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»Ja, anisotroper Kleber«, bestätigte sie enttäuscht. Sie hatte offensichtlich damit gerechnet, dass uns der Mund vor Staunen offen stehen würde. »Könnt ihr euch vorstellen, wie müde die Arme beim Hochziehen werden?«

»Cool«, begeisterte sich Lion und Natascha fühlte sich ein wenig geschmeichelt. »Und wie hast du uns gefunden? Und wie überhaupt… Was ist passiert?«

»Leute, habt ihr irgendetwas zu essen?«, antwortete Natascha mit einer Gegenfrage. »Ich habe seit dem Morgen kein bisschen gegessen.«

»Ich habe was«, gab ich zu.

Es ist natürlich nicht sehr kultiviert, vom Abendessen etwas mitzubringen. Ich hatte mir aber ein Sandwich mit Schinken und eine Teigtasche mit Kohl mitgenommen, einfach so, sicherheitshalber, für den Fall, dass Lion und ich vielleicht länger aufbleiben und Hunger bekommen würden.

Während ich das Essen holte, gab Natascha Lion eine sehr dünne Schnur, die aus dem Fenster hing. An deren Ende war ein Beutel mit Kleidung angebunden.

»Zieh das hoch!«, befahl sie. »Ich werde mir die Hände mit Seife waschen, Schweiß zersetzt den Kleber… Wo ist das Bad?«

»Einen Moment, ich mache das Licht an«, sagte ich und reckte mich zum Lichtschalter über dem Bett.

»Lieber nicht!«, bat Natascha. Es war jedoch schon zu spät, ich hatte die Lampe bereits angeschaltet.

Aha, das also war es! Natascha trug wirklich ein eng anliegendes Trikot, mit einer über den Kopf gezogenen Kapuze, aber das Trikot war durchaus nicht aus normalem schwarzem Stoff, wie ich anfangs dachte. Den Bruchteil einer Sekunde schien es, als ob das Licht verschwinden, nicht zu ihr herankommen würde. Nataschas Silhouette schien zu erzittern und sich in Luft aufzulösen. Danach wurde sie durchsichtig, man konnte die Wand hinter ihr sehen, lediglich das Gesicht schwamm in der Luft.

Ich streckte die Hand aus und traf sie in den unsichtbaren Bauch.

»Idiot!«, regte sich Natascha auf.

»Wie machst du das?«, wollte Lion wissen.

»Das ist Chamäleonhaut. Ein uralter Scherzartikel, kein Sicherheitsdienst benutzt sie heute noch. Sie reflektiert aber nicht und ist sehr leicht.«

»Woher hast du so eine Ausrüstung?«, fragte ich erstaunt. »Hast du das alles mitgehabt?«

»Jungs, ich möchte mich waschen«, bat Natascha. »Ich habe Angst, das Sandwich anzufassen, es klebt fest.«

»Stimmt, und dann verklebt es den Magen«, stichelte Lion. »Geh dich waschen.«

Er fing an die Schnur hochzuziehen, wickelte sie dabei über den Ellenbogen auf und Natascha verschwand im Bad.

»Das gefällt mir gar nicht«, sagte ich, als das Wasser im Bad rauschte.

»Natascha gefällt dir nicht?« Lion schaute mich unschuldig an.

»Mir gefällt nicht, dass sie hergekommen ist. Wir hatten uns nicht verabredet, also bedeutet es, dass irgendetwas passiert ist.«

Lion nickte. Er wickelte die Schnur zu Ende auf, holte das Päckchen und brachte es zum Bad. Er klopfte, und als Natascha die Tür öffnete, reichte er es ihr durch den Türspalt.

»Vielleicht hat der alte Semetzki eine Verbindung zum Avalon?«, überlegte ich. »Dann könnten wir alles berichten, was wir bisher herausgefunden haben.«

Natascha war schnell mit dem Waschen fertig. Sie erschien normal gekleidet in einem knielangen Rock und einer Bluse.

Im Beutel war sicherlich das Chamäleonkostüm versteckt.

»Iss erst einmal«, sagte ich. Solange sie aß, stellten Lion und ich keine Fragen, obwohl wir sehr gespannt waren. Es war schon zwei Uhr nachts, morgen würden wir unausgeschlafen aufstehen…

Plötzlich wurde mir klar, dass wir hier nicht aufstehen würden. Es war wirklich etwas passiert. Etwas, das unseren gesamten Plan, ruhig auf Neu-Kuweit zu leben und Informationen für die Phagen zu beschaffen, hinfällig machen würde.

»Natascha, wir sind nicht zufällig in dieses College geschickt worden, stimmt’s?«, fragte ich.

Natascha nickte und kaute den Rest des Sandwichs zu Ende. Ungeniert leckte sie sich die Finger ab. Sie hätte sich das sicherlich nicht erlaubt, bevor sie zum Partisanentrupp gekommen war. Wo ihr Großvater ein Millionär vom Avalon war… mit allen Schikanen des guten Tons, Etikette, zehn Gabeln auf dem Tisch…

»Sind wir aufgeflogen?«, fuhr ich fort, sie auszufragen.

