Выбрать главу

Lion und ich kamen mit falschen Dokumenten in das Heim. Ich hieß jetzt Kirill, Lion hieß Rustem. Den Dokumenten zufolge waren unsere Eltern Fischer von irgendwelchen tropischen Inseln, uns wurden »soziale Verwahrlosung, Ideenlosigkeit und fehlende moralische Adaptation« bescheinigt. Letzteres klang sehr beleidigend, fanden wir.

Natascha blieb Natascha. Nur, dass sie jetzt als meine Schwester galt. Es gab wenige Mädchen im ›Spross‹, weniger als ein Dutzend.

Obwohl wir als asoziale, gefährliche Jugendliche galten, gab es weder einen strengen Tagesablauf noch eine Überwachung für uns. Zuerst sprach ein junger Psychologe mit uns, ein äußerst langweiliger und müder Mann, der alles sofort erläuterte. »Ihr seid erfolglose Mitglieder der Gesellschaft«, sagte er. »Ihr habt alle notwendigen Fähigkeiten für ein vollkommenes und glückliches Leben. Durch euer Verhalten stellt ihr euch außerhalb der Gesellschaft. Der Gesellschaft ist das egal. Niemand wird sich darum bemühen, euch auf das Niveau eines durchschnittlichen Bewohners zu heben. Letztendlich wird immer jemand gebraucht, der den Müll wegräumt, die Kanalisation reinigt und als Versuchsperson für neue Medikamente dient. Aber ausgehend von Gedanken der Humanität bekommt ihr alle noch eine Chance, euch zu vollwertigen Menschen zu entwickeln. Lernt, dann kommt ihr vielleicht an eine bessere Schule. Vielleicht wollen euch eure Eltern sogar wieder zu sich holen…«

Wir versprachen ihm natürlich, uns anzustrengen. Er lobte uns dafür, glaubte jedoch kein Wort.

Im ›Spross‹ versuchte niemand, uns eine »Begrüßung« zu organisieren, obwohl sich einige der Jungs sichtlich gerne prügelten. Es stellte sich aber heraus, dass die Hirnamputierten eine Schlägerei schon für etwas Unrichtiges, etwas Ungutes hielten. Im privilegierten College Pelach war das anders. Dort galt eine Schlägerei mit Neuankömmlingen als Norm, wie im Film. Wenn jedoch hier normale Rowdys eine Schlägerei anfingen, warfen sich alle Hirnamputierten gemeinsam auf sie. Mit glasigen Augen und einer derartigen Wut, als ob sie bereit wären, sich auf Leben und Tod zu schlagen.

Vielleicht waren sie auch wirklich dazu bereit.

Dafür gab es eine Menge Gemeinheiten, bei denen die Hirnamputierten nicht wussten, wie sie reagieren sollten. Zum Beispiel konnte man ein Spiel verlieren und deshalb für eine bestimmte Zeit der Diener des Gewinners werden. Die Diener hatten jeden beliebigen Wunsch ihres Herrn auszuführen: Einige liebten es, zum Beispiel, dass ihnen vor dem Schlaf die Fußsohlen gekitzelt oder interessante Geschichten erzählt wurden. Fast alle jüngeren und schwächeren Kinder waren Diener. Die Hirnamputierten selbst hatten keine Diener, mischten sich aber bei den anderen nicht ein.

Uns versuchte man ebenfalls damit zu kommen. »Kommt, wir spielen…«

Aber Natascha hatte uns vorgewarnt, was im Heim abging, und wir lehnten ab. Niemand beharrte auf diesem Wunsch — wir waren zu zweit, und uns war klar, dass die Hirnamputierten bei einer Schlägerei auf unserer Seite stehen würden.

Also lernten wir, genauer, wir taten so, als ob wir lernen würden, denn alle Lernprogramme hier waren viel zu leicht, und versuchten uns von allem fernzuhalten. Wir wollten nicht auffallen. Wir warteten. Wir hatten einen ein- bis zweiwöchigen Aufenthalt im ›Spross‹ eingeplant, um danach woandershin zu gehen. Natascha meinte, dass es für uns das Beste wäre, in eine andere Stadt zu gehen.

Der Aufenthalt hier war unproblematisch, obwohl das Essen nicht besonders war und wir uns langweilten. Dafür kümmerte sich niemand um uns. Die Erzieher verteilten Aufgaben und nahmen die Resultate der Tests entgegen, der Wächter schritt manchmal faul durch das Gelände, meistens saß er in seinem Zimmerchen oder war in der Turnhalle. Der Psychologe kam überhaupt nicht aus seinem Kabinett heraus, schaute sich dort irgendwelche virtuellen Serien über den Shunt an, und wenn sich jemand an ihn wandte, schien er so unglücklich, als ob er dazu gezwungen wäre, im Steinbruch zu arbeiten.

