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Als mir meine Eltern echte Jeans aus Baumwolle geschenkt hatten — das war vielleicht ein Feiertag! Natürlich ist Neu- Kuweit viel reicher als Karijer, aber trotzdem… Aus welchem Grund wurden wir mit diesen Geschenken überschüttet?

In Gedanken versunken spürte ich nicht sofort, wie sich die Schlange am Körper bewegte. Sie hatte nach wie vor die Form eines Gürtels und kroch nicht aus den Schlaufen, steckte jedoch das Köpfchen nach vorn und schaute damit in alle Richtungen. Dann erstarrte sie, das Maul geöffnet, aber nicht für eine Plasmagarbe, sondern als ob es ein Miniteleskop als Antenne bilden würde.

Nach einer Sekunde glitt die Schlange über meinen Körper und kroch mir in den Ärmel. Ich blieb still — vielleicht gab es hier nur Abhörgeräte, aber keine Kameras. Ich wartete. Die Schlange kringelte sich um den Arm, kroch danach zur Schulter und berührte den Neuroshunt.

Vor meinen Augen erschien eine virtuelle Leinwand. Das ganze Zimmer war in Miniquadrate unterteilt. Und diese Quadrate füllten sich sehr schnell mit grüner Farbe… bis eines von ihnen, über dem Türrahmen, rot aufleuchtete. Dorthin tastete sich sofort ein dünner, pulsierender Strahl und das Quadrat leuchtete nun gelb. Die restlichen Quadrate färbten sich grün, weitere rote gab es nicht.

Ich war im Bilde.

»Lion, über dem Türrahmen ist eine Wanze.«

»Hä? Was?« Er hörte sofort auf, seinen Schlafanzug mit tanzenden Elefanten zu bewundern, und blickte erschrocken zur Tür. »Woher weißt du das?«

»Das Schlangenschwert«, erklärte ich und hob die Hand.

»Was machst du da?«, flüsterte Lion. »Bist du verrückt geworden?«

»Es ist alles in Ordnung, das Schlangenschwert hat die Wanze ausgeschalten«, beruhigte ich ihn. »Nein, nicht einfach ausgeschalten, sondern viel besser…«

»Na was?«

Die Schlange hatte natürlich nicht mit Worten zu mir gesprochen. Aber ich wusste trotzdem, was genau sie gemacht hatte. Und ich versuchte es, so gut ich konnte, zu erklären.

»Sie hat die Wanze umprogrammiert: Die sendet weiterhin Bild und Ton, aber als Aufzeichnung. Aus Teilen von vorhergegangenen Mitschnitten. Wenn man genau hinschaut, kann man Ungereimtheiten feststellen, aber man muss schon sehr genau hinschauen. Gleich schaltet die Schlange die Wanze wieder ein, und wir müssen uns benehmen, als ob nichts wäre. Und so viel wie möglich bewegen, allen möglichen Blödsinn quatschen… Damit wir für später, wenn die Wanze wieder abgeschaltet werden soll, daraus eine falsche Aufzeichnung zusammenschneiden können.«

»Alles klar«, sagte Lion betrübt. Er hatte sich schon darüber gefreut, dass wir endgültig von der Abhöranlage befreit waren.

»In der Nacht machen wir sie aus«, ermunterte ich ihn. »Dann können wir uns unterhalten. Also, setz dich dorthin, wo du gesessen hast!«

Lion seufzte und beugte sich über den Schlafanzug. Ich gab der Schlange den Befehl und begann ebenfalls meine Sachen anzuschauen.

In der Kleidung waren Gott sei Dank keine Wanzen versteckt. Ziemlich komisch! Vielleicht ging man davon aus, dass wir auf der Straße nicht beobachtet werden mussten, oder wir wurden sogar verfolgt. Und die zweite Variante wäre gefährlich für uns. Wir hatten bisher ohne jegliche Vorsichtsmaßnahmen miteinander gesprochen.

»Ich hatte schon einmal einen Schlafanzug mit Igeln«, sagte Lion. »Einen sehr schönen…«

»Und, ist er kaputtgegangen?«

»Nein, zu klein geworden. Jetzt hat ihn Sascha. Tikkirej, hast du Lust auf Schach?«

Ich wollte erwidern, dass ich nicht gerne Schach spiele, aber Lion fügte mit listiger Stimme hinzu:

»Wir spielen doch eigentlich jeden Tag Schach. Und heute haben wir noch kein einziges Mal gespielt.«

Das war wirklich eine gute Idee! Wenn unsere Überwacher das schlucken, dann kann man die ganze Zeit einen Mitschnitt über die Wanze laufen lassen. Dann sitzen dort zwei Jungs und spielen Schach, von morgens bis abends. Jeder hat nun mal seinen persönlichen Tick!