»Nicht ganz.« Natascha schüttelte den Kopf. »Bislang nicht ganz… Habt ihr nichts anderes mehr? Jungs, es sieht folgendermaßen aus: Als ich euch am Ufer abgesetzt hatte, bin ich noch etwas weiter gefahren, dort gibt es eine Stelle…«

Sie winkte ab und entschloss sich die ganze Wahrheit zu sagen.

»Dort am Fluss ist eine alte Anlegestelle. Sie wird von fast niemandem benutzt. Der Wächter der Anlegestelle ist einer unserer Freunde, ein Mitglied des Widerstandes. Anfangs wollte ich mich bei ihm ausruhen und dann zurückfahren. Alles war in Ordnung, niemand hatte mich bemerkt, ich hatte mich nicht einmal erkältet, da er mich sofort in die Wanne gesteckt hatte, damit ich mich aufwärmte. Ich habe zwei Stunden darin geschmort!«

»Und außerdem hast du noch geschlafen und gegessen«, ergänzte Lion ungeduldig. »Komm zur Sache!«

Natascha fauchte: »Hast du es eilig? Ihr braucht es nicht eilig zu haben. Also, der Wächter hat eine gute Verbindung zum Netz, Zugang zur Polizeifrequenz. Das ist fast legal, der Wächter der Anlegestelle ist ein inoffizieller Helfer der Polizei. Als ich mich ausruhte, schaute ich die Meldungen durch, es gibt jetzt nur noch wenige, bei den wenigen Verbrechen zurzeit. Ich fand eine Info darüber, dass zwei Jugendliche, die vor zwei Monaten verschwunden waren, mit einer unglaubwürdigen Legende wieder aufgetaucht waren, sie hätten sich im Wald verlaufen.«

»War es genauso formuliert: ›mit einer unglaubwürdigen‹?«, wollte ich wissen.

»›Die einer kritischen Betrachtung nicht standhielt‹«, konkretisierte Natascha. »Ich ging davon aus, dass alles vorbei war, dass man euch geschnappt hätte. Und da las ich die folgende Verfügung: ›Keine Handlungen unternehmen.‹ Die erste Mitteilung war von einem Polizeibeobachter im Motel. Die Anweisung vom Ministerium für Verhaltenskultur.«

Das »Ministerium für Verhaltenskultur« kannte ich durch unsere Ausbildung. So nannte sich die Spionageabwehr des Inej.

»Wenn euch die Polizei festgenommen hätte«, sagte Natascha überlegend, »wäre alles ganz einfach. Entweder ihr werdet verhört und laufen gelassen oder festgesetzt. Aber die Spionageabwehr ist etwas völlig anderes. Das bedeutet, dass man euch folgen und ›bearbeiten‹ wird.«

»Und warum bist du dann hierhergekommen?«, rief ich aus. »Natascha, wenn alles so ernst ist — dann überwacht man uns nach dem vollen Programm! Vielleicht gibt es hier Sender, die wir nicht orten können! Und alles, was wir bereden, wird mitgehört!«

»Vielleicht«, stimmte Natascha zu. »Aber nicht unbedingt. Wenn ein Agent ernsthaft bearbeitet wird, kümmert man sich ein bis zwei Tage nicht besonders um ihn. Damit er seine Wohnung überprüfen, nichts finden, sich beruhigen und entspannen kann. Erst danach wird man euch Zimmer und Kleidung verwanzen und einen Satelliten auf euch richten…«

»Woher weißt du denn das?«

»Von Opa«, antwortete Natascha kurz.

»Und wenn man uns trotzdem beobachtet? Wenn du mit uns geschnappt wirst?«

»Ihr seid wichtiger«, sagte Natascha. »Großvater hat mir befohlen, wenn irgendetwas ist, seid ihr um jeden Preis zu retten. Ich kann sowieso nichts Wichtiges verraten, selbst wenn man mich hundertmal kriegen würde. Unser Lager wurde schon verlegt. Was Großvater weiter vorhat, weiß nur er selbst. Ich habe mich mit unserem Freund beraten, und er sagte mir, dass ich gehen solle. Gab mir die Ausrüstung. Wir fanden heraus, dass ihr hierhergebracht wurdet, und da bin ich…«

Lion und ich schauten uns an.

So ein Pech! Wirkliche Widerstandskämpfer, die ernsthaft gegen Inej kämpfen, riskieren unseretwegen, die wir nichts wissen und nichts können, ihr Leben!

»Natascha, danke!«, sagte ich. »Was sollen wir denn jetzt machen?«

Sie schaute mich erstaunt an.

»Wir haben eine sehr einfache Aufgabe«, murmelte ich. »Uns auf dem Planeten einleben und die Ereignisse verfolgen. Keine Anschläge… Überhaupt nichts… Nur schauen und einprägen. Wir dachten, dass wir hier leben würden, und das war’s.«