»Hier ist ein anderes Klima, der Winter ist regnerisch und kühl. Etwas über null Grad. Das ist gut, unsere Leute in den Bergen haben es auch so schon schwer.«
Erschreckt sah ich zu Elli.
»Sie gehört zu uns, zum Widerstand«, beruhigte mich Natascha.
»Hm.« Elli lächelte. »Du bist doch Tikkirej, stimmt’s?«
»Ja.«
»Und ich bin wirklich Elli.«
Wir gingen weiter in den Garten hinaus, bis wir zu einem schiefen Holzpavillon kamen. Daneben leuchtete matt eine Laterne, und es war gut zu übersehen, dass niemand in der Nähe war.
»Hier ist der passende Platz für ein Gespräch«, entschied Elli. Sie gab sich sehr selbstbewusst, als ob sie die Hauptperson wäre.
Wir gingen in den Pavillon und setzten uns auf eine Bank. Der Schirm analysierte die Situation und schaltete sich aus. Dabei überschüttete er uns mit Wassertropfen. Elli lachte.
»Blöde Technik«, meinte ich.
»Jede Technik ist blöd«, stimmte Elli zu. »Ist bei euch alles in Ordnung, Tikkirej?«
»Ja. Und wer bist du?«
»Ich komme vom Avalon.«
»Beweise es!«, forderte ich. Nicht, dass ich es nicht glaubte, mir missfiel jedoch, das sie so herumkommandierte.
»Einen schönen Gruß von Ramon.«
Ich nickte. Wirklich, sie kann ja wohl kaum Dokumente bei sich führen.
»Alles klar. Wie geht es Tien?«
»Tien? Gut. Berichte von Anfang an, Tikkirej!«
Mir gefiel dieses Wort nicht. »Berichte« … Ein Mädchen, ein »Gepäckstück«, aber rumkommandieren…
»Wir sind wie vorgesehen gelandet. Die Kapsel ist getaut, alles wie geplant. Wir entschlossen uns, im See zu baden, dort haben uns die ›Schrecklichen‹ gefangen genommen.«
Natascha lächelte stolz.
»Wir verbrachten einen Tag bei ihnen«, fuhr ich fort. »Aber Natascha kann das besser erzählen!«
»Vorerst berichtest du!«, verfügte Elli.
»Dann brachte uns Natascha mit einem Jetski nach Mendel. Wir hielten ein Auto an und wurden zum Motel mitgenommen. So kamen wir zu Lions Eltern… Und die schickten uns am nächsten Tag in das College Pelach. Ich hatte mich schon gewundert über diese Wohltätigkeit, dort war alles vom Feinsten…«
»Das ist bekannt. Weiter!«
»Am Abend schlich sich Natascha ins College. Sie berichtete, dass sich das Ministerium für Verhaltenskultur für uns interessierte. Am Morgen sind wir dann abgehauen und Natascha hat uns hierhergeführt. Und so verstecken wir uns hier schon den vierten Tag.«
Elli nickte.
»Alles klar. Konntet ihr irgendetwas Wichtiges erfahren?«
»Na ja…« Ich wand mich. »Uns kommt es so vor, als ob Inej das Imperium provozieren würde. Wenn die Armee zuschlägt, dann hofft Inej auf die Hilfe der Fremden. Sicher gibt es eine geheime Übereinkunft, mit den Halflingen zum Beispiel.«
»Ich verstehe.« Elli dachte nach. »Wahrscheinlich kommt der Imperator auch von selbst darauf. Aber hat er etwa eine andere Wahl?«
»Ich weiß nicht«, nuschelte ich. Irgendwie gefiel mir Elli gar nicht mehr.
»Ich weiß auch nicht.« Elli erhob sich und trommelte mit ihren Fingern an den Pfeiler des Pavillons. Ganz wie eine erwachsene seriöse Frau und gar nicht mädchenhaft. »Die Zeit arbeitet für Inej. Die Bevölkerung schließt sich zusammen, sogar diejenigen, die ohne Kodierung geblieben sind. Es werden neue Raumschiffe gebaut. Und im Imperium tauchen nach und nach neue Kodierte auf.«
»Wie das denn?«, wunderte ich mich. »Bei allen sind doch die Radioshunts ausgeschaltet!«
»Viele nutzen die Shunts trotzdem. Um sich Fernsehserien anzuschauen oder für die Arbeit. Und das initiierende Signal kann auch über das normale Netz gegeben werden, man muss lediglich in das Netz eindringen.«
Ich verstand. Und wirklich, wenn Inej auch jetzt nicht in der Lage war, die Planeten im Handstreich zu erobern, nach und nach wäre das durchaus möglich: Ein einziger Agent könnte auf den Planeten eindringen, ein beliebiges Informationsnetz anzapfen und darüber das Codesignal senden… Und schon hätten wir Hunderte und Tausende Hirnamputierte.