»Na los«, erklärte ich mich einverstanden. »Schließ deinen Pocket-PC an.«

Ich aktivierte meinen Pocket-PC, Lion seinen. Sie verbanden sich mit einem Strahl und wir luden das Spiel. In den Lehrprogrammen gibt es immer Schachprogramme. Wir begannen zu spielen. Zuerst war es recht langweilig, vielleicht, weil wir wussten, mit welchem Ziel wir uns ans Spiel gesetzt hatten. Dann fingen wir Feuer. Und wir spielten wirklich den ganzen Abend, bis zwölf Uhr, solange auf den Bildschirmen der Pocket-PCs noch nicht »Nachtruhe! Verstöße gegen die Tagesordnung schaden der Gesundheit!« aufleuchtete und dann ständig präsent war.

Jetzt hatten wir eine herrliche Aufzeichnung für unsere Überwacher. Zwei Jungs werfen sich auf ihren Betten herum und spielen über Pocket-PCs Schach. Da soll erst einmal jemand versuchen herauszubekommen, welche Züge wir gerade machten. Wenn ein Tag bereits mit Abenteuern beginnt, dann endet er auch damit.

Wir lagen schon lange in den Betten, schliefen jedoch nicht, sondern unterhielten uns in der Dunkelheit über alles Mögliche. Die Wanze war zuverlässig manipuliert und übertrug lediglich unsere Atemgeräusche im Schlaf.

»Also ich glaube Folgendes«, dachte Lion laut. »Offensichtlich verdächtigt man uns. Wir kannten Stasj, waren zwei Monate lang verschwunden… Es ist unmöglich, dass sie uns nach diesen Fakten sofort vertrauen! Die Behörden haben aber keine wirklichen Gründe, uns festzunehmen. Deshalb wurde beschlossen, uns in dieser Schule unterzubringen, wo man uns leicht überwachen kann…«

»Das ist viel zu kompliziert«, bemerkte ich. »Ich glaube nicht an diese Art Wohltätigkeit!«

Lion setzte sich auf. Ich sah seine dunkle Silhouette vor dem Fenster. Im Park um das College herum war es dunkel, der Himmel war nachts mit Wolken bedeckt, aber entlang den Wegen leuchteten winzige verschiedenfarbige Lampen.

»Warum sollte sich die Direktorin sonst so um uns kümmern?«

»Und warum überwachen sie uns dann so schlecht?«, wandte ich ein. »Eine einzige Kamera, tss!«

»Vielleicht hat deine Peitsche die anderen nicht entdeckt?«

»Blödsinn!« Ich war beleidigt. »Sie hätte sie bestimmt gefunden.«

»Also ich habe gehört…«, begann Lion. Ich sollte aber nicht erfahren, was er so Interessantes gehört hatte, weil im offenen Fenster hinter Lions Rücken ein menschlicher Kopf erschien!

»Ah!«, schrie ich und sprang vom Bett auf. Lion drehte sich um, schrie ebenfalls, warf sich zur Seite und fiel auf den Boden.

»Leise!«, hörten wir eine bekannte Stimme.

Nach dem Kopf erschienen Hände, danach wuchtete sich unser nächtlicher Gast über das Fensterbrett und sprang auf Lions Bett.

»Natascha?«, fragte Lion verblüfft.

Es war wirklich Natascha. Aber in welchem Aufzug! Zuerst dachte ich wirklich, dass sie völlig nackt wäre. Danach erkannte ich, dass sie ein sehr eng anliegendes Trikot aus dunklem Stoff trug.

»Seid leise, hier können Wanzen sein!«, warnte Natascha schnell. »Das habe ich gleich…«

In der Hocke hob sie die rechte Hand — am Handgelenk leuchtete schwach ein Armband.

»Die Wanze ist über dem Türrahmen«, sagte ich. »Aber sie wurde schon unschädlich gemacht.«

»Wo? Wie?«, fragte Natascha und hielt ihre Hand in alle Richtungen. »Oh, wirklich… Wie habt ihr sie ausgeschaltet?«

»Das ist allein unsere Sache«, unterbrach ich sie. »Sag lieber, wie du hierhergekommen bist?«

Die Wände des Gebäudes waren, wenn ich mich richtig erinnerte, glatt, ohne Reliefs, nur mit bunten glatten Kacheln verkleidet.

Nicht einmal ein Alpinist würde hier ohne Gerät hochklettern können.

Anstelle einer Antwort erhob sich Natascha vom Bett, näherte sich dem Fenster, sprang leicht hoch, und schlug mit der Hand auf die Tapete. Sie hing an einer Hand.

»Anisotroper Kleber?«, rief Lion aus. »Den kenne ich, ich habe es im Film gesehen!«

Natascha führte die Handfläche nach oben über die Wand, sie löste sich und das Mädchen stand wieder auf dem Boden.