Warum nur?
»Tikkirej!« Lion fasste mich am Ellenbogen. »Ich hatte dich v-verloren!«
Er zitterte, als ob er krank wäre. Die Menschenmenge um uns herum kochte, aber Lion hielt sich an mir fest und sah mich mit Grauen an.
»Hast du es jetzt verstanden? Ja? Hast du es verstanden?«, schrie er.
»Ich habe es verstanden!«, erwiderte ich. »Lion, beruhige dich! Es ist schon alles vorbei!«
Ja, wir hatten es überstanden. Für Tien war es erst der Anfang. Am Abend sahen wir in den Nachrichten, wie er zu seinem Raumschiff kam — in einem lebenden Korridor, in einem Kreis der Leere, in einem spuckenden menschlichen Ring.
Aber jetzt fassten wir uns fest an. Wir wurden in der Menge hin und her gestoßen, einer freundlichen, aufmerksamen, rücksichtsvollen Menge, in der sich alle bemühten, zwei kleine Jungs zu unterstützen, die man sonst zertrampelt hätte.
Kapitel 6
Auf dem Heimweg zum College beruhigte sich Lion ein wenig. Er schimpfte allerdings pausenlos.
»Hast du bemerkt, wie sie die Menge aufgehetzt hat? Und was sie mit uns angestellt hat? Sogar du hast ihr zugejubelt, ich habe es gehört!«
»Sie hat auf eine besondere Weise gesprochen«, erklärte ich. »Die Phagen können das auch… Wenn du Befehle gibst und man sich dir unterordnet. Ich glaube aber nicht, dass die Phagen gleich eine riesige Menschenmenge beeinflussen können. Und auf Snow hat es überhaupt nicht gewirkt… Ist dir aufgefallen, dass Tien versucht hat, sie dazu zu bringen, ihren Schleier zu lüften?«
»Ha,dieMenge!«,fauchteLionverächtlich. »Hirnamputierte!«
»Ich gehöre nicht zu den Hirnamputierten!«, berichtigte ich. »Und du auch nicht. Aber wir haben mitgejubelt.«
Neben einem Müllkübel fand Lion eine leere Bierdose. Er bückte sich, als ob er sie aufheben wollte, überlegte es sich jedoch anders, schaute sich sichernd um, zog eine Grimasse und stieß mit voller Kraft die Bierdose weg. Sie schepperte so unangenehm, wie nur leere Plastikbehälter scheppern können.
»Wie kindisch«, bemerkte ich.
Ich schritt aus, Hände in den Taschen, und hatte keine Lust, Bierdosen wegzukicken, Flaschen zu zerschlagen oder die Präsidentin Inna Snow zu beschimpfen.
Das war dumm, das war auf dem Niveau von Lions kleinem Bruder, wenn er ein Auto zerstampfte. Wir aber waren nun mal keine Kinder, denen die Föderation des Inej und deren Präsidentin einfach nicht gefiel. Wir waren Aufklärer, Helfer der Phagen.
»Der Imperator muss in den Krieg ziehen«, sagte Lion plötzlich. Er sah mich an und sein Gesicht war wie versteinert. »Es bleibt ihm nichts anderes übrig. Alle werden ihr folgen. Es wird zum Kampf kommen.«
»Und deine Eltern?«, wollte ich wissen.
Lion blinzelte und kam ganz durcheinander.
»Sie werden doch für Inej kämpfen«, erinnerte ich ihn. »Für Inna Snow. Dein Brüderchen wird kämpfen, dein Schwesterchen auch. Und dein Vater wird in den Krieg ziehen. Deine Mutter wird in einer Fabrik schuften oder im Schacht arbeiten.«
»Ich werde darum bitten, dass sie evakuiert werden… Und dass sie eine Gehirnwäsche bekommen!«, sagte Lion kläglich. »Oder sind sich die Phagen dafür etwa zu schade?«
»Die Phagen handeln nicht aus Mitleid«, erinnerte ich ihn. »Nur Stasj ist nicht ganz so wie die anderen.«
»Dann musst du zurückfliegen«, beschloss Lion. »Wir haben schon alles aufgeklärt. Es wird Krieg geben. Der Imperator wird derartige Beleidigungen nicht hinnehmen, er ist zwar alt, aber stolz. Verlass den Planeten und berichte alles, was wir erkundet haben. Und ich bleibe bei meinen Eltern.«
»Du wirst im College bleiben«, berichtigte ich ihn. »Und wirst auch nichts machen können. Tja, und was haben wir hier eigentlich erkundet?«
»Dass Inna Snow gegen das Imperium kämpfen will«, sagte Lion.