»Das ist ungünstig«, äußerte ich. Ich fühlte mich hilflos und unwohl. »Und was wird nun der Imperator machen?«
»Auch ich denke darüber nach, was er machen wird.« Sie seufzte. »Aber gut. Wir sollten uns besser unserer Aufgabe zuwenden.«
»Tja, wir sind bereit…«, begann ich unsicher. »Zu allem, was befohlen wird. Sollen wir vielleicht zu den Partisanen gehen?«
»Das glaube ich nicht.« Elli musterte mich. »Hast du eine Waffe?«
»Eine Peitsche«, bekannte ich.
»Oho!« Elli war sichtlich erstaunt. »Das wusste ich nicht. Eine Peitsche dürfen doch nur Phagen besitzen?«
»Ja, aber ich habe den Status eines Helfers. Und die Peitsche… ist eigentlich ausgemustert. Damit kann man nicht besonders kämpfen.«
»Aber ein, zwei Leute kann man töten?«
Sie sagte das so beiläufig, dass mir unbehaglich wurde.
»Ja. Das geht.«
»Gut. Für euch drei gibt es eine Aufgabe. Gestern landete auf dem Planeten inkognito ein Alexander Bermann, ein Oligarch vom Edem. Bermann-Fond, Bermann-Werften. Habt ihr schon einmal davon gehört?«
Ich hatte noch nie davon gehört, nickte aber sicherheitshalber.
»Bermann«, fuhr Elli fort, »traf eine geheime Abmachung mit Inna Snow. Gegenwärtig stellen seine Werften eine Flotte von Kriegsschiffen für Inej fertig. In allen Unterlagen erscheinen diese Schiffe als Handelsflotte für Avalon. Aber einer der Werftarbeiter, ein früherer Armeeoffizier, fand heraus, dass Raumschiffe mit möglicher Doppelnutzung gebaut werden, die nur noch bewaffnet werden müssen. Er kontaktierte die Phagen… Irgendwelche alten Kontakte. Der Verrat wurde im allerletzten Moment entlarvt, und der Imperator unterschrieb einen geheimen Befehl und verhängte das Todesurteil über Alexander Bermann. Könnt ihr folgen?«
»Und das sollen wir machen?«, fragte ich sicherheitshalber.
»Ja. Ihr sollt Alexander Bermann und dessen Tochter töten.«
»Und wieso die Tochter?«, äußerte ich mein Unverständnis.
»Sie ist die einzige Erbin Bermanns. Wenn sie stirbt, gehen die Werften und das gesamte Vermögen an das Imperium. Mehr noch. Sie ist unsere Altersgenossin, erst dreizehn Jahre alt. Bermann hat eine äußerst seltene Operation durchführen lassen… In das Bewusstsein der Tochter wurden einzelne Fragmente seiner eigenen Persönlichkeit implantiert. Geschäftliche Qualitäten, die Art und Weise, eine Firma zu führen, grundlegende Lebensanschauungen. Kurz und gut — wenn die Tochter am Leben bleibt, wird sich nichts ändern.«
»Und wo ist sie?«, fragte Natascha.
»Mit Bermann zusammen.«
»Und der Grund für den Verrat?«, erkundigte ich mich. »Gehört er zu den Hirnamputierten?«
»Nein.« Elli verzog das Gesicht, als ob das Wort »Hirnamputierter« ihr Schmerzen bereiten würde. »Bermann erkannte früher als andere die Situation auf Inej. Snow war gezwungen,mitihmbereitsvorzehnJahren zusammenzuarbeiten, um den Bau einer Kriegsflotte zu ermöglichen. Nachdem er alle möglichen Varianten durchgespielt hatte, kam Bermann zu der Überzeugung, dass Inej siegen würde. Mehr noch — er war überzeugt von den Ideen des Inej. Er beschloss, das Imperium zu verraten, im Tausch gegen den Posten eines Statthalters auf Edem, eine Teilautonomie und die Möglichkeit, die psychotropen Programme des Inej zu blockieren.«
»Also kann man sich vor ihnen verschließen?«
»Ja, das ist möglich.«
»Und geheilt werden?«
»Das geht auch. Der Mensch behält ein verändertes Bewusstsein, kann aber wieder seine Meinung wechseln.«
Das war eine gute Nachricht. Das heißt, dass man alle Bewohner von Neu-Kuweit und den anderen Planeten der Föderation des Inej würde retten können. Auch Lions Eltern. Das würde ihn freuen.
»Ihr müsst Bermann töten«, wiederholte Elli. Ich fühlte mich wie mit kalten Wasser übergossen.
»Elli, wir sind doch keine Phagen«, gab ich zu bedenken. »Wie kommen wir an diesen Bermann heran? Wenn er wirklich ein Millionär ist…«
»Er ist Milliardär.«
»Desto mehr!«
»Ihr müsst«, antwortete Elli einfach.
Natascha blickte mich enttäuscht an, als ob sie erwartete, dass ich sagen würde: »Das ist für uns ein Kinderspiel!« Aber das dachte ich ganz und gar nicht. Und außerdem wollte ich nicht töten! Nicht einmal einen Verräter! Ich hatte noch niemals jemanden getötet!