuflichen Macht, die ihr Ende nahen sieht. Ja, das Imperium ist bereit, die gesamte Galaxie mit Strömen heißen Menschenbluts zu überziehen und uns schutzlos und ausgeblutet den fremden Rassen zu überlassen. Aber werden wir auch nur einen überflüssigen Tropfen Blut in diesen Strom einspeisen? Ich weiß, wie gering die Chance ist, dass sich dieser Mensch ändern wird. Aber es gibt diese Chance. Können wir uns diese Barmherzigkeit leisten? Sind wir dafür stark genug? Glauben wir an uns? Sind wir fähig zu verzeihen?«

Die Menschenmenge schwieg. Ich schwieg ebenfalls. Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte. Die Herrscherin sollte mir einen Hinweis geben, mir erklären, was ich wollte — die Hinrichtung Tiens oder Barmherzigkeit.

»Wir erwidern Böses nicht mit Bösem«, flüsterte die Präsidentin ganz leise.

Ich erzitterte und schloss die Augen, als ich kapierte, wie für mich gedacht wurde. Was ist das hier für eine Einflüsterung? Sie faselt doch Unsinn, diese Inna Snow! So etwas ist Demagogie! Was heißt hier »Das Böse erschafft Böses«? Sjan Tien konnte nicht den ganzen Planeten mit einer todbringenden Krankheit infizieren, er hätte so etwas nie gemacht! Wieso benutzte man da einen menschlichen Terroristen? Man könnte viel eleganter aus dem Weltraum eine kleine Eiskapsel auf den Planeten werfen, die im Luftraum über der Hauptstadt schmelzen würde und schon wäre das Ziel erreicht! Und überhaupt sind die Phagen weder gefühllos noch erbarmungslos! Und das Imperium will mit niemandem Krieg führen!

Aus welchem Grund aber hatte ich begonnen genauso zu denken, wie Inna Snow es wollte? Ich gehörte doch nicht zu den Hirnamputierten!

Vielleicht deshalb, weil sich um mich herum Tausende Menschen befanden, die alle das Gleiche dachten? Das wäre dann eine Art Reihenschaltung. Man benötigt keinerlei Apparate, um alle Menschen gleichzuschalten, sie zu Teilen eines Mechanismus werden zu lassen: Mach sie zum Teil einer Menschenmasse! Schau mit den Augen der Masse, höre mit ihren Ohren, schreie mit ihrer Stimme!

Und schon erstirbt jeglicher Gedanke.

»Schenken wir diesem Menschen die Freiheit?«, stellte Inna Snow in den Raum. Sie schaute nach oben auf den schwebenden Flyer und der dunkle Schleier legte sich auf ihr Gesicht und zeichnete die Konturen nach. Die Menge stöhnte, als ob sie das Gesicht der Frau Präsidentin genauer sehen wollte. »Soll er sich zu seinem Herrn scheren, dieser treue Hund des Imperators! Soll er Zeugnis ablegen von unserer Verachtung, unserem Willen und unserer Kraft!«

»Ja!«, jauchzte die Menge. Mir dröhnten die Ohren. Der Mann, der mich hochgehoben hatte, sprang herum wie ein Kind und wedelte mit den Armen. Ich begann herunterzurutschen, er hielt mich fest, setzte mich wieder gerade und rief fröhlich:

»Wie gut sie ist! Junge, wie gut sie ist! Wie gut!«

»Du bist ein hirnamputierter Verrückter«, sagte ich. Er konnte mich sowieso nicht hören. Im selben Augenblick hatte er mich vergessen und fing wieder an mit den Armen zu wedeln. Um uns herum liefen die Leute Amok.

Auf dem Gerüst nahm man endlich Tien die Schlinge vom Hals und stellte eine hölzerne Leiter direkt in die Masse.

»Soll er gehen«, wiederholte Inna Snow. »Lasst ihn passieren, Bürger. Berührt ihn nicht. Soll er zum Kosmodrom gehen, sich in sein Raumschiff setzen und den Planeten verlassen. Niemand soll ihm zu nahe kommen!«

Sjan Tien wartete geduldig. Ihm wurden die Fesseln an Händen und Füßen abgenommen. Er rieb seine Handgelenke, danach ging er auf Inna Snow zu. Er sprach zu ihr. Man hörte seine Worte nicht, wohl aber die Antwort der Herrscherin: »Eure Psychoweisheit hat keine Wirkung auf mich. Ich werde den Schleier an dem Tag lüften, an dem die Menschheit das Joch des Imperators abgeschüttelt haben und eine Familie bilden wird. Geh, Phag, geh zu deinen Herren.«

Tien zuckte mit den Schultern. Langsam stieg er vom Gerüst. Die Menge wich zur Seite und bildete einen Freiraum um ihn. Tien sah sich um. Er ging — und der Freiraum um ihn herum bewegte sich mit ihm. Die Menschen sprangen zur Seite, als ob der Phag selber die Beulenpest hätte.

Ich bekam nicht mit, wer ihn als Erster anspuckte. Es waren gleich ungeheuer viele, die Sjan Tien anspuckten und dabei versuchten, ihn ins Gesicht zu treffen.

Tien schien die Erniedrigung nicht zu bemerken. Er ging weiter. Direkt auf mich zu. Der Freiraum folgte ihm.

Ich zappelte und versuchte ihm aus dem Weg zu gehen, es war aber bereits zu spät. Die Menschenmasse presste sich zusammen und ich wurde direkt gegen Tien geschleudert — in die erste Reihe derer, die sich wie verrückt gebärdeten, schrien und spuckten wie ungezogene Kinder. Tiens Blick glitt über mich, ohne sich zu verändern, aber ich wusste, dass er mich erkannt hatte.

Ich sammelte den Mund voller Speichel und spuckte Tien an. Ich schrie: »Hau ab! Hau ab!«

Dann wurde ich zur Seite gedrängt, der Kreis bewegte sich weiter. Ich spuckte noch einmal, Tien in den Rücken.

Ich hatte mich noch nie in meinem Leben so ekelhaft gefühlt.

Das bedeutete es also, ein Phag zu sein?

Mit einer Schlinge um den Hals dazustehen, wenn frech und schamlos Lügen über dich verbreitet, dir die Worte im Munde umgedreht werden und du jeglicher Sünden bezichtigt wirst — das hieß also auch, »ein Phag zu sein«?

Angespuckt durch eine schreiende Menschenmenge zu laufen und dabei an fremder Spucke fast zu ersticken?

Einem Freund ins Gesicht zu spucken?

Und wenn es Stasj gewesen wäre?

Ich wollte niemals ein Phag sein!

Und ich hasste alle diejenigen, die die Phagen zu so etwas zwangen!

Ich verstand alles, ich war nicht mehr klein. Auch der Imperator war schuld, da er seinen Ratgebern zu sehr vertraute und nicht gegen Ungerechtigkeiten wie bei uns auf Karijer kämpfte.

Vielleicht wollte Inna Snow auch wirklich nur Gutes für alle Menschen und log deshalb.

Aber das, was sie soeben gemacht hatte — das war keine Barmherzigkeit!

Das war niederträchtig.

Denn sie wusste genau: Man würde Tien anspucken. Es ging ihr nicht um seine Hinrichtung, weil die Hinrichtung eines einzelnen Menschen nicht ins Gewicht fällt, wenn Planeten gegeneinander kämpfen. Sie wollte die Phagen, das Imperium und den Imperator erniedrigen.

Als sie Tien einen Hund des Imperators schimpfte, wollte sie Krieg. Aus einem bestimmten Grund brauchte sie einen heißen Krieg! Und zwar einen Krieg, bei dem das Imperium als Aggressor gelten würde!