»Glaubst du, sie ist nicht bei Trost?«, fragte ich. »Denk doch einmal selbst nach, was das Imperium für eine Flotte hat im Gegensatz zu der von Inej! Wie viele Planeten zum Imperator halten und wie viele zu Inna Snow! Na gut, hier hat sie alle hirnamputiert, sie würden für sie in den sicheren Tod gehen. Aber mit allen anderen wird es nicht so leicht sein! Bei ihnen sind die Radioshunts deaktiviert, das Programm kann nicht mehr so einfach initiiert werden. Sogar wenn es weitere Betroffene geben sollte — sie können jetzt geheilt werden. Wie will sie denn dann kämpfen? Besitzt sie etwa eine Wunderwaffe? Irgendeinen Todesstrahl wie im Film? Eins — und alle Sterne sind erloschen, zwei — und alle Raumschiffe sind verglüht…«
Lion wurde unruhig.
»Und wenn es wirklich so ist? Vielleicht wartet sie nur auf einen Anlass, darauf, dass der Imperator als Erster angreift?«
»Warum?«
»Zum Beispiel, damit die Fremden sie nicht für den Aggressor halten. Ich erinnere mich aus meinem Traum, dass nicht nur wir gegen das Imperium kämpften, die Halflinge hatten uns unterstützt…«
Er unterbrach sich und schaute mich erschrocken an. Ich fasste Lion an die Schultern:
»Hast du das den Phagen gesagt?«
»Äh — ich erinnere mich nicht. Ich glaube…«
»Was ›glaubst‹ du?«
»Ich glaube, ich habe es gesagt…«
»Verdammt!« Etwas anderes fiel mir nicht ein. »Darum geht es also! Sie konspiriert mit den Fremden! Vielleicht wirklich mit den Halflingen, die sind kriegerisch wie alle Zwerge. Und wenn das Imperium Inej überfällt, treten die Halflinge auf Inejs Seite in den Krieg… Sie haben massenhaft Militärraumschiffe! Und dann beginnt ein solches Durcheinander!«
»Das müssen die Phagen erfahren«, meinte Lion.
»Und wie? Sollen wir einen Brief zum Avalon schicken?«, fragte ich aufgebracht.
»Warum keinen Brief, wenn er chiffriert ist…«
»Wenn uns jemand den Code verraten würde!?«
Wir standen da und schauten einander verzweifelt an.
Dann äußerte Lion: »Hör mal, warum, zum Teufel, haben sie unsüberhauptohnejeglicheKontaktmöglichkeit hierhergeschickt?«
»Stasj hat gesagt, dass sie uns finden würden.«
»Wann? Und wer? Wenn wir hier wirklich etwas Wichtiges in Erfahrung bringen können, warum haben wir dann keine Verbindung zu ihnen? Egal welche! Ein bestimmtes Zeichen, ein Brief, der geschrieben werden muss… was weiß ich!«
»Sie werden von sich aus Kontakt mit uns aufnehmen!«, wiederholte ich störrisch. »Auf jeden Fall!«
Lion bewegte zweifelnd den Kopf:
»Das ist trotzdem nicht in Ordnung. So etwas darf es einfach nicht geben, Tikkirej!«
Wir hätten noch bis in alle Ewigkeit darüber diskutieren können, ob man uns eine Kommunikationsmöglichkeit mit Avalon hätte einrichten sollen oder nicht. Es war so oder so ein sinnloser Streit. Ich war mir ziemlich sicher, dass uns am Abend Probleme erwarten würden. Zumindest Lion müsste bestraft werden!
Über die Schlägerei verlor jedoch niemand ein Wort und überhaupt versuchten alle, uns nicht zu nahe zu kommen. Im Speisesaal bekamen wir unser Abendbrot, obwohl es schon spät war und sich niemand mehr im Raum aufhielt. In unserem Zimmer fanden wir auf dem Tisch Briefumschläge mit dem Stundenplan für die nächste Woche, den Schulregeln und der Hausordnung des Colleges. Ich las sie mir durch — es gab nichts Unannehmbares in den Regeln. Nur Punkt Nummer sechs-»DieZöglingewerdengebeten,ihre Meinungsverschiedenheiten nicht in Form von Schlägereien auszutragen, bevor nicht alle Möglichkeiten der friedlichen Streitbeilegung ausgeschöpft sind« — war besonders hervorgehoben. Als ob man diese Zeile kräftig mit einem Fingernagel unterstrichen hätte.
Bei Lion fand sich dasselbe.
»Was es nicht alles gibt«, murmelte er. Er wirkte verlegen.
Im Schrank war Kleidung hinzugekommen. Wir hatten jetzt auch Unterwäsche, Schlafanzüge und Sportsachen. Lion freute sich offenkundig und betrachtete die neuen Sachen. Ich setzte mich aufs Bett, legte die Kleidung vor mir zurecht und versank in Gedanken.
Das alles hier ist doch keine billige synthetische Kleidung wie die, die an moralisch nicht gefestigte arbeitsscheue Leute ausgegeben wird. Es ist teure Kleidung aus Pflanzen, aus Baumwolle und Leinen. Und Leinen wächst ausschließlich auf der Erde. Das weiß jeder, überlegte ich.