Nur dass es hier so furchtbar langweilig war…

Am Abend des dritten Tages wäre ich vor Langeweile am liebsten die Wände hochgegangen. Lion ging in die Turnhalle, um etwas an den Fitnessgeräten zu machen, und ich saß im Klassenraum und spielte Tetris. Ich hätte lieber Schach oder etwas Anspruchsvolleres gespielt, aber vielleicht wurden die Computer kontrolliert? Dann hätte ich verraten, dass ich gar kein so großer Dummkopf bin, wie ich es eigentlich sein müsste. Tetris dagegen erfordert lediglich Konzentration und dreidimensionales Denken, Tetris kann man auch gut spielen, wenn im Kopf völlige Leere herrscht.

Der Klassenraum war für zwanzig Schüler groß. Die Wände waren mit Graffiti beschmiert, aber darauf achtete hier niemand. An der Decke leuchteten billige »Sonnenlampen«, die ganz wie die Erdsonne scheinen und deshalb die Stimmung aufhellen sollten. Aber wenn draußen dunkle Nacht war, machten diese Lampen nur noch depressiver. Besonders, wenn im Klassenraum niemand weiter war.

Lediglich am Nachbartisch saß Herbert vor seinem Computer, ein dicker und sommersprossiger Junge, ein oder zwei Jahre älter als ich.

Herbert gehörte zu den Hirnamputierten und war bestrebt, so gut wie nur möglich zu lernen. Aber durch diesen Eifer wurde es für ihn nur noch schlechter — er hätte mit den einfachsten Aufgaben beginnen müssen, versuchte jedoch das, was seinem Alter entsprach. Ich schaute kurz auf seinen Bildschirm und bemerkte, dass er durchaus nicht dumm war. Er war nur niemals richtig zur Schule gegangen. Sein Vater war ein Trapper, der seltene und teure Tiere in der Wildnis fing. Herbert hätte am besten bei seinem Vater bleiben sollen, wozu brauchte er denn Trigonometrie und Physik? Aber als Herbert nach der Invasion wieder aufwachte, strebte er selbst in die Schule. So versuchte er gerade, die Funktionsweise eines Kernreaktors zu verstehen, obwohl er eine Kernspaltung nicht von einer Kernfusion unterscheiden konnte.

Mein Bildschirm war mittlerweile mit Tetrisbausteinen zugepflastert und ich schaute wieder zu Herbert. Er baute jetzt ein neues Reaktormodell zusammen, gab Spannung auf den magnetischen Käfig und tippte auf »Start«. Der Reaktor auf demBildschirmexplodierte,etlicheMetallteile, Wissenschaftler mit herausquellenden Augen, Kabeltrommeln und Neutrinos flogen in alle Richtungen. Herbert seufzte tief und schaute traurig auf die Katastrophe.

»Soll ich dir helfen?«, konnte ich mich nicht zurückhalten.

Herbert nickte. Die Hirnamputierten bemühten sich in der Regel, einander zu helfen, und akzeptierten ihrerseits Hilfe.

»Du musst anders beginnen!« Ich setzte mich zu ihm und ließ den Kurs in Kernphysik zurücklaufen. Bei dieser Gelegenheit änderte ich unauffällig das Alter des Schülers auf acht bis zehn Jahre, damit es keine schwierigen Formeln, dafür aber umso mehr interessante historische Details gäbe.

»Hier. Fangen wir mit der Atombombe an?«

»Na los!«, stimmte Herbert zu.

»Das war vor langer Zeit, im Mittelalter«, begann ich, ohne auf den Bildschirm zu schauen. Ich hatte ein gutes, sehr interessantes Kinderbuch zur Geschichte der Atomphysik besessen. Diese Erzählung kannte ich auswendig: »Damals lebte die Menschheit nur auf dem Planeten Erde. Es gab verschiedene Länder, die einen gut, die anderen böse. Die bösen Länder — Russland, Deutschland und Japan — führten Krieg gegen die guten — die Vereinigten Staaten und Israel. Die Bösen bauten viele Militärflugzeuge und überfielen die Flotte der Guten — nicht die kosmische, natürlich, sondern die Seekriegsflotte. Und es begann ein langer Krieg